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Wo die Jugend regiert

DAS GEWÄHRBUCH VON LIECHTENSTEIN, der Burg bei Mödling, nennt den Ort Gießhübel im Jahre 1413. Im Jahre 14J1 empfing Margarete Ludmanstorferin die Gewähr eines Hauses am Gießhübel. Die daranschließende Rotte Hochleiten wird als Ried 1292, als Siedlung 1453 genannt (Hohenleiten). Die Gegend ist den Wienern wohlbekannt. Von Brunn am Gebirge und Maria-Enzersdorf flutet jeden Sonntag in der schönen Jahreszeit ein Strom von Ausflüglern bergwärts, über den hochgelegenen Ort Gießhübel in die Brühl. Jetzt ist es sehr still dort. In der Franz-Keim-Gasse begegnet man, von der Straßenbahn kommend, kaum zwei bis drei Fußgängern, und weiter oben, wo die Franz-Keim-Gasse in die Barm- hartstalstraße übergeht und sich zu einem Weglein zwischen Weingärten verschmälert, ist es so einsam wie kaum irgendwo in der Nähe Wiens. Hochleiten ist nicht zu verfehlen. Denn immer steht das rote Satteldach der Kirche in den blaßblauen Himmel geschnitten vor dem Wanderer, der westwärts strebt. Links neben der Kirche tauchen schmucke, niedrige Landhäuser auf, und wenn man die Höhe des Bergrückens gewonnen hat, sieht man zwar einen Drahtmaschenzaun — aber das Osttor des Jungarbeiterdorfes ist ebenso weit geöffnet wie jenes gegen Süden, durch das wir später die Siedlung verlassen. Kein Hofhund bellt. Niemand ruft uns an. Neben der Kirche, die sowohl den Katholiken wie den Protestanten dient, flattert im Winde des späten Winternachmittags eine Flagge, die man vergebens in den Lexika suchen würde. Diese Fahne ist in vier gleiche Rechtecke geteilt. Links oben am Flaggenstock ein blaues Viertel, darunter rot, neben diesem roten Eck die Farbe schwarz und darüber, im rechten oberen Viertel, die österreichischen Staatsfarben. In der Mitte, die Gevierte zusammenbindend, ein Zahnrad.

DAS ZAHNRAD BEDEUTET DIE ARBEIT, so erklärt uns der blonde Detlev, der in hohen, verkoteten Stiefeln von den "Wirtschaftsgebäuden hergekommen jst. „Die blaue Farbe", so erklärt uns der Achtzehnjährige weiter, „ist die Treue, schwarz die Tfäuerum die Toten der Arbeit, das Rot haben wir immer als Feuer und Kraft gedeutet, auszuhalten, auch wenn’s einmal recht dreckig steht und die anderen davonrennen — nun, und die Farben rotweißrot gehören ja in diese Fahne."

Was er sich denn wünsche, wollen wir wissen. Detlev denkt lange nach. Er erzählt, daß er Elektrotechnik gelernt habe, seit einem halben Jahre hier in Hochleiten sei, von der Fürsorge hergeschickt (denn er hat keine Eltern). Am liebsten würde er freilich weder ein Hilfsarbeiter sein noch Elektroaußenarbeiten machen, sondern Matrose werden und das Meer sehen. „Das Dorf ist gut“, sagt er noch und schaut über die

Ziegeldächer. „Am wohlsten fühlen sich hier die, welche aus den Bundesländer kommen oder die, welche Angehörige drinnen in Wien haben, die sie besuchen können. Ich bin mehr allein und warte jetzt auf Arbeit. Aber ganz allein ist hier niemand.“

