Sammeln, bearbeiten, weiterdenken

Ein Album der Gruppe "Byrds“ aus dem Jahr 1967 gibt den Titel für eine Ausstellung junger Kunst zum dreißigjährigen Jubiläum des Salzburger Museums Rupertinum: "Younger than Yesterday“. - Eine rundum gelungene, faszinierende Geburtstagsschau.

Als im Februar vor dreißig Jahren das Rupertinum in Salzburg eröffnet wurde, sollte ein neues Zeitalter für die Gegenwartskunst anbrechen. Endlich gab es ein Museum, das die Sammlungen des Landes angemessen präsentieren und in Form ständig wechselnder Ausstellungen über den Stand der Gegenwartskunst informieren würde. Und die Salzburger? Sie entrüsteten sich, weil an den Fassaden unterhalb der Fensteröffnungen "Zungenbärte“ von Friedensreich Hundertwasser appliziert wurden. Die einen fanden, dass sie das Bild der Altstadt erheblich beeinträchtigten, die anderen meinten, dass sie endlich die Stadt aus ihrem musealen Schlaf erwecken könnten. Heute reibt man sich verwundert die Augen. Was, diese dezenten Gebilde sollten einmal für einen Skandal gut gewesen sein?

Heute stehen wir woanders. Und zwar wo? Als erste Überlegungen angestellt wurden, wie das Dreißig-Jahr-Jubiläum des Rupertinums angemessen zu begehen sei, dachte man zuerst, so Direktor Toni Stooss, jene festen Größen, die die Sammlung bedeutend machten, jeweils in einem Stockwerk auszustellen: Oskar Kokoschka, Wilhelm Thöny und Alfred Kubin. Das wäre die harmlose Variante gewesen, die stolz die Errungenschaften der klassischen Moderne vorwiese. So bat man also zwei junge Künstlerinnen und eine Künstlergruppe, die mit Salzburg eng verbunden sindt, jeweils ein Stockwerk nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ihnen stand die gesamte Sammlung des Museums zur Verfügung, um ausgewählte Kunstwerke mit ihrer eigenen Arbeit zu konfrontieren. So könnte ein Dialog über Zeiten und Räume hinweg entstehen. Und was ist dabei herausgekommen?

Wackelig und ungewiss

Die drei Männer des 1990 gegründeten Kollektivs Büro Josef Böhm (Franz Bergmüller, Ingo Huyer und Hans Pollhammer) bauten eine raumgreifende Installation auf. Man betritt den Raum und ahnt: was hier läuft, ist im Stadium des Werdens. Gerüste laufen die Wände entlang, die Decke ist in einen Rohzustand zurückversetzt. Irgendwie wackelig alles, und es ist ungewiss, worauf alles hinauslaufen wird. Eine kleine Spielzeugbahn rattert über die Köpfe des Publikums hinweg, ausgestattet ist sie mit einer Kamera, die aktuell Bilder aus der Ausstellung auf eine Leinwand liefert. Oskar Kokoschka und ein Flipperautomat mit dem Indianerhäuptlingsmotiv, Bilder von Fußballmannschaften in unmittelbarer Nähe einer Szene voller Trauer von Käthe Kollwitz: Alles nebeneinander und durcheinander, hier findet die Aufhebung der Kategorien von trivial und bedeutsam statt. Aber wichtiger ist, was diese unerhörten Beziehungen, die gestiftet werden, im Beschauer anrichten. Ein Assoziationskino findet statt, dem von vornherein der Ernst des Gewichtigen ausgetrieben ist. Sie wollen, dass sich die Gegenstände in ihrer neuen Umgebung wohl fühlen, meint einer der drei Künstler - und jetzt wissen wir, dass ohne Ironie bei ihnen gar nichts geht.

Halsbrecherische Aneignung des Fremden

Barbara Musil und Elisabeth Schmirl stehen diesem Konzept einer halsbrecherischen Aneignung des Fremden nahe. Eine Wunderkammer richtet Barbara Musil ein. Sie hat das Depot des Museums geplündert und stellt aus, was ihr ins Auge sticht. Das Licht ist schummrig, das grelle Licht der Aufklärung passt nicht zu einer, die die untergründigen Verbindungen von Kunstwerken ausfindig macht, die nicht zusammengehören. Und wenn dann die Dinge alle in neuen Zusammenhang gestellt sind und das Einzelobjekt inmitten der Überfülle klein und unscheinbar wird, verliert es seine herausragende Bedeutung. Die Künstlerin findet dafür das schöne Wort von der "Heimatlosigkeit der Dinge“. Sie selbst nimmt sich ganz zurück. Ihre Leistung besteht weniger in der vorteilhaften Präsentation des Eigenen, sondern im Arrangement des Vorgefundenen.

Da kann Elisabeth Schmirl gut mithalten. Sie verfügt über eine beachtliche Sammlung von Bildern, die sie im Netz sammelt. Es handelt sich dabei um Arbeiten, mit denen sie nicht so rasch fertig wird, die mit einem Rätsel behaftet sind. Die bearbeitet sie, ergänzt sie um eigene Bildfindungen und stellt sie groß heraus als Denkabenteuer eines flanierenden Geistes. Ein künstlicher Elefant als Bluff. Er war in Amerika zu sehen als Beispiel für eine Utopie. Er bewegte den Rüssel, schlackerte mit den Ohren, wirkte lebendig. Schmirl: "Nur gehen konnte er nicht.“ Jetzt feiert Schmirl diese Künstlichkeit. Außerdem sammelt sie Zitate, die sie beschäftigen, den Bildern einen doppelten Boden unterlegen, und über die sich lange grübeln lässt. Die Künstlerin als Geschichtenerzählerin.

Younger than Yesterday

30 Jahre Museum der Moderne Salzburg

MdM Rupertinum

bis 5. Mai, Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr

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