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"... dann haben wir die nächste Generation Taliban"

Mehr als drei Millionen Afghanen sind nach Pakistan geflohen, wo sie teilweise in miserable Notcamps gepfercht werden, wo sie ums nackte Überleben kämpfen müssen. Im Land selbst hat sich die Lage verschärft. Rund 40 Prozent der pakistanischen Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.

Das reicht gerade für zehn Tage, dabei ist es die Ration für einen ganzen Monat!" 40 Kilogramm Mehl, vier Kilogramm Linsen und zwei Liter Öl hat Mohammad Shafiz in den Schubkarren geladen, um es in sein Lehmhaus zu fahren, wo seine Frau und zwei Kinder auf ihn warten. "Die Menge ist nie genug. Außerdem brauchen wir Tee, Zucker, Kleidung, Seife ...!" Das Leben im Flüchtlingscamp New Schamschatu nahe der nordpakistanischen Stadt Peschawar ist trist.

Fast 53.000 Menschen leben hier in einem dürren, unwirtlichen Gelände. Im Winter pfeift ein eisiger Wind zwischen den Lehmhäusern hindurch, im Sommer senkt sich eine glühende Hitze über das hügelige Gelände, und der seltene Regen verwandelt die Wege in Schlammpisten.

Mohammad Shafiz hat es noch gut. Er ist ein Mann und kann das Lager verlassen, um sich in den nahen Ziegelbrennereien als Tagelöhner Geld zu verdienen. 14 Schilling bekommt er pro Tag. So kann er wenigstens gelegentlich Gemüse oder Fleisch für seine Familie kaufen. Diese Möglichkeit hat Golwaripa, die 31-jährige Witwe nicht. Sie lebt nur von den Rationen des World Food Programms und von dem, was ihre vier Buben und ihre Tochter geschenkt bekommen oder sich erbetteln, wenn sie im Lager herumstreunen. Die Kinder bringen auch Blätter, Zweige und trockenes Gras als Brennmaterial.

Außerdem lebt Golwaripa im Zelt. "Nachts und morgens ist es hier sehr kalt. Und wenn es regnet, wird alles nass." Das Camp wurde letztes Jahr gegründet, als viele Afghanen vor der Dürre und den Kämpfen ins Nachbarland geflohen sind. "Unser Haus und unsere Gärten wurden zerstört", berichtet die junge Witwe, deren Mann im Kampf gegen die Taliban gefallen ist, "als dann noch die Dürre kam, mussten wir fliehen. Wir hatten ein gutes Leben in Afghanistan, unser Haus, unsere Felder. Wir hatten viele Verwandte, doch hier stehen wir alleine da." Golwaripa hofft, dass ihr Lehmhaus noch fertig wird, bevor die große Winterkälte einsetzt. Mit Unterstützung von Caritas Österreich wird fast 1.000 Familien das Material zur Verfügung gestellt, damit sie sich selbst Lehmhäuser bauen können. Wenn keine Männer in der Familie sind, wie bei Golwaripa, dann helfen Nachbarn.

Mit dem Bau der Lehmhäuser sind die Menschen hier vertraut. Auch in Afghanistan haben sie in solchen Häusern gewohnt. Sie sind billig - etwa 3.000 Schilling kostet das Material für ein Haus mit zwei Zimmern - und bieten guten Wohnkomfort: im Winter warm, im Sommer kühl.

Andere Camps bestehen schon seit über 20 Jahren und sind besser ausgestattet. Doch auch dort leiden sehr viele der darin geborenen Kinder an Unter- oder Mangelernährung.

Mehr als drei Millionen afghanische Flüchtlinge leben in Pakistan. Die Regierung will keine neuen mehr aufnehmen, auch aus Furcht, dass mit den Flüchtlingen Taliban ins Land kommen könnten.

