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Große Unternehmen fördern die Kunst

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Heute spielen Staat, Gemeinden und Unternehmungen die Rolle des einstigen, an der Förderung der von ihm für talentiert erkannten Künstler persönlich interessierten Mäzens.

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Heute spielen Staat, Gemeinden und Unternehmungen die Rolle des einstigen, an der Förderung der von ihm für talentiert erkannten Künstler persönlich interessierten Mäzens.

„Wissen Sie“, sagt Österreichs Industrieller Mautner-Markhof Senior, auf das Thema Mäzenatentum angesprochen, „dabei werde ich immer an ein Gespräch mit Paul Hindemith erinnert, der mir an Hand von Beispielen klipp und klar nachgewiesen hat, ein Mäzen sei das Schlechteste, was einem Künstler passieren kann.“

Der als großer Kunstförderer bekannte Mann amüsiert sich sichtbar, hat aber zugleich etwas von der großen Problematik angedeutet: Wie weit ist Mäzenatentum notwendig, wichtig, wann wirkt es lähmend, schöpferische Kräfte unterbindend?

Daß es zu einem Künstler dazugehöre, in kärglichen Verhältnissen am Hungertuch zu nagen - diese Ansicht ist in unserer Wohlstandsgesellschaft allerdings nicht mehr angebracht. Mit Recht wird die Forderung nach vergleichbaren Einkommensverhältnissen erhoben. Denn auch eine fällige Miete und ein leerer Kühlschrank können auf kreative Impulse hemmend wirken.

Allerdings war die Stellung des Künstlers von jeher eine außergewöhnliche - er, der die „Narrenkappe trägt“, wie Ernst Fuchs es einmal ausgedrückt hat, damit er sagen kann, was ihn bewegt, läßt sich nicht einordnen in die Reihen braver Lohnempfänger. Aus diesem Grund müßte, oder sollte, von privater ebenso wie öffentlicher Hand helfend eingegriffen werden. Denn unsere Gesellschaft braucht sie, jene wenigen einzelnen, die sich auf Gratwanderungen begeben, Sterne herunterholen, Abgründe aufreißen. Was täten wir ohne die Phantasie, die Freiheit, den Mut zum ganz persönlichen Ausdruck? Was täten wir ohne Kunst?

Die Bedingungen, unter denen Künstler arbeiten, haben sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich geändert. Die Medien ermöglichen eine bessere Kommunikation, das Bild vom unbekannten Künstler, der irgendwo vergessen in seinem Dachkämmerlein werkt, gehört der Vergangenheit an. Woraus sich allerdings wiederum gewisse Gefahren ergeben: ein zu rasches Bekanntwerden ist dem inneren Reifungsprozeß nicht immer förderlich.

Verändert hat sich im letzten Jahrhundert auch das Mäzenatentum. Der Adel, das Bürgertum wurden abgelöst durch die öffentliche Hand, daneben aber auch durch die großen Wirtschafts- und Industrieunternehmen.

Daß reiner Funktionalismus ein Unding ist, daß Kunst zum Leben dazugehört - diese Ansicht beginnt sich auch in einer nüchternen Wirt-schaftswelt durchzusetzen. Weshalb man mehr und mehr bemüht ist,

Kunst in den allgemeinen Geschäftsbetrieb einzubauen. Sei es für die Mitarbeiter, sei es für den Kunden, sei es, um das eigene Image aufzubessern, sei es zu Werbezwecken oder, wie ein Großindustrieller erklärt hat, um die Angestellten zur Arbeit zu animieren. Kurz und gut: Kunst ist „in“ und wird es immer mehr.

Es gibt in Österreich einige Großunternehmen, die sich die Förderung der Künste zur Aufgabe machen. Wobei es in erster Linie die bildende

Kunst ist, die von dieser Geberhand profitiert. Musik, vor allem aber Literatur werden nicht so großzügig bedacht.

Dabei sind es meist eher konventionelle Werke, zumindest aber das, was man unter „verständlich“ zusammenfaßt, womit Banken, Geschäftsräume und Institute versehen werden. Mit Avantgarde möchte man das geehrte Publikum in Österreich vorerst nicht erschrecken. So hat beispielsweise die Raiffeisen-Bauspar-kasse bei der Einrichtung des neuen Hauses in der Wiedner Hauptstraße rund 300.000 Schilling für Bilder ausgegeben, die in Kassen ebenso wie Büroräumen die Wände zieren. Das Prinzip bei der Auswahl: österreichische Künstler, österreichische Motive, die nicht zu abstrakt und avantgardistisch sind.

