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Kolumbiens Schattenseite

EIN ÜBERWÄLTIGENDES ECHO hatte der Leserbrief: ein Kolumbianer, der in New York zu Besuch weilte, sah im amerikanischen Fernsehen einen Bericht über sein Land, er erwartete Aufnahmen vom glänzenden Zentrum der Hauptstadt, Informationen über öl- und Stahlproduktion, Textilflrmen und die Kaffee-Ernte. Statt dessen lief ein Film, der die Slums von Bogota und verlotterte Dörfer an der Atlantikküste zeigte. Augenblicklich verfaßte der New-York-Besucher einen empörten Leserbrief an „El Tiempo“, die einflußreichste Zeitung Bogotas, welcher mit großer Genugtuung abgedruckt wurde.

Kolumbianer und Lateinamerikaner sahen sich wieder einmal in ihrem Verdacht bestätigt, wonach ausländische Korrespondenten nicht die positiven Aspekte des Kontinents zu sehen wünschten, sondern auf exotische Berichte mit Elendsvierteln, Banditen und Guerrilleros Jagd

machten. Solche Berichte treffen die Bewohner von Bogota ganz besonders, da sie ihre Kapitale als das „Athen Südamerikas“ rühmen und gerne auf die glänzenden literarischen und philologischen Leistungen der Gelehrten ihres Landes verweisen.

Es wäre in der Tat verfehlt, den Begriff „unterentwickelt“ ohne Differenzierungen zu verwenden und etwa Lateinamerika mit den Neustaaten Afrikas zu vergleichen. Fast alle Länder der südlichen Hemisphäre besitzen dichte politische, juristische, philosophische und künstlerische Strukturen, die sich in den 150 Jahren der Unabhängigkeit prächtig entwickeln konnten. Doch diese außerordentliche kulturelle und politische Verfeinerung bleibt auf eine zahlenmäßig kleine Schichte beschränkt. Unter dem Überbau brillianter Rhetorik und sprühenden Intellektualismus vegetieren die Campesinos, die am Rand von Staat und Gesellschaft ihr Leben fristen müssen. Jedoch die politischen Eliten Lateinamerikas wollen dies nicht wahrnehmen. Negative Berichte ausländischer Korrespondenten und Sozialwissenschaftler, welcher das nationale Empfinden bitter verletzen — der Skandal um eine mexikanische Ausgabe der Studie des nordamerikanischen Anthropologen Oscar Lewis, „Die Söhne von Sanchez“, ist noch gut in Erinnerung — bestärken sie trotzig in der Haltung, in Lateinamerika stünde alles zum besten.

ALS STACHEL IM FLEISCH erweist sich daher ein wissenschaftlicher Bericht der kolumbianischen Anthropologin Yolando Mora de Jaramillo, die in langen Monaten soziologischer Feldarbeit Informationen über die Lebensbedingungen in einem kolumbianischen Dorf sammelte, die den leeren Begriff „unterentwickelt“ mit bitterem Inhalt füllen.

Mit einem Exemplar des Berichtes

in der Tasche besuchten wir die Küste der Karibe, um die Ergebnisse der Anthropologin mit eigenen Impressionen zu vergleichen:

Cuatro Bocas: eine Ansammlung von 22 Häusern, 21 Familien, 154 Personen; eine'halbe Autostunde westlich von Barranquilla, dem bedeutendsten Ausfuhrhafen Kolumbiens. Schlamm und zäher Lehm in den Regenmonaten. Staub und heiße Winde in der Trockenzeit. Einige Esel, Hühner, magere Schweine. Die Hütten bestehen aus Lehm, Holzleisten, Stroh. Gelegentlich findet sich ein Eternitdach. Fenster fehlen; nur der kümmerlichste Hausrat ist vorhanden. Auf durchschnittlich 50 Quadratmetern drängen sich 15- bis 20köpfige Familien. Licht, sanitäre Anlagen, Trinkwasser fehlen. Einmal täglich kommt ein Tankwagen aus Barranquilla mit der kostbaren Ladung. Doch während der Trockenzeit benötigt die Stadt alle Versorgungsmittel selbst. Zwei, drei Tage verstreichen dann ohne frisches Wasser. Die Frauen müssen zu einem Tümpel Zuflucht nehmen, der zum Wäschewaschen und für die Viehtränke dient.

