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Riesendefizit, aber trotzdem hat's gefallen

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Die Expo 2000 in Hannover geriet zum finanziellen Desaster. Rückblickend gesehen, warjede einzelne Präsentation aufschlussreich. Spektakuläres wird ebenso in Erinnerung bleiben wie Eigenwilligesund Amüsantes.

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Die Expo 2000 in Hannover geriet zum finanziellen Desaster. Rückblickend gesehen, warjede einzelne Präsentation aufschlussreich. Spektakuläres wird ebenso in Erinnerung bleiben wie Eigenwilligesund Amüsantes.

Die Weltausstellung an der Schwelle zum neuen Jahrtausend ist vorüber und hat ihren Veranstaltern ein finanzielles Desaster hinterlassen. Das Defizit von mehr als 17 Milliarden Schilling steht fest, ebenso wie der Konkursverwalter der Expo 2000 in Hannover. Statt der prognostizierten 40 Millionen Besucher sind 14 Millionen gekommen. Nach der Zeit des Feierns brechen nun die Wochen und Monate der Abwicklung und der Prozesse an. Doch abgesehen vom wirtschaftlichen Misserfolg hat die Expo 2000 den Besuchern, die zur Schau in die niedersächsische Hauptstadt gereist waren, durchwegs gefallen.

Das Motto der Weltausstellung "Mensch-Natur-Technik" ließ alle Möglichkeiten der Präsentation offen. Japan hatte das Thema besonders ernst genommen und einen Pavillon errichtet, der sich fast zur Gänze wiederverwerten lässt: Erstmals weltweit wurde ein Bauwerk aus Papier errichtet. Deutsches Altpapier wurde zu Pappröhren gepresst, die zu einem Trägergerippe einer röhrenförmigen Halle konstruiert wurden. Drinnen wurde über neue Technologien gegen die CO2-Erwärmung informiert und ein fahrbereites Auto - ebenfalls aus Papier - vorgestellt.

Andere Länder sahen in ihrer Präsentation eine Möglichkeit touristischer Vermarktung: Mazedonien gab wenig mehr von sich preis als den heimischen Rotwein, Andorra zeigte eine Multimediaschau über Schifahren und Bergwandern im Pyrenäenstaat und verteilte Papiersäcke mit dem Schriftzug des Landes.

Wie überhaupt Multimediaschauen die präsentationstechnische Epidemie der Weltausstellung waren: Ein Ton- und Bildbrei übergoss den Besucher, sobald er einen Raum betrat, es wurde überblendet, musiziert, in gesetzten Worten das Land vorgestellt. In Erinnerung bleiben zwei Extreme: Zum einen Finnland. Nicht nur, dass jeder Besucher am Eingang per Handschlag einer jungen Finnin persönlich willkommen geheißen wurde, nicht nur, dass in einem lichthofartigen Glasschacht des Pavillons drei weiße Birken - offenbar - gediehen. Nein, mitten auf seinem Rundgang stand der Finnlandbesucher in einem Raum, dessen eine Wand ein großes Bild einer skandinavischen Naturlandschaft war: Nichts rührte sich, alle schauten schweigend auf das Bild, das sich nicht zu bewegen schien - und dennoch wusste man, dass hier alles lebte. Auf einmal plätscherte es, und hinter dem Wald stiegen, vom Wasser kommend, Wildgänse auf. Dann quakte es oder zirpte. Und alle schwiegen und erlebten andächtig etwas ungeheuer Simples, nämlich die aufs Unspektakulärste reduzierte Natur, so als stünden sie mitten in ihr.

Beispiel zwei war Mexiko, das nicht nur durch die an der Außenwand hängenden bunten Beetle-Modelle und die Bemerkung aufmerksam machte, weltweit größter Automobilhersteller zu sein, sondern auch durch seine Multimediaschau: Alle paar Minuten wurde eine Hundertschaft Gäste in einen amphitheaterähnlichen Raum gedrängt, die sich alsbald an den Griffstangen festhalten musste, denn der virtuelle Flug über und durch Mexiko Stadt vor 500 Jahren auf einem Bildschirm-Halbkreis vor ihnen, löste alsbald Seekrankheit aus, und fünf Minuten später stolperte die Schar blass zum nächsten Fix-, im Sinn von Haltepunkt.

