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Ein konventionelles Hiroshima

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Mit dem Abwurf zweier Atombomben auf japanische Städte endete der Zweite Weltkrieg. Hiroshima hat sich aber nicht nur als Menetekel für die Zukunft, sondern auch als Symbol für die Leiden der Zivilbevölkerung im modernen Krieg in das Bewußtsein der Menschheit eingegraben. Darüber geriet die Tatsache in Vergessenheit, daß zumindest zwei konventionelle Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges unmittelbar jeweils mehr Opfer gefordert haben als die erste Atombombe. In Hiroshima kamen über 71.000 Menschen ums Leben, in Tokio aber in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 nach offiziellen japanischen Berichten 83.793 Menschen, während in Dresden möglicherweise weit über 100.000 Personen starben.

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Mit dem Abwurf zweier Atombomben auf japanische Städte endete der Zweite Weltkrieg. Hiroshima hat sich aber nicht nur als Menetekel für die Zukunft, sondern auch als Symbol für die Leiden der Zivilbevölkerung im modernen Krieg in das Bewußtsein der Menschheit eingegraben. Darüber geriet die Tatsache in Vergessenheit, daß zumindest zwei konventionelle Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges unmittelbar jeweils mehr Opfer gefordert haben als die erste Atombombe. In Hiroshima kamen über 71.000 Menschen ums Leben, in Tokio aber in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 nach offiziellen japanischen Berichten 83.793 Menschen, während in Dresden möglicherweise weit über 100.000 Personen starben.

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Die Zahl der Opfer war dadurch besonders hoch, daß die Stadt mit Flüchtlingen, die vor den herannahenden sowjetischen Truppen nach Westen strömten, vollgestopft war. Obwohl ein Teil der Dresdner selbst eingerückt oder in den Westen geflohen war, dürfte die Zahl der Menschen, die sich in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 in Dresden aufhielten, doppelt so groß gewesen sein wie die Vorkriegseinwohnerzahl von 630.000.

Sie hatten wochenlange Wintermärsche hinter sich, schleppten ihre gesamte Habe auf Handwagen, Ochsenkarren und klapprigen Pferdefuhrwerken mit, ihre endlosen Kolonnen hatten zeitweise alle Straßen verstopft und den Nachschub an die Front behindert, viele waren bereits von russischen Tanks überrollt worden oder aus Entkräftung gestorben.

In Dresden waren Schulen und Ämter ausgeräumt worden, um sie tmterzubringen, man hatte sie in leere oder nicht voll ausgenützte Wohnungen eingewiesen, sie hausten in Restaurants und stillgelegten Kinos. Auf dem Hauptbahnhof war Montag der letzte Flüchtlingszug angekommen, in wenigen Tagen sollte der große Abtransport in den Westen beginnen. Am Fschingdiens* tag des Jahres 1945, in den Stunden vor dem Angriff, erreichte die Überfüllung der Stadt ihren Höhepunkt. Allein in den Gängen und Kellern unter dem Hauptbahnhof hatten 2000 Menschen Unterschlupf gefunden, ihre Koffer und Schachteln verstellten alle Durchgänge, und wer hier nicht Platz fand, schlief auf der Straße — sie schliefen seit Wochen im Freien. Die Gegend um den Hauptbahnhof glich einem einzigen riesigen Lager, hinter Bergen von Kisten, Bündeln, Geschirr, Bettzeug und sonstigem Hausrat verkrochen sie sich vor dem Wind.

Eine Panik in diesem Gedränge mußte unvorstellbare Folgen haben, aber Dresden, bislang nur selten und niemals schwer angegriffen, galt als „des Reiches sicherster Luftschutzkeller”. Und was die Dresdener selbst betraf: Nirgends sonst in Deutschland wurden die Luftschutzmaßnahmen so leichtgenommen, nirgends sonst spielten demonstrativ noch immer die Theater, nirgends sonst waren die Nazis so verhaßt — Dresden war alles ändere als eine braune Stadt. Nirgends war der Krieg unpopulärer. Nirgends sonstwo verstand sich die Bevölkerung mit den Kriegsgefangenen — Engländern — so gut. Anderseits ist es historisch nachgewiesen, daß das britische Oberkommando über die Verhältnisse in Dresden besonders schlecht informiert war.

