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Was Afrika nottut - am Beispiel Tansania. Reisenotizen von Edit Schlaffer.

Vor 30 Jahren bin ich mit dem Rucksack quer durch Tansania gereist. Tansania, das ist die Weite der Serengeti, das ist der majestätische Kilimanjaro, und das ist das arabisch angehauchte romantische Inselparadies Sansibar. Die Besteigung des Kilimanjaro ist eine der großen Touristenattraktionen und Einnahmequellen des Landes. Der Aufstieg erfordert keine großartigen bergsteigerischen Qualitäten, sondern eine ganz bestimmte sorgfältig zusammengestellte Ausrüstung: Entschlossenheit, Ausdauer und Durchhaltevermögen - und vor allem den Glauben an das Erreichen des Gipfels, der "Uhuru" heißt, was auf Swahili soviel bedeutet wie "Freiheit". Und genau das braucht Afrika heute: Freiheit von Armut und Krankheit. Die Route ist anstrengend, aber klar vorgezeichnet: eine gute Regierungsform, Bildung und Einbeziehung der Frauen in den wirtschaftlichen Aufbau.

Spitzenkaffee-Produzent

Diesmal kehre ich mit einer Journalistendelegation der Weltbank nach Tansania zurück. Der Kilimanjaro ist nach wie vor prachtvoll, die Schneedecke aber sichtbar dezimiert. Moshi, die strategisch wichtige Stadt im Norden, liegt inmitten von Kaffeeplantagen. Die Kaffeepreise sind in den letzten Jahren drastisch gefallen, mit einschneidenden Konsequenzen für die Region: Die Kaffeestauden wurden nicht kultiviert, die jungen Männer sind aus der Region abgewandert, aber Bernadette Kinabo, die stellvertretende Bürgermeisterin ist optimistisch: "Wir haben die Zeit der Verzweiflung hinter uns, ich sehe überall Hoffnung, wenn ich mich hier umblicke."

Die Politik der Liberalisierung hat ein neues Wirtschaften in Tansania eingeleitet. Das sozialistische Experiment Nyereres ist Vergangenheit (Julius K. Nyerere, Staatspräsident 1964-1985; red.). Die Kaffeekooperativen basieren auf Konkurrenz und setzen auf Qualität und ein höheres Preisniveau, was mittlerweile ein Abkommen mit Starbucks einbrachte. Nischenmärkte wie Spezialkaffees werden ebenfalls bedient. Das Land ist gerade dabei, sich neben den Weltmarktführern Kolumbien und Kenia als Spitzenkaffee-Produzent zu etablieren. Frauen spielen eine immer wichtigere Rolle im Kaffeebusiness, früher waren sie nur für den weniger lukrativen Bananenanbau zuständig.

Landwirtschaft ist weiblich

Tansania hat keine nennenswerten Bodenschätze oder Industrie. Ackerbau ist die Grundlage der Wirtschaft und macht ungefähr die Hälfte des nationalen Einkommens aus. Die Farmen sind klein, oft unter einem Hektar und maximal bis drei Hektar. Nur zehn Prozent der Landwirtschaft werden durch Traktoren unterstützt, zwanzig Prozent durch Ochsen, der Rest ist Handarbeit mit Harke. Die mangelnde Technologie und ausgedehnte Dürreperioden sind konstante Rückschläge beim Versuch, die Landwirtschaft gewinnbringend aufzuziehen.

Gezielte Bewässerung wäre ein zentraler Schlüssel für eine stabile landwirtschaftliche Produktion, von der die Gewährleistung der landesweiten Nahrungsmittelversorgung abhängt. Die Landwirtschaft ist ein hartes Geschäft und ist zu einem großen Teil in weiblichen Händen. Die Regierung setzt in ihren Strategien zur Armutsreduzierung auf den landwirtschaftlichen Sektor, dessen Effizienz eng verknüpft ist mit Infrastruktur wie Straßenbau, Ausbau des Kreditwesens und Bekämpfung der Korruption.