Es gibt hier naive Malerei, Naturalistisches von Erhard Stöbe, ein Auftragswerk von dem jungen Maler Rudolf Fuchs (Stadtansichten, auf denen auch das neue Gebäude der Bausparkasse zu sehen ist), einiges von Korab, Margaret Bilger und Paul

Flora. Weiters eine Steinstatue des Heiligen Florian, bezugnehmend auf die Kirche zum Heiligen Florian, das Wahrzeichen des Viertels, von Professor Franz Xaver Hauser, und eine Metallplastik des Kunstschmieds Engelbert Namjesky mit dem Titel „1000 Jahre Österreich“, die als „Symbol für die gesamtösterreichische Funktion der Raiffeisen-Bau-sparkasse“ (Generaldirektor Dr. Thomas Wawra) dienen soll.

Etwas irgendwie aufregendes ist hier nicht zu finden, denn das Publikum ist noch nicht so weit. Die alte Misere von der Kluft zwischen Künstler und Käufer, Problem jedes elitären Künstlertums. Immerhin -ein Versuch wurde gewagt (denn im altenHauptgebäude herrschte künstlerisches Brachland) und Generaldirektor Wawra möchte diesen Weg der schmückenden Ausgestaltung auch weitergehen, denn „wir glauben, daß es notwendig ist, weil nur die nüchterne, zweckmäßig ausgerichtete Atmosphäre nicht genügt“.

So gibt es auch im Erdgeschoß ei--nen Raum, der für zukünftige Ausstellungen reserviert ist (etwa zum Thema Margareten) und jungen, unbekannten Künstlern Gelegenheit geben soll, ihre Werke zu zeigen.

Dr. Wawra läßt sich in künstlerischen Angelegenheiten von leitenden Angestellten beraten. Hier liegt ein weiteres Problem des neuzeitlichen Mäzenatentums: Direktoren und Generaldirektoren, wohl bewandert auf dem jeweiligen fachlichen Gebiet, fühlen sich in Sachen Kunst in den wenigsten Fällen heimisch. Das Ergebnis ist dann vorerst ein etwas mühsamer Orientierungsprozeß. Das Spezialistentum, das unsere Gesell-

Schaft bestimmt, zeigt hier seine negativen Seiten. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie etwa Österreichs großen Mäzen, Präsident Manfred Mautner-Markhof, der mit dem Ausspruch: „Kunst ist das, was für mich das Leben lebenswert macht“ sein -sehr beträchtliches - finanzielles Engagement begründet.

Er sitzt in jenem kleinen, holzgetäfelten Raum seines Büros in der Simmeringer Hauptstraße, wo er durch 20 Jahre wöchentlich seine „Dienstage der offenen Tür“ abhielt In der Zeit von 8 bis 10 Uhr konnte damals jedes vielversprechende Talent bei ihm vorsprechen und seine Werke zur Ansicht oder Durchsicht vorlegen, worauf dann entschieden wurde, ob sie als förderungswürdig anzusehen seien oder nicht. „Ich kann nicht behaupten, daß ich immer alles verstanden hätte“, bekennt auch hier der Mäzen mit schöner Offenheit, „aber ich habe immer, oder doch fast immer erkannt, ob einer Firlefanz macht oder ob er ehrlich bemüht ist, seinem Empfinden Ausdruck zu geben.“

Natürlich besitzt Mautner-Markhof ein hohes Kunstverständnis, was sich schon aus seiner intensiven Beschäftigung mit dem Gegenstand ergibt. Er hat eine Generation junger Begabungen und Talente gefördert, sich besonders um die Wiener Schule des phantastischen Realismus verdient gemacht, aber auch an Komponisten Aufträge vergeben und junge Autoren gefördert. Unter seiner Initiative wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das „Institut zur Förderung der Künste“ gegründet, dem eine Anzahl großer Firmen angehörten, die mit relativ hohen Mitgliedsbeiträgen den Grundstein zu einem Fond legten, der den Künsten jeder Richtung und Art zugute kam: „Damit wurde eine Reihe von Initialzündungen gegeben, worauf dann meist rasch eine Unterstützung des Unterrichtsministeriums oder der Gemeinde Wien einsetzte.“

Dieses Institut existierte 15 Jahre, und in dieser Zeit, so Mautner-Markhof, sind viele Millionen in die Hände von Künstlern gelangt. Präsident Mautner-Markhof selbst verweilt gerne bei Gedanken an die Nachkriegszeit. Damals, so findet er, sei die Kunstförderung ganz allgemein interessanter gewesen, „es gab vielleicht vier Galerien, heute gibt es über vierzig“. Damals erschienen ihm seine Initiativen lohnenswert, heute „geschieht so viel von allen in Betracht kommenden Stellen“, daß er selbst sich von Kunstförderung weitgehend zurückgezogen hat. Womit ein weiteres Problem im Raum steht: die Subventionspolitik von Gemeinden und Bund.