Am Nachmittag des Faschingdienstags hielten zwei schwere Möbelwagen am Elbufer, genau im Zentrum jenes Gebietes, das später zum Schauplatz des Feuersturms wurde, die Fahrer hatten für den Tag genug. Die Wagen enthielten Gemälde von Böcklin, Courbet, Bruegel und vielen anderen.

Während sich am Abend des Faschingdienstags die Wärter im Dresdener Zoo, wo es nicht, wie längst in Hamburg, doppelte Gitter, Gräben und Fallgruben um das ganze Gelände gab, noch einmal um ihre Tiere kümmerten, während „Maiden” vom Arbeitsdienst, deren Eltern durch Gesuche ihre Verlegung von Westdeutschland in das „sichere” Dresden erreicht hatten, in der Weißen Gasse beim Altmarkt zusammensaßen und in einem Lazarett für beinamputierte Soldaten Verwundete zusammen mit ‘Mädchen aus einem Arbeitsdienstlager der Faschingsvorstellung eines Puppentheaters folgten, nahmen die kilometerbreiten Bomberverbände der 5. Bomberflotte zuerst Kurs auf Bonn, wo ein Schein-, dann auf Leipzig, wo ein Ablenkungsangriff durchgeführt wurde, um sich erst Zuletzt gegen Dresden zu wenden.

Die Besatzungen beständen aus jungen Menschen mit außerordentlich geringer Lebenserwartung. Viele von ihnen stammten aus von Deutschland unterjochten Ländern, und viele von ihnen hatten ihre eigene Heimat bombardiert, weil keine andere Möglichkeit erkennbar war, sie zu befreien. Aus heutiger Sicht stellt die Zerstörung Dresdens ein klassisches Kriegsverbrechen dar, und wir werden in einem folgenden Artikel der ethischen Problematik dieses Angriffs und der Frage nach den Verantwortlichen nachgehen. Die zwanzigjährigen oder nur um wenige Jahre älteren Piloten, Bombenschützen, Navigatoren, Funker, MG-Schützen und so weiter aber waren auf dieser Mission besonders schlechter Stimmung. Nicht nur wegen der Gefährlichkeit eines so langen Fluges über feindliches Gebiet, sondern auch deshalb, weil sich ein unverkennbares Unbehagen an den Begleitumständen dieser Aktion von den höheren Rängen nach unten fortgepflanzt hatte. In der britischen Air Force waren Mißfallenskundgebungen möglich, die in der deutschen Luftwaffe undenkbar gewesen wären, so etwa der Zwischenruf eines jungen Bombenschützen bei einer Angriffsunterweisung: „Also wieder einmal Frauen und Kinder zuerst!” (Der Zwischenruf hatte für den Betroffenen keine Konsequenzen.) Einst hatten sie ihre Befehle enthusiastisch befolgt, die Zerstörung Dresdens erledigten sie mißmutig und mechanisch.

Wäre die Wolkendecke, die seit vielen Tagen über Mitteleuropa lag, über Dresden nur um eine Viertelstunde später aufgerissen, wären sie wahrscheinlich ohne oder mit einem halben Erfolg heimgekehrt. So aber erreichten ihre Bombenwürfe eine nie vorher erzielte Konzentration. Das Resultat war ein Inferno in den Straßen, und ein stilleres Massensterben im Dunkel der Luftschutzkeller: der britische Historiker David Irving schätzt, daß rund 70 Prozent der Opfer in den Kellern erstickt sind.

