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Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Unfug?

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Der westlichen Welt spektakulärste Kunstschau begann mit einem handfesten Krach: Noch vor Eröffnung der documenta 6 in Kassel legten die Verantwortlichen für die Abteilung Malerei und Photographie ihr Amt nieder: als Protest gegen eine „von Kunsthändlern erzwungene Umhängeaktion” und weil die räumlichen Voraussetzungen zur Ausstellung der Arbeiten von 18 Photokünstlern in der Neuen Galerie nicht termingerecht geschaffen wurden.

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Der westlichen Welt spektakulärste Kunstschau begann mit einem handfesten Krach: Noch vor Eröffnung der documenta 6 in Kassel legten die Verantwortlichen für die Abteilung Malerei und Photographie ihr Amt nieder: als Protest gegen eine „von Kunsthändlern erzwungene Umhängeaktion” und weil die räumlichen Voraussetzungen zur Ausstellung der Arbeiten von 18 Photokünstlern in der Neuen Galerie nicht termingerecht geschaffen wurden.

Das „Fest für Leda”, das der Spanier Antoni Miralda mit einer Prozession der Kasseler Bevölkerung durch die halbe Stadt - in schwarzen Gewändern, schwarze Pappschwäne auf Tabletts balancierend - feiern wollte, fiel wegen des Regens nur dürftig aus. Vielleicht schauderte auch den Teilnehmern vor den seltsamsten lukullischen Genüssen: rotgefärbtes Hühnerfleisch, rotes Brot, eine Mischung aus Shrimps und Joghurt, buntes Bier- serviert in grünen Eierschalen.

„Kunstterror” am Rande: Das Sperren „mehrerer strategisch wichtiger Eingänge” für zwei Tage durch Stacheldraht, angekündigt von einer anonymen Gruppe, konnte gerade noch verhindert werden, nicht jedoch die Verunreinigung einer Fußgängerpassage durch Farbfluten.

Weit größer und abwechslungsreicher als Skeptiker vermuteten, bietet sich das diesjährige Programm unter dem Thema ,.Medien in der Kunst - Kunst in den Medien” an. Ein dreibändiger Katalog - 1053 Seiten, 530 öS - gibt eine Vorstellung des 35 Millionen Schilling teuren Großereignisses, komplettiert durch ein Filmfestival, entsprechende Musik- und Theaterprogramme, die „Besucherschule” von Bazon Brock mit ihrer Grundsatzfrage: „Wie entsteht Bedeutung?” und die „Freie Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung” von Deutschlands höchstdotiertem Pseudokünstler Josef Beuys. Er, der Erfinder der „Honigpumpe am Arbeitsplatz”, einer 18 Meter hohen Konstruktion aus Stahl, Kupfer, Plexiglas und Honig, deren Elektromotoren in Margarine rotieren, unterhält sein verlegen lauschendes Publikum im Museum Fridericianum mit verwirrenden Fremd- und Schlagworten.

In diesem Haus, dessen eine Säule im Portikus durch eine riesige schwarze X-Plastik „durchgestrichen” wurde, befinden sich die meisten Gemälde, Plastiken, gestaltete Räume und zahlreiche Fernseher in bunter Anordnung, teils als Blickfang wie exotische Blüten im Dscl)ungelgarten des’Köreariers NamlJüne’Päik versteckt, teils als reiner Selbstzweck, als Monitore mit Zusammenhanglosen Bildfolgen oder auch umgeben von Rundfunkempfängern, • Telefonen, Scheinwerfern und einem Gewirr von Kabeln, die Technik veranschaulichen wollen. Unter dem Dach des Hauses gibt es eine Videothek mit über 50 abrufbaren Programmen und seltsamen Objekten, die vorgeben, Film und Technik „poetisch” zu präsentieren. Fernsehgeräte, wohin man blickt - auch in dunklen Räumen, nur mit Taschenlampen betretbar, zwischen gemalten Akten mit überdimensionalen Genitalien hängend. Der Besucher läuft auf schmalen Stegen über gurgelndem schmutzigen Wasser daran vorbei. „Die Kathodenröhre wird die Leinwand als Träger für Kunst ersetzen”, sagte zwar schon vor Jahren Nam June Paik, der Vater der Video- Kunst. Bisher lassen sämtliche docu- menta-Produktionen daran zweifeln.

