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Nichts wie weg -und dann?

Viele Menschen sehen im Verlassen ihrer Heimat die letzte Lösung scheinbar oder wirklich auswegloser Probleme. Nur wenige lockt der „goldene Westen“, die meisten halten die politische Unterdrückung und Willkür der Behörden in ihrer Heimat nicht länger aus. Viele haben gar keine andere WahL So wie Alani Shamira, 21 Jahr alt, Inderin aus Uganda. An jenem 2. November 1972, an dem sie und ihre Familie gemeinsam mit allen anderen Asiaten mit britischen Pässen von Idi Amin im Zuge der „Afrikanisierung“ aus dem Land geworfen wurden.

Damals nahm Österreich auf Ersuchen des Flüchtlingshochkommissärs der Vereinten Nationen in Genf vorübergehend 1500 Inder auf. Für

200 von ihnen sollte es eine neue Heimat werden. Nur 87 sind geblieben. Sicher ist daran nicht allein das gemischte Gulasch schuld, das man ihnen bei der Ankunft serviert hat. Die Mohammedaner konnten es wegen des Schweinefleisches, die Hindus wegen des Rindfleisches nicht essen. Fehlender Anpassungswille ihrerseits? Eher schon eine nicht ganz glückliche Hand unsererseits.

Von 1973 auf 1978 stieg die Zahl der Flüchtlinge um 87 Prozent. Augenblicklich leben 1725 Flüchtlinge aus 31 Nationen in den österreichischen Lagern. Darunter:

• 700 Lateinamerikaner, vorwiegend Chilenen und Argentinier,

• 240 Vietnamesen und Kambodschaner,

• 100 Kurden,

• 60 tschechische Dissidenten. . Der weitaus größte Teil aller Emigranten kommt aus Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei. Und die Zahl der Leute, die aus dem Osten kommen, steigt weiter an. Da Österreich für sie das Erstaufnahmeland darstellt, muß der Zustrom aus diesen Ländern immer unbeschränkt bleiben können. Das ist bei einem so kleinen Land wie dem unsrigen nur dann möglich, wenn es auf die internationale Solidarität der anderen Staaten, das heißt Aufnahme der Flüchtlinge, rechnen kann.

Feststeht: Wer als Osteuropäer ansucht, wird aufgenommen. Auch wenn er sich nicht als Flüchtling ausweisen kann, erhält er eine Aufenthaltsgenehmigung und die Möglichkeit zum Auswandern. Vorausgesetzt, er ist nicht kriminell.

In der Regel hat fast jeder Flüchtling Konventionsstatus. (Der Ausdruck leitet sich von der Genfer Konvention ab, der Österreich 1951 beigetreten ist.) Das heißt, er muß der Fremdenpolizei plausibel machen, daß er in seiner Heimat aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen verfolgt wurde oder eine Verfolgung zu befürchten hat. Ist er als Konventionsflüchtling anerkannt, genießt er den Schutz des österreichischen Flüchlingsober-kommissärs und ist den Österreichern sozial- und arbeitsrechtlich

gleichgestellt. Nach vier Jahren kann er um die Staatsbürgerschaft ansuchen.

Das größte Problem der Flüchtlinge ist und bleibt die Integration. Nur wenige sind so anpassungsfähig wie Alani Shamira. Sie hat in kürzester Zeit deutsch gelernt. Und da ihre Muttersprache Gutschurati ist, wurde sie zu einer wertvollen Mitarbeiterin beim Flüchtlingsfonds, wo sie als Schreibkraft angestellt ist. Sie besitzt seit drei Monaten die österreichische Staatsbürgerschaft. „Da sie im kommenden Jahr in einer Abendschule maturieren wird, steht ihr schon jetzt ein Posten im Innenministerium in Aussicht“, sagt ihr Chef, Regierungsrat Eduard Stanek, Geschäftsführer des Flüchtlingsfonds. .

Bei älteren Leuten ist die Eingliederung meist viel problematischer. Ihre religiöse Situation stellt sie oft vor unlösbare Probleme. Deshalb ist es sehr schwer, für sie geeignete Arbeitsplätze zu finden. War ein Hindu in seiner Heimat ein kleiner Krämer, ein selbständiger Kaufmann also, ist es für ihn unmöglich, bei uns als Handwerker zu arbeiten. Denn der Kaufmann steht im indischen Kastensystem über dem Handwerker. Ein Bauchladen mit Schnürriemen wäre für ihn aus religiösen Gründen akzeptabler als eine viel einträglichere Arbeit in der Fabrik.

Die Jugend hat bereits europäisches Gedankengut angenommen und sich vom Kastengeist befreit. Auch die Mohammedaner und Hindus essen schon Schweine- und Rindfleisch. Vor ihren Eltern müssen sie es allerdings geheimhalten. Gelungene Anpassung auf Kosten der persönlichen Identität?