Sie hockten nqch nach vielen Wochen dort oder bedeckten als Aschenschicht den Boden. In einem dieser Keller griff der Arzt, der die Zahl der Opfer ermitteln sollte, zu einem Maßstab, stellte die Dičke der Aschenschicht fest, und sagte: „Schreiben Sie — rund 300!” Sie lagen friedlich eingeschlafen auf ihren Pritschen — oder Ineinander verkrampft vor den verschütteten Notausgängen. Sie lagen einzeln oder in Gruppen auf den Straßen, zerstückelt, zusammengeschrumpft, ragten aus den Trümmern, und viele steckten fest im geschmolzenen und •wieder festgewordenen Asphalt. Einige waren umgekommen, als die Kessel der Zentralheizungen platzten und ihre Keller mit siedendem Wasser überfluteten. Auf dem Seid- nitzer Platz, wo kaum jemand mit dem Leben davongekommen war, saßen über zweihundert Tote um den Rand eines Löschwasserbeckens — hie und da war eine Lücke entstanden, wo einer nach vorn in das Becken gefallen war. Sie saßen auf den Bänken in den Unterständen und hatten die Griffe ihrer Koffer noch in der Hand. Erstickte Frauen beugten sich in den Kellern über Kinderwagen mit töten Kindern. Šie hatten die Taschentücher noch vor den Mund gepreßt, und die Soldaten, die dem Puppentheater zugesehen hatten, saßen noch eine Woche später dort, die Faschingsmützen auf dem Kopf. Auch die „Maiden” vom Arbeitsdienst säßen noch wie im Gespräch versunken. Auf dem Trinitatis-Friedhof fand man von den Bomben aus der Erde geschleuderte, zerschmetterte Särge, und die von den stürzenden Grabsteinen in die Erde gestampften Körper derer, die hier Schutz gesucht hatten.

Zusammen mit den Menschen gingen unschätzbare künstlerische, kulturelle und historische Werte zugrunde. Die „Bauernschlägerei” von Bruegel, die Oper von Semper; Albertina, Joanneum, Gemäldegalerie, die Frauenkirche mit der Orgel von Silbermann, Dreikönigs-, Annen- und Sophienkirche, alle Theater, 69 der 139 Schulen, das Japanische Palais, der zum großen Teil zerstörte Zwinger.

Die Bergung der Toten dauerte viele Wochen. In manche Gassen und in viele Keller konnte man wegen der noch immer herrschenden Hitze erst nach vielen Tagen eindringen. Zehntausende Menschen konnten identifiziert werden, aber schließlich kam die SS und schob Berge von Leichen, an deren Identifizierung noch gearbeitet wurde, mit Baggern in die Massengräber. Als man Angst vor Seuchen bekam, wurde auch der Transport zu den Massengräbern eingestellt.

Ein SS-Offizier mit Ausrottungs- Know-how befahl, auf dem Altmarkt aus den eisernen Traversen eines Kaufhauses und herbeigeschleppten Steinblöcken neun Meter lange Roste aufzubauen und die Toten zu verbrennen: „Das habe ich schon einmal im Osten so gemacht!” Böse Ironie der Geschichte: Im Pestjahr 1349, sechs Jahrhunderte früher, waren ebenfalls auf dem Altmarkt die Juden von Dresden verbrannt worden, womit die Schulden, die Markgraf Friedrich bei ihnen hatte, getilgt waren.

Die britischen Bombenflieger, von denen kaum jeder zweite den Krieg überlebte, konnten sich die Tragödien, die sich in den Städten, die sie von oben brennen sahen, nicht vorstellen. Viele von Ihnen waren 1945 längst zu abgestumpften Fatalisten geworden, und sie hatten genug damit zu tun, die Vorstellung vom eigenen Tod, eingeschlossen in ein abstürzendes brennendes Flugzeug, wie sie es so oft gesehen hatten, zu verdrängen.

Eine der aktuellsten Fragen, die sich anhand des historischen Materials über die Zerstörung Dresdens zwingend stellen, ist die nach der persönlichen Schuld befehlsgebundener Soldaten, die zu ausführenden Organen von Kriegsverbrechen werden. Wenn My Lai zum Symbol für das quantitativ unbedeutende, aber qualitativ um so quälendere persönliche Morden mit vollem Bewußtsein . am Rande des großen, anonymen und automatischen Massentötens im technischen Krieg geworden ist, fand am Tage nach der Zerstörung Dresdens auf den Dresdener Elbwiesen ein My Jai statt — wobei sich, um es ganz deutlich im voraus Zu sagen, Parallelen zwischen My Lai und der Tragödie auf den Elbwiesen auf der einen, Oradour und Lidice auf der anderen Seite deshalb verbieten, well angelsächsische Kriegsverbrechen, wo sie im Zweiten Weltkrieg geschahen, immer noch als über das Ziel hinaus- sdhießende Gewaltakte eines Verteidigungskrieges begriffen werden müssen, während Mord, Massenmord, Unmenschlichkeit dem nationalsozialistischen System immanent waren, einen seiner hervorstechendsten Wesenszüge bildeten, was einzelne Dresden-Autoren (und damit sind David Irving und Rolf Hoch- huth nicht gemeint) gelegentlich gerne vergessen.

