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Auf Südslawiens Bastion

DER MARKIGE MARSCflGESANG. aus den Lautsprechern des Bahnhofes von Aßling bot aufrüttelnd „Guten Morgen“, als die Bremsen des Jugoslawien-Expreß knirschten. Die zackige Ermunterung, an Zeiten erinnernd, derer wir uns ungern entsinnen, bildete aber — das sei gleich vorweggenommen — weder eine direkte politische Propaganda noch (Und das hatte ich ja keinesfalls erwartet) eine Begrüßung der in die Föderative Volksrepublik Jugoslawien einreisenden Fremden. Es war vielmehr gerade der Tag, an dem das ganze Land den vierzigjährigen Bestand der Kommunistischen Partei Jugoslawiens feierte; schon am Abend zuvor waren mir in Llnterdrauburg und dann auf der Fahrt über Gutenstein und Prävali in dem einstens kärnt- nerischen Mießtal die blauweißroten Fahnen mit dem fünfzackigen Stern begegnet. Auf die Frage nach dem Grund der Beflaggung sagte eine Frau in Unterdrauburg in lapidarer Form: „Die

Partei." Während die Weisen im Viervierteltakt über den nahezu menschenleeren Bahnsteig von Aßling hallten, konnte man sich die Aufenthaltszeit mit dem Ausfüllen der „Carinska put- nička prijava“ (Zollerklärung für Reisende) vertreiben. „Schnell, schnell'', sagte dazu der im übrigen höfliche Zollbeamte auf deutsch, nachdem er sich erst serbokroatisch um die Sprache erkundigt hatte. Ja, da half eben nichts, man mußte, wollte man sorgfältig und ehrlich sein und die Gewißheit haben, alles Eingeführte unverzollt ausführen zu dürfen, den Koffer aufsperren und das Gedächtnis stützen. Vom Nebenabteil des im übrigen recht schwach besetzten Zuges kam ein deutsch radebrechender Bulgare mit dem Ersuchen, seine Zollerklärung auszufüllen. Was er mithabe? Er deutete nicht sehr optimistisch auf drei bis vier Koffer und Pappschachteln. „Was man braucht", sagte er. Ich bedauerte mit dem Hinweis auf die Unterschrift, die er dazu geben müsse. Beim Wiedererscheinen fl der- -Beamten,- -die meinen Photoapparart genau -ÜesähettJ rheb-sich nebenan dein hßftigersDisput. I Den Mann habe ich später nicht mehr gesehen.

DER SAGE NACH SOLL LAIBACH von Jason und den Argonauten begründet worden sein. Aber es ist sicherer, sich nicht so sehr an die Herren des Goldenen Vließes zu halten als an die Tatsache der keltisch-römischen Vergangenheit. Es gibt noch ein Stück Römermauer zu sehen, das vom Kastell Aemona erzählt. Der Platz hat viel Streit und Leid erlebt, von den Langobarden und den ihnen folgenden Hunnen bis zu den sich in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts ansiedelnden Slowenen, welche den Ort neu aufbauten und Ljubljana benannten, Ueber. die Zeiten der Windischen Mark, die Kolonisierung durch Freising, die Patriarchen von Aqu.ileja hinweg führt die bewegte Geschichte zu den Babenbergern, den Sponheimern, zu Ottokar II. von Böhmen und über ihn zu den Habsburgern, die im 13. Jahrhundert hier zur Herrschaft kamen. Der deutsche Name Laibach taucht erstmals in den Urkunden des 12. Jahrhunderts auf. Die Reihe der nicht nur heute üblichen Kongresse eröffnete in den Mauern Laibachs der Fürstentag Rudolf des Stifters im Jahre 1360. Späterhin hat es immer wieder Krieg, Not und Zerstörung gegeben, Türken und Franzosen (diese sogar dreimal) lösten einander ab. An die Franzosen und die vier Jahre, da Laibach die Hauptstadt der napoleo- nischen Provinz Illyrien war, scheint man sich gerne zu erinnern — siehe die Denkmäler. Es gibt natürlich nirgends mehr einen Doppeladler, vor allem den nicht, welchen die treuen Laibacher Bürger nach dem Abzug der napoleonischen Truppen, an die Zeit Karls VI. anknüpfend, auf der Front des Rathauses wieder angebracht hatten. Aber es soll, so sagte man mir, im Rathaussaal noch die Marmorstatue Karls VI. geben.

