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Jugoslawisches Kaleidoskop

DER ANBRECHENDE MORGEN hält den Saum des Zagreber Tomislav-Platzes bei den Zipfeln. Obwohl der Verkehr noch in dünnen Gerinnseln dahinpulsiert, beweisen schon ausländische Kennzeichen die auf Hochtouren laufende Reisesaison.

Ein kurzer Blick auf die Uhr genügt, um sich der hektisch eilenden Zeit bewußt zu werden. Schon ist die Portion Djuvec hinuntergeschlungen, und gleich wirbelt einen der Menschensog aus dem Bahnhofsrestaurant in den Trubel des Starcevicev trg, wo bereits die akustischen Signale der zur Abfahrt mahnenden Autobusse in allen Tonlagen über den ölschimmemden Asphalt gellen. In langen, verschiedenfarbigen Reihen stehen sie hier gruppiert, um ihre Fahrgäste in alle Richtungen der serbokroatischen Windrose zu tragen. Ich entzifferte über einer Windschutzscheibe die Aufschrift „Zagreb — Banja Luka“.

Der Chauffeur reißt mir mit einem zuvorkommenden „is gefällig“ den Koffer aus der Hand und schleudert ihn auf den Holzrost am Autobusdach, wo er vom Mitfahrer mit anderen Gepäckstücken festgeschnallt wird. Der Schlag peitscht zu, der Motor ringt asthmatisch nach Luft, und auf einmal sind Bahnhofsplatz, Altstadt und die goldenen Dachreiter der Kathedrale im Strudel der Neubauten, Gerüste und aufgerissenen Straßenzüge versunken.

Träge ziehen die Stunden dahin. Endlich ein Rasthaus am Ufer der großen Straße: Novska. Das Fauchen der Espressomaschinen vermischt sich mit dem Ventiltrieb der vorbeijagenden Autos.

Aber bald liegt auch Bosanska Gradiska hinter uns, und Banja Luka, die Stadt der Vesire und mittelalterliche Residenz der bosnischen Paschas, stößt gleich einer bannenden Magnetnadel den mahnenden Mina-retturm der alten Ferhat-Pascha-Moschee in den blauen Himmel. Hier, 184 Kilometer nach Zagreb, betritt man, südwärts reisend, die Propyläen zum Orient.

Hinter der Stadt beginnt, eng, düster und staubig, der romantikumwitterte Durchbruch der Dohna Vrbasa nach der alten bosnischen Königsstadt Jajce. Hart an den Fhiß-lauf geschmiegt, tastet sich die Straße durch die ständig wechselnden Räuberkulissen der Berge.

Bergdohlenschwärme wogen melancholisch um verfallene, aus schwindelerregender Höhe niederblickende Burgruinen, die vom dahingewelkten Glanz kroatischer Herzogsgeschlechter erzählen. Einen ganzen Nachmittag durchrattert der pensionsreife Autobus eine wildbewegte Felsenszenerie. Endlich tauchen aus den ziehenden Flußnebeln die hölzernen Wassermühlen an der Pliva.

KAUM IST UNSER ALTER BLECHKASTEN im Labyrinth der winkeligen Gassen zum langersehnten Stillstand gekommen, fällt auch schon das Geschrei des lärmumtobten Wochenmarktes über ihn her. Es ist, als ob die wilden, grünen Strudel der Vrbas durch die Häuser kämen, so lebensgefährlich ist das Gedränge der Menge.

Das faszinierende Bild eines plötzlich zium Leben erweckten orientalischen Marktes bietet sich dar: Verwegen aussehende Bauern, die Schafpelze mit bunten Lederborten verziert, schleppen an langen Holzstangen frisch geschlachtete Ferkel durch das unentwirrbare Menschenknäuel. Männer mit Turbanen, Frauen in Pluderhosen, Soldaten, Ausrufer, Hirten von der Plandna, alle zusammengeströmt aus dem weiten Umkreis von Prijedor bis Mostar, debattieren, lachen, handeln und werden unentwegt fortgetrieben vom lebendigen Strom der Massen.

