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Zaungste des Lebens

Heidestraße 2. Das klingt poetisch. Setzt man hinzu: Wien XI — dann weiß der Wiener ungefähr, was ihn erwartet, wenn er die Seltenheitswert genießende Straßenbahnlinie 106 an der Ecke Simmeringer Hauptstraße und Krausegasse besteigt, mit der hauptsächlich die Arbeiter des E-Werks, des Gaswerks und einer Email fabrik zur Schicht fahren. Setzt man darüber: Winter, setzt man hinzu Wind und Nässe und die Planlosigkeit der PeripHerle — dann hat man den Rahmen. Die Straße läuft zwischen verlorenen Häusern und abbröckelnden Feuerwänden und Hinterhöfen durch, untersetzt einen Bahndamm, der zur Linken bleibt, und dann steht man unvermittelt wie vor einem Militärlager — nein, das wäre zu freundlich —, wie vor einem Häftlingslager. Es fehlt weder der Drahtzaun noch der Stacheldraht. Man stolpert über ein Feldbahngeleise und steht dann mitten in dem größten Flüchtlingslager, das Wien — zehn Jahre nach Kriegsende — noch besitzt. Es ist eines der vier sogenannten Bundeslager, die von der Gemeinde Wien verwaltet werden; die Verwaltungskanzlei hat eine eigene Baracke . .. *

Das Lager Heidestraße beherbergt 784 Personen. Die Bevölkerung besteht - wie jene in den Lagern V. Am Hundsturm 18; XVI, Speckbachergasse 48* und XIV, Bergmillergasse 12, die ihrerseits zusammen 606 Bewohner zählen — meistens aus deutschsprachigen Flüchtlingen Jugoslawiens, Rumäniens, Ungarns und der Tschechoslowakei. Von den insgesamt 1444 Personen (309 davon sind Kinder bis zum vierzehnten Lebensjahre) haben bereits 963 die österreichische Staatsbürgerschaft erworben. Es sind also in der Mehrzahl Oesterreicher, die so hausen, wie die Insassen der Baracke Nummer 27, die wir aufs.Geratewohl betreten; etwas mißtrauisch betrachtet — denn Kontrollen und Ermittlungen aller Art reißen kaum ab. Da haben wir Frau Magdalena, 27 Jahre alt, vier Kinder und schwanger. Die Fürsorgeunterstützung wurde ihr entzogen. Begründung: die Frau könnte noch arbeiten. Sie fragt: ..Was oll ich mit meinen Kindern tun?“ Für das „Zimmer“, etwa 3 mal 3 Meter, ist ein „Zins“ von 38 Schilling zu zahlen.

Da kommt Frau Anna. 84 Jahre alt; stammt aus Mitrowitza, Syrmien, nächst der Save, der früheren Grenze zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien. Die Frau, befragt, ob sie noch jemanden habe, der um sie sorge, antwortet; „Ich habe niemanden in der Welt mehr. Alle fort, geflüchtet, umgebracht oder irgendwo in einem Lager gestorben. Ich bin allein mit Gott.“

Vor dem Drahtzaun überholen wir einen Invaliden mittleren Alters. Er lebt bereits vier Jahre in der Heidestraße und zehn Jahre insgesamt in Lagern. Ob er genügend Punkte habe? Der Mann antwortet: „Die höchste Klasse und Punktezahl. Nützt aber nichts. Ja, wenn man Geld hätt'... ich leb' hier wie abgeschnitten.“ Am Sonntag gibt es keine Straßenbahn, um vormittags zur Hauptstraße zu fahren. „Man hat's einmal probiert, die Straßenbahn fahren zu lassen. Aber es rentiert sich für uns Leute da nicht.“