Seit dem 11. September sind dennoch einige Hunderttausend Flüchtlinge ins Land gekommen, und ihre Lage ist besonders prekär. Man hat sie in miserabel ausgestattete Notcamps verbannt, die alle in den so genannten "tribal areas", den Stammesgebieten entlang der afghanischen Grenze, liegen über die der pakistanische Staat praktisch keine Kontrolle hat. Darin werden die Flüchtlinge regelrecht eingesperrt. Doch sie haben keine andere Wahl. In die bestehenden Camps dürfen sie nicht, und sie erhalten auch keinen Flüchtlingsausweis, der sie zum Bezug von Lebensmitteln berechtigt. In Peschawar sieht man daher Hunderte von bettelnden afghanischen Flüchtlingsfrauen. Wer nicht betteln will, ist gezwungen in ein Notcamp zu ziehen. Wenn Ruth Pfau, eine deutsche Ordensschwester, die seit 1960 in Pakistan lebt, die endlosen Zeltreihen in der Wüste besucht und sieht, dass es für die Kinder keine Schulen und sinnvolle Betätigungsmöglichkeiten gibt, so erfüllt sie das mit Sorge: "Wenn wir da jetzt nichts unternehmen, ziehen wir in den Lagern die nächste Generation von Taliban heran!"

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"Die Welt bedeutet mir überhaupt nichts"

"Ich bin jetzt ein Hafiz-e-Koran, ein Bewahrer des Korans," erklärt in Rawalpindi der 23-jährige Sayed Azim. Er kommt aus der Provinz Sindh. Fünf Jahre hat er eine normale Schule besucht, anschließend an einer der weit über 20.000 Koranschulen den Koran auswendig gelernt. "Seit ich den Heiligen Koran und die Aussprüche des Propheten - Friede sei mit ihm - gelesen habe, ist in meinem Herzen eine Liebe und eine Sehnsucht entstanden, für den Islam zu kämpfen, wo immer er bedroht ist." Er hat sich deshalb als Mudschahed ausbilden lassen. Vier Monate hat man ihn in einem Trainingscenter nahe Gilgit im Norden Pakistans mit der Bedienung von Maschinengewehren und Panzerfäusten vertraut gemacht. Mit der Gruppe Harkat ul-Mudschaheddin wird er in den Kampf ziehen und von ihr erhält er auch seine Waffen. Mitte Dezember wird das sein, nach dem Id-Fest, am Ende des Fastenmonats. Bis dahin widmet er sich noch religiösen Übungen. "Nach dem Ramadan werde ich nach Afghanistan gehen um zu kämpfen. Hoch lebe Osama Bin Laden! Ich kämpfe für die El-Kaida und die Taliban."

Der junge Mudschahed mit schwarzem Bart und dunklen, feurigen Augen scheint förmlich zu glühen, in den Kampf zu ziehen Doch wenn der Krieg schon während des Fastenmonats beendet wird. Was macht er dann? "Wenn der Krieg in Afghanistan bis zum Id-Fest zu Ende ist, dann werde ich - inschallah - in Kaschmir kämpfen."

Nach dem amerikanischen Angriff auf Afghanistan sind Tausende Pakistaner ins Nachbarland gezogen. Die meisten von ihnen junge Männer, ausgestattet mit einer großen Portion Fanatismus, aber mit geringen Kenntnissen des Landes und des Kriegshandwerks. Allein von einer religiösen Gruppe sind über 6.000 Freiwillige den Taliban zu Hilfe geeilt. Viele sind inzwischen zurückgekehrt, doch etliche Tausend wurden getötet, verhaftet oder sind irgendwo im Land gestrandet.

Fürchtet Sayed Azim nicht, dass er ihr Schicksal teilen wird? "Ich will dem Weg des Propheten - Friede sei mit ihm - folgen. Für ihn war dieses Leben nicht wertvoll. Er hat für die Religion gekämpft. Ich habe überhaupt keine Angst vor dem Tod. Wenn ich im Kampf sterbe, werde ich ein Märtyrer und gehe ein ins Paradies. Ich habe keine Furcht. Diese Welt bedeutet mir überhaupt nichts. Diese Welt ist wie ein Traum. Pakistan ist nur ein Sklave Amerikas. Es macht mir nichts aus, dieses Leben aufzugeben, um den Märtyrertod zu erleiden."

