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Feuilleton

Wo Zeiten und Künste einander begegnen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Kunst und Kirche -sobald dieses Verhältnis hierzulande angesprochen wird, fällt sogleich der Name Otto Mauer. Mit der 1954 gegründeten Galerie St. Stephan, später Galerie nächst St. Stephan, rettete der Priester die jahrhundertealte Beziehung von Kirche und Kunst in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1980 gelangte seine Sammlung von 3000 Werken durch einen Schenkungsvertrag an das Wiener Dom-und Diözesanmuseum, das historisch orientiert war und sich sakralen Kunstschätzen widmete.

Von dem seit 1981 jährlich vergebenen Otto Mauer Preis und von Initiativen wie jenen des Jesuiten Gustav Schörghofer abgesehen, zeigte sich die Erzdiözese Wien aber erstaunlich wenig interessiert an einem zeitgenössischen, offenen, auch theoretisch versierten Dialog mit Kunst und Literatur. Das änderte sich, als die Erzdiözese beschloss, das Museum neu zu denken. Als Architekt für eine Neugestaltung wurde Boris Podrecca beauftragt, als neue Direktorin mit Johanna Schwanberg eine versierte Kunstwissenschaftlerin bestellt, die seither intensiv hinter verschlossenen Türen an dem arbeitete, was nach vier Jahren Umbauzeit nun ab kommenden Samstag für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Diese Entscheidungen der Erzdiözese waren goldrichtig, das kann man jetzt schon sagen. Bereits das Foyer, das man vom Stephansplatz aus betritt, lässt staunen: auffällig und dezent zugleich, nüchtern sich in die Architektur des alten Wohngebäudes einfügend, scheint der Raum nun in die Zukunft abzuheben. Mit dem futuristischen Glaslift, umfasst von einer Stahltreppe, deren rechtsdrehende figura serpentina an die Pilgramtreppe im Stephansdom erinnert, gelangt man in den ersten Stock. Dort verbindet eine gläserne Brücke Moderne und Geschichte: links geht es zu ausgewählten alten Kostbarkeiten, rechts widmet sich ein Raum der Sammlung Otto Mauer, mit ausgewählten Werken, unter denen sich erfreulich viele Arbeiten von Künstlerinnen finden.

Direktorin Johanna Schwanberg versteht das Dom Museum Wien nicht als einen Ort der Präsentation allein, großen Stellenwert hat für sie auch die Vermittlung.

Unterschiedliche Kunst, ähnliche Fragen

Was passiert, wenn man alte sakrale Kunst mit zeitgenössischen Arbeiten verbindet? Die Zusammenstellung verändert beides, sie färbt auch die moderne Kunst neu und zeigt: Quer durch die Zeiten widmeten sich, so unterschiedlich die Umsetzungen auch waren, Menschen ähnlichen Fragen. Starre Grenzen und Lesarten lösen sich auf: Was heißt sakral, was heißt profan? Manche Kunstwerke sind zwar in dem Sinn Gebrauchsgegenstände, als sie für die Liturgie verwendet wurden oder fürs Gebet, das unterscheidet sie in der Intention der Anfertigung von jenen Kunstwerken, die einfach nur Kunst sein sollen. Die ausgestellten Exponate werden hier aber als außerordentliche Kunstschätze sichtbar, und was heißt überhaupt "nur Kunst"? Berühren Kunstwerke nicht immer auch unsere Gegenwart und Gesellschaft?

"Weniger ist mehr", dieser Grundsatz, den immer mehr Museen beherzigen, indem sie übervolle Vitrinen beseitigen, bewährt sich auch hier. Highlights wie die Schreinmadonna in der neu renovierten Kapelle kommen dadurch in ihrer ganzen Pracht zur Geltung.

Ein Raum ist Rudolf IV. gewidmet und zeigt den Habsburger im ältesten bekannten selbständigen Porträt in Dreiviertelansicht. Zu sehen ist auch der Stoff seiner Grabhülle: mit arabischen Schriftzeichen, einem islamischen Segensspruch. Der angrenzende schmale Raum führt an Rudolfs Geheimschrift vorbei auf ein Fenster zu, das den Blick auf den Dom und das Treiben draußen freigibt.