Schroff und kantig ist die Physiognomie der Bergsilhouetten, die die einseitige Herzkammer der bosnischen Täler beschirmt. In den grünen Gängen der Weinberge beweist ein vor wenigen Jahrzehnten erst entdecktes Mithräum, daß sich hier bereits ein römisches Militärlager befunden hat: ein Andenken der siegreichen Legionen aus den Feldzügen in Kleinasien. Unter diesem Himmel erfüllte sich auch das Geschick des letzten bosnischen Königs, Stefan Tomasevic, der 1463hier von den Türken enthauptet wurde. Obwohl ein Jahr später Matthias Corvinus da war, eroberte Husrev Beg erst nach der Schlacht bei Mohäcs die Stadt endgültig für die Fahne des Propheten. In diesen Mauern wurde auch am 29. November 1943 der Grundstein des neuen Jugoslawien gelegt.

LICHT, BLAU UND DUFTEND fällt der Abend auf das „Turist-Hotel“. Wie Sterne glühen Lichter und Laternen aus dem violetten Talgrund. Das Murmeln der Pliva klingt verschlafen in die Nacht.

Ein zorniges Autohorn stößt einen gellenden Schrei in den frostigen Morgen. Weiter geht es, dem Süden zu.

Der Verkehr ist schütter. Schwere Lastwagen keuchen längs der Galerien der Vrbas und Una und bohren die kantigen Profile ihrer tonnenschwer belasteten Reifen in den sandigen Leib der steigenden Paßstraßen. Plötzlich wogen die Flanken der Jahorina und Romania auseinander und öffnen ihre steinernen Zangen zu einem riesigen Amphitheater. Wie ein Zwirn durch das Nadelöhr schlüpft die Miljacka mit der Straße durch eine Schluchtmündung in die schicksalhafte Stadt Sarajewo. Schon leuchten die grünen Kuppeln der Moscheen wie schillernde Wasserblasen über dem bizarren, rostbraunen Wellenspiel der Dachfirste. Auf breiten, modernen Boulevards gleiten wir im dämmrigen Schatten der riesigen Pyramidenpappeln an großzügig angelegten Gartenanlagen vorüber. Aber auf einmal sind die prunkenden Auslagen der Tourdstengeschäfte und die Portale der Ausländerhotels verschwunden, und das Auge vergangener Jahrhunderte öffnet seine unzerstörbare Iris. Da flammt aus den romantischen Gäßchen eine Palisadenmauer schlanker Minarette wie eine zum Himmel zuckende Wolke von Pfeilen, da beginnt ein gegenseitiges Ineinanderwachsen und Sichverstricken zweier Zeitalter und zweier verschiedener Kulturen.

Ich gehe durch die Bascarsija, den alten, türkischen Geschäftsteil der Stadt, durch die schmalen, krummen Gassen mit den orientalischen Werkstätten und Magazinen. Aus dem Kazandziluk, wo die Gewerbe nach ihrer Zunft geordnet nebeneinander liegen, klingt das Hämmern der Kupfertreiber, die über ihren Filigranarbeiten sitzen. Mit weit ausgebreiteten Händen, einem riesigen Nachtfalter gleich, ruft vom Minarett der Husrev-Beg-Moschee der Muezzin die Gläubigen zum Gebet: La Allah illa Allah ...

Nach dem Mittagessen im „Bagrem“ entfliehen wir in einer Gondel der Drahtseilbahn dem Lärm der Straßen auf den Trebevic. Von der Terrasse des Restaurants vermag man mit einem Blick fast die ganze Stadt zu umfassen: Eine Springflut zementweißer Hochhäuser und Fabriken, die gegen den zusammengedrängten, historischen Stadtkern brandet. Moscheen, Minarette — eine bildgewordene Erzählung aus längst vergangenen Zeiten.Da fällt mein Blick auf die Princip-Brücke. 28. Juni 1914 ...

