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Sie brauchen Hilfe

Die Informationen über die Lage in Rumänien waren widersprüchlich. Wir wußten nur eines, daß Hilfe umso sinnvoller wäre, je schneller sie gegeben wür­de. Wir entschlossen uns daher sehr spontan, zu einem „Lokalau-genschein" nach Sinnicolau-Mare, nach Groß St. Nikolaus, zu fahren. Wir wollten vor Ort nach Gesprächen mit den Betroffenen heraus­finden, was nun die effektivste Hilfe wäre.

Quer durch Ungarn kommen wir an die rumänische Grenze. Der Unterschied zu früheren Grenzkon­trollen ist frappant. Freundliche und höfliche Grenzbeamte, keine Fragen. Innerhalb von 15 Minuten haben wir die Grenze hinter uns.

In Arad dann aber bedrückende Bilder. Tiefe Löcher auf den Stra­ßen, auf- und abwallende „Täler", in denen Straßenbahnschienen verlaufen, löchriges Kopfsteinpfla­ster, unfertige, noch nicht verputz­te Häuser, die aber schon bewohnt werden, ringsherum bis zur Straße keine befestigten Wege, sondern nur Erde, Mist, Papiere, Steine und streunende Hunde. Nach zweima­ligem Fragen schaffen wir es dann, sogar, auf die richtige Straße nach Groß-St. Nikolaus zu kommen...

Wir sind eine halbe Stunde zu spät, aber unser Empfangskomitee begrüßt uns sehr herzlich. Im Volks­haus erwartet uns der Bürgermei­ster mit einigen Mitgliedern des neugegründeten Revolutionskomi­tees. Nach der Begrüßung im Sit­zungssaal beginnt der Ortsvorste­her den Ort vorzustellen, mit Zah­len und Fakten. Er spricht von der neuen Situation, der Verbesserung der Energiesituation durch Eigeni­nitiative, der Kirchweihe, die die Gemeinde als Brauchtum zu erhal­ten sucht, von den landwirtschaft­lichen Betrieben des Ortes, vom Reitklub und vom Schwimmbad mit olympischen Ausmaßen.

Wir sind im falschen Ort!!! Wo ist die Armut, die Hilfsbedürftigkeit, das offensichtliche Fehlen des Not­wendigsten? Wir überlegen schon, in welchem Dorf wir am Rückweg anhalten und unsere Lebensmittel abladen können. Diese Leute hier sind nicht reich, aber sie haben eben das Notwendigste.Bis dann lang­sam ein neuer Ton aufkommt. Da und dort mangle es an Lebensmit­tel, die Landwirtschaft funktionie­re bis jetzt nur auf dem Papier gut, das man nach Bukarest geschickt habe. In Wirklichkeit wäre die Ver­sorgung katastrophal. Das gelte praktisch für jeden Bereich, für Kleidung ebenso wie für Energie. „Wir sind jahrzehntelang angehal­ten worden, Armut und Mängel nicht einzugestehen, darum fällt es uns jetzt so schwer, über die Dinge offen und objektiv zu reden".

Dr. Wolf, ein Arzt, beginnt zu sprechen. Es wäre alles zu ertragen, mit der Hoffnung und dem Wissen, daß jetzt alles besser wird. Aber mit aller Bereitschaft zu improvisieren, die fehlende medizinische Versor­gung könne nicht ersetzt werden. Es gäbe Ärzte, ein Krankenhaus mit einem Einzugsgebiet von 60.000 Menschen, Krankenwagen und eine Poliklinik (Ambulatorium). Aber keine Medikamente, keine Sprit­zen, kein Verbandszeug. Die weni­gen medizinischen Geräte seien veraltet oder nicht funktionsfähig. Ich überreiche nun den Brief des Bürgermeisters,'In dem der Zweck unseres Besuches kurz beschrieben wird. Wir wollen jetzt helfen und vielleicht später eine Partnerschaft von Gemeinde zu Gemeinde einge­hen. Im anschließenden Gespräch arbeiten wir gemeinsam die Schwerpunkte heraus, wo mit Hilfs­aktionen anzusetzen wäre: • Wir wollen mit Medikamenten und medizinischen Geräten helfen, • wir werden Gemüsesamen be­sorgen und verteilen lassen und

• wir werden beim nächsten Be­such Möglichkeiten untersuchen, Kinder für einige Zeit in Familien in Maria Enzersdorf aufzunehmen.