Teenager-Ehen

Der Ausbau des Humankapitals ist die große Herausforderung für die Zukunft des Landes und eine Top-Priorität der Regierung. Die Bildungsministerin spricht offen über die drastischen Probleme: Es haben zwar alle Kinder ein Recht auf freie Grundschulausbildung, aber die Qualitätssicherung ist kritisch. Die Klassen sind überfüllt, selbst in der Grundschule sind die Dropout-Raten hoch, und nur ein Bruchteil steigt in weiterführende Schulen auf. Die Ministerin hat eine große Kampagne gestartet, um den Trend aufzuhalten, dass vor allem so viele Mädchen die Schule abbrechen. Die Ursachen liegen auf der Hand: Die Mädchen werden früh schwanger, sehr oft ungewollt. Lange Schulwege sind nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Vergewaltigung von Schulmädchen ist ein Tabu, das ganz entschlossen von den beiden weiblichen Ministerinnen für Gleichstellung und für Bildung durch Aufklärungskampagnen und gesetzliche Maßnahmen in Angriff genommen wird.

Die weite Verbreitung von Teenager-Ehen und Kinderarbeit produziert die ansteigenden Schulabbrüche. Lokale Frauenorganisationen wie das engagierte Tansania Medienfrauennetzwerk machen energisch Lobbying für die Hinaufsetzung des Heiratsalters von derzeit 14 auf 18 Jahre.

"Schickt uns gute Lehrer!"

Selbst wenn Kinder im Schulsystem bleiben, ist dieses von nachhaltigen Defiziten durchsetzt. Der Mangel an kompetenten Lehrern führt dazu, dass die anfängliche Begeisterung der Kinder für den Schulbesuch in Langeweile und Leistungsverweigerung umschlägt. Lehrerausbildung müsste eine Priorität sein. Besonders in Mathematik und den Naturwissenschaften sind die Ergebnisse messbar schlecht. Die Ministerin fragt ganz spontan: "Kann uns Österreich nicht qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer schicken? Wir brauchen alles, einfach alles: Mathematik, Chemie, IT und vor allem Englisch. Selbst wenn sie noch Studierende sind, würde uns das schon unendlich helfen." Dazu kommt noch ein spezielles Problem: Viele Lehrkräfte erkranken und sterben jedes Jahr an Aids.

Frauen haben in der Regierung ein deutliches Profil, Schlüsselpositionen wie das Finanzministerium sind weiblich besetzt. Im Büro der ständigen Gender-Direktorin folge ich erstaunt der Aufzählung der Forderungen und geplanten Maßnahmen von Direktorin Mariam Mwafflissi, die einem skandinavischen Aktionsplan Ehre machen würde: In allen Ministerien soll es Beauftragte für spezielle Berücksichtigung von Frauenschwerpunkten geben. Das dringlichste sei ein gendersensibles Budget, um zu gewährleisten, dass entsprechende Finanzierungen auch Frauen zufließen, damit sie wirtschaftlich aktiv werden können.

Mariam sieht die ökonomische Rolle der Frauen als zukunftsweisend für den Erfolg ihres Landes: "Wenn Männer Geld zur Verfügung haben, verwenden sie es, um sich eine neue Frau zu nehmen. Frauen hingegen verwenden grundsätzlich all ihr Geld für die Familie und die Gemeinschaft." Sie versucht auf ihren Reisen in die entlegenen Provinzen die Menschen zu motivieren, ihre Mädchen auszubilden. "Ich sage immer, schaut mich an, ich komme vom Land, meine Familie war nicht wohlhabend, aber ich bin wo ich heute bin, weil ich etwas gelernt habe." Der gesamte Bildungssektor ist von ausländischer Förderung abhängig, auch für die internationale Gemeinschaft die zielführendste Investition in die Partnerschaft mit Afrika.