Steine rieseln, kollern, prasseln ...

Kanada hatte einen ganzen Pavillon für sich: Unter dem durchsichtigen Fußboden ging man auf einem Fluss durch die Jahreszeiten des nordamerikanischen Landes. Zum Schluss war eine aus Waffen zusammengebaute Skulptur eines Kanadiers, die sich gegen Gewalt wandte, ausgestellt. In der Nähe durften die Besucher ihre Eindrücke vom Rundgang auf eine Plakatwand schreiben. Ein Fürwitziger hatte, offenbar unter dem Eindruck des letzten Schaustücks, notiert: "Kanada soll den Waffenhändler Schreiber ausliefern!"

Länder, die sich viel Mühe gegeben hatten mit ihrer Darstellung auf der Expo, wechselten mit solchen ab, denen man das nicht so leicht abnahm. Nepal hatte für seine Präsentation eine hinduistische Pagode gebaut, die in einen buddhistischen Tempel, eine Stupa, überging, was das harmonische Nebeneinander der beiden Religionen darstellen sollte. 800 Familien waren zirka vier Jahre lang beschäftigt gewesen, den Bau aus Holz zu schnitzen oder mit Ton zu modellieren.

Der norwegische Pavillon hingegen ließ über den Eingang einen Wasserfall herabstürzen, aus Originalhöhe eines norwegischen Wasserfalls. 20 Minuten benötigte man in der Schlange, bis man dort angelangt war. Drinnen angekommen stand man dann in einem würfelförmigen Riesenraum, dessen Wände als Geröllhalde tapeziert waren. Man sollte nun einige Momente innehalten, es handle sich um eine Installation einer einheimischen Künstlerin. Man hielt also inne und hörte minutenlang - mal da, mal dort - Steine rieseln, kollern prasseln - sonst nichts. Fünf Minuten später wurde man wieder hinauskomplimentiert. Das war Norwegen.

Nationen, die eigene Pavillons errichtet hatten, überraschten vielfach durch ihre Architektur: Der spektakulärste war wohl jener der Niederlande: Fünf Stockwerke hoch war Natur gestapelt: Über einem Gewächshaus wuchs der Wald in die nächste Etage und ganz oben lieferten Windflügel Strom für die Bewässerung der Landschaften. Island bestand auf der Expo aus einem dunkelblauen Würfel, über dessen Außenwände aus einem Geysir auf dem Dach sanft Wasser abfloss. Venezuela hatte sich als Dach ein Blütenblatt einfallen lassen, das sich, je nach Wetterlage, öffnete und schloss. Die aufwendige Konstruktion ging erst Wochen nach der offiziellen Eröffnung in Betrieb.

Auch die Schweiz hatte eine besonders schräge Idee umgesetzt: Ihr Pavillon nannte sich Klangkörper, war so wie jener Japans voll rezyklierbar, konnte aber auch, so wie er war, gekauft werden. Dabei handelte es sich um ein labyrinthisches Gebälk, das mikadoartig, aber rechtwinkelig, gestapelt war. Projektoren leuchteten Kurztexte auf die 37.000 Lärchen- und Douglasienbalken, und dazwischen schlenderten Musiker scheinbar ziellos und ihr Instrument bearbeitend hindurch.

Vielen Besuchern sah man an, welchen Weg sie an diesem Tag schon hinter sich hatten. Sie trugen nicht nur die erwähnte Andorra-Tasche, sie hatten mitunter auch einen roten Punkt auf der Stirn, das Begrüßungszeichen für Nepal oder Indien, Frauen zierte eine Schlangenzeichnung aus Henna-Farbe auf dem Handrücken, Beweis für den Besuch des Lehmpalastes von Jemen. Oder sie hatten die als Rucksack geschnürte Papiertasche aus Österreich umgehängt.

