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89.000 Menschen haben im Vorjahr in Österreich um Asyl angesucht, doch rund 5000 wollten wieder zurück in ihre zerstörte Heimat. Warum? Eine Spurensuche.

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89.000 Menschen haben im Vorjahr in Österreich um Asyl angesucht, doch rund 5000 wollten wieder zurück in ihre zerstörte Heimat. Warum? Eine Spurensuche.

Rahmans Blick wirkt müde. Neun Monate und fast ebenso viele Staaten liegen hinter ihm. 40 Tage dauerte die Flucht durch Länder, die ihm bis heute fremd geblieben sind. Für seinen Weg von Afghanistan über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan bis nach Österreich hat der 33-Jährige, der deutlich älter wirkt, 15.000 Euro bezahlt. Sehr viel Geld für den sechsfachen Familienvater, dem als Hilfsarbeiter in seiner Heimat nur ein karger Sold beschieden war. Doch nach wiederholten Todesdrohungen durch die Taliban gab es zur Flucht keine Alternative.

Als sich Rahman schließlich Ende letzten Jahres aus dem afghanischen Kandahar Richtung Europa aufmachte, ahnte er freilich nicht, dass er sein Wunschland Österreich bald wieder verlassen würde - nach nur neun Monaten und freiwillig, wie er erklärt. "Ich erreiche meine Familie seit Tagen nicht", sagt Rahman. Von Nachbarn hat er erfahren, dass die Taliban nun auch seine Frau und seine Kinder bedrohen. Niemand weiß, wohin sie geflüchtet sind; für Rahman ein unerträglicher Zustand, der ihn zurück nach Afghanistan zwingt. Bald schon will er aufbrechen.

Verantwortung für die Familie

Wenn nach Österreich Geflüchtete wie Rahman wieder zurück nach Hause wollen, werden sie von der Republik mit EU-Mitteln unterstützt. Auf Anfragen des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl leisten der Verein für Menschenrechte Österreich und die Caritas konkret Hilfe. Letztere berät, klärt Perspektiven ab und kooperiert gegebenenfalls mit Rechtsberatung, Regionalbetreuung oder anderen involvierten Stellen. "Die Entscheidung zur freiwilligen Rückkehr muss jedoch autonom getroffen werden", erklärt Regionalkoordinatorin Christina Schnitzler von der Rückkehrhilfe der Caritas Steiermark.

1999 war sie eine der ersten, die in Österreich einst Geflohene auf dem Rückweg in die Heimat unterstützte. Nach Rückkehrwellen in den Kosovo um die Jahrtausendwende und steigenden freiwilligen Ausreisen nach Tschetschenien zwischen 2007 und 2011 war die Zahl der Rückkehrerinnen und Rückkehrer bis 2015 rückläufig. Erst seit Beginn der so genannten "Flüchtlingswelle" vor gut einem Jahr stieg auch die Zahl der freiwillig Heimkehrenden wieder stark an. Allein in Wien sind es 50 bis 60 Personen monatlich, und wie in der Steiermark steht an erster Stelle der Rückkehrländer auch hier der Irak.

Szenenwechsel. Der 29-jährige Fadi posiert nicht gerne vor der Kamera. "Ich hätte meinen Bart rasieren sollen", scherzt der syrische Student, der bei niemandem Assoziationen mit der Gesichtsbehaarung von IS-Kämpfern wachrütteln will. Deutlich ernster wird Fadi bei der Frage nach dem Verbleib seiner Familie. "Mein Bruder ist in Deutschland, meine Schwester in Damaskus und meine Eltern sind in Rumänien." Vor allem dort sei das Leben schwierig, berichtet er und erzählt davon, wie schwer insbesondere seiner mittlerweile 60-jährigen Mutter die Eingewöhnung in einem Land falle, dessen Sprache sie nicht beherrsche. "Sie kann sich einfach nicht einleben in Rumänien, und wann immer es für sie möglich ist, fährt sie zu ihrer Tochter nach Syrien", erzählt Fadi.

Was für so manchen in Österreich Geborenen schwer nachvollziehbar klingt, ist freilich keine Seltenheit, wie Asyl-Experten wissen. "Der Wunsch, nach Syrien zurückzukehren, wird sogar regelmäßig geäußert", erklärt Christian Fackler von der Rückkehrhilfe der Caritas Wien. Allein zehn bis fünfzehn Personen waren es im laufenden Jahr 2016. Vor allem Familien oder Einzelpersonen mit Kindern waren unter den Zurückgekehrten, wobei der Rückkehrwunsch angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen gut überlegt sein sollte. "Bei der Beratung syrischer Klientinnen und Klienten sind wir deshalb besonders vorsichtig und versuchen, gemeinsam andere Perspektiven zu entwickeln", so Fackler.

