#Flucht

Auf der Flucht

Eritrea - © Foto: Pixabay
Politik

Hoffen nach dem Krieg

1945 1960 1980 2000 2020

Caritas-Präsident franz küberl war in Liberia und hat Hilfseinrichtungen und Flüchtlingslager besucht. Seine Eindrücke hat er in Tagebuchform festgehalten.

1945 1960 1980 2000 2020

Caritas-Präsident franz küberl war in Liberia und hat Hilfseinrichtungen und Flüchtlingslager besucht. Seine Eindrücke hat er in Tagebuchform festgehalten.

Nach dem fast 15 Jahre dauernden Bürgerkrieg mit mehr als 200.000 Toten kommt Liberia langsam wieder zur Ruhe, demokratische Wahlen werden für den 11. Oktober 2005 vorbereitet. Aber die Situation der bis zu 700.000 Flüchtlinge, die noch nicht in ihre Dörfer zurückkehren konnten, ist noch immer prekär.

Freitag, 22. 7. 2005

Am späten Nachmittag landen wir in Monrovia. Der Flughafen ist sehr weit außerhalb von Monrovia, wir fahren Richtung Zentrum. Monrovia selbst hatte ursprünglich rund 400.000 Einwohner, nun sind es nach Schätzungen etwa 1,3 Mio. Es ist schnell dunkel geworden, Strom gibt es wie im ganzen Land nicht. Daher sind es meist kleine Lampen, offene Feuer, Kerzen, die Umrisse von sehr bescheidenen Hütten und Behausungen erahnen lassen.

Samstag, 23. 7. 2005

Es geht in den Norden des Landes. Ein kurzer Besuch im Salala-idp-Camp (Internally Displaced Persons). Noch immer befinden sich laut unhcr rund 350.000 bis 500.000 Menschen in diesen Camps. Außerhalb des Landes, bei den Nachbarn, sind es rund weitere 200.000 Menschen. Sie mussten während des Krieges aus ihren Dörfern fliehen. Obwohl es eine ganze Menge von Initiativen gibt, damit die Menschen zurückkehren können, stockt die Rückkehr derzeit. Und so leben auch in Salala mehrere tausend Menschen unter knappsten Verhältnissen auf engstem Raum. Aber erst wenn die Lager leer und die Menschen daheim sind, kann man von einer Befriedung reden.

Weiterfahrt nach Zota. Die Caritas Gbarnga unterstützt dort ein Landwirtschaftsprogramm: Die Bauern bekommen Arbeitsgeräte wie Macheten und Hauen, außerdem Saatgut. Damit die Familien das Saatgut nicht zur Ernährung verwenden, gibt es bis zur ersten Ernte Getreidelieferungen. Auf der Fahrt Zwischenstopp in einem Dorf, das dringend eine Schule bräuchte. Der Dorfälteste und sein Stellvertreter ersuchen dringlich um Hilfe, leider hat die Caritas derzeit nicht genug Mittel. Es ist nicht einfach, nein zu sagen, wenn die Hilfe so dringend notwendig wäre - aber es ist Teil der Arbeit. Vielleicht geht es im nächsten Jahr.

Am Abend treffen wir Diözesanbischof Zeigler. Er erzählt uns von der entsetzlichen Gewalt während des Krieges, vom Blut, das geflossen ist, von den Schwierigkeiten der Katholischen Kirche, vom mutigen Erzbischof von Monrovia, der mitgewirkt habe, dass im Jahr 2003 das Blutvergießen beendet werden konnte.

Eines der großen Probleme sei, dass die Bevölkerung Liberias aus den Nachfahren nach Afrika zurückgekehrter, ehemaliger amerikanischer Sklaven und Einheimischen besteht. Die Einheimischen würden von den Rückkehrern als Menschen zweiter Klasse behandelt, wie einst sie selbst und ihre Vorfahren in den usa behandelt wurden. Das habe zu vielen Problemen geführt. Er hoffe, dass für die Zukunft bessere Modelle des Miteinanders gefunden werden können.

Sonntag, 24. 7. 2005

Nach dem Frühstück machen wir einen Rundgang durch den "Catholic Compound", auf dem Bildungs-, Sozial- und Pastoraleinrichtungen der Katholischen Kirche auf großer Fläche angesiedelt sind. Ursprünglich gab es mehrere Schulen, die allesamt während des Krieges zerstört wurden. Sogar Fensterrahmen wurden herausgerissen und verkauft. Die Zerstörungswut und -präzision erinnert an den Bosnienkrieg. Es ist zu spüren, in wie vielen Varianten und Verkleidungen das Böse von den Menschen Besitz ergreift. Dann Gottesdienst - vor diesem Hintergrund besonders nachdenklich stimmend und mit dem Herrgott ringend. Die Frage, warum Gott das zulässt, kommt wieder einmal hoch.