Auch Shigeko Kubota vermittelt mit ihrer „Video-Skulptur”, als Hommage an Marcel Duchamp und seinen „Akt, die Treppe heruntersteigend” nur matte Illusion: In einer vergrößerten Treppenskulptur ist in jeder Stufe ein Monitor eingebaut, und auf allen Geräten wird das gleiche Videoband abgespielt, in dem durch Veränderungen und Schnitte, Überlagerungen und andere elektronische Möglichkeiten des Synthetisizers ein nacktesMädchen in farblich verzerrten Bewegungen zu sehen ist. Das Fernsehen, längst eine Alltäglichkeit selbst im abgelegensten Balkandorf, scheint in Kassel neu erfunden zu sein. Man faßt es nicht, wie- hier ungelenke Versuche und technische Binsenweisheiten als künstlerische Novitäten hochgejubelt werden.

Nach Aufruhr und Hektik vergangener documenta bemüht sich die jetzige auch um eine Art von Besinnung.

So etwa meditiert ein Japaner regungslos vor der Spiegelfläche eines riesigen, mit Rohöl gefüllten Bottichs, so wachsen schwarze, phantastische Ruinenstädte aus schmutzigem Was- serim Zimmer der Franzosen Ann und Patrick Poirier, so gibt es eine Urland- schaft aus farbigem Lehm, in der Charles Simonds die „sexuelle Evolution von Erde und Menschheit” darstellen möchte. Unter dem hochtrabenden Gattungsnamen „Environments” demonstriert Achim Freyer (Bühnenbildner der spektakulären Stuttgarter ,,Faust”-Inszenierung), was er sich unter „Deutschland, ein Lebensraum zwischen Heine, Hitler und Heute” vorstellt: ein weißgetünchtes Zimmer mit Bretterboden, darin ein rechteckiges Loch mit Wasser, Goldfischen, grün-violetten Pflanzen, rotem, wehendem Frauenhaar, Stahlhelm, Gasmaske, Sauerstoffpumpe. An einem Fenster mit Ausblick auf Sonnenuntergang und Berggipfel lehnt ein schäbiger Wanderer mit Rucksack auf Kothurnen; zu seinen Füßen spielen acht lebende weiße Kaninchen mit geschminkten Mäulern und Hinterteilen und Hakenkreuzen auf den Ohren, die aus acht Saugflaschen an den Wänden ernährt werden. In der Zimmerecke steht ein Tannenbaum mit blauer Krone, umgeben von zwei Videomonitoren mit Kaninchenbildern hinter Stacheldraht. Dazu plärren Schallplattenpuppen Kinderlieder.

Am eindrucksvollsten in einem Raumgewirr von Labyrinthen mit Pappmache-Menschengruppen und Fadenbündeln (Klaus Rinkes Beitrag zur „Grundlagenforschung der Gravitation”: 120 Schnüre laufen nach oben, gleiten, von Plomben gehalten, herab-) oder gähnender Leere, gelegentlich belebt durch rostige Eisenstangen oder -schwellen findet sich das einzig originelle Objekt: ein rundgemauerter Raum aus blauen Fliesen, deren Plastizität in Scheinmalerei übergeht, von Hans-Peter Reuter. Hier versucht der verblüffte Betrachter wirklich, den Hintergrund des scheinbar gebogenen Raumes zu ergründen und erfährt so perfekte optische Täuschung im Op- Art-Erlebnis.

An die Grenzen der Phantasie gelangt Jochen Gerz mit seinem „Trans- sibirien-Prospekt”: In einem halbdunklen Raum stehen auf einer hölzernen Bühne 16 Stühle im Quadrat, vor denen 16 Schiefertafeln mit Fußabdrücken liegen. An einer Wand steht zu lesen, daß Gerz eine 16.000 Kilometer-Reise in 16 Tagen im Transsibirienexpress bei zugeklebten Fenstern unternommen habe, nur mit zwei Büchern versehen, Schreibzeug und jenen Schiefertafeln - eine für jeden Tag - um seine Füße daraufzustellen. Nach der Reise habe er alle Aufzeichnungen vernichtet. So überläßt er den Besucher seinem berechtigten Zweifel, ob diese Reise überhaupt stattgefunden hat.