GANZ ALLEIN IST NIEMAND. Das Jungarbeiterdorf Hochleiten ist wohl eines der seltsamsten Siedlungen der Welt. Tagsüber ist sie so gut wie menschenleer, am Spätnachmittag hallen Stimmen aus den Fenstern, blinken Lichter auf, knattern Mopeds die steile Straße von Brunn herauf, riecht es nach Küche, und später dann, wenn im Westen mit Ocker und Karmin die Sonne hinter den Waldbergen versunken ist, gehen Burschen mit Leseheften, Büchern, Spielen, Werkzeugen zwischen den Häusern umher, und wieder ein wenig später kann man da und dort aus den Fenstern, oft aus einem dunkel gebliebenen Giebel eine Mundharmonika hören. In Hochleiten ist im übrigen alles wie in einem anderen Dorf. Neben den Wohnhäusern steht die Kirthe, ein schmucker, schlicht und eben deswegen ein an das Herz rührender Bau;

gibt es ein Rathaus, ein Postamt, gibt es Dorffeuerwehr und Dorfmusikkapelle und natürlich Sportvereine. Dieses Hochleiten ist ein Selbstverwaltungskörper. Es gibt eine „Regierung“ und es gibt den dazugehörigen „Kanzler“ und die „Ressortminister", aber sie sind keine Repräsentanten von Parteien, und es gibt daher keine persönliche Gegnerschaft. Das Wohl der Gesamtheit wird fortwährend mit den Forderungen der Persönlichkeit abgestimmt. Einer für alle, alle für einen.

EINER FÜR ALLE. Als im Jahre 1946, in der Düsternis des Nachkriegs-Wien, fünf Heim kehrer ein von Bomben verwüstetes Haus der Innenstadt betraten und dort, während in dunklen Ecken, in Durchhäusern, obskuren Lokalen Schleichhandel betrieben wurde und die Währungseinheit „Chesterfield“ hieß, das erste Jungarbeiterinternat eröffneten, hatten die Heimkehrer weder die Ahnung noch die Hoffnung, daß bloß zehn Jahre später die Jungarbeiter über die tausend zählen würden, Jungarbeiter, deren Ziel nicht schnelles Reichwerden, sondern solide fachliche Ausbildung und vor allem ein wohnliches Dasein hieß. Einer dieser fünf Heimkehrer war der spätere Präsident der Oesterreichischen Jungarbeiterbewegung, der jetzige pädagogische überleitet Doktor Bruno Buchwieser. Ihm schwebte damals nichts weiter vor, als Wohnraum für die jungen, arbeitenden Menschen zu schaffen, sie nicht in den Asylen, nicht als Untermieter, die man ausbeutet, dahinvegetieren zu lassen. Doktor Buchwieser und die anderen vier sahen damals schon voraus, was jetzt durch die Spalten der Tageszeitungen geistert, Stoff für Dutzende von Filmen, Bücher und öffentliche Diskussionen abgibt: daß die Nachwehen des Krieges, die mangelnde Erziehung der zumeist vaterlos Heranwachsenden, deren Mutter verdienen gehen mußte, die tristen Wohnzustände der Großstadt zu Einzeltragödien führen mußten, die mit dem Wachsen zu Familienlockerung und Ehezerstörung zuletzt das Staatswesen erschüttern konnten — wenn man den jungen Arbeitern kein Ziel weist, für das es sich lohnt, zu wirken, wenn man nur mit dem Geldbeutel klimpert und damit das Pochen des Herzens übertönt.

DAS POCHEN DES HERZENS verstummte nicht in den dunklen Tagen damals. Die Schar derer, die Ruhe und Frieden suchten, wuchs. Die ersten Anmeldungen kamen von auswärts, und bald reichte das erste Jungarbeiterinternat nicht mehr aus. Man mußte daran denken, weitere Unterkünfte zu schaffen. Das war leicht gesagt. Als die Besatzungsmacht das Gut Perlhof in Hochleiten bei Gießhübel freigab, bot . sich für Dr. Buchwieser die Möglichkeit, Wohnraum zu schaffen, der zudem ein wirtschaftlicher