WOHIN MAN SAH an diesem Tage: überall wehte die jugoslawische Trikolore, aber auch das rote Fahnentuch mit Sichel und Hammer. Die von auswärts Kommenden wurden auf dem Bahnhof mit Musik empfangen, wenn sie nicht selbst ihre Kapelle mitbrachten. Die altösterreichische Tradition der Marschmusik war unverkennbar — auch in den (übrigens gut gemachten) revolutionären Märschen. Das Schmettern des Blechs und die dumpfen Paukenschläge, das Rasseln der Trommeln durchdrang mit Leichtigkeit die Doppelfenster meines Hotels in der

Miklošičeva cesta. Die Mienen der Menschen, unter die ich mich mischte, waren freundlich, oft heiter. Man lachte, winkte zu den Fenstern der Häuser und erwiderte Zurufe, die von den Gehwegen herkamen. Auf dem Trg revolueije (Revolutionsplatz), der vordem Platz der Republik und vor dem ersten Weltkrieg Kongreßplatz geheißen hat, auf diesem Raum, der sichtlich für repräsentative Gelegenheiten hergerichtet ist, ballten sich die vielen Tausenden mit ihren Transparenten zusammen. Zwischen der Universität (sie ist 1919 als slowenische Hochschule gegründet worden, geht aber auf die österreichische Gründung von 1596 zurück), dem Parlament und -dem Monument der Frauendemonstration: welches vielgestaltige Leben und welche Ordnung — ohne daß mehr als ein paar Polizisten zu sehen gewesen wären! Die Masse hörte die Reden, Männer, Frauen, Kinder — plötzlich ernst und in sich gekehrt. Als ein Mann rechter Hand von mir sich etwas laut einmal mit seinem Nachbar unterhielt, wurde er sofort von den Zunächststehenden zurechtgewiesen.

DAS GESICHT DER STADT, die sich zu Füßen des Schloßberges ausdehnt, ist wie das einer Münze doppelt geprägt. Viele Häuser — so gleich die meisten am Revolutionsplatz, in der Volfova, bei der Tromostovje, in der Prešernova ulica und jenseits der Ljubljanica — könnten ebenso irgendwo bei uns stehen. Die andere Seite der Münze zeigt sich bereits vor der Einfahrt in den Laibacher Bahnhof, weit draußen in den Vorstädten. Da stehen die neir emporgeschossenen Fabriken und die, wie es scheint, zur internationalen Konvention gewordenen Reihenwohnbauten. Im Stadtinnern treffen die Gegensätze oft unmittelbar aufeinander. So im Bereich des größten Hochhauses Jugoslawiens, des „Nebotičnik“.

VOR DEM ÜBERSCHREITEN DER GRENZE haben„ mir etliche Leute im Süden unseres

Festgenommenen, politisch Verdächtigten, von auf Windschutzscheiben aufgepinselten slowenischen Kampfparolen, ja sogar von aufgeschnit tenen Pneus erzählt. Manches davon dürfte Aufschnitt sein. Wohin man kommt, mit wem man spricht, ob mit Bahnorganen, Polizisten, Geschäftsleuten oder mit Menschen auf der Straße — überall wird man höflich behandelt. Eine deutsche Anfrage beantwortet man, auch wenn die Worte erst zusammengesucht .werden müssen, in gleicher Sprache. Natürlich erkennt der Slowene an einer slowenischen, serbokroatischen und selbst tschechischen Anrede sofort den Oesterreicher. Der Zeitungsverkäufer, bei dem ich nach Postmarken fragte, erkundigte sich, ob ich aus Wien käme, und bot österreichische Zeitungen an. Wenn es nur Linksblätter waren, lag es gewiß nicht an ihm.

In Laibach macht sich, der Kleidung nach, trotz des industriellen Aufschwungs der Einfluß der Landbevölkerung deutlich geltend. Es gibt wenig schlecht Gekleidete, ziemlich viele nach der neuesten Mode Orientierte. Die Preise unterscheiden sich zuweilen von den bei uns üblichen. In Wien, wo übrigens der Dinar amtlich nicht notiert, erhält man nach Maßgabe freier Beträge für einen Schilling 23 Dinar, in oįĮąaieiU Laut P fiyęrsęhj-jft vpn südslawischer Seite darf man nur 3000 Dinar in kleinen Noten (zu 50 und 100) mitbringen. Bei einem angenommenen Durchschnittskurs von 20

unterscheiden sich die Preise von den bei uns üblichen mitunter. So kostet ein Liter Milch 3 S, ein Kilogramm Brot 2.70, ein Kilogramm Rindfleisch 15, ein Mittagessen 10 bis 15 und die Uebernachtung im Hotel 20 bis 40 Schilling.