AUF DIE MINUTE GENAU hebt die JAT-Maschine vom Boden ab. Die Berge glühen im brennenden Rot, und nur auf der Bjelasnica glänzen vereinzelte silberne Schneelöcher. Wir fliegen jenseits von Dobre Vöde das Felsenbett der Drina aufwärts, bis die wilde, unwegsame Tara auftaucht.

Tief unter uns kämpfen die Wogen eines versteinerten Ozeans ihre ewige Schlacht. Märchenhaft öffnet sich das Panorama der schwarzen Berge. Windgemeißelte Türme und sturmumtobte Pässe heben sich aus der zerrissenen Landkarte der Gebirge. In der hitzeflirrenden Ferne ist der Skutarisee ein blauer Gedankenstrich inmitten grauer Felsmauern. Schon schweben wir der Landebahn zu. Olivenhänge verdoppeln ihre optische Dimension, wie nachtschwarze Engel schießen Zypressen aus dem Boden. Zum Greifen nahe kommen schneeweiße Häuser. Dann rollt die Maschine dem Abfertigungsgebäude zu, und wir betreten über den Gangway den Boden Titograds.

Auf den Grundmauern der Stadt Podgorica, die im zweiten Weltkrieg nach schrecklichen Luftangriffen vollkommen zerstört wurde, ist die neue montenegrische Metropole aufgebaut worden. — Moderne Architektur allenthalben, Flachdächer, eine gewaltige Betonbrücke, die sich über die grünliche Moraca spannt. ★

EIN SILBERNER SPIEGEL LEUCHTET im Westen auf: die unendliche Weite des Adriatischen Meeres. Immer steiler schrauben sich die Serpentinen der Straße in den Felskamin hinab. Nach der zweiundvierzigsten, von Centinje aus gerechneten Kurve rollen wir dann durch das Tor des Gurdic in die Seestadt Kotor.

Kulissen einer mittelländischen Stadt schieben sich vorbei. Enge, krumme Gassen, kleine, unregelmäßige Plätze, Häuser verschiedenster Stilrichtung. Der Hauptmarkt, der Waflenplatz mit dem Stadtturm, die Kathedrale des heiligen Triphan. Heiße, menschenleere Straßen. Neben den Palästen der alten Kapitäne, die seit dem neunten Jahrhundert in der Bruderschaft der Seemänner zusammengeschlossen waren und die gemeinsam ihren Kolo tanzten, zwischen spätgotischen Schwibbogen plötzlich ein verschlafener kleiner Platz. Unversehens steht der Besucher vor dem zweistöckigen, versonnen wirkenden Palais Grgurina, welches in seinen Mauern das traditionsreiche Marinemuseum birgt.

Der Klang einer Glocke schwingt in den armbreiten Gäßchen, und der Blick wandert durch das Tor zum Fluß, das Mahnmal an den Sieg über die Flotte des Hajredin Barbarossa, hinaus auf die ruhige Wasserfläche, auf deren Wellen vor einem halben Jahrhundert noch die Geschwader der österreichischen Marine vor Anker lagen. Hier war der südlichste Kriegshafen der Monarchie, von See aus unangreifbar, von Natur aus mit besonderer Schönheit bedacht.

Passiert man, vom Meer her kommend, die mit alten Sperrforts besetzte Einfahrt, so öffnet sich nach einigen Schären und kleineren Fjorden ein großes Becken, das sich im Hintergrund wieder verengt, um zwischen dicht aneinandergerückten Bergwänden den Durchlaß zu einer zweiten Bucht zu öffnen. Zum drittenmal schieben sich die Felsen aneinander, und das Fahrwasser wird so schmal, daß man diese Stelle, „Cantene“ genannt, im Mittelalter durch Ketten absperren konnte. Erst jetzt öffnet sich die Bucht. Zwischen den Felsmauern strahlt das Wasser, von unvorstellbarer Bläue. Alte, kleine Städtchen hocken am Ufer. Verfallene venezianische Palazzi, Piratennester, Kirchen und Klosterinseln, umflammt von schwarzen Zypressenhainen.

