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Münchner Impressionen

Fristen, die in Jahrhunderten kaum einen Stein verrückten, formen heute das Bild der Städte. So ist es auch mit München. Nach mehrjährigem Aufenthalt und siebenjähriger Abwesenheit wieder auf Besuch, findet man, daß aus der einst behäbigen, gemütlichen lsarstadt eine brausende, hastende, völlig motorisierte Metropole geworden ist. Alle Eindrücke könnte man mit einem Wort ausdrücken: Großbaustelle München. Die Stadt steht vor der größten Bauaufgabe ihrer 800jährigen Geschichte. Ueberall Hände am Werk. Bagger, rote Ziegelberge, rotierende Mischer, Gerüste, Kreischen der Drehkräne, Krachen der Baggerschaufeln. Wie Saurier ragten die Turmkräne in den blauen Himmel. Neue Straßendurchbrüche sind entstanden. Die enorme Baulust bedarf eines Baudirigenten. Ihn sucht jetzt die Stadtverwaltung. Nördlich der Technischen Hochschule entsteht ein völlig neues Viertel.

93.000 Wohnungen sind errichtet werden, eine imposante Zahl. Unvermindert hält aber die Nachfrage an. Trumpf ist allenthalben die Fassade. Das brave, alte Fensterkreuz steht neben der schwenkbaren Scheibe. Vielfach sind die klaren Fronten durch Glastüren und Balkone aufgelockert. Mit ihrer roten, blauen und braunen Segeltuchbespannung, den buntgetupften Sonnenschirmen machen sie das Stadtbild heller, südlicher. Dafür stechen die Altbauten düsterer ab. Sehr oft liest man Adelsprädikate, die ein Teil des Namens sind, an den Haustüren. Die Stadtväter haben große Summen für den gärtnerischen Schmuck bewilligt. Wien ist parkreicher.

Manches, das die Bomben überdauerte, fiel der Spitzhacke zum Opfer: Die Fassade des Arco-Palais und die der Herzog-Max-Burg, das Palais Maffei. Unzählige Verwaltungsbauten. Beim Eingang große Aluminiumschilder und diskrete aus Messing: Aemter, Verbände, Kreise, Versicherungen, Ausdruck des wachsenden Apparates. Es nimmt aber nicht wunder, arbeiten doch beispielsweise auf Bundesebene 117 Blindenvereine, 48 europäische Verbände, 54 Flüchtlingsorganisationen, 26 Landsmannschaften, 84 Jugendverbände, 91 Gesundheitsorganisationen, 68 Kriegsopferverbände. Die Vereinigung derer, die etwas verloren haben. Paradoxon: die von menschlicher Problematik erfüllte Zeit bedarf der Mithilfe riesiger Organisationen, um zum Mitmenschen zu gelangen.

Die pompöse Ruine des Nationaltheaters liegt unter der Sonnenglast. Der Max-Josephs-Platz ist voll von parkenden Autos. Zwischen den Säulen der Ruine ist ein Spruchband gespannt. „Die Oper muß zum Jubiläumsjahr 1958 fertig sein.“ Die Freunde des Nationaltheaters werben. Allgemein zweifelt man den Termin an. Es gibt Kompetenzkonflikte, querschießende Instanzen, emsige Lemuren und scheelen Provinzneid. Ich begegne einer Gruppe von Negern, US-Soldaten mit Zivilerlaubnis, helle Schlägermützen, gelbkarierte Westen, enges Beinkleid, weiße Hemden, vielgestaltige Gesichter, Lippen oft wie graugestepptes Lcder. Fast ein Farbphoto aus dem Negermagazin „Ebony“. Wohin kamen die Vertriebenen mit ihrer Eigenart, ihren Dialekten, ihrem Brauchtum? Sie haben sich assimiliert, wurden hier zum „Homo oeconomicus“, sagte mir ein Funktionär mit einem Anflug von Bedauern. Tatsächlich scheint es, als habe sie der heiße Boden dieses „Melting pot“ aufgesogen wie den Gewittersturm, der nur einmal brausend niederschlägt und sich nicht erneut.

Der Autostrom ist ohne Unterbrechung. Auch hier muß der Fußgänger in die Erde. Der Tunnel wird einmal seine Promenade. An jeder Kreuzung der farbige Dreiklang der Ampeln. Es gibt Ampeln, so an der Ludwigsstraße, die der Fußgänger bedienen kann. Ein Knopfdruck, und der gewaltige Strom teilt sich, Durchlaß gewährend wie Moses und den Seinen. Die Regelung geschieht öfter nach dem Prinzip der „grünen Welle“. Die Fahrfolge ist Scheinwerfer an Schlußlicht. Kotflügel an Kotflügel zieht vorbei. Sonntag abends staut sich die heimfahrende Flut von Starnberg bis München in geschlossener Kolonne. Die „weißen Mäuse“ sind wachsam, dennoch zählte München 1955 11.381 Verletzte. 254 Tote. (Wien fast ebensoviel: 11.165 Verletzte, 160 Tote.)