Eine schäbige Konstruktion ersetzt das Schulgebäude. Die Kinder können hier ein wenig Lesen und Schreiben lernen. Wenn das Repertoire der Lehrerin erschöpft ist, bleiben sie weg, um lieber bei den häuslichen Arbeiten zu helfen. Man erwirbt die elementarsten Kenntnisse; mit den Jahren verflüchtigen sie sich, denn es gibt keine Briefe zu schreiben, keine Bücher zu lesen; es mangelt an Papier, an Bleistiften.

Die Erde um das Dorf herum ist schlecht, ausgelaugt von den brennenden Winden der Trockenzeit. Mit zwei Ausnahmen besitzt niemand im Dorf Land Der Boden gehört den Viehzüchtern, die den Campesinos kleine Parzellen zur Verfügung stellen, auf denen ein kümmerlicher Ackerbau betrieben wird: Mais, Yuca, Bohnen, Hirse, Kartoffeln. Nach der Ernte muß das Land, frisch besät mit Gras, zurückerstattet werden. Auf diese Weise wird die Pacht bezahlt. Reibungen zwischen dem Eigentümer und den Dörflern sind häufig. Die Verträge werden ungenau abgeschlossen, die Viehzüchter erklären ihn für beendet wann immer es ihnen beliebt. Doch die Dörfler sind in dumpfer Resignation zufrieden mit dem bestehenden Zustand. Sie hegen wenig Groll gegen die Landbesitzer.

Mit viel Rhetorik betreibt die kolumbianische Regierung eine Landreform. Doch in Cuatro Bocas besitzt man kaum eine Vorstellung davon. Die bedrückende Atmosphäre läßt keinen Wunsch nach Landbesitz aufkommen. Seit Generationen ist dies die Ordnung der Dinge; und zudem wissen die Dörfler, daß ihnen die nötigen Kenntnisse für eine

ertragreiche Bestellung des Bodens fehlt. Dieses Wissen — und ein kleines Anfangskapital — ist für sie noch schwerer zu erlangen als eigener Grund.

Die Männer arbeiten auf den Pachtfeldern — Frauen beschränken

sich in Cuatro Bocas ausschließlich auf die häuslichen Tätigkeiten — mit den primitivsten Geräten: Machete, Beil, Holzinstrumente zum Lockern des Bodens. Der Ertrag der Felder ist für den eigenen Konsum bestimmt, und nicht einmal dafür reicht es. Jede händlerische Initiative liegt ihnen fern. Freilich tauscht man ein wenig untereinander: Eier, Petroleum, ein Huhn, etwas Saatgut. Doch niemand bereichert sich dabei; und niemand versucht einen kleinen Betrug — die Mengen sind einfach zu gering.

DIE GROSSE STADT IST NAHE, doch ihre Dynamik verwirrt. Feste Löhne und Sozialversicherung locken nicht. Die Dörfler wissen, daß sie auf der untersten Stufe beginnen müß-

ten und kaum Aufstiegsmöglichkeiten besitzen. Der Schlauheit der Städten sind sie nicht gewachsen. Gelegentlich kann man in Barranquilla einkaufen und dadurch ein wenig die erstickende Isolierung des Dorfes durchbrechen. Man riskiert den Besuch eines billigen Kinos, man stöbert nach alten Zeitungen in .den Abfallbehältern. Aber die Besuche

bleiben selten. Wohl verkehrt täglich einmal ein Bus fr ein gebrechlicher Lastwagen, auf dessen Ladefläche Hölzbänke aufgenagelt sind, doch der Fahrpreis beträgt 70 Centavos (ein Schilling), die das Budget zu sehr belasten. Lieber geht man drei Stunden zu Fuß.

Geld zirkuliert in Cuatro Bocas nur in Groschen, und die -Groschen summieren sich nicht zu ansehnlichen Beträgen. Einige Pesos kön-

nen die Männer mit Kohlebrennen verdienen. Acht bis zehn Wagemutige wandern jährlich das Magdalenatal hinauf, zur Baumwollernte, um nach einigen Monaten mit dem Riesenbetrag von 400 bis 500 Pesos zurückzukehren. Doch für eine 15köpfige Familie ist auch dies zu wenig.