Den 1400 britischen Maschinen, die Dresden in der Faschingsnacht zerstört hatten, folgten am Aschermittwoch 1350 amerikanische Bomber, die einen Tagangriff mit Sprengbomben durchführten, dessen Zerstörungseffekt aber wesentlich geringer war. Die Bomber wurden jedoch von Langsitreckenjägem begleitet, wobei die Jagdgruppe B die Bomber zu beschützen und sich von ihnen nicht zu entfernen hatte, während die 72 Maschinen der Type P 51 (Mustang) der Jagdgruppe A am Elbufer auf den sogenannten Elbwiesen im Tiefflug ein Blutbad in der dichtgedrängten Menschenmenge anrichteten, die sich dorthin geflüchtet hatte.

Wiederum gab es keine Fliegerabwehr und keinen deutschen Jäger. Und es gab auf den Elbwiesen kaum Soldaten, dafür aber zahlreiche Kinder, und jeder ehemalige Jagdflieger weiß, daß man derartige Details zwar nicht im Tiefflug, wohl aber beim Wenden der Maschine erkennen konnte, und die Mustangpiloten wendeten oft, um erneut anzufliegen und die Menschenmassen auf den Elbwiesen zu dezimieren. Sie folgten dabei Befehlen wie ein Cal- ley in My Lai und nach dem Krieg wurden auch Begründungen für diese Befehle gefunden: Es habe gegolten, den Straßenverkehr hinter den deutschen Linien durcheinanderzubringen. Wobei es sich fragt, wie die Überlebenden ein Chaos auf den Straßen auslösen sollten, wenn man sie vorher mitten in der Stadt zusammenschoß.

Im September 1945 besuchte Erich Kästner seine Vaterstadt. Er schrieb: „In dieser Steinwüste hat kein Mensch etwas zu suchen, er muß sie höchstens durchqueren. Vom einen Ufer des Lebens zum anderen. Vom Nürnberger Platz weit hinter dem Hauptbahnhof bis zum Albertplatz in der Neustadt steht kein Haus mehr. Das ist ein Fußmarsch von etwa vierzig Minuten. Rechtwinklig zu dieser Strecke…dauert die Wüstenwanderung fast das Doppelte. Fünfzehn Quadratkilometer Stadt sind abgemäht und fortgeweht…Gleich vereinzelten, in der Steppe verstreuten Bäumen stechen hier und dort bizarre Hausecken und dünne Kamine in die Luft. Die schmalen Gassen, deren gegenüberliegende Häuser ineinandergestürzt sind, als seien sie sich im Tod in die Arme gesunken, hat man durch Ziegelbarrieren abgesperrt. Wie von einem Zyklon an Land geschleuderte Wracks riesenhafter Dampfer liegen zerborstene Kirchen umher. Die ausgebrannten Türme der Kreuz- und der Hofkirche, des Rathauses und des Schlosses sehen aus wie gekappte Masten,.. An den Rändern der stundenweiten Wüste beginnen dann jene Stadtgebiete, deren Trümmer noch ein wenig Leben und Atem erlauben. Hier sieht es aus wie in anderen zerstörten Städten auch. Doch noch in den Villenvierteln am Großen Garten ist jedes, aber auch jedes Haus ausgebrannt…Die vielen Kasernen sind natürlich stehengeblieben! Hätte statt dessen nicht die Frauenkirche leben bleiben können? Oder das Dinglingerhaus am Jüden- hof? Oder das Coselpalais? Oder wenigstens einer der frühen Renaissance-Erker in der Schloßstraße? Nein. Es mußten die Kasernen sein! Eine der schönsten Städte der Welt wurde von einer längst besiegten Horde und ihren gewissenlosen militärischen Lakaien unverteidigt dem modernen Materialkrieg ausgeliefert. In der Nacht wurde die Stadt vom Erdboden verfügt. Nur die Kasernen, Gott sei Dank, die blieben heil!”

Was Kästner damals nicht wissen konnte: Es mußten die Kasernen sein, und die alten Bauten mußten sterben, weil die Ziele nicht nach ihrer militärischen Bedeutung, sondern nach ihrer Brennbarkeit ausgewählt worden waren.

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