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Zwei Hände fehlen daheim

DER MANN IM PERSONENZUG von Feldkirch, der auf einem kleinen Bahnhof länger als vorgesehen stehen bleibt, um einen verspäteten Eilzug vorüberzulassen, wird von Minute zu Minute ungeduldiger. Die bereits gelesene Zeitung wird nochmals durchgeblättert und bald weggelegt. Dann sucht der Mann in der Aktentasche, zieht eine Mappe mit Dokumenten heraus, findet das Gesuchte nicht; greift schließlich nach der Brieftasche, wühlt in Papieren und scheint endlich das, wonach er forschte, in der Hand zu halten. Das ernste Gesicht erhellt ein schwaches Lächeln. Der Briefbogen, auf dem etwa ein Dutzend Schreibmaschinenzeilen stehen — man sieht ihre klaren Reihen durch das dünne Papier schimmern, wenn die Sonne von der Fensterseite her darauffällt —, dieser Brief muß etwas Beruhigendes, Freundliches enthalten. Ohne gefragt zu werden, beginnt der Mann wie sich später herausstellt, ein Textilarbeiter zu reden. Wir sind zu zweit allein im Abteil. „Meine Frau hat ins Spital müssen”, sagt der Mann, und sein Gesicht wird wieder düster. „Wir waren sehr in Sorge um sie, ich und meine drei Kinder, die zwei Buben und das Mädel. Aber meine Frau — glücklicherweise lese ich, und ich lese es immer wieder, daß es nichts Einstes ist und daß sie in fünf Wochen wieder bei uns sein wird — meine Frau hat sich noch mehr Sorgen gemacht als wir vier. .Was wird mit euch werden?’ fragt sie bei jedem Besuch. Und dann: ,Du muß in der Früh zur Arbeit, die Schwiegermutter hat ihren Hof, die Großmutter ist selber krank. Das Mädel kann dir ja am Abend was richten, aber wer schaut die Aufgaben durch? Du weißt ja, da muß man bei den zwei Buben dahinter sein wie der Geier. Niemand weiß, was die den ganzen Tag über treiben, der Fritzl fischt fortwährend Holzstücke aus dem Wasser.. .’ “ Es ist eine Weile ganz still, und man hört den Föhn fauchen. „Was haben Sie jetzt vor?” frage ich vorsichtig. Der Mann fingert nach einem Briefbogen in der Aktentasche und deutet darauf, „Ich habe mir heute arbeitsfrei geben lassen und fahre nach Bregenz. Ich habe auch eine Empfehlung von unserem Bürgermeister und vom Pfarrer und soll in der Familienhelferinnenschule in Bre- genz-Vorkloster nachfragen. Es heißt, da könnte man für ein paar Wochen jemand bekommen, der daheim nach dem Rechten sieht…das war’ schön... es ist halt so schwer, zu .arbeiten, wenn man bei jedem Handgriff in der Fabrik mit Sorgen ans Haus denken muß ...”

ln diesem Augenblick braust das Dröhnen von Rädern auf, eine leichte Staubwolke weht vor dem Fenster über den kleinen Bahnhof hin und weiter in die Felder. Der fällige Eilzug fährt durch, und gleich darnach folgen wir.

