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Ohne Dach am Rande der Stadt

Ein Großteil von Budapest ist mittlerweile Sperrgebiet für Obdachlose, die Hilfseinrichtungen sind ausgehungert. Immer mehr Ungarn flüchten im Winter nach Wien. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Im Winter 2012 googelte ich aus Interesse "Erfrierungstote in Budapest“. Tatsächlich ergab die Internet-Recherche, dass in diesen Monaten in Ungarn mehr als 300 Menschen der Kälte zum Opfer gefallen waren. Diese nackte Statistik machte mich betroffen und weckte in mir den Wunsch, bei Gelegenheit die Situation vor Ort anzuschauen.

Im Frühjahr 2013 ergab meine neuerliche Recherche zu den Kälteopfern in Ungarn keinen einzigen Treffer mehr. Der zarte Verdacht nach Zensur keimte in mir auf. Denn trotz massiver Proteste hat die Budapester Stadtregierung im vergangenen Jahr umfangreiche Sperrzonen für die etwa 10.000 Obdachlosen der Stadt beschlossen. Sie dürfen alle Orte, die zum Weltkulturerbe zählen, nicht mehr als Aufenthaltsort nutzen. Ebenfalls tabu ist ein Umkreis von hundert Metern rund um Kinderspielplätze, Schulen und Friedhöfe. Wer sich dem öfter widersetzt, kann mit Haft bestraft werden.

80 Euro Sozialhilfe monatlich

Gemeinsam mit meiner ungarisch-sprachigen Arbeitskollegin Hannah Ujvarosi mache ich mich an einem Freitag nach Budapest auf. Teure Autos in der Innenstadt machen deutlich, dass Ungarn längst in der EU angekommen ist. In der Zentrale des Roten Kreuzes im Stadtzentrum erfahren wir von den Mitarbeitern vor Ort, wie es um die Sozialarbeit im Lande steht: Die personellen Ressourcen in den verschiedenen Obdachlosen-Einrichtungen sind äußerst knapp. Sozialarbeiter beziehen in Ungarn Gehälter an der Armutsgrenze: Im Schnitt verdienen sie 300 Euro, zwölf Mal jährlich. Die "Sozialhilfe“ in Ungarn beträgt etwa 80 Euro monatlich, während sich in Österreich die bedarfsorientierte Mindestsicherung auf knapp 800 Euro beläuft. Hingegen sind die Lebenskosten in Budapest mittlerweile mit dem Wiener Preisniveau vergleichbar.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf machen wir uns gemeinsam mit drei Streetworkern - zwei Frauen und einem Mann - zu den "Hüttenmenschen“ am Stadtrand auf. Eine letzte verlassene Bushaltestelle macht deutlich, dass wir an der Peripherie angelangt sind. Wo wir abbiegen, wechselt der Fahrbahnbelag von Teer zu Schlamm. Die großen Pfützen am Weg würden im Normalfall sogar Fußgänger abschrecken. Linkerhand ein schütterer Wald - auf der rechten Seite Stahlbetonruinen.

Die Streetworker führen uns in Richtung der Betonruinen und steuern einen Einlass in das verwinkelte Gebäude an. Es dämmert schon, und nach wenigen Schritten befinden wir uns in der Finsternis bröckelnder Betonwände. Im Licht der mitgeführten Taschenlampen können wir unbelegte Matratzenlager ausmachen: Zerschlissene Matratzen und ein paar verrottete Decken. Eine Betonstiege ohne Geländer und mehrere große Durchlässe im Obergeschoss lassen erahnen, wie gefährlich allein schon der Weg zum Schlafplatz ist. Der penetrante Geruch nach Urin macht klar, dass diese Unterkünfte tatsächlich genutzt werden. Eine Frau begrüßt die Streetworker wie alte Bekannte und klagt, dass ihre Kleidung durchnässt ist, worauf ihr die Nothelfer aus dem Kofferraum trockenes Gewand, zwei saubere Decken und eine Plastikflasche mit heißem Tee holen.