Es rentiert sich nicht. Es rentiert sich auch etwas anderes nicht. Die drei Kinder, zwei Mädchen, ein Bub, die da herumstehen — ein Spiel zu treiben, scheinen sie verlernt zu haben —, bleiben neugierig stehen und möchten in den Photoapparat hineinschauen. Das größere Mädchen meint mit einer für zehn Jahre erschütternden Einfachheit auf di? Frage, warum man auf den weiten Plätzen keine Bäume angepflanzt habe, daß es etwas grün würde: „Für uns pflanzen s' keine Bäume.“

Diese Luft, diese Sprache weht überall, wohin man kommt. In Margareten, in Ottakring, am Auhof. Die Menschen lassen sich in drei große Gruppen einteilen: erstens solche, die wohl Arbeit haben, aber wegen der Größe der Familie oder des unzureichenden Lohns wirtschaftlich nicht aufsteigen können; zweitens solche, die gegenwärtig noch Arbeit haben, in einigen Jahren aber außerstande sein werden, sich zu erhalten.

Aus einem Bericht des Katholischen Instituts für kirchliche Sozialforschung ist zu ersehen, daß sich die Zahl der in den Flüchtlingslagern befindlichen Kinder (309) auf Familien mit einem Kind, 51/ Familien mit zwei Kindern, 16 mit drei, vier mit sechs, fünf mit vier Kindern aufteilt; es gibt zwei Familien, die sieben Kinder haben. Räumlich betrachtet, wohnen die meisten Menschen — 393 — in einem „Zimmer“, dessen Qualität und Preis wir vorhin erläuterten. In der Heidestraße, wo die Objekte an die fünfzehn Jahre alt sind, gibt es nur einfache Fenster. Die Sprünge in den Holzwänden stopft man mit Papier. Bei dem hier unten in Simmering meist herrschenden Wind sind die Räumlichkeiten schwer zu erheizen — von den Notwendigkeiten für Kleinkinder (Waschen und Wäsche trocknen) ganz abgesehen.

Gesund bezeichnet man uns 86,6 Prozent, das sind 1249 Personen. An sich also recht günstig. Auch die Zahl der Tbc-Fälle (29), der Invaliden (46) und der Kreislaufkrankheiten (48) ist nicht hoch. Es muß aber in Rechnung gesetzt werden, daß bei der Ueberalterune; die Kreislaufkrankheiten, die Schädigungen des Bewegungsapparats und des Verdauungssystems (Massennahrung) zunehmen werden, und daß schließlich die Kinder in einer solchen Umwelt überaus tuberkulosegefährdet sind. Wie oft waren sie in Schönbrunn — vom Wienerwald ganz zu schweigen? Das berichtet keine Statistik. Aber wir wissen es, daß es Kinder gibt, die aus Wien noch nie herauskamen. Die dort unten in der Simmeringer Heide sparen sich ja sogar das Geld für die Fahrscheine zur Schule ab!

84,8 Prozent aller Insassen von Flüchtlingslagern haben erklärt, daß sie sich vom Leben nichts mehr erwarten. Zehn Prozent wollen auswandern. 2,7 Prozent nur noch hoffen auf adie Heimat, aus der sie verjagt wurden.

Das ist keine grüne Heidestraße.Die Menschen in den Flüchtlingslagern sind Zaungäste des Lebens. Man findet sie noch bei Tag. Die Obdachlosen sind im Dunkel daheim. Es gibt auch bei ihnen noch eine soziale Stufenleiter. Wer eine Wohnung verliert — etwa durch Delogierung des Hauptmieters — der kann sich, vorausgesetzt, er verfügt über die Mittel, ein Hotelzimmer nehmen, das 30, 50 und mehr Schilling kostet. Oft nimmt der Mann zuerst nur für Frau und Kind ein Zimmer aus Ersparungsgründen; er selber ist einmal da, dann dort. Man kann sich ausmalen, wie bei einem nominellen Einkommen von 1300 Schilling, wo 600 Schilling für die Pension aufgehen, Mann, Frau und zwei Kinder auskommen. Dann echt es allmählich abwärts. Im Esterhäzv-Bunker (der, nebenbei gesagt, den Wiener Verkehrsbetrieben gehört), kostet das Bett pro Nacht zwölf Schilling. Und dann geht es noch eine Treppe tiefer: die Frau wandert in die Arsenalstraße Nummer 9, der Mann ins Heim Meldemannstraße, das Kind bekommt die Fürsorge ...