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Frage nach dem Integrationswillen. Besonders bei den Ostflüchtlingen ist zu bemerken, daß sie sich leicht und schnell eingewöhnen. Sie sind vom Gedanken an den „freien Westen“ beseelt und kommen der zweiten Heimat auch von ihrer inneren Einstellung her entgegen. Bei den äußereuropäischen Flüchtlingen verhält es sich oft umgekehrt Viele fühlen sich gar nicht als „richtige“ Flüchtlinge. Sie hoffen in ihrem Innersten immer noch auf einen Regimewechsel in ihrer Heimat Dann wollen sie wieder dorthin zurückkehren.

Andere wollen so schnell wie möglich weiter. Meist in ein englischsprachiges Land. Doch sind in letzter Zeit die^ Auswanderungschancen geringer geworden. Die beliebtesten Staaten, USA und Kanada, haben Direktabkommen mit Ländern ihrer Region und sind an zusätzlichen Einwanderern aus Europa wenig interessiert

Die Zeit, die die Auswanderungswilligen mit Warten auf ein Aufnahmeland bei uns zubringen müssen, wird oft für beide Teile zu einer Belastungsprobe. Da es sich nicht lohnt, ihnen für die wenigen Monate einen

Arbeitsplatz zu verschaffen, wird die Freizeit zum Problem. Wie im Flüchtlingslager Bad Kreuzen (Oberösterreich). Die dort einquartierten Albaner nahmen im Sommer den Weg ins Schwimmbad nur über den Zaun, belästigten die Mädchen und bekamen schließlich Hausverbot. Als aber einer von ihnen arbeiten wollte und in einigen Betrieben der Umgebung nachfragte, bekam er nur abschlägige Antworten. Er hatte keine Arbeitserlaubnis. Durfte er trotzdem irgendwo mithelfen, dann schwarz und auf eigene Gefahr. Wäre ein Unfall geschehen: Pech für ihn.

Oft gibt es in den Lagern zwischen den einzelnen Flüchtlingsgruppen Differenzen. Sie sind in unzählige Parteien und viele Religionen aufgespalten. Deshalb findet sich auch kein gemeinsamer Sprecher für ihre Interessen. Deshalb stehen sie immer allein da Deshalb fressen sie ihre Angst, ihre Unsicherheit, ihr Heimweh in sich hinein. Deshalb reagieren sie sich ab. Deshalb sind sie aggressiv.

Wie verzweifelt sehr viele Menschen in den Oststaaten sind, wie groß das Verlangen vieler nach Freiheit ist, zeigen die waghalsigen Fluchtversuche. Sie riskieren ihr Leben und oft auch das ihrer Angehörigen, um „hinauszukommen“. Nur der Kugelhagel der Landsleute kann sie dabei stoppen. In letzter Zeit sind allerdings derartige Ausbruchsversuche über Stacheldrahtzäune und Todeszonen seltener geworden. Die meisten Ostblockflüchtlinge „springen jetzt ab“. Dazu fahren sie mit einer Reisegesellschaft in ein westliches Land Dort verlassen sie bei passender Gelegenheit ihre Gruppe und suchen an Ort und Stelle um politisches Asyl an. Auch Jugoslawien kommt für eine als Urlaubsreise getarnte Flucht in Frage. Wer einmal dort ist, hat gute Chancen, über die österreichische Grenze zu gelangen.

Bei Flüchtlingen aus anderen Kontinenten handelt es sich meist um Menschen, die in der österreichischen Botschaft ihres Landes Zuflucht gesucht haben. Oder um politische Gefangene. Bei Inhaftierten wird beispielsweise in Lateinamerika die Strafe ausgesetzt, wenn sich für sie ein Aufnahmeland findet.

Doch mit dem Aufenthalt im Westen allein ist noch keinem Flüchtling dauerhaft geholfen. Die wenigsten haben Vermögen oder Verwandte, die sich um sie kümmern und ihnen bei der Eingewöhnung helfen. Hat ein Flüchtling kein Geld, kommt er vorerst in das Flüchtlingslager Traiskirchen. Es dient als Auffanglager. Hier werden die ersten Formalitäten

vorgenommen. Zunächst wird er von einem Fachbeamten einvernommen, der mit seinem Heimatland und den dort herrschenden Verhältnissen vertraut ist. Will er auswandern, stehen ihm alle diesbezüglichen Einrichtungen und Hilfsorganisationen zur Verfügung. Will er bleiben, kann er es meist auch.

Normalerweise haben es Europäer, also Flüchtlinge aus dem Osten, wesentlich leichter, bei uns Fuß zu fassen und sich einzugewöhnen, als Menschen aus anderen Kontinenten. Sie kennen unsere Mentalität oder haben selbst eine ähnliche. Viele können deutsch. Deshalb kann ihnen auch schon bald ein Arbeitsplatz, eine Wohnung und Bargeld als Starthilfe zur Verfügung gestellt werden. Emigranten aus anderen Kontinenten verbringen dagegen ein bis zwei Jahre in den verschiedenen österreichischen Flüchtlingslagern, bis sie eine eigene Wohnung bekommen.