STUNDEN SPÄTER STREIFT DIE BORDWAND der „Lastovo“ beinahe den Steilabfali der Festung Lovrjenac, das Schiff schlägt einen eleganten Bogen um die Halbinsel Lapad und läßt wenige Minuten darauf die Ankerketten in den Hafengrund von Graz donnern. Der Himmel flattert wie eine seidigblaue Fahne über dem elfenbeinschimmernden Minceta-Turm. Im schattigen Graben der Ravelins stehen die Maultiere der Bauern angepflockt und durchfächeln mit ihren langen Ohren die lästig schwärmenden Fliegenwolken.

Palast reiht sich neben Palast, jeder Stein eine Erzählung aus der langen Historie der Ragusaner Republik, in deren Flagge durch lange Jahrhunderte das stolze Motto „Libertas“ wehte. „Non bene pro toto libertas venditur auro.“ Es hätte allerdings der mahnenden Worte kaum bedurft, um die Entschlossenheit, die Freiheit um alles Gold nicht zu verkaufen, der Welt ins Gedächtnis zu prägen, denn nahezu unbezwingbar waren diese Wälle.

So hat jedes Haus seine eigene Geschichte: Der Rektorenpalast, die Sponza, das Collegium Ragusdnum, die Rolandssäule, der Stadtturm mit seinen Bronzestatuen, die die Stunden anschlagen.

Wenn man auf dem Berge Srd steht, liegt einem Dubrovnik wie ein aufgeschlagener Stadtplan zu Füßen. Lokrum sonnt sich wie ein funkelnder Smaragd unter der Küste.

Unser Schiff steuert an Mljet und der Halbinsel Peljesac vorbei in den Korculanski-Kanal. Der Himmel hat alle Schleusen geöffnet. Backbord gleitet das dalmatinische Madeira — Korcula, die Geburtsstadt Marco Polos — Ihenain.

DAS ALTE SPALATO IST EINE STADT voller Winkel und Bogengänge, voll von romainitischen alten Häusern und Brunnen.

Zahllose Stufen führen hinauf zu den betonierten Promenadewegen des Marjan-Berges. — Da liegt der betriebsame Hafen mit den vielen Dampfern, da glänzt das tintenblaue Meer mit den schneeweißen Segelboten. Aus dem verschlafenen antiken Küstenort ist längst eine Stadt mit 106.000 Einwohnern geworden.

Jenseits der Bastei erstrecken sich, ohne die Altstadt zu belästigen, die neugebauteh Wohnkolonien bis nach Solin.

Der Wind trägt das Knattern der Niethämmer von den Werften herüber, als würde er den Beweis erbringen wollen, daß hier seit Jahrtausenden bereits die Schiffsbautradition eine Heimstätte besitzt.

Aus dem Herzen der Stadt ragt die schönste romanische Kirche Südosteuropas, das Meisterwerk des kroatischen Steinmetz Radovan. Der Blick verliert sich in einem Gewirr von steinernen Blättern und Ästen, sieht Jäger, die mit schußberedtem Bogen dem Betrachter entgegentreten, und verharrt voll Bewunderung auf den Figuren eisengepanzerter Ritter und den zornigen Löwen, deren furchtbare Pranken den Vogel Greif niederhalten.

Einer Krone gleich schwebt der Turm der Kathedrale über den Dächern der Häuser, deren Mauern in geschlossener Einheit noch immer das getreue Abbild einer mittelalterlichen Stadt widerspiegeln. Der Weg durch die verträumten Gassen wird eine ununterbrochene Folge von Begegnungen mit der Vergangenheit. Die engen Höfe der Klöster und die Front der venezianischen Paläste, die den Kirchenplatz umstehen, erzählen heute noch von den abenteuerlichen Schicksalen vieler Generationen.

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