Anschließend: Besuch in der Ausbildungsgruppe, der rund 50 Personen angehören. Alle sind "war affected people" - junge Menschen, die vom Krieg betroffen waren: Kindersoldaten, Kollaborateure, Opfer.

Man fragt sich ja, wie Kinder zu Soldaten werden. Das geht ganz brutal: Entweder die Eltern werden mit dem Tod bedroht, wenn die Kinder nicht wollen, oder die Eltern werden umgebracht, damit die Kinder mitgehen. Versuchen die Kinder zu flüchten, werden auch sie getötet. Die Mörder werden dann rasch zu Generälen befördert, egal wie jung sie sind. So einfach und so unvorstellbar brutal ist das. Entsetzliche Erlebnisse und auch Schuld schlummern in diesen jungen Leuten - wann sie darüber reden werden können, ist noch nicht klar. Jetzt jedenfalls noch nicht.

Die Verantwortlichen der Ausbildungsgruppe erklären uns, dass es sehr wichtig sei, die früheren Kindersoldaten gemeinsam mit anderen auszubilden, alleine kämen sie nicht, es wäre auch eine Stigmatisierung. Und miteinander hätten die jungen Leute auch Gelegenheit, Zukunft einzuüben. Eine sehr praktische Form von Versöhnungsarbeit, die anscheinend anhand der Ausbildung zum Maurer, zum Tischler, zum Automechaniker ganz gut funktioniert. Praktische Arbeit sieht man im Neuaufbau des Bildungshauses, in der neu errichteten Kapelle. Die jungen Leute, die hier lernen, finden im Anschluss an die Ausbildung meistens in Monrovi Arbeit. Anderswo gibt es noch kaum Firmen, die Leute brauchen.

Nach dem Mittagessen geht es nach Ganta. Zunächst zu einem Landwirtschaftsprojekt. In einem Dorf haben sechs Bauern gemeinsame Felderbewirtschaftung begonnen. Nun steht die Ernte vor der Tür. Eine große Menge an Krautköpfen haben sie schon geerntet. Viel ist noch auf den Feldern. Kraut gilt in Liberia als Delikatesse. Nun suchen die Bauern nach Wegen, dieses Kraut in das 240 km entfernte Monrovia zu "exportieren" - eine schwierige Aufgabe in einem Land, in dem Transportmittel Mangelware sind. Aber die Bauern sind geschickt.

Ganta ist eine Grenzstadt zu Guinea. Im Lepra-Zentrum am Rand der Stadt leben einige hundert Menschen - oft für lange Zeit. Ordensfrauen betreuen diese Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes an den Rand gedrängt werden, obwohl Lepra inzwischen eine gut behandelbare Krankheit geworden ist.

Montag, 25. 7. 2005

Zunächst besuchen wir in Monrovia eine Ambulanz im Elendsviertel der Stadt. Es ist eigenartig, dass in einer Stadt, die vom Elend gezeichnet ist, noch Abstufungen nach unten möglich sind. 50.000 Menschen wohnen hier. In diese Ambulanz kommen monatlich hunderte Leute: Schwangere, Verletzte, Schwerkranke. Kann die Ambulanz nicht helfen, werden die Kranken in Spitäler überwiesen. Es ist eine Ambulanzgebühr zu bezahlen, weil die Erhaltung sehr teuer ist. Eine zweite Ambulanz, die wir an diesem Vormittag sehen, wurde im Krieg überfallen, mehrere Schwestern wurden verschleppt und getötet.

Danach ein Treffen mit dem Informationsminister der Interimsregierung: Er gibt zu, dass noch ungeheuer viel zu entwickeln sein wird. Auf die Frage, was er nach den Wahlen im Oktober machen wird, sagt er lachend, dass er auch Professor für Literaturwissenschaften an der Universität Pittsburgh in den usa sei - er hoffe, dass er dort wieder lehren könne, falls er in Liberia nicht mehr gebraucht werde.

Am Abend gibt es ein Treffen mit kirchlichen MitarbeiterInnen. Darunter ist Sr. Johanna, eine niederösterreichische Ordensschwester, seit 40 Jahren in Liberia. Verwachsen mit dem Land, die Menschen liebend, ungeheuer wach - spirituell genauso wie in den öffentlichen Angelegenheiten. Eine Grundfeste des Glaubens und eine Grundfeste des Lebens für sehr viele Menschen, mit denen sie in diesen 40 Jahren zu tun hatte. Die Beispiele, die beschreiben, wie es den Menschen geht, wie entsetzlich der Krieg in den Familien gewütet hat, wie sie mit ihren Mitschwestern versucht hat, in diesen unmöglichen Situationen beizustehen, wie sie beschreibt, wie die Kirche an der Seite der Menschen und an der Seite des Widerstandes gegen die Entsetzlichkeiten dieser Zeit gestanden ist, macht dankbar, dass der Herrgott auch solche Menschen zulässt, die das ganz andere mögliche Leben unter die Menschen bringen. So entsteht auch eine Ahnung von besserer Zukunft.