Für die rund 9000 Obdachlosen hält Budapest in diesem Winter nur 7000 Schlafplätze in den Einrichtungen von Stadt und NGOs bereit. Die öffentliche Hand sorgt nur für die nötigen Gebäude und das Personal. Sämtliche Angebote, die über die dürftigste Grundversorgung hinausgehen, müssen über private Sponsoren finanziert werden. In einer Budapester Notschlafstelle berichtet ein Sozialarbeiter, dass die Frühstücks-Ausgabe nur so möglich ist. Da und dort arbeiten Menschen ehrenamtlich.

Höhere Standards in Wien

Vor einem eingeschossigen Betonbau sägen eine Frau und ein Mann feuchtes Holz. Um einen Blick in ihre zwei Mal zwei Meter kleine Behausung zu werfen, müssen wir uns bücken. Der Raum ist ausgestattet mit einer improvisierten Bettstatt und einem Ofen, bestehend aus einer ausgebauten Waschmaschinen-Trommel und einem provisorischen Abzugsrohr. Auf die Frage, warum die beiden nicht das Angebot einer Notschlafstelle annehmen, kommt die Antwort, dass sie dort oft bestohlen werden und den Konflikten in Massenquartieren ausweichen wollen. Wir übergeben dem Paar einige Fleischdosen.

Es verwundert nicht, dass ein Teil der Budapester Wohnungslosen offensichtlich nach Wien ausweicht, wo der Standard in den Obdachloseneinrichtungen höher liegt und die "Fitteren“ hoffen, Arbeit zu finden. Laut Wiener Wohnungslosenhilfe ist die Anzahl der ungarischen Staatsbürger in den Notquartieren in letzter Zeit kontinuierlich gestiegen. Gemeinsam mit privaten Trägern wie dem Roten Kreuz oder der Caritas bietet die Stadt Wien das sogenannte "Winterpaket“ an: Zwischen November und April werden Schlafplätze für die Betroffenen - hauptsächlich Männer aus Osteuropa - zur Verfügung gestellt, damit niemand erfrieren muss.

An einer nahen Waldlichtung hat sich ein Mann sein "Häuschen“ in Eigenregie gebaut. Tatsächlich ist dieses Quartier im Vergleich zu den vorher gesehenen viel besser ausgestattet: Das Innenmaß der Behausung beträgt etwa 12 Quadratmeter, ein kleiner Herd beheizt die Hütte, es ist Platz für einen Tisch und Sitzgelegenheiten, sogar Regale mit Kochutensilien ergänzen die Ausstattung. Diese Unterkunft ist im Vergleich zu der vorherigen schon fast eine menschliche Behausung.

Wieviele werden erfrieren?

Auf der gegenüberliegenden Seite der Hütten befindet sich eine Betonruine. Inzwischen ist die Nacht hereingebrochen, und wir tasten uns im Lichtkegel der Taschenlampen in die Ruine, wo wir eine Frauenstimme laut klagen hören. Mir wird gesagt, dass die Frau psychisch krank ist und sich nicht helfen lässt. Mir wird eiskalt, obwohl ich mit meiner Daunenjacke, gutem Schuhwerk und Haube bestens gegen die eisige Außentemperatur gewappnet bin: Ich habe eben einen Menschen angetroffen, der sich nicht nur am Rande der Gesellschaft, sondern auch an dem der eigenen Existenz befindet.

Tief betroffen kehren meine Kollegin und ich zum Auto zurück - in die Wärme. Im sachlichen Gespräch versuchen wir unsere innere Unruhe zu überdecken. Insgeheim stelle ich mir die bange Frage: Wie viele Menschen werden in diesem Winter erfrieren?

Der Autor arbeitet als Betreuer im "Haus Otto“, einem Nächtigerquartier des Roten Kreuzes Wien.

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