Eine systematische Bestandsaufnahme der Menschheit bietet die Monsterabteilung Photographie auf der documenta 6 mit einer dichten Bildfolge von Authentizität und Fiktion. Menschen aller Rassen und Schichten in Portraits, Raumbildern und Zufallsschnappschüssen sprechen zu uns, aufgenommen in der Natur zwischen Wüsten und Oasen, unterbrochen durch reine Landschaftskompositionen. Enge und Weite, Häusermeere und Genreszenen, bezaubernde vergleichende Darstellungen zwischen Kunstformen in der Natur und Analogien in Form von Gebrauchsgegenständen hängen neben Krieg, Zerstörung und Tod. Die erste Photographie des Amateurerfinders Nicė- phore Niepce aus Südfrankreich zeigt in schwachen Umrissen den Blick aus seinem Fenster, gelungen innerhalb einer 10-stündigen Belichtungszeit. Daneben: Serienphotos in filmischer Reihung und raffinierte Photomontagen. Die Portraits der Maler Hill und Caijat sowie des Karikaturisten Nadar zählen zu den schönsten und sensibelsten Bildzeugnissen. Das geschäftige Paris der Jahrhundertwende verdanken wir Atget und die Trostlosigkeit der Berliner Hinterhöfe dem Lithographen Heinrich Zille und dem Zeichner Cartier Bresson. In ihnen dokumentiert sich zweifellos der Zeitgeist - wie überhaupt die Präsentation der Photokunst und der retrospektivi- schen Veranstaltungen namhafter Filmemacher zum Besten gehört, das die documenta aufzuweisen hat.

Zur großen Enttäuschung wurden •die Abteilungen Malerei und Skulptur. Vor allem in der Malerei ist in den siebziger Jahren kaum eine Weiterentwicklung zu erkennen. Die Auswahl der Objekte scheint zufällig, ihre Tendenzen sind unsicher und verworren; hinter großsprecherischer Attitüde verbirgt sich nur lustlose Verlegenheit. Hofschen, Graubner, Heizer, Olivieri, Merz und Green strapazieren noch immer die Wände mit längst überholten monochromen Bildflächen, und auch der Pseudo-Expres- sionismus eines de Kooning, Morley, Lichtenstein, Johns und Lüperts wirkt

- gemessen an Francis Bacons hybridem Psycho-Triptychon mit Max Emst’schen Nachtmahren - dilettantisch. Einzig der Konflikt, den die vier DDR-Maler - erstmals auf einer documenta zu Gast - auslösten (die westdeutschen Kollegen Baselitz und Lü- pertz nahmen aus Protest dagegen ihre Bilder wieder ab, was kein Schaden war), belebt die müde Tristesse der Malszene. Der Realismus eines Sitte und Heising spiegelt sich wider in dichtgedrängter Turbulenz kriegerischer Szenen, während Mattheuer dialektische Metaphern und Allegorien bevorzugt. Werner Tübke schließlich komponiert surrealistisch, nicht ohne sozialkritischen Aspekt, mit einem Hang zum italienischen Manierismus. Jedenfalls wirkt der Anachronismus der DDR-Künstler wie ein Fremdkörper auf der documenta, aber er fasziniert zugleich.

Die Orangerie präsentiert Handzeichnungen von Picasso, Moore, Thomkins, Baumgarten bis Morandi- ni, Pen Wan-Ts (China) und Kaminski. Hier sind auch die Österreicher Brus, Hoflehner, Rainer und Wotruba mit eindrucksvollen Exponaten vertreten. Andy Warhol (Hammer- und Sichel- Variationen in der Gemäldeabteilung) pflegt hier wesentlich differenzierteren Umgang mit dem Bleistift, Thomas Bayrle fasziniert mit feinsten Stadtstrukturen.