BREGENZ-VORKLOSTER. Man geht durch die sauber eingerichteten Räume des Hauses In der Holzbiindt Nummer 8. das von weitem einen schönen Wohnhausneubau gleicht. Wäre nicht das Speisezimmer, das größer ist als gewohnt, und fände man nicht plötzlich eine schwarze Schultafel und eigenartige, schmale, für zwei Sitzplätze berechnete Arbeitsplätze, moderne Schultische, die eigentlich ebensogut auch einen Wohnraum zieren könnten — man würde glauben, in einer Familienpension Gast zu sein. Aber da ist etwas auf den ersten Blick, das mehr verrät als Möbel und Vorhänge: die Ruhe selbst in den Unterrichtsräumen, die freundliche Atmosphäre, das Gefühl, in sicherer Obhut zu sein — und überall die Zeichen weiblichen Geschmacks, der Räume verzaubern kann mit einem Blumenzweig unter dem Kruzifix, mit einer geschmackvoll dekorierten Vase auf dem Tisch, dessen Tuch harmonisch mit Möbelbezügen und Vorhängen eine Brücke schlägt zu den Gärten und Bergen vor den dreiteiligen Fenstern. Hier, in Bregenz-Vorkloster, befindet sich die Familienhelferinnenschule. Wir haben uns bald nach der Ankunft nach dem Schicksal des Mannes erkundigt, der sorgenvoll und ungeduldig im Personenzug uns gegenübergesessen ist, und mit Freude gehört, daß der Textilarbeiter seine Hilfe bekommen wird.

DIE ERHALTUNG DER FAMILIE ist eine der Hauptaufgaben der Kirche und des Staates. Die Sorge darf nicht ausschließlich privater Initiaanvertraut bleiben. Man darf nicht erst dann Weh und Ach schreien, wenn ein Kind abgängig ist. Aber die Beziehungen innerhalb der Familie sind privat-rechtlicher Art, hier kann die größere Gemeinschaft des Staates nur helfend eingreifen. wenn sie angerufen wird. Diese Erwägungen standen Monsignore Doktor Fasching vor Augen, als er 1956 eine Schule für Familienhelferinnen in Bregenz-Vorkloster eröffnete und damit den Beispielen in anderen Bundesländern folgte. Man ahnt nicht, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren. Da galt es, die Mädchen zu finden, die bereit waren, im inneren Bereich der Familie selbstlos aufzugehen. Verlangt wurde ein After von wenigstens achtzehn Jahren. Die Mädchen kamen zumeist aus anderen Berufen. Sie hatten ihre Pflicht- und Fachschulen hinter sich. Nun sollten sie neuerlich zwei.Jahre auf die Schulbank. Ohne Lohn, nur mit einem kleinen Taschengeld. Ohne Achtundvierzig- oder Fünfzigstundenwoche. Die Freizeit ist schmal, oft nahmen sogar das Elternhaus oder „gute” Bekannte Stellung gegen den neuen Beruf, der wie kaum ein anderer zugleich Berufung bedeutet. Aber Bregenz setzte sich durch. Der zweite Jahrgang ist vor dem Abschluß, im Herbst 1959 beginnt zum dritten Male ein zweijähriger Lehrgang. Für Vorarlberg ist die Schule aus bevölkerungspolitischen Gründen ungemein wichtig. Den relativ größten Geburtenüberschuß hatte 1957, wie das Statistische Zentralamt ausweist, Vorarlberg. Die Verhältniszahl für dieses Bundesland beträgt 23,4 Lebendgeborene auf 1000 Einwohner (When: 8,8).

WIE SIEHT DIE AUSBILDUNG AUS? Man legt, neben den praktischen Dingen, besonderen Wert auf charakterliche Formung und geistige Vertiefung. Die praktische Ausbildung umfaßt etwa die Fächer einer guten Hauswirtschaftsschule, den Plan hat das Bundesministerium für Unterricht festgelegt. Die Schule besitzt Oeffentlichkeitsrecht. Während der ersten drei Halbjahre gehen die Schülerinnen täglich von morgens bis nachmittags in einen Haushalt, um dort praktisch zu lernen. Im dritten Halbjahr wechseln die Verwendungen, und die Mädchen gehen dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Sie müssen versuchen, Haushalte, die in Not geraten sind, wieder in Ordnung zu bringen. Diese Haushalte steuern das Essen bei und bezahlen einen kleinen Beitrag, mit dem die Schule die Unterkunft, die Sozialversicherung und das kleine Taschengeld bestreitet. Das halbjährige Praktikum führt die Mädchen auch ins Krankenhaus, auf Wöchnerinnen- und Säuglingsstationen, in Kindergärten und Altersheime. Unterrichtsstunden in Lebenskunde, Religion, Erziehungs- und Eheprobleme, in Staats- und Bürgerkunde runden die Bildung.