Versorgungskörper, eine organisierte Selbstverwaltung sein konnte. Ein Dorf für Jungarbeiter, ohne Rücksicht auf ihre politische Gesinnung, a(if die Konfession, auf die persönliche, schicksalsbedingte Herkunft. Der arbeitende Mensch, der produktiv schaffende Jugendliche, der her- anwachsende Staatsbürger — das sahen die Männer vor sich, die damals sorgen mußten, woher das Geld für diese schönen Ideen herkomme. Weder die Gewerkschaften noch die Arbeiterkammer konnten sich recht für diese Sache begeistern, obschon sie alle die Notwendigkeit von Jungarbeiterinternaten anerkannten. Im Jahre 1951 entschloß sich dann die Kammer der Geyerblichen Wirtschaft zur Finanzierung des Projekts, und ein Jahr später standen die ersten Häuser auf dem Südosthang der Hochleiten. Absichtlich hatte man verzichtet, einen großen Wohnblock zu bauen, der zweifellos billiger gekommen wäre. Aber das Ziel wurde unverrückt festgehalten, den Jugendlichen ein Abbild der grundlegenden Lebensform der Familie zu bieten, und diese Form konnte nur in den organischen Zellen der Einzelhäuser heranwachsen. y

LERNEN UND WACHSEN. In Merksätzen, die wir auf einer Tafel in einem der acht Häuser für die 200 Jungarbeiter lesen, sind die „Pflichten der Jungarbeiter“ zpsammengefaßt. Dort heißt es unter anderem: daß der Jungarbeiter Ehrfurcht vor Gott und den Menschen hat, weil er Gottes Ebenbild ist; daß er sein Vaterland liebt auch in den Tagen der Not und Gefahr; daß er ein guter Kamerad aller Arbeiter ist, selbstbewußt und stolz auf sein handwerkliches Können, um berufliches Weiterkommen stets bemüht, aufgeschlossen für jede Bildungsmöglichkeit in religiöser, geistiger und körperlicher Hinsicht; daß der Jungarbeiter für den sozialen Fortschritt kämpfe und ein Mann des guten Willens sei, der jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen habe. Der Erziehungsleiter Erich Dungl, den wir gerade bei der abendlichen Postexpedition treffen, hebt die in den Merksätzen und der Dorforganisation zum Ausdruck kommenden pädagogischen G’undsätze Dr. Buch- wiesers hervor, die sich durchweg bewährten. Jedem Hause steht ein „Hausvater“ vor, der auf der Grundlage der Menschenbildung die Sprache von Mensch zu Mensch beherrscht. Die aus den Dorfbewohnern gebildete „Regierung“ mit „Kanzler“ (den Dr. Buchwieser ernennt) und „Ministem“ (für Finanzen ebenso wie — einzig freilich in einem Regierungswesen — für Wäschewesen) tagt im Rathause. Jeder Dorfbewohner hat das Recht, Vorschläge für die Verbesserung des Gemeinwesens vorzubringen, er kann öffentlich Kritik üben, muß aber zugleich angeben, wie er sich die Beseitigung des Gerügten und die Verbesserung denkt. Das Alter der hier Wohnenden reicht von 14 bis 19 Jahren. Es ist indes ein schönes Zeichen für das Dorf, daß Burschen, welche schon die Gesellenprüfung gemacht haben, im Dorfe bleiben, weil sie nicht fortwollen, weil sie sich in der Gemeinschaft eingelebt haben. Diesen jungen Menschen stehen Maschinen, Werkstättenleiter ebenso zur Verfügung wie Bildungsmittel. Eine Bibliothek von 2000 Bänden, unter- haltlich und fachlich immer auf dem neuesten Stand gehalten, wird viel besucht. Es ist dem, der aus der tobenden Großstadt kommt, dem, der einer älteren Generation angehört, mitunter zumute, als lebte er in einer anderen Zeit. y

IN EINER ANDEREN ZEIT werden diese Jungarbeiter einmal leben. Wir gehen, indes die Dunkelheit eingebrochen ist, durch das Südtor. Hier oben, auf Hochleiten, ist alles klar. Gegen Norden und Osten zu, wo sich das Häusermeer von Wien breitet, funkeln die Lichter auf, aber sie zittern im Dunste, der wie eine gewaltige pechige Wolke über dem Wiener Becken liegt.

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