Zuletzt — ja zuletzt, kann man Frau oder Mann, Mädchen oder Bursch, Greis oder Kind im Südbahnhof sehen, beispielsweise; bis 0.3 5 ist der Wartesaal offen, um 4 Uhr morgens wieder. Die Menschen, die da entweder aus einem Rock über die Armstütze der Bank ein Polster gemacht haben oder aus dem Mantel — falls sie noch einen besitzen — die Decke, während sie sich mit beiden Armen und dem Kopf über die Rückenlehne hängen lassen: die hören im Schlafe den Lautsprecher draußen auf dem Bahnsteig nicht mehr, der brüllend eine Verspätung von 30 Minuten des D-Zuges aus Marseille-Rom ankündigt/ Für sie gibt es keine Verspätung mehr. Nur eine zeitweilige Polizeikontrolle und die dreieinhalb Stunden Sperre des einzigen warmen Raumes, den sie noch besitzen.

Gegenwärtig sind in Wien ausgesprochen obdachlos: 4330 Familien; von Obdachlosigkeit bedroht sind 8983 Familien. Manche von ihnen hausen in verlassenen Schrebergartenhütten und Erdlöchern am Wienerberg, andere bei den Ziegelöfen. Zwei Menschen trafen wir bei der Schlachthausbrücke an, um und um in alte Säcke gehüllt, Spagat um die Beine gewickelt. Sie besorgten nur, von der nächsten Lampe nicht beleuchtet zu werden, um polizeilicher Kontrolle zu entgehen. Eine andere Gattung ist die der Eisenbahnwagenschläfer. Sie passen unbemerkte Augenblicke ab und schleichen sich in abgestellte Wagen. Aber hier ist meist des Bleibens nicht lange. Auch die Rangierbahnhöfe werden kontrolliert, und es gibt tüchtige Hunde ...

Außer den rund 13.000 Unterstandslosen oder von Obdachlosigkeit Bedrohten 'gibt es in Wien 48.172 Wohnungsuchende der Klasse I und 10.614 der Klasse II. Mehr als 14.000 von diesen Fällen sind katastrophal. Die Situation der Obdachlosen Wiens fordert schwerste Bedenken heraus. Alle Asyle sind überfüllt, hunderte Fälle vorgemerkt. Trotz Ersuchens, im Winter Delogierungen nicht vorzunehmen werden von den Bezirksgerichten in Wien täglich rund 30 Delogierungen ausgesprochen. Die SOS-Gemeinschaft für Soforthilfe hat Fälle in ihrer Kartei, die ein Jahr auf Einweisung ins Asyl warten! Kinderreiche Familien konnten nur in den verschwindendsten Fällen untergebracht werden... aber über den Geburtenrückgang redet man. Für 1956 sind die Aussichten keineswegs befriedigend. Die 'Wohnungspreise werden steigen (Auslaufen des Anforderungsgesetzes); der sogenannte soziale Wohnungsbau (Gemeinde) wird etwa 5000 Heime erstellen; die 11.600 Wohnungen der privaten Initiative . müssen außer acht bleiben, weil die Flüchtlinge und die Obdachlosen nicht über die Mittel verfügen, Kredite abzuzahlen beziehungsweise die Einkommen in keinem ökonomischen Verhältnis zu den Ablösen und Darlehen stehen Zugleich altert aber, der Hausbestand; bleibt die Zahl des Eigenbedarfs konstant; und wird bekanntermaßen der Kreis der Leute, die alleinstehend über viele Räume verfügen (oder über zwei Wohnungen zugleich), keineswegs geringer, sondern mit der wirtschaftlichen Prosperität die > Sucht dieser Art wachsen.

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