Christliche Ikonografie als INSPIRATION

1945 1960 1980 2000 2020

Gegenwartskunst, die das Erbe christlicher Bildwelten bearbeitet, beleuchtet ein "Buchmuseum" von Johannes Rauchenberger.

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Gegenwartskunst, die das Erbe christlicher Bildwelten bearbeitet, beleuchtet ein "Buchmuseum" von Johannes Rauchenberger.

Johannes Paul II. liegt zusammengekrümmt am Boden und klammert sich an sein Vortragekreuz. Ein riesiger Meteorit aus Vulkangestein hat ihn zu Boden gezwungen. "La nona ora", "Die neunte Stunde" hat der italienische Künstler Maurizio Cattelan in Anspielung auf Jesu Todesstunde die Skulptur aus Fiberglas und bemaltem Wachs genannt. Als sie 2001 in Warschau gezeigt wurde, kam es zum Eklat: zwei Parlamentsabgeordnete wälzten den "Meteoriten" beiseite, die zuständige Museumsdirektorin verlor ihren Posten. Zeitgenössische Kunst und traditionelle Religiosität verstehen einander meist nicht. Reflektiert, spielerisch und oft zugleich raffiniert geht zeitgenössische Kunst mit der Wirklichkeit um, traditionalistische Positionen dagegen suchen eher nach Eindeutigkeit, Linientreue und großen Gesten. Dass die Grundrisse barocker Kirchen ähnliche Umrisse zeigen wie Unterwäsche, Badeanzüge und Jacken, dass der große Gestus der Gegenreformation sich mit intimer Körperlichkeit verbindet (zu sehen in den Zeichnungen der Wiener Künstlerin Lena Knilli), das ist entweder eine fast blasphemische Zumutung - oder die Entdeckung einer Spiritualität, die "den Körper als spirituellen Raum" wahrnimmt. Für letzteres plädiert der Grazer Theologe und Kunsthistoriker Johannes Rauchenberger. "Seelenwäsche" hieß die von ihm kuratierte Ausstellung im Frühjahr 2013 im Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz, in der Knillis Zeichnungen zu sehen waren. Seit fast zwei Jahrzehnten befasst sich Rauchenberger mit dem Verhältnis von Kunst, Theologie und Kirche - mit sichtbaren Folgen: etwa einem rotlila Teppich mit riesigen Weintrauben, darauf ein nahezu schwebender Altar in der steirischen Weizbergkirche, die aus dem barocken Ambiente einen liturgischen Raum mit frischer, heutiger Spiritualität machen.

Vor kurzem erschien nun "Gott hat kein Museum/No museum has God" (Schönigh), drei umfangreiche Bände, in denen die vielschichtige Arbeit Rauchenbergers seit 1997 in zehn virtuellen Ausstellungsräumen nachvollzogen werden kann. Begonnen hat alles mit der Ausstellung "entgegen" anlässlich der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz 1997. Rauchenberger, damals Dissertant zum Thema "Bildtheologie", erhielt zusammen mit Alois Kölbl, heute Hochschulseelsorger in Graz, den Auftrag, eine repräsentative Ausstellung zeitgenössischer religiöser Kunst zu organisieren. "ReligionGedächtnisKörper" hieß der Untertitel, und gezeigt wurden Arbeiten u.a. von Maria Lassnig, Roman Opalka, Erwin Wurm, Leo Zogmayer und Anish Kapoor. Die Ausstellung dokumentierte eindrucksvoll, dass zeitgenössische Kunst zwar keine kirchlich verwendbare Repräsentationskunst produziert, aber höchst relevante religiöse Fragen stellt.Unter den Vorzeichen von "Graz Kulturhauptstadt Europas" gelang Rauchenberger 2003 eine weitere große Ausstellung: unter dem Titel "Himmelschwer" stellte er Positionen von Zeitgenossen wie Antony Gormley oder Mark Wallinger den "Klassikern" der religiösen Ikonographie wie Fra Angelico, Bernini oder Dürer gegenüber.