Der junge Mudschahed ist verheiratet und hat eine zweijährige Tochter. Doch weder seine Frau noch seine Eltern haben versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. "Meine Eltern sind sehr glücklich, sie haben mir ihre Erlaubnis gegeben, als Mudschahed nach Afghanistan zu ziehen. Mein älterer Bruder Qasim ist in Kaschmir getötet worden. Sein Tod hat mich noch entschlossener gemacht, für die Sache weiterzukämpfen, für die er gestorben ist. Auch meine Frau hat nie versucht, mich zurückzuhalten. Auch sie hat den Koran gelernt und unterrichtet nun Kinder. Sie wird sehr stolz sein, wenn ich zum Schahid - zum Märtyrer - werde."

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Pakistan, die "bewachte Demokratie ..."

"Die Koranschulen konnten sich nur deshalb so stark ausbreiten, weil das staatliche Bildungssystem zusammen gebrochen ist," urteilt Ahmed Rashid, Journalist und Autor des eben in deutscher Fassung erschienen Buches "Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad". "Wenn nur ein Bruchteil des Geldes, das in den Konflikt mit Indien, die Vergrößerung der Armee und die Entwicklung der Atombombe geflossen ist, für Bildung verwendet worden wäre, hätten wir heute nicht diese Situation." Wenn sich die Koranschulen weiter so ausbreiten wie in den letzten Jahren, wird es bald mehr Madrassas als staatliche Schulen geben. Finanziert werden sie von privaten Spenden, nicht selten auch aus dem Ausland.

Der Staat kann sich derzeit kein ordentliches Bildungssystem leisten. Fast 40 Prozent der Staatseinnahmen müssen für den Schuldendienst aufgebracht werden. 25 Prozent fließen ans Militär, 20 Prozent in die Bürokratie. Es bleibt praktisch kein Geld für Entwicklungsinvestitionen, Gesundheits- oder Bildungsprogramme übrig. Im Gegensatz zum Staat sind die religiösen Einrichtungen in der Lage, wichtige Sozialleistungen zu erfüllen. In den Koranschulen erhalten die Kinder kostenlos Unterricht, Verpflegung, Kleidung und Unterkunft. 40 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. So bleibt vielen Familien häufig gar keine andere Wahl, als ihre Kinder in die Koranschule zu schicken.

Doch langfristig verschärft sich damit das Problem nur noch, meint der Ökonom Kaiser Bengali, vom Zentrum für Sozialpolitik und Entwicklung in Karatschi. Denn die Madrassa-Absolventen tragen nicht zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei. "Sie lernen dort den Koran, und sie lernen zu hassen. Für eine moderne Wirtschaft sind die Absolventen völlig nutzlos."

Als der Militärdiktator Zia ul-Haq, ein "Mullah in Uniform" wie man sagt, Pakistan zwischen 1977 und 1988 stark aufrüstete ist das Land in die Schuldenfalle getappt. Auch die nachfolgenden demokratisch gewählten Regierungen unter Benazir Bhutto und Nawaz Sharif waren mehr auf die Mehrung ihres eigenen Reichtums als auf das Wohl des Landes bedacht. Viele Menschen waren daher froh, als 1999 mit General Pervez Musharraf wieder ein Militär die Macht übernahm.

Versucht man eine Bilanz seiner bisherigen Amtszeit, so lautet der Tenor, dass er zwar undemokratisch an die Macht gekommen sei, dass seine Politik bisher aber gut für das Land war. Musharraf ist es gelungen, Pakistan aus der internationalen Isolation zu führen, und der Großteil der Bevölkerung ist mit seinen bisherigen Reformbemühungen zufrieden. Laut Oberstem Gerichtshofs muss Musharraf spätestens im Oktober 2002 Pakistan wieder zurück zur Demokratie führen und Wahlen abhalten.

Doch viele zweifeln, dass er die Macht ganz aus der Hand geben wird. Man spricht von "guided democracy", einer "geführten Demokratie". Aber viele meinen, dass der Ausdruck "guarded democracy", also "bewachte Demokratie", zutreffender wäre, denn da hört man schon, dass er im schlimmsten Fall auch zu den Waffen greifen kann ...

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