Groteske Metamorphosen des Buches lösen Kopfschütteln oder Ekel aus: etwa das „Knüllbuch” von Alice Koch, das „Pizzatütenbuch” Herbert Zangs oder der Druck auf Plastiktaschen, mit Weincreme oder gehacktem Hammelfleisch gefüllt, zu einem Buch gebunden, ein unappetitliches Nahrungsmittel-Überbleibsel von Dieter Roth, „Poemetria” genannt. Vom gleichen Künstler: 21 Gartenzwerge in vergammelten Schokoladeblöcken, deren Zipfelmützen nur noch aus dem sonderbaren Gebilde herausschauen. Wenn Michael Badura aus dem Buch „Kunstgeschichte in einer Stunde - von Abu Simbel bis Klinger” Papierschnipsel macht und mit Stecknadeln auf ein Brett spießt oder Hubertus Go- jowczyk in seine „Tür zur Bibliothek” zahllose Bücher flach einmauert, so hat der Unsinn schon fast wieder Methode.

Aber die documenta beschränkt sich nicht nur auf geschlossene Räume, sondern okkupiert weite Teile der Stadt. Vor dem Museum Fridericianum steht Gerümpel: ein verbeulter Flügel ohne Saiten und eine Sänfte, beide aus Eisenblech. Gegenüber erhebt sich Richard Serras Turm aus vier 12,30 Meter hohen und 3,60 Meter breiten rostigen Corten-Stahlplatten. Durch einen überdimensionalen Metallrahmen betritt man einen freischwingenden Steg mit einem zweiten Rahmen - durch beide erschaut man die weite Landschaft des Aue-Parks. In diesem finden sich begehbare Skulpturen, breitgestreute, gehäufte Steinblöcke (Morris), amphibische Betonplastiken (Pepper), Eisenschienen, Wasserrinnen (Isenrath), gesprengte Holzbrücken - auch „horizontale Plastik” genannt - (Trakas) und vieles mehr, das den Besucher zwar zum Nachdenken anregen soll, ihn aber eher verunsichert. Auch Amüsantes belebt die Szene, wie etwa Anatols „Traumschiff1 aus Plastik, das ohne Pannen durch Bäche und Flüsse des Fuldatals zum Ziel kam und der „Cen- terbeam”, eine Konstruktion rait Laserstrahlprojektionen (bevorzugt werden bunte Gabeln) über Wasserdampf, der durch ein kompliziertes Röhrensystem geleitet wird.

Das große Schlagwort aber heißt „Performances”, in denen die Autoren selbst in Form von Happenings agieren. Dazu gehört auch die Darbietung des koreanischen Video-Künstlers Nam June Paik, der nachdem er einen Apfel gegessen hatte, wie besessen mit einer elektronischen Kamera auf ein Klavier einschlug. Dazu gehört auch das hilflose Geschwätz einiger „Künstler”, etwa in Abwandlung des Kinderreims: „Ich sehe was, was du nicht siehst” in permanenter Wiederholung. Und zur Belebung der Szene tragen nicht nur Dutzende von Pflastermalern in Kassels Fußgängerzonen bei, sondern auch Verkäufer von Holzkrawatten vor dem Fridericianum und jener offensichtlich leicht gestörte Zeitgenosse, der sich, angetan mit goldenem Stierhörnerhelm, als letzter Wickinger ausgibt und stundenlange Stottervorträge hält.

Sind die dubiosen visuellen Ergebnisse, die trivialen Objekte unter künstlich kostbar gemachtem Abfall, all der Unrat und Widersinn wirklich ein Abbild unseres zeitbedingten künstlerischen Empfindens und Ge- staltens? - „Das Geld ist auf der Seite der Modernen”, schrieb einst vor über 100 Jahren Anselm Feuerbach - aber er meinte damit die Salon- und Historienmalerei. Sein Wort hat leider heute in eindeutigem Sinne Gültigkeit. Pseudo-Kunstobjekte wie mit Gasmasken beladene Schlitten, einbetonierte Bücher, Lebensmittel und Autos werden zu Fetischen und Kultgegenständen erhoben. Es ist wie mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Niemand will die Armseligkeit und Nacktheit dessen, was sich „Kunst” nennt, wahrhaben. Selbst das freie Urteil des Kritikers wird getrübt, ja, pervertiert. Denn zur Betrachtung und Schilderung des Abartigen taugt kein konventionelles Gedanken- und Sprachgut. Das, was auf der documenta 6 in Kassel tröstlicherweise Gültigkeit und Format besitzt, ist ja nicht originell, nichts unbedingt Neues. Wo aber liegt die Grenze zwischen Kunst und Unfug, zwischen Wertbeständigkeit und Blasphemie?

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