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Das Ende einer Ära

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Werner Hof mann, bis vor kurzem Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts, verläßt — wie bekannt — dieser Tage Wien, um ab 1. Oktober die Kunsthalle in Hamburg zu leiten: Wieder geht ein bedeutender, auch an bitteren Erfahrungen reicher Mann, fort, ein Kunsthistoriker von internationalem Format und — was für die Aufbauphase des Museums wichtig war — mit internationalen Beziehungen; einer, der im Dienste seiner Ideen, seiner klar umrissenen Vorstellungen unkonziliant und manchen unbequem war, einer, der abseits aller Buhmhascherei und Publicitysucbt nur seiner Arbeit lebte, dieses Museum, sein ;nipo-nierend und unverkennbar geformtes Werk, dem „geistigen Haushalt Österreichs“ einzugliedern, es über allen kleinlichen Provinzialismus und alle engstirnige Kulturpolitik hinweg weltoffen zu gestalten. — Man hat es ihm dabei nie ganz leicht gemacht. Oder nur zu Beginn. Und nur wenige haben sich bemüht, ihn zu verstehen. Die paar österreichischen Mäzene am wenigsten. Sie haben bei diesem Aufbau kaum einen größeren Beitrag geleistet und auch nicht Österreichs Industrielle und Großunternehmer überhaupt. Ihnen ist sein „progressives“ Denken meist fremd geblieben, seine Erkenntnis, daß ein Museum nicht mehr „ein Kunstspeichcr für Tafelbilder und andere Kunstwerke“ sein dürfte. (Wie dies Otto Wagner bereits 1899 anläßlich der Planung einer „modernen Galerie“ weitblickend formulierte)...

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Werner Hof mann, bis vor kurzem Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts, verläßt — wie bekannt — dieser Tage Wien, um ab 1. Oktober die Kunsthalle in Hamburg zu leiten: Wieder geht ein bedeutender, auch an bitteren Erfahrungen reicher Mann, fort, ein Kunsthistoriker von internationalem Format und — was für die Aufbauphase des Museums wichtig war — mit internationalen Beziehungen; einer, der im Dienste seiner Ideen, seiner klar umrissenen Vorstellungen unkonziliant und manchen unbequem war, einer, der abseits aller Buhmhascherei und Publicitysucbt nur seiner Arbeit lebte, dieses Museum, sein ;nipo-nierend und unverkennbar geformtes Werk, dem „geistigen Haushalt Österreichs“ einzugliedern, es über allen kleinlichen Provinzialismus und alle engstirnige Kulturpolitik hinweg weltoffen zu gestalten. — Man hat es ihm dabei nie ganz leicht gemacht. Oder nur zu Beginn. Und nur wenige haben sich bemüht, ihn zu verstehen. Die paar österreichischen Mäzene am wenigsten. Sie haben bei diesem Aufbau kaum einen größeren Beitrag geleistet und auch nicht Österreichs Industrielle und Großunternehmer überhaupt. Ihnen ist sein „progressives“ Denken meist fremd geblieben, seine Erkenntnis, daß ein Museum nicht mehr „ein Kunstspeichcr für Tafelbilder und andere Kunstwerke“ sein dürfte. (Wie dies Otto Wagner bereits 1899 anläßlich der Planung einer „modernen Galerie“ weitblickend formulierte)...

... und öffentliche Stellen und so manche Bürokraten, die sich in Ihrem Beharrungsvermögen immer mehr seinem großräumigen Konzept gegenüber verschlossen zeigten, bevorzugten nach dem mutigen Start mit einem neuen Museum den Rückzug in die Reserve. (Exunterrichts-minister Dr. Drimmel ausgenommen,

der für dieses Haus als geistige Notwendigkeit als Ort geistiger Provokation und der Diskussion, eintrat und Hofmanns Einsicht teilte, daß „der nicht existiert, der nichts tut, daß der verschwindet, der beharren will“.)