Der Einsatz erfolgt in den Pfarreien und Gemeinden, mit denen ein Vertrag geschlossen wird. Bei der Verwendung gilt, wie der Anstellungsvertrag besagt: Die Familienhelferin ist keine Hausangestellte. Der Dienst soll im allgemeinen fünf bis sechs Wochen nicht überschreiten. Eine amtliche Stelle hat kürzlich in Bregenz angefragt, ob die Familienhilfe auch in bäuerlichen Betrieben verwendet werden kann. Nun, Melkkurse oder Unterricht in Futterverwertung gibt es nicht; aber in einem Hausgarten oder bei Kleintierhaltung wissen die Helferinnen wohl Bescheid. Das ergibt sich nicht zuletzt aus dem Kontakt mit der bäuerlichen Umwelt aus der die meisten Mädchen stammen — auch wenn sie einen Beruf ausgeübt haben. Für Wien liegen die Dinge so, daß seine Familienhelferinnenschule ihre Kräfte vorwiegend vom Lande bekommt, und daher sind die Helferinnen auch in bäuerlichen Betrieben wohl am Platze.

EINE WÜRDIGE ALTE DAME hat einer Familienhelferin indigniert gesagt: „Was, so etwas hast du dir ausgesucht? Den Leuten einen Wurstel machen? Jetzt, wo du so schön im Verdienen warst?” Nun, die Unkenrufe haben ihren Zweck nicht erreicht. Die Dame hätte sich in Bregenz einmal in die Schule bemühen sollen, da hätte sie gehört, daß aus dem ersten Jahrgang sogar noch sieben Teilnehmerinnen zufrieden im Lande tätig sind. Ein zweiter Lehrgang mit zehn Teilnehmerinnen steht vor dem Abschluß. Im Herbst 1959 wird in Bregenz-Vorkloster zum drittenmal ein zweijähriger Lehrgang eröffnet. Die Anmeldungen laufen schon jetzt erfreulich zahlreich ein. Es muß also, der alten Dame zum Trotz, in den jungen Mädchen doch noch etwas mehr stecken als die Sucht, möglichst rasch viel zu verdienen und viel freie Zeit zu haben.

VON VORARLBERG BIS WIEN zieht sich heute eine Strecke von Leuchtbojen in der Finsternis der Ichsucht. Innsbruck besitzt seine Familienhelferinnenschule. Sie hat an der Grenze des Universitätsviertels vor einiger Zeit ein neues Heim, dem „Andenken an die Edle Frau und Mutter Tilde Cornet geborene Van der Venne” erhalten. Sieben Familienhelferinnen sind in Innsbruck tätig, andere in fast allen Städten und größeren Orten Tirols. Die Bezahlung in der Höhe eines Gehalts von Kindergärtnerinnen erfolgt vorwiegend durch die Caritas, w-elche zwei Drittel beisteuert, nur ein Drittel wird durch jene Familien geleistet, bei denen die Helferinnen tätig sind. Hierin erkennt man auch die reale materielle Unterstützung einer im Notstand befindlichen Familie. Linz hat ebenfalls seit Jahren seine Schule, und Wien steht nicht zurück. Sein Heim liegt in der Trauttmansdorfgasse 15, im 13, Bezirk; in der Schule, im 9. Bezirk, Seegasse 30, wird unterrichtet. Wie wir hier hörten, kommen immer mehr Anfragen um Hilfe, als Kräfte zur Verfügung gestellt werden können. Man sollte gerade in der Großstadt nirgends den Ruf. der Familie zu dienen, überhören. Die Bevölkerungssituation von Vorarlberg und die gesunde soziale Atmosphäre unseres westlichsten Bundeslandes sind kein Zufall. Sie sind ein Hinweis, mehr noch: eine Mahnung.

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