Der Blick nach draußen war Direktorin Johanna Schwanberg von Anfang an wichtig. Je nachdem, wo man steht, fallen andere Aspekte des Doms ins Auge, die Fenster bilden ihrerseits Rahmen, den Dom und das Draußen neu zu erkunden. In diesen nach außen gerichteten Räumen werden Sonderausstellungen stattfinden, Platz für zeitgenössische Kunst. Schwanberg startet mit dem Thema "Bilder der Sprache und Sprache der Bilder", verweist damit auf das Christentum als eine Religion des Buches, des Textes. Über Haltbarkeit und Vergänglichkeit des Buches und der Schrift, über das Verhältnis von Text und Bild lässt sich nachdenken in diesen Räumen, interreligiös, interkulturell. Hinter der Schrift-Körper-Skulptur von Jaume Plensa (Bild oben) oder durch sie hindurch sieht man eine christliche Taufschüssel, einen jüdischen Kidduschbecher und ein islamisches Becken. Was ist uns Text? Michail Michailovs Foto wiederum zeigt den Schriftzug "Ich fergebe dir" auf dem Dach eines Gebäude nahe dem Erzbischöflichen Palais. Ein halbes Jahr lang war diese Zeile zu sehen, freilich nur aus der Höhe. Gerade der Fehler lässt das Wort Vergeben neu lesen und verstehen.

Schwanberg versteht das Museum nicht als einen Ort der Präsentation allein, großen Stellenwert hat für sie die Vermittlung. Das zeigt sich nicht nur angesichts des umfangreichen Programms, sondern auch im Dom Atelier, das nur durch Glaswände vom offenen Zwettlerhof getrennt ist und Passanten daher auffallen wird. Begleittexte liegen als schön gestaltete Hefte im Museum kostenlos auf und ein Heft in Großdruck bietet einfache Erklärungen und ein Glossar. Vor dem Museum laden nun Steine zum Verweilen ein und eine Ausstellung in der Barbarakapelle verbindet das Museum mit dem Dom.

Der 7. Oktober 2017, der Tag der Eröffnung des Dom Museum Wien, wird in die Geschichte der Erzdiözese eingehen. Aus bescheidenen Platzverhältnissen wurde hier etwas wirklich Großes geschaffen. Ein Muss für Kunstinteressierte, die Wien besuchen.

Kunst und Kirche -sobald dieses Verhältnis hierzulande angesprochen wird, fällt sogleich der Name Otto Mauer. Mit der 1954 gegründeten Galerie St. Stephan, später Galerie nächst St. Stephan, rettete der Priester die jahrhundertealte Beziehung von Kirche und Kunst in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1980 gelangte seine Sammlung von 3000 Werken durch einen Schenkungsvertrag an das Wiener Dom-und Diözesanmuseum, das historisch orientiert war und sich sakralen Kunstschätzen widmete.

Von dem seit 1981 jährlich vergebenen Otto Mauer Preis und von Initiativen wie jenen des Jesuiten Gustav Schörghofer abgesehen, zeigte sich die Erzdiözese Wien aber erstaunlich wenig interessiert an einem zeitgenössischen, offenen, auch theoretisch versierten Dialog mit Kunst und Literatur. Das änderte sich, als die Erzdiözese beschloss, das Museum neu zu denken. Als Architekt für eine Neugestaltung wurde Boris Podrecca beauftragt, als neue Direktorin mit Johanna Schwanberg eine versierte Kunstwissenschaftlerin bestellt, die seither intensiv hinter verschlossenen Türen an dem arbeitete, was nach vier Jahren Umbauzeit nun ab kommenden Samstag für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Diese Entscheidungen der Erzdiözese waren goldrichtig, das kann man jetzt schon sagen. Bereits das Foyer, das man vom Stephansplatz aus betritt, lässt staunen: auffällig und dezent zugleich, nüchtern sich in die Architektur des alten Wohngebäudes einfügend, scheint der Raum nun in die Zukunft abzuheben. Mit dem futuristischen Glaslift, umfasst von einer Stahltreppe, deren rechtsdrehende figura serpentina an die Pilgramtreppe im Stephansdom erinnert, gelangt man in den ersten Stock. Dort verbindet eine gläserne Brücke Moderne und Geschichte: links geht es zu ausgewählten alten Kostbarkeiten, rechts widmet sich ein Raum der Sammlung Otto Mauer, mit ausgewählten Werken, unter denen sich erfreulich viele Arbeiten von Künstlerinnen finden.