Wieviel Wert mißt man heute wohl von ministerieller Seite diesem, seinem Werk bei, dem materiell und als Geistesgut kostbaren Haus im Schiweiizergarten, wenn man sich plötzlich mit einem .Provisorium“ begnügt: Otto Graf, Hofmanns Assistent, übrigens ein Künstwissenschaftler von Graden und trotz seiner Jugend an Meriten um die Erforschung der Schule Otto Wagners reich, wurde zwar zum „provisorischen Leiter“ bestellt! „Für ein

Minigehalt mein eigener Direktor, Assistent, notfalls Portier, wenn Sie so wollen“, grollt er ein wenig über seine Situation. Und Aussichten auf eine möglichst rasche Besetzung des Postens .. ? Aus dem ersten Termin des Bundesministeriums noch im Frühjahr, einen Nachfolger zu nominieren, wurde Juli. Und nun, Anfang September, scheint noch immer keine Lösung in Sicht. Natürlich gibt es Favoriten wie DDr. Skreiner vom Landesmuseum Joanneum in Graz (gegen seine Bestellung opponieren all die, die keinen weiteren Grazer auf einem kulturpolitisch und kulturell wichtigen Wiener Direktorensessel sehen möchten). Und da „optiert“ natürlich Dr. Otto Graf selbst! Aber wann die Entscheidung fällt.. ?

Als ab es unwichtig wäre, eine so bedeutende, in ihrer Funktion so eminent wichtige Sammlung weiter auszubauen, ihre internationalen Beziehungen weiterzupflegen, intensive Kontakte zum Wiener Publikum und zu all den hochtalentierten jungen österreichischen Avantgardekünstlern zu schließen, von denen viele ihr Heil ohnedies schon im Ausland sehen. Kurz: Es gilt, das Haus als jenes großräumig konzipierte Zentrum der Kunst der Gegenwart weiterzuführen, als das es von Otto Wagner 1899 gedacht wurde. (Die Realisierung seiner Pläne erfolgte übrigens in modifizierter Form in der Wiener Secession, im großzügigen Rahmen dann freilich nicht in Wien, sondern 1929 im Museum of Modern Art in New York.) Werner Hofmann ist es immerhin gelungen, dieses Projekt „durchzudrücken“. Wenn auch wegen der Desinteres-siertheit der Öffentlichkeit und der Hitler-Zeit, mit 60 Jahren Verspätung.

Die Anstrengungen, eine mit so profilierten Leitlinien errichtete, von einer Persönlichkeit so virtuos geformte Sammlung in diesem Geist der Offenheit und Aufgeschlossenheit weiterzuführen, an ihr zu bauen und sie — Hofmanns Lieblingsgedanke! — In möglichst vielfältige Beziehungen au allen anderen künst-

lerischen Aussage- und Ausdrucksformen zu rücken (Musik, Theater, Film usw.), wird eines nicht minder starken Direktors bedürfen. Die Gefahr besteht sonst, daß das Haus zu „irgendeiner Institution“ degradiert wird, „die Gegenwart und Zukunft so behandelt, als seien sie irgendwelche Ausgrabungen und traurige Relikte des kulturellen Erbes der Menschheit', und die so tut, als ob die Vergangenheit an sich irgendeinen Wert besäße, dem man Gegenwart und Zukunft aufopfern müßte“ (Otto Graf, Katalog „Für Werner Hofmann“).

Werner Hofmann, wie wenige vertraut mit der Problematik künstlerischen Bewußtseins und gestalterischer Intelligenz im internationalen Entwicklungsprozeß, hat im Haus im Schweizergarten seit 1959, als man ihm „den äußeren Rahmen, beträchtliche Freiheit und einiges