Wir beschließen, die restliche Zeit, die uns noch bei Tageslicht bleibt, dazu zu nutzen, uns Apothe­ke, Poliklinik und Spital anzuse­hen und sind fassungslos über den Schmutz in Untersuchungs-, Kran­ken- und Laborräumen. Im Zahn­labor stehen die Technikerinnen und Assistenten in Mänteln herum und frieren. Sie haben kein Mate­rial für ihre Arbeit, statt Glas ist in manchen Fenstern Plastikfolie eingeklebt.

In einem Labor stehen drei Mi­kroskope, zwei funktionieren nicht, eines ist über 50 Jahre alt und mit Leukoplast zusammengeklebt. Wer von der Rettung ins Krankenhaus gebracht werden will, muß zuerst Benzin für den Krankenwagen ins Spital schicken und eigene Medi­kamente mitnehmen, die er über Verwandte oder Bekannte aus Ungarn, Jugoslawien oder dem „Westen" beschafft hat. Es gibt keine Spritzen, kaum Infusionen.

Die Intensivstation ist ein kleiner Raum mit nur einem Bett und nur einer Sauerstoffflasche mit Gum­mischlauch. Der führt in die Nase des Patienten. Neben dem Bett sitzt seine Frau und wartet, ob er stirbt oder nicht. Mehr können die Ärzte auch nicht tun. Die beiden „Opera­tionssäle" sind mit vorsinftflutli-chen Tischen ausgerüstet. Wir kommen zur Essenszeit. Kraut­fleisch. In einem schwarzen Pla­stikkübel.

Die Leiterin des Kinderspitals erzählt uns, daß manche Mütter so arm wären, daß sie einen falschen Namen und Adresse angeben und nach der Geburt so schnell wie möglich verschwinden. Ihr Kind blieb dann im Spital und wurde früher nach einiger Zeit in die Wai­senhausorganisation eingeliefert.

Wir laden unsere Mitbringsel aus und übergeben sie dem Kinderspi­tal. Freude und Dankbarkeit. Ein Mitglied des Revolutionsrates holt die Fahne von der Fassade des Krankenhauses, mit Loch und Trauerflor für die Opfer der Kämp­fe. Sie wird uns feierlich überge­ben. Wir sollen sie nach Hause mitnehmen und herzeigen. Als Zei­chen für ihre Dankbarkeit. Die anderen Dinge fallen uns nicht mehr auf. Wir beachten kaum mehr die kleinen Unzulänglichkeiten, die fehlende Seife, das nichtvorhande­ne Klopapier, die leeren Geschäfte.

Zum Abschluß werden wir zu einem Essen eingeladen. Wir fah­ren an der Kirche vorbei. Der Pfar­rer ist noch immer nicht da. Er segnet Häuser (Dreikönig). Wir Werden ihn nächstes Mal sehen.

Das Essen ist beschämend für uns: vier Gänge, Wein und Mineralwas­ser. Aber während des Essens ge­hen sie aus sich heraus, springen über ihren eigenen Schatten, er­zählen über die Revolution, wie alles begann in Temesvar, wie 500 Leute Pfarrer Läszlö Tökes schützten, in­dem sie eine Menschenmauer um sein Haus bildeten und dann even­tuellen Fragern erzählten, sie war­teten auf die Straßenbahn.

Sie erzählen von den Greueltaten der „Securitate". Von dem Waisen­haus für den Conducator, wo er sich Kinder mit seiner Blutgruppe hielt, um sich mit deren Blutspen­den monatlich sein Blut gegen jun­ges Blut tauschen lassen zu können. Von Korruption und Bespitzelung. Aber dann auch von der Zukunft, von den Möglichkeiten in einer demokratischen Umgebung, von ih­rem Arbeits- und Einsatzwillen für das Vaterland, das im Moment nur Rumänen kennt, und keine ungari­schen oder deutschen Volksgrup­pen. Von der Hoffnung auf Hilfe von außen. Der Mann neben mir hat Tränen in den Augen. Ich auch.

Der Autor ist Mitglied des Gemeinderates von Maria Enzersdorf bei Wien.

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