Direktorin Johanna Schwanberg versteht das Dom Museum Wien nicht als einen Ort der Präsentation allein, großen Stellenwert hat für sie auch die Vermittlung.

Unterschiedliche Kunst, ähnliche Fragen

Was passiert, wenn man alte sakrale Kunst mit zeitgenössischen Arbeiten verbindet? Die Zusammenstellung verändert beides, sie färbt auch die moderne Kunst neu und zeigt: Quer durch die Zeiten widmeten sich, so unterschiedlich die Umsetzungen auch waren, Menschen ähnlichen Fragen. Starre Grenzen und Lesarten lösen sich auf: Was heißt sakral, was heißt profan? Manche Kunstwerke sind zwar in dem Sinn Gebrauchsgegenstände, als sie für die Liturgie verwendet wurden oder fürs Gebet, das unterscheidet sie in der Intention der Anfertigung von jenen Kunstwerken, die einfach nur Kunst sein sollen. Die ausgestellten Exponate werden hier aber als außerordentliche Kunstschätze sichtbar, und was heißt überhaupt "nur Kunst"? Berühren Kunstwerke nicht immer auch unsere Gegenwart und Gesellschaft?

"Weniger ist mehr", dieser Grundsatz, den immer mehr Museen beherzigen, indem sie übervolle Vitrinen beseitigen, bewährt sich auch hier. Highlights wie die Schreinmadonna in der neu renovierten Kapelle kommen dadurch in ihrer ganzen Pracht zur Geltung.

Ein Raum ist Rudolf IV. gewidmet und zeigt den Habsburger im ältesten bekannten selbständigen Porträt in Dreiviertelansicht. Zu sehen ist auch der Stoff seiner Grabhülle: mit arabischen Schriftzeichen, einem islamischen Segensspruch. Der angrenzende schmale Raum führt an Rudolfs Geheimschrift vorbei auf ein Fenster zu, das den Blick auf den Dom und das Treiben draußen freigibt.

Der Blick nach draußen war Direktorin Johanna Schwanberg von Anfang an wichtig. Je nachdem, wo man steht, fallen andere Aspekte des Doms ins Auge, die Fenster bilden ihrerseits Rahmen, den Dom und das Draußen neu zu erkunden. In diesen nach außen gerichteten Räumen werden Sonderausstellungen stattfinden, Platz für zeitgenössische Kunst. Schwanberg startet mit dem Thema "Bilder der Sprache und Sprache der Bilder", verweist damit auf das Christentum als eine Religion des Buches, des Textes. Über Haltbarkeit und Vergänglichkeit des Buches und der Schrift, über das Verhältnis von Text und Bild lässt sich nachdenken in diesen Räumen, interreligiös, interkulturell. Hinter der Schrift-Körper-Skulptur von Jaume Plensa (Bild oben) oder durch sie hindurch sieht man eine christliche Taufschüssel, einen jüdischen Kidduschbecher und ein islamisches Becken. Was ist uns Text? Michail Michailovs Foto wiederum zeigt den Schriftzug "Ich fergebe dir" auf dem Dach eines Gebäude nahe dem Erzbischöflichen Palais. Ein halbes Jahr lang war diese Zeile zu sehen, freilich nur aus der Höhe. Gerade der Fehler lässt das Wort Vergeben neu lesen und verstehen.

Schwanberg versteht das Museum nicht als einen Ort der Präsentation allein, großen Stellenwert hat für sie die Vermittlung. Das zeigt sich nicht nur angesichts des umfangreichen Programms, sondern auch im Dom Atelier, das nur durch Glaswände vom offenen Zwettlerhof getrennt ist und Passanten daher auffallen wird. Begleittexte liegen als schön gestaltete Hefte im Museum kostenlos auf und ein Heft in Großdruck bietet einfache Erklärungen und ein Glossar. Vor dem Museum laden nun Steine zum Verweilen ein und eine Ausstellung in der Barbarakapelle verbindet das Museum mit dem Dom.

Der 7. Oktober 2017, der Tag der Eröffnung des Dom Museum Wien, wird in die Geschichte der Erzdiözese eingehen. Aus bescheidenen Platzverhältnissen wurde hier etwas wirklich Großes geschaffen. Ein Muss für Kunstinteressierte, die Wien besuchen.