Solange sie in Traiskirchen oder einem der vier anderen Lager sind, erhalten sie freie Station, Unterkunft, Taschengeld und medizinische Betreuung. Daneben werden ein intensiver Sprachunterricht und Vermittlung eines Arbeitsplatzes in Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern geboten. Auch für den Schulbesuch der Kinder wird gesorgt. Tragisch ist, daß viele Kinder bald nach der Einschulung in Sonderschulen versetzt werden. In Klassen mit lern- und lei-stungsgeschädigten Kindern. Weil sie beim Intelligenztest in der Volksschule wegen ihrer Sprachschwierigkeiten oder Schüchternheit nur einen IQ (Intelligenzquotienten) von 85 oder darunter erreicht haben.

Im Lager Traiskirchen lebt es sich nicht großartig. Das gibt man im Innenministerium unumwunden zu. Die riesigen Schlafsäle und die sanitären Anlagen lassen zu wünschen übrig. Im Zuge der Familienzusammenführung wird nun versucht, die großen Räume familiengerecht zu unterteilen und bis Ende des Jahres die sanitären Einrichtungen zu verbessern.

Nach Traiskirchen werden die

Emigranten in einem der vier anderen Lager einquartiert:

• in der Vorderbrühl in einem viel schöneren Lager; dorthin kommen alle, die in Österreich bleiben, bereits arbeiten und auf eine eigene Wohnung warten;

• in die Lager Reichenau (Niederösterreich) oder Bad Kreuzen (Oberösterreich); sie beherbergen Flüchtlinge, die auswandern wollen und deshalb keinen Arbeitsplatz brauchen;

• in der Pflegeanstalt für chronisch Kranke in Thalham bei St. Georgen im Attergau (Oberösterreich), eine umgewidmete Tuberkulose-Anstalt; sie hat 130 Betten; derzeit sind 74 Kranke dort.

Verantwortlich für das Wohl der Flüchtlinge ist der Flüchtlingsfonds. Seine Aufgabe - so Regierungsrat Stanek - besteht darin, den ihm Anvertrauten Integrationshilfe zu gewähren. Heuer stehen 20 Millionen Schilling für Integration und Hilfsprojekte aus österreichischen Geldern zur Verfügung. Eine Million kommt vom Flüchtlingshochkommissär in Genf.

Da dies, trotz der großen Gesamtsumme, für den einzelnen oft nur einen Tropfen auf einen heißen Stein darstellt, ist Österreich bestrebt, möglichst viele Flüchtlinge so früh wie möglich in die Lage zu versetzen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Und da gibt es wieder Schwierigkeiten. Der Chilene Jose C. etwa beteuert zwar immer wieder, daß er arbeiten möchte. Im Augenblick hat er aber seinen neunten Posten verloren. Weü es geregnet hat. In Chile wird wegen der klimatischen und ökologischen Verhältnisse bei Schlechtwetter nicht gearbeitet. Deshalb kann Jose es nicht verstehen, daß er hier nun auch bei Regen auf den Bau gehen soll Verschärft wird seine finanzielle Notlage noch durch das Arbeitstabu für seine Frau. Sie ist Mittelpunkt der Familie und hat nur für Mann und Kinder da zu sein. Sie haben drei.

Dabei ist es augenblicklich gar nicht schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Zwar ist der Arbeitsmarkt auch bei uns übersättigt, das trifft aber nur für bestimmte Sparten zu. Da etwa gerade Mangel an Schweißern besteht, halten Arbeitsmarktverwaltung und Wirtschaftsförde-rungsinstitut in Wien gemeinsame Kurse in diesem Fach ab. Die gelernten Schweißer sind spielend unterzubringen. Daneben gibt es unzählige andere Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge aus allen sozialen Schichten. Die Liste reicht vom Hilfsarbeiter bis zum Arzt. Auch die 60 tschechischen Dissidenten, die durchwegs aus der intellektuellen Schicht kommen, konnten über das Arbeitsamt auf adäquate .Posten vermittelt werden.

Was dringend fehlt, sind Sozialhelfer - Famüien oder aktive Senioren. Menschen, die Zeit haben, den Flüchtlingen zu erklären, wie wir hier leben. Die ihnen beibringen, wie sie hier leben müssen. Solange das nicht geschieht, wird für manche Flüchtlinge jeder Behördenweg zur Katastrophe. Da sie oft mit den kleinsten Problemen kommen, sind auch die Beamten überfordert. Auch wenn sie sich so bemühen wie damals, als ein Argentinier mit seinen drei Losen kam. Er bat den Beamten, nachzusehen, ob er gewonnen hätte.

Er hatte nicht.

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