Die Ludwig-Maximilians-Universität imponiert allein schon architektonisch. Verlockend ihr erdrückendes Angebot an Wissen und Wissensvermittlung. Auf den Rändern der Brunnen am Geschwister-Scholl- und Professor-Kurt-Hubcr-Platz sitzen die Studenten zwischen den

Vorlesungen. Semesterbeginn. Nach Fakultäten geordnet sind an Tafeln die Vorlesungen angezeigt. Geschiebe, Kommen und Gehen. Ich zähle 63 Autos, 75 Roller und Motorräder, wohl über 500 Fahrräder. Mehr als 8000 Studenten sind immatrikuliert. Lernfrohe Jugend. Schlack-sige Nordamerikaner in roten Würfelhemden, Exoten mit langen, gelben Schuhen, unendlich zart und weich, olivenfarbene Levantiner mit zigeunerhaften Koteletten, ein wehmütiger Filzhut dazwischen. Das harte norddeutsche Idiom überwiegt. Zahlreich die weiblichen Studenten, wohlgekleidet, gutgewachsen. Lautes Begrüßen alter Freundespaare, dann und wann dröhnendes Gelächter. Der gefäibte Waffenrock ist längst Vergangenheit. Es ist wieder das echte, reiche studentische Leben,

In München ließ es sich gut leben, besonders in den zwanziger Jahren. In der Gegend um die Universität gab es reichlich zu essen für 80 Pfennig. Gegen Monatsende mußten es auch ein Rettich und ein paar „römische Weckerin“ mit Butter tun. Aber auch das war — mit einem Maß Bier — nicht von der Hand zu weisen. Essen ist heute wesentlich teurer, ebenso die „Buden“. Die Zimmer waren auch zu Beginn der dreißiger Jahre erschwinglich, sie kosteten zwischen 25 und 40 Mark. Heute zwischen 45 und 90 D-Mark. Trotz allgemeinem Wohlstand gibt es viele, die im Schatten leben. Auch Studenten.

Ich sitze wie vor Jahren im großen Hörsaal. Franz Schnabel liest über Verfassungsgeschichte. Mehr als 700 Hörer, manche lehnen an der Wand. Es ist entsetzlich heiß. Jeder weiß, wie es anfangs zugeht. Die Seminare, Büchereien und Institutionen, deren Aufgabe es ist, dem akademischen Getriebe Ernsthaftigkeit zu verleihen, gewinnen für den Neuling selten greifbare Gestalt. Man fragt sich erst durch. Lok-kende Angebote bekannter Tinnen stehen am schwarzen Brett der Betriebswirte. Juristen ziehen das Repetitorium, „Paukkurs“ genannt, der trockenen Vorlesung vor. In München wird nicht testiert. Rationale Zweckhaftigkeit scheint auch hier das Studium, sehr zum Leidwesen der Rektorenkonferenz, zu bestimmen. Gibt es noch besinnliche Stunden im Hörsaal oder einen stillen Nachmittag im fließenden Licht einer alten Bibliothek? Vielleicht bei den Turkologen, den Byzantinern, den Sinologen, wo das Verhältnis Professor-Hörer oft 1:9 ist.

Das alte Schwabing, das Künstlerviertel (von dem man sagte, es sei kein Ort, sondern ein Zustand) ist nicht mehr. Seine Originale, seine Kneipen, seine Ateliers sind dahin. Ein hektischer, gemachter Betrieb trat an dessen Stelle. Maler im Mercedes — das ist Schwabings Tod. Nur ein kleines Viertel erkennt man wieder. Gleich hinter der Universität. Die Amalienstraße und ein Teil der Türkenstraße. Kleine Geschäfte gibt es da, alte Läden, Friseure ohne Neonlicht, alte Wirtschaften, eine Katze beim Eingang, Trinkstuben voll anheimelnder Rückständigkeit, die Dauer im Wandel zumindest vortäuscht. Nur vortäuscht, denn aus dem Lautsprecher tönte beim Vorübergehen der Schunkelwalzer: „Es geht immer glatter, glatter, glatter...“

Die Prinzregentenstraße ist von ärarischen Bauten gesäumt. Links liegt wie ein Klotz das von Hitler hingestellte Haus der Kunst. Dafür . entschädigt die von Gabriel von Seidel mit soviel baukünstlerischem Anstand aufgeführte Treppenarchitektur am Friedensengel, ein entzückender Point de Vue, jenseits der Isar. Im Nationalmuseum liegt das grüne Album des Malers Faber du Faur, der als Württemberger den russischen Feldzug 1812 mitmachte. Er malte die berühmten 100 Aquarelle des Vormarsches und Rückzuges. Eine einzigartige Aussage über den Untergang der Großen Armee.

Im Englischen Garten mit der schier uferlosen Weite seiner Wiesen scheint die Stadt in wonnigster Uebereinstimmung mit sich selbst zu sein. Im steinernen Kosmos, inmitten knatternd-motorisierter Lebensfreude liegt ein echtes Stück Land. Der Chinesische Turm lugt zwischen Baumkronen hindurch. Den Sendlingertorplatz erkennt man kaum wieder. Die neuerbaute evangelische Kirche überragt ihn, ein kühner Bau aus Glas und Stahlbeton. In einem Wandkasten die Worte Bergsorfs: „Die Menschheit seufzt, halb zermalmt, unter der Last der Fortschritte, die sie gemacht hat.“ Darunter: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Joh. 15/5.

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