Sansibar ist ein Juwel im indischen Ozean, das Assoziationen an omanische Seefahrer und Gewürznelken weckt. Stonetown, die Hauptstadt, ist 20 Flugminuten vom Festland entfernt. Die kurze Fahrt vom Flughafen in die Stadt ist ein abrupter Einstieg in die Probleme. Müll und Abfall überall, Plattenbauten à la DDR erinnern an die sozialistische Vergangenheit. Die Stadt zieren prachtvolle Gebäude, kunstvoll geschnitzte Eingangsportale, allerdings halbzerfallen mit der Aura von Vergänglichkeit überdeckt. Das UNESCO-Weltkulturerbe-Siegel wird den Untergang dieses Kleinods vielleicht aufhalten, unter der Voraussetzung, dass auch entsprechend Geld in das Projekt gepumpt wird.

Auf einer Fläche von 2460 Quadratkilometern leben eine Million Sansibaris, die zu 98 Prozent muslimisch sind (Tansania: 30 bis 40 Prozent; red.). Amani Karume wurde nach einer turbulenten Wahlkampagne, die 23 Tote forderte, Präsident der Insel. Er ist damit in sein Elternhaus zurückgekehrt - vom weiß gestrichenen palmengesäumten kleinen Palast am Strand aus hat schon sein Vater die Insel regiert.

In einer Gesprächsrunde frage ich ihn, ob seiner Einschätzung nach islamische Fundamentalisten Einfluss haben oder anstreben. Die Weltbank stuft Tansania und Sansibar als eines der stabilsten Länder in Afrika ein. Karume erwidert ganz spontan: "Sansibar ist ein säkularer Staat, war immer säkular, und solange ich Präsident bin, wird es auch dabei bleiben." Ich frage ihn, was er für die Frauen Sansibars tut. Darauf reagiert er mit einem charmanten Lächeln: "Meine Auskünfte werden Sie vielleicht nicht zufrieden stellen, am besten sie unterhalten sich morgen Vormittag mit der First Lady darüber."

Die Vision der First Lady: …

Er hat nicht zu viel versprochen. Shadya Amani Karume ist nicht nur Gattin, sondern auch Aktivistin und Vorsitzende der führenden Frauenorganisation Zayedesa. Sie redet ohne Umschweife über Gewalt in der Ehe, Drogenmissbrauch, Prostitution und Aids: "Unsere Jugend hat viele Probleme, sie ist rastlos und irgendwie aus der Bahn geworfen." Dabei hätte Sansibar die besten Voraussetzungen, ein Best-Practice-Beispiel für gelungene Entwicklung zu werden. Das Land ist fruchtbar, überschaubar, alles wächst, aber alles wird importiert, von Salat bis Hotelpersonal. Das Festland stellt die gesamte Infrastruktur zur Verfügung, und die jungen Menschen verlassen die Insel oder leben unter der Armutsgrenze. Frau Karume entwickelt eine überzeugende Vision: "Wir haben fantastische Strände, ein einmaliges kulturelles Erbe. Wenn wir unseren Tourismus vorsichtig entwickeln, den Massenansturm, der mehr zerstört als einbringt, hintanhalten, die Landwirtschaft auf die Bedürfnisse der Hotels ausrichten und damit auch autark werden, haben wir die Zukunft gewonnen."

… Hoffnungsinsel Sansibar

Die Sonne könnte für alternative Energien genutzt werden, die Jugend in umweltfreundlichen Anbaumethoden ausgebildet, der Abfall, der sich auf der Insel türmt, professionell verwertet und eingesetzt und die lokalen Märkte eventuell soweit ausgebaut werden, dass sie mit alternativen Produkten sogar das Festland beliefern könnten. Sansibar wäre damit eine schwimmende Insel der Hoffnung und ein Beispiel für Erfolg: Made in Africa - powered by …? Genau das ist das fehlende Mosaiksteinchen: die Kooperations- und Investitionsbereitschaft aus der ersten Welt. Auch Österreich ist gefragt.

Die Autorin ist Gründungsvorsitzende der Organisation "Frauen ohne Grenzen".

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