Es soll hier nicht polemisiert werden, völlig klar erscheint aber die

Tatsache, daß Geldbeträge, in welcher Höhe auch immer, zwar augenblickliche Schwierigkeiten finanzieller Art verringern oder bereinigen, auf lange Sicht gesehen jedoch dem Grundübel nicht beikommen können. Warum Kunst ständig auf einem Nebengleis steht, warum sie nicht oder zu wenig in den Alltag als notwendige Ausdrucksform jedes einzelnen integriert ist, so daß er sich in ihr entdeckt und wiederfindet, das ist eine Frage, die sich mit Geld allein nicht lösen läßt.

Als besonders wertvolle Maßnahme erscheinen daher jene Aktivitäten, die versuchen, möglichst breite Publikumsschichten für Kunst, auch für Avantgardekunst, zu interessieren. Die versuchen, Künstler und Publikum einander nahezubringen, auf welche Art auch immer, die den Künstler aus seinem Ghetto befreien und den Mann auf der Straße für seine Probleme - und damit für Kunst - interessieren. Ein sehr schwieriger, ein sehr langsamer Prozeß, gewiß, aber letztlich lohnend -vor allem auch, weil er sich in einer breiteren Käuferschicht niederschlägt, die letztlich wiederum dem Künstler zugute kommt.

Auf Breitenwirkung ausgerichtet waren diesbezügliche Aktivitäten der Austria Tabakwerke, nur, daß die Aufführung von Schubert-Werken zwar Interpreten, keinesfalls aber lebenden Komponisten nützt. Generaldirektor Alois Musil hält auch wenig von moderner Musik im besonderen und von moderner Kunst im allgemeinen, die Klassik ist ihm lieber. Weshalb die beiden großen Konzerte der letzten beiden Jahre im stimmungsgerechten Hof der Generaldirektion, die zweimal im Rundfunk und einmal im Fernsehen gesendet wurden und außerdem noch auf Schallplatte erschienen sind, wohl das Image der Austria-Tabakwerke und auch einen allgemeinen Kunstgenuß förderten, nicht aber das Verständnis dessen, was Kunst heute ist.

Ein effektiverer Weg scheint sich da im Bemühen etlicher Geldinstitute anzudeuten, die ihre Kassenräume zunehmend für Ausstellungen zur Verfügung stellen. Unbedingt in diesem Zusammenhang zu nennen ist die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien, die seit Jahrzehnten Kunstförderung mit dem Schwerpunkt auf bildender Kunst, aber auch in anderen Bereichen wie Literatur, Architektur, Musik und Ballett betreibt „Wir haben wahrscheinlich eine der größten privaten Sammlungen der Nachkriegszeit“, sagt Generaldirektor Dr. Karl Fak, tief in die Lederpolsterung eines bequemen Fautieuls gedrückt und umgeben von abstrakten und impressionistisehen Gemälden, die die Wände seines Büroraums in der Vorderen Zollamtstraße schmücken.

Der „Wiener Kunstfond“, von der „Z“ 1956 gegründet, ist inzwischen zahlreichen jungen Künstlern bestens bekannt. Darüber hinaus habe sich die „Z“ auch immer bemüht, in der Umweltgestaltung positive Akzente zu setzen: durch die Verschönerung alter Fassaden zum Beispiel, die Bepflanzung von Grünanlagen, das Aufstöbern und Renovieren alter Dachgärten.

Auch Dr. Robert Baier vom Bankhaus Schoeller bedauert es, sich so wenig der Kunst widmen zu können, und sieht darin und in der weitgehenden Ausklammerung von Kunst im täglichen Leben eine Erscheinung der „Materialismushypertrophie“ der letzten 20 Jahre. Doch hegt er die Hoffnung, daß Kunst in ihrer eigentlichen Bedeutung wiederentdeckt wird. Was sich auch im Engagement kundtut: Das Bankhaus Schoeller hat einiges auf dem Gebiet der Musik und der bildenden Künste getan. So gehört das Haus Schoeller zu den Gründern der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, ist Stifter der Wiener Konzerthausgesellschaft und hat darüber hinaus etliche junge Komponisten, aber auch Interpreten, gefördert. Es wurden nicht nur Gemälde für Büro- und Kassenräume angekauft, sondern auch Auftragswerke vergeben. Beispiel: die Ausgestaltung der Fassade Zweigstelle Brünnerstraße durch Ernst Fuchs, der zwar nicht förderungsbedürftig, dafür aber um so prominenter ist.

Immerhin: Bank und Kunst gingen auch hier eine Symbiose ein, die zukunftsweisend sein könnte.

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