DER HUNGER IST am schlimmsten. Auch wenn zur Erntezeit die Nahrung mengenmäßig ausreicht, bleibt der Kaloriengehalt ungenügend.

Die Türen, die immer offen stehen, werden zur Essenszeit eifersüchtig geschlossen. Die meisten Familien essen in Schichten. Lange rätselte die Anthropologin an diesem Phänomen — bis sie die verblüffende Lösung

fand: die Teller und das Besteck reichen einfach nicht für alle.

Der Speisezettel, welche Yolanda Mora de Jaramillo sorgfältig notierte, sprechen eine eindrucksvolle Sprache. Eine durchschnittliche Familie (drei Erwachsene, neun Kinder) begnügte sich zum Beispiel mit dieser Diät. Freitag: Frühstück: Mais, Kaffee (und Fisch, doch nur

für den Vater); mittags: Ein topf mit Fleisch, Yuca und Bananen; abends: Reis, Fisch. Samstag: Frühstück: Mais, Kaffee; mittags: Fisch, Yuca; abends: nichts; Sonntag: Frühstück: Mais, Kaffee; mittags: Eintopf; abends: Reis. Montag: Frühstück: Mais, Kaffee (und Hirse, wieder nur für den Vater); mittags: Eintopf; abends: Reis.

Schon die Impressionen eines eintägigen Aufenthaltes in Cuatro Bocas

überzeugen den Besucher, daß die Dörfler, und vor allem die Kinder, nie satt werden. Milch und Fleisch gehören zu den großen Seltenheiten. Ab und zu verteilt eine staatliche Organisation CARE-Milch; doch da keine Gebrauchsanweisungen mitgeliefert werden, essen die Kinder das trockene Pulver. Prompt stellen sich Magenbeschwerden ein.

Es gibt kein Gasthaus, kein Lebensmittelgeschäft. Die Kirche ist winzig.

Am 3. Mai, dem Tag des Dorfheiligen, kommt ein Priester aus der Stadt und liest eine Messe, die einzige des Jahres. Ab und zu besucht ein Ordenspater auf Mission das Dorf, mit flüchtigen Ansprachen, Taufen, Beichten, Eheschließungen. Diese Besuche verwandeln sich in die große Sensation von Cuatro Bocas und dienen eher zum Auflokkern des freudenlosen Alltags als ihrem eigentlichen Zweck.

Die Kinder kennen keine Spiele; ihre Talente verkümmern, bevor sie geweckt werden. Manchmal tanzen Mädchen nach den hämmernden Rhythmen, die pausenlos aus den Kofferradios strömen — trotz der übermäßigen Armut hat sich fast jedes Haus irgendwie einen Apparat verschafft — und die halbwüchsigen Buben üben in plumper Nachahmung, was die Erwachsenen in 20 Jahren des Bürgerkrieges und der Violencia getrieben haben: das grausame Spiel Bandolero-Soldat; natürlich will jedermann den Bando-lero spielen.

DAS LEBEN VERRINNT in Cuatro Bocas zwischen Geburt und Tod und alle wissen, daß sich dazwischen nichts ereignet. Die staubigen Wege des Dorfes sind erfüllt mit der drük-kenden Atmosphäre großer Hoffnungslosigkeit. In der Stadt, in Barranquilla, und weit, weit weg, in Bogota, lebt das andere Kolumbien, von dem die Dörfler so wenig Vorstellung besitzen, daß sie nicht einmal zum Neid, zum Haß fähig sind

Die Statistikzentrale zählt sie — dies bleibt vorerst der einzige Berührungspunkt mit dem Staat, der sie in den Geschichtsbüchern als stolze, unbeugsame und treue Bürger rühmt.

Nach der Rückkehr nach Bogota berechneten wir unsere Ausgaben für Reise, Hotel, Taxi. Es ergab sich ein Betrag von 800 Pesos — eine 15köpflge Familie in Cuatro Bocas bestreitet mit dieser Summe die Lebenskosten für sechs Monate.

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