Potenzial christlicher Bildwelten

Nach dem Tod des Künstlers und Priesters Josef Fink im Jahr 2000 hat Rauchenberger das Kulturzentrum bei den Minoriten, KULTUM, übernommen, das immer wieder Highlights in dem an Interessantem nicht armen Grazer Kulturbetriebs liefert. Die Beiträge aus Literatur, Musik, Ballett, bildender Kunst sind Avantgarde, anspruchsvoll, und immer in unterschiedlichen Verdichtungen mit dem Verhältnis von Religion, dem Selbstverständnis heutiger Menschen und zeitgenössischer Kunst befasst. Relevantes künstlerisches Schaffen findet heute in den allerseltensten Fällen in einem kirchlichen Kontext statt, doch das Potenzial christlicher Bildwelten ist nicht ausgeschöpft. Als der Theologe Philipp Harnoncourt 2011 einen sehr großzügig dotierten Wettbewerb zum Thema Trinität auslobte, Titel: "1+1+1", mussten die Juroren eine Auswahl aus 400 eingesendeten literarischen Texten und 150 Werken bildender Kunst treffen. Die Ausstellung der prämierten Werke, die Aufführung der von Harnoncourt in Auftrag gegebenen Kompositionen und Tanzstücke, die Lesungen, all dies konnte im KULTUM stattfinden. Betont werden muss, dass es der Initiative der Grazer Bischöfe Weber und Kapellari und ihrer Unterstützung zu danken ist, dass sich das Kulturzentrum bei den Minoriten erhalten und etablieren konnte als Ort einer neuen Begegnung von Kunst und Theologie.

Gott ist keine museale Größe, doch hat sich Gott ins Museum eingenistet: die Museen sind voll von Bildern, in denen es irgendwie um Geschichten von Gott geht. Jedoch ist die Bildgeschichte des christlichen Gottes im Abendland abgelaufen, konstatierte der Kunsthistoriker Wolfgang Schöne bereits in den 1950er-Jahren. Die klassische, die Kunst der Museen, ist zwar bestimmt von der christlichen Bildgeschichte, doch werden die Bilder nicht mehr verstanden. Der "Bruch der Moderne" hat nicht nur bewirkt, dass sich die Menschen nicht mehr anbetend verbeugen vor der ins Bild gesetzten christlichen Heilsgeschichte. Die Geschichten und damit die Bilder scheinen dem allgemeinen Bewusstsein so sehr entschwunden zu sein, dass im mittelalterlichen Gemälde, das den auferstandenen Christus zeigt, nur noch ein Mann mit Fahne und Leintuch vor einer Kiste gesehen wird, so ein Student bei der Prüfung. Auch scheint die kulturschaffende Kraft der christlichen Kirchen versiegt zu sein.

Fremdheit als Chance

"Aber kann es wirklich sein, dass eine Religion des Bildes, wie es das Christentum nun einmal ist, seine imaginativen Ressourcen so schwach zu nutzen weiß? Hat die Bildwelt des Christentums noch irgendeine inspirierende Kraft für die Kunst der Gegenwart?", fragt Johannes Rauchenberger und tritt mit zehn "imaginären Museumsräumen" den Gegenbeweis an. Gezeigt werden nicht nur Stücke aus der Sammlung des KULTUMdepots, das Rauchenberger im Laufe der Jahre auch durch die Großzügigkeit von Künstlern zu einer beachtlichen Sammlung ausweiten konnte. Zu sehen sind auch Werke aus einer der zahlreichen Ausstellungen im KULTUM sowie Werke, die den Kontext der Sammlung ausmachen. Damit werden die drei Bände von "Gott hat kein Museum" zu einer in jeder Hinsicht gewichtigen Ressource in Sachen Kunst des XXI. Jahrhunderts. Rauchenbergers Essays sind nicht nur Erläuterungen zu den Kunstwerken, sondern als Versuch zu lesen, eine neue theologische Sichtweise und Sprache zu entwickeln, die den Bildern korrespondiert - etwa Julia Krahn, Muntean/Rosenblum oder Adrian Paci, die Bezug auf christliche Bildmotive nehmen. Die Wiederaufnahme christlicher Sujets darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Kunst und Religion fremder gegenüber stehen denn je. "Die Fremdheit ist eine Chance für einen neuen Blick, vielleicht sogar eine Nähe", vermutet Rauchenberger. Es gehe nicht darum, ob jemand um, für oder gegen Religion ist, zitiert Rauchenberger den bedeutenden indischenglischen Bildhauer Anish Kapoor: "Die wahren Probleme sind Schönheit, Stille, und vielleicht der Tod". Dies könnten Orte sein, an denen Kunst und Christentum einander erneut begegnen.

reliqte reloaded.

26.9. - 24.1., Kulturzentrum bei den Minoriten

Di-Fr 10-17 Uhr, Sa, So 11-17 Uhr

www.kultum.at

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