Wer dennoch freiwillig zurück will in seine umkämpfte Heimat, der tut dies meist aus zweierlei Gründen, ergänzt Christina Schnitzler von der Caritas Steiermark. Entweder weil die Vorstellungen und Hoffnungen der Klienten betreffend Arbeits- und Ausbildungsperspektiven nicht mit dem Status quo in Österreich übereinstimmen würden - oder weil Geflohene ein besonders starkes Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Familien hätten. "Wenn etwa in Afghanistan der Familienvater stirbt, übernimmt klar der älteste Sohn die Rolle des Versorgers", erklärt auch der Dolmetscher Idris, der Ende 2011 selbst als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling nach Österreich gekommen ist. Fälle wie Rahman, für den der 21-jährige Afghane erst kürzlich gedolmetscht hat, seien keine Seltenheit. Nicht alle würden sich sofort wohl fühlen in Europa.

Am schwersten mit dem Eingewöhnen in der Fremde würden sich ältere Menschen tun, weiß Christian Fackler und erzählt von einem Gespräch mit einem Klienten, der schon seit Jahren in Österreich lebte. "Der Mann war im Endstadium seiner Krebserkrankung und wollte nur zum Sterben wieder in seine Heimat zurück."

Ausreise-Rekord im Vorjahr

2015, das Jahr der vielerorts zitierten "Flüchtlingskrise" in Europa, hat nicht nur einen Rekord an Asylanträgen gebracht (88.912 Ansuchen waren es im Vergleich zu den 28.452 im Jahr davor); auch die Zahl der - freiwillig oder unfreiwillig -Heimkehrenden ist rapide gestiegen. Mit insgesamt 8365 Ausreisen hat das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl im Vorjahr die höchste Zahl an Rückführungen seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen dokumentiert. Gleich um 40 Prozent mehr Außerlandesbringungen als im Jahr davor betreute die "Internationale Organisation für Migration" (IOM). Durchschnittlich kam es an jedem zwölften Tag zu einer Charter-Rückführung per Flugzeug oder Autobus in insgesamt acht "Destinationen" (siehe Kasten). Immerhin 60 Prozent der Ausgereisten, genau 5087 Personen, haben Österreich auf eigenen Wunsch hin verlassen und sich in ihre alte Heimat aufgemacht.

Doch warum kehren Menschen an jenen Ort zurück, den sie oft erst nach massiven Repressalien und dem Aufbringen unverhältnismäßig hoher Geldsummen verlassen konnten? Viele hierzulande können das nicht verstehen. "Kürzlich hat mich ein Studienkollege gefragt, warum meine Mutter nicht in Rumänien bleiben will", erinnert sich Fadi. "Bei meiner Gegenfrage, ob sich denn seine Eltern beispielsweise so einfach in Brasilien zurechtfinden könnten, wurde er ruhig." Die Antwort hat sich schließlich erübrigt, als der Kärntner Student dem 29-jährigen Syrer erzählte, dass sein Vater erst zwei Mal in seinem Leben in Wien gewesen sei - von einem Aufenthalt in einem anderssprachigen Land ganz zu schweigen.

Zurück, um die Familie zu finden

Essen, ein Dach über dem Kopf, so manches freundliche Wort: Rahman, der Österreich noch vor Erhalt eines Asylbescheids den Rücken kehren will, ist dankbar für jede Hilfe, die ihm hier zuteil geworden ist. Es sei gut hier in Österreich, sagt er, es sei sicher, und es gebe vor allem keinen Krieg. Nur bleiben könne er nicht länger: Denn während er hier kaum Beschäftigung findet, erwartet den Ehemann und Vater in Afghanistan eine Aufgabe, von deren Ausgang das Wohl der gesamten Familie abhängt. "Irgendwo im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan" vermutet der 33-Jährige seine Frau und die sechs Kinder im Alter zwischen eins und elf Jahren. Wo genau sie sich vor den Taliban versteckt halten, ist - wie gesagt - völlig ungewiss. Aber mit Hilfe von Bekannten will Rahman seine Liebsten endlich finden. Dann, wenn er wieder zurück ist in der Heimat, der er gerade erst mühevoll entkommen ist.

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