Lümmeln auf "Woppeln" Das war aber nicht alles, was Österreich bieten konnte. Im Untergeschoß der Messehalle konnte man sich an mehrschichtig beschriebenen Glaswänden verwirren lassen oder an Videoschirmen einen Rundumeindruck von bestimmten Themen gewinnen, drehte man an den metallenen Brunnenrädern, auf denen sie montiert waren. Ein Anziehungspunkt für Kinder, die den Rädern oft solchen Schwung gaben, dass der Vorarlberger Gebirgsbach fast aus seinem Bett schwappte oder die Kirchen der Stadt Steyr ums Kreuz kreisten.

Eine Etage höher hatte sich Österreich eine Ruhezone ausgedacht. Im Hintergrund lief die unvermeidlich Videoshow, wie man sie schon in den siebziger Jahren auf den heimischen Ferienmessen bewundern durfte. Die große Fläche davor war mit dickem Schaumstoff belegt, auf Hörinseln aus Plastik konnte man sich von österreichischer Literatur berieseln lassen oder auf - im Fachjargon "Woppeln" getauften - Plastikwürfeln lungern. Raum zum selbstvergessenen "Lümmeln und Knotzen". Die Besuchermeinung über diese Präsentation war geteilt: Die Österreicher sahen sie etwas distanziert, die anderen waren meist begeistert.

Österreichs Präsentationsfläche war groß, nahm fast die Hälfte der Halle ein, demgegenüber war Russland mit seiner Weltraumschau, den drei ausgewählten Teilrepubliken und dem kleinen Restaurant, wo man Piroggen erstehen konnte, relativ klein. Die USA waren erst gar nicht zur Weltausstellung gekommen. Brasilien hatte sich brav in die Lateinamerikahalle eingereiht, nahm aber dort einen in der Darstellungsart herausragenden Platz ein: Aus einer Wand ragten nach beiden Seiten tausende Holzstäbchen, beidseits ließen sie sich nach drüben stoßen, Worte oder Bilder daraus formen - oder es wurde durch Anlehnen ein simpler Körperabdruck. Aus einer anderen brasilianischen Wand ließen sich aus Türchen Laden mit Filmen und Figuren herausziehen. Dennoch gelang es - oder passierte es - den Ländern, auf den paar Quadratmetern Darstellungsfläche ihre Staaten atmosphärisch unverwechselbar darzustellen: Auf dem panamesischen Dorfplatz spielte eine Kapelle, das reiche Öl-Sultanat Brunei hatte einen Regenwald nachgebildet, samt Vogel- und Insektengeschrei. Im Souvenirshop des Iran - fast jede Nation ließ ihren Rundgang am Souvenirshop enden, wo es landestypische Waren und Gerichte zu erwerben gab - verkaufte eine verschleierte Frau Süßigkeiten und Goldschmuck. Im Stand Tadschikistan führte der rote Teppich den Besucher direkt auf das Bild des Staatspräsidenten zu, Marokko lockte zusätzlich mit exotischen Gerüchen. Kleine Staaten, sogar ganze Erdteile, zeigten sich in einem eigenen Messepavillon. Etwa die Afrikahalle: Dicht gedrängt schoben sich die Interessierten zwischen den Verkaufsständen durch, ließen sich bereitwillig von Ghana eine D-Mark abknöpfen, um von einer schaukelnden Seilbrücke von Südafrika bis Guinea-Bissau sehen zu können, während im Hintergrund dumpf Trommeln hämmerten: Doch es war nicht nur ein exotisches Volksfest, ein Karneval der Kulturen: Das Naturerbe und der Umgang damit in der Zukunft, die neuen technologischen Möglichkeiten, wurden nicht übersehen. Insbesondere in der Afrikahalle wurden Hunger, Seuchen, Dürre und Überbevölkerung thematisiert und Lösungsprojekte des jeweiligen Landes präsentiert. Es war keine Reise in 80 Tagen um die Welt, wohl aber in 80 Stunden, wollte man sich über die Probleme der Welt und die mehr als 150fache Sicht der Zukunft genau informieren.

Ein Expo-Tag reichte dazu nicht, der 31. Oktober war die letzte Gelegenheit, die Welt in der Nussschale Hannover zu erleben. Die nächste Expo gibt's wieder in zwei Jahren. In der Schweiz.

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