VORBEI AN DEN THEATERN. Im „Slovensko Narodno Gledališče Ljubljana“ steht der Name eines auch in Wien bekannten Dirigenten auf dem Plakat: Bogo Leskovich. Der Däne Kim Borg (an der Metropolitan) sang den Mephisto, „Aida“, „Hoffmanns Erzählungen“ und „Pröda na nevesta" (Die verkaufte Braut) waren ah- gekündigt. Das Schauspiel hatte Osborne auf dem Programm und kündigte Shakespeares „Heinrįch V." und Schillers „Don Carlos“ an. In den Buchhandlungen dominiert die politische und volkswirtschaftliche, aber auch technische Spezialliteratur. Deutsche Autoren (in Ueber- setzungen) sind selten zu sehen — und wenn, dann sind sie (auf dem Romansektor) nicht repräsentativ, sondern programmatisch: Kirst mit seinem „08/15“ etwa. Aber auch die Russen sind ziemlich rar. Wo ihre Namen auftauchen, sind "''et fa’st immer NaHten def" WäWftefäfur tPuschklifX" Buiihhandiwngen, ThieäWr fttfc’iftfti- zerte sind gut besucht. Neben Oper, Schauspiel und mehreren Sprechbühnen besitzt Laibach ein reich entwickeltes Musikleben. Das ist Tradition. Dem Volke Krains und damit vorweg den Slowenen ist immer der musikalische Sinn nachgerühmt worden. Hat es doch eine landschaftliche Musikschule schon im 16. Jahrhundert gegeben. Die Jesuiten errichteten in Laibach am 18. Juni 1652 eine Musikgesellschaft, und die Philharmonische Gesellschaft (deren Ehrenmitglieder Haydn und Beethoven waren) erstand schon 1702, rund 110 Jahre vor Wiens „Gesellschaft der Musikfreunde".

AUF DEM WEGE ZUM SCHLOSSBERG kam ich an der Domkirche vorüber. In dem mit schönen Fresken des Italieners Quagglia und mit Statuen von Francesco Robba gezierten Gotteshaus, dessen Raumwirkung überwältigt, war gerade eine Messe im Gange. Langhaus und Querschiff — es wurde an einem Altar des Querschiffs zelebriert — waren von Andächtigen stark besetzt. Seltsam, wie anders sich die gewohnten Gebete in der fremden Sprache anhörteri. Die Worte rollten wie Donner zu den' Wölbungen empor, von denen das Licht des wachsenden Tages noch nicht den dunklen Kirchenboden erreicht hatte. Mancher Kopf Betender lag auf dem Pult hinter hochgefalteten Händen. Die Gestalten verharrten wie erstarrt.

DAS SCHÖNSTE, WAS DER SCHLOSSBERG bietet, ist die Aussicht vom Turm des Kastells. Unterhalb der steilen Böschungen dehnt sich die Stadt aus, die 1890 nur 28.000 Einwohner zählte und es seither auf 150.000 gebracht hat, wellt mit den Giebeln, darüber Türme und moderne Hochbauten ragen, aus in die Ebene. Von Ost und West greifen Hügelketten herein. Den ganzen nördlichen Halbkreis bildet das Laibacher Feld — Bauernhäuser und Fakriken darein gebettet —, im Hintergrund aber steilt die Kette der Steineralpen, links davon ziehen die Karawanken auf, ganz nordwestlich die Julischen Alpen. Der sagenumwobene Triglav krönt sie, das Heim d s dreiköpfigen Gottes der altslawischen Mythologie. Beben haben von dort unheilvoll Land und Stadt erschüttert. Fest aber stand das Volk.

„Hrast se omaja ivi hrib, zvestoba Slovencev ne gerne.“

„Wankt auch Eiche und Berg,

Des Slowenen Treue, die wankt nicht.“

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