Dienstag, 26. 7. 2005

"Independence Day", Unabhängigkeitstag in Liberia. Wir fahren zum Wilson-idp-Camp außerhalb von Monrovia gelegen. Ursprünglich für 35.000 Personen gedacht, jetzt beherbergt es 11.000 Personen, die aus ihren Dörfern geflohen sind. Die Stimmung hier ist aufgeladen. Beschwerden darüber, dass sie nicht in ihre Dörfer zurückgehen können, andererseits aber im Camp nichts mehr getan wird. Latrinen und Kochstellen außerhalb der Hütten würden dringend gebraucht. Der Campsprecher, sein Stellvertreter und Bewohner reden auf uns ein. Plötzlich schießt ein wuchtiger Feuerstrahl aus der Hütte, neben der wir stehen. Das Feuer kann gelöscht werden. Es ist fast ein Menetekel, hätte das Feuer übergegriffen, wäre Entsetzliches passiert. Die Situation scheint in mehreren Camps immer brisanter zu werden. Vor ein paar Tagen hat es eine Demonstration von mehreren tausend Flüchtlingen gegen die Verzögerungen bei der Rückkehr in die Heimatdörfer gegeben.

Der nächste Treffpunkt ist auf einem großen Feld in der Nähe eines Dorfes. Zurückgekehrte Bauern haben sich zur gemeinsamen Bewirtschaftung zusammengetan. Die Ressourcen dafür - Werkzeug, Saatgut und ähnliches - haben sie von der Caritas zur Verfügung gestellt bekommen. Ergebnis: eine besondere Art der Vier-Felderwirtschaft in einem: Reis, Cassava (Maniok), Mais, Gemüse ... werden gemeinsam angebaut und gedeihen prächtig.

Ebenso geht es den Bauern und ihren Familien wieder gut. Man wünscht sich, dass alle Menschen, die zurzeit noch in Lagern sind, ähnliche Chancen bekommen. Fruchtbar genug ist das Land.

Der letzte Besuchspunkt an diesem Tag ist im Dorf Jawajeh, das nur über einen sehr schlechten Feldweg erreichbar ist. Die starken Regenfälle der vergangenen Tage haben die Wege fast unpassierbar gemacht. Das Dorf ist selbst mit geländegängigen Autos nur noch schwer erreichbar. Das ist ein Problem, das viele Dörfer Liberias haben: Ist das eigene Dorf nicht durch eine der wenigen Asphaltstraßen in diesem Land (es gibt nur rund 500km Asphaltstraßen) erschlossen, kann man in der mehrmonatigen Regenzeit auch vom übrigen Leben im Land ausgeschlossen sein: keine Produkte verkaufen, aber auch nichts kaufen, was man nicht tragen kann, wenn man Wege nur zu Fuß erledigen kann.

Bewohner von 26 Häusern sind zurückgekehrt und haben mit Caritasassistenz ihre Häuser wiedererrichtet. 60 weitere Familien wollen zurückkehren. An diesem Tag bekommen einige Familien Werkzeug, Nägel, Zement, Schutzanstrich gegen Ungeziefer. Alles wird im Rahmen einer Dorfversammlung öffentlich übergeben (Transparenz ist sehr gut funktionierendes Controlling ...), es wird genau Buch geführt - Hilfe muss oft bürokratisch sein. Aber es ist faszinierend zu spüren, dass Solidarität über 5000 km von Dörfern aus Österreich in Dörfern in Liberia ankommt.

Mittwoch, 27. 7. 2005

Gespräch mit dem Hilfskoordinator der eu in Monrovia. Es tut ganz gut zu erfahren, dass die eu ein "Global-Payer" ist, aber gleichzeitig zum "Global-Player" wird. Sie spielt neben den un-Organisationen (auch als deren Financier) und neben den usa die größte Rolle beim Aufbau in Liberia, vor allem auch beim Aufbau des Staates: Verwaltung, Ministerien, Vorbereitung der Wahlen. Und wenn ich es richtig sehe, durchaus mit präzisem Blick für die zu überwindenden Schwierigkeiten. Erstaunlich leise, aber auch mit erstaunlichem Biss. Man darf sich keiner Illusion hingeben: Liberia muss erst lernen, wie ein Land regiert und verwaltet wird, damit die Maßnahmen nicht nur die eigene Sippe, das eigene Dorf, die eigene Gefolgschaft begünstigen, sondern allen Menschen im ganzen Land dienstbar sind. Liberia muss erst lernen, dass der Reichtum eines Landes eigentlich allen Menschen eines Landes gehört.