Geld dafür gab, zehn Jahre lang nach der Aufforderung Goethes gehandelt, nicht das zu tun, was die Öffentlichkeit begaffen möchte, sondern das vorzustellen, was die Menschen eifrig auifsuchen müßten, um sich selber verstehen zu lernen“. Am ersten September sind es sieben Jahre seit der Eröffnung des Museums, sieben Jahre seit der Eröffnung der ersten, für damals wie heute sensationellen Ausstellung „Kunst um 1900“. Bedeutende, teils von Hofmann selbst zusammengestellte Expositionen, teils aus dem Ausland geholte, die sonst an Wien vorbeigezogen wären, haben immer wieder das geboten, woran es hierzulande so sehr mangelt: Iniformation, gründliche Information. In Sachen neuer Kunst. Mehr als drei Dutzend Expositionen, von denen keine eine Verlegenheitslösung oder gar ein Leerlauf war. Belgische Malerei seit 1900, Lehmforuck, Hof-lehner, Härtung, Wotruba, Idole und Dämonen, Matta, Französischer Film seit 1900, Urteil, Mikl, Kline, Loos, Pop-art, Bertoni, Boeckl, Hundertwasser, Brauner, Dubuffet, Moore, Tobey, Gorky, Müller, Nolde, Holle-gha, Nay, Derkovitä, kinetische Objekte, Kupka, Klee, Tapies, Leger, der Pariser Maiaufstand 68, Rainer, Goeschil, Gutfreund, die Wiener Schule (Schöniberg—Berg—Webern), Mackintosh, die Morton-D.-May-Sammlung: eine Reihe, die sich sehen lassen konnte und ihrem Arrangeur das bestmögliche Zeugnis ausstellte.

Und nach zehn Jahren harter Organisationsarbeit, des Engagiertseins und vieler „bitterer Erfahrungen um Kunst, Museum und das Gewissen der Öffentlichkeit verläßt Hofmann Wien. Dies wird nur diejenigen erstaunen, die noch nicht bemerkt haben, daß eine solche Leistung und Tatkraft in dem sich immer stärker beschleunigenden Ablauf der Zeit einem Lebenswerk früherer Zeiten entspricht!“, resümiert Otto Graf. „Das, was Hofmann ,kunstgeschicht-lich geleistet' hat, verfügt über den Rang der geistigen Intention und der Intensität der früheren Secession. Die Unterschiede fallen der Umwelt

zur Last: die Indifferenz des Publikums, das von sich selbst wohlweislich keine Denkanstrengung verlangt und, man muß es leider sagen, die in den durch die genannte Indifferenz geschaffenen Leerraum resignierend eingefügte, heimliche Sellbstaufgabe der künstlerischen Intelligenz ließen Werner Hofmann mehr leiden, als er sagen will. Inmitten der apolitischen Langeweile gelang es Hofmann eine Sammlung aufzubauen, die trotz aller heute unvermeidbaren, früher leicht vermeidbar gewesenen Lücken einen Uberblick

über das wesentliche Geschehen in der Kunst unseres Jahrhunderts bietet. Es standen für ihn keineswegs große Mittel zur Verfügung, wie sie in anderen Ländern von der Suche nach kulturellen Alibis eine Zeitlang freigebig ausgegeben wurden. Die Sammlung der Skulpturen genießt internationalen Ruf, was um so bedeutsamer ist, als Österreich im gebildeteren Ausland keineswegs das Ansehen genießt, das es sich, der sophistischen Maxime, man dürfe sich selber loben, wenn man von niemand gelobt wird, huldigend, allzugern bescheinigt. Dr. Hofmann gehört zu den wenigen unerschrok-kenen und zielbewußten Menschen, die, recht einsam und kaum von intellektueller Kohäsion unterstützt, die viel beredte Kultur ständig neu erzeugen und dadurch mehr zur Förderung des Ansehens unseres Land-des beitragen als verlogene Pflege viel zu teurer Kulturfassaden.“ Davon abgesehen hat Hoimann für den Staat für wenig Geld ein Vermögen gehortet, Kunstschätze, deren eigentlichen Wert wohl erst spätere Generationen zu sehätzen wissen werden, Bilder und Skulpturen, die längst in die Kunstgeschichte eingegangen sind und gerade noch sozusagen zum letztenmal auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten wurden. Werke von Balla, Derain, Max Emst, Giacometti, Laurens, Klee, Kokoschka, Mondrian, Moore, Schlemmer usw. Der für Herbst geplante Katalog der Neuerwerbungen aus den Jahren 1964 bis 1969 wird all die Schätze verzeichnen. Er wird gemeinsam mit Grafs „Hommage“, den beiden Sammlungskatalogen, den Schriften des Museums und den Katalogen der Ausstellungen die Bestandsaufnahme eines in zehn Jahren früh vollendeten Lebenswerkes sein, das imponierende Resümee einer zu Ende gegangenen Ära.

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