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Mit dem Verliererwürfel ist nicht zu gewinnen

1945 1960 1980 2000 2020

Im Banne Columbus' zu sein, bedeutete für das Wiener Gymnasium Albertgasse 18, im 8. Bezirk, mehr, als fasziniert auf einen kühnen Entdecker zu starren. Die fünften Klassen haben mit beherzten Professorinnen ausgetrampelte Pfade der Wissensvermittlung verlassen.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Banne Columbus' zu sein, bedeutete für das Wiener Gymnasium Albertgasse 18, im 8. Bezirk, mehr, als fasziniert auf einen kühnen Entdecker zu starren. Die fünften Klassen haben mit beherzten Professorinnen ausgetrampelte Pfade der Wissensvermittlung verlassen.

Bei der Abschlußveranstaltung von „500Jahre Lateinamerika - Ein Grund zum Feiern???" im BGRG VIII, Albertgasse 18-22 sangen Schüler und Schülerinnen so bekannte Lieder wie „Caldera" von Milton Nascimiento, „Marinheiro so" von Caetano Velo-so, „Bim Born" von Joäo Gilberto und das legendäre Guantanamera von Jose Marti. Unter fachkundiger Anleitung des brasilianischen Musikers Mario Lima war den Jugendlichen anzuhören, für sie bedeuten diese ins Ohr gehenden Melodien viel mehr als ein akustisches Vergnügen: Sie haben im Ansatz das Lebensgefühl eines Kontinents entdeckt, der seit Jahren für Schlagzeilen sorgt.

Berichte überschwerste Menschenrechtsverletzungen, das Sterben des tropischen Regenwalds, das Verschwinden der Indianer, die Drogenproblematik, die gewaltige Arbeitslosigkeit, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die an der Schule unterrichtende Spanischprofessorin Ilse Schlager, selbst eine begeisterte Lateinameri-kakennerin, hat drei Monate lang für ein Informationsprogramm gesorgt, das während einer Woche von allen Teilnehmern (also Schülern und Professoren) in einem Projekt mit Ausstellung auf den Gängen und in den Klassenräumen präsentiert wurde. Als „bleibende Erinnerung" erschien eine eigene Schülerzeitschrift, redaktionell betreut von Christa Prilhofer. Professorin für Latein.

Die beiden fünften Klassen teilten sich in zehn Gruppen, Lehrer und Schüler der einzelnen Gruppen sammelten Informationen, „hetzten" von einem Vortrag zum anderen und trafen zu Besprechungen zusammen. Die Schüler besuchten die Inkaausstellung in Linz, luden zu Vorträgen ein, darunter war einer über Mexiko. referierten Vertreter von Global 2000 und Amnesty International, gab eine Entwicklungshelferin, die in Peru lebt. Auskunft, sprach der Botschafter aus Ecuador über sein Land. Dabei erfuhren die Schüler, daß das kleinste Land Südamerikas Anteil an den Anden und dem Amazonasgebiet hat, sowie die Galapagosinseln zum Staatsgebiet gehören. Sie erfuhren auch, daß neben der Staatssprache Spanisch eine Vielzahl indianischer Sprachen und Idiome verwendet wird.

Zur Ausstellung erschien ein von den Schülern verfaßtes Flugblatt, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt: „Ecuador ist eines der ärmsten Länder des Kontinents mit einer jährlichen Inflationsrate von über 500 Prozent!

Über 50 Prozent Analphabeten, das Einkommen einer einzelnen Person beträgt 600 Dollar im Jahr. Und dies soll meistens auch noch für eine mehrköpfige Familie reichen. Viele Familien leben in Slums, der Vater verläßt die Familie, und die Mutter muß die Sippe allein durchbringen. Während in Ecuador 75 Prozent der Kinder zwischen zehn und 16 Jahren ohne gerechte Bezahlung hart arbeiten müssen, werden die Jugendlichen bei uns von jeder harten Arbeit ferngehalten und bekommen trotzdem genug zu essen.

Viele leben in unhygienischen Vierteln am Stadtrand, daher können sich Krankheiten relativ rasch ausbreiten, wie zum Beispiel jetzt die Choleraepidemie, die sich über ganz Südamerika ausbreitet und bisher 5.000 Tote forderte. Wir schauen zu, aber unternehmen wir etwas dagegen? Die meisten sehen die Nachrichten, und denken sich nichts dabei."

Solches Engagement für eine Sache ist professionell gemachten Medien (aus guten Gründen?) zumeist nicht eigen. Doch angesichts der Begeisterung der Schüler ist die Frage berechtigt: Wen berührt distanzierte Berichterstattung w irklich? Was muß geschehen, daß aus einem Zuhörer, Zuseher oder Leser ein Handelnder wird?

Das viele Lebensbereiche streifende Intensivprogramm an der Schule hat aus Zuhörern Erkennende und Wißbegierige gemacht, die im Bedarfsfall für die Seite der Armen und Leidenden Partei ergreifen. Die einen vielleicht mehr aus Gründen der Caritas, die anderen aus Solidarität.

Erkannt haben die Schüler durch Information wie die Terms of Trade die Erste Welt gegenüber den abhängigen Ländern Lateinamerikas begünstigen. Zur Veranschaulichung haben sie auch ein Würfelspiel für die Eltern bereitgehalten, das von Haus aus stets den Sieger und den Verlierer festschrieb. Selbst bei unverhältnismäßig viel Glück beim Würfeln konnte mit dem Verliererwürfel nicht gewonnen werden. Informationen zeigten den Zusammenhang der Wirtschaft mit Politik, Umwelt und Sozialem auf. Probleme wie Kapitalflucht, Korruption und Bürokratie, hohe Inflation, hohe Arbeitslosigkeit wurden verdeutlicht.

Das machte den Schülern und Schülerinnen deutlich, daß selbst die größten Kupfervorkommen der Erde in Chile nicht ausreichen, um aus einem armen Land eines zu machen, das ansatzweise mit der Entwicklung in der Ersten Welt Schritt halten kann. Auch die Tatsache, daß sich das größte Wasserkraftwerk der Erde in Itaipu an der brasilianisch, argentinisch, paraguayischen Grenze befindet, das den billigsten Strom der Welt liefert, reicht nicht aus, genügend viele Menschen mit dem Minimum an Energie zu versorgen, die nötig ist, um den erdrückenden Fesseln der Armut zu entsteigen, wenn die Verteilung nicht funktioniert.

Viel Atmosphärisches wußte Maria Riedlinger zu vermitteln. Lange hatte sie in Guatemala gelebt. In ihren Beobachtungen aus dem Alltag verstand sie die kulturellen Unterschiede auszudrücken. So erzählte sie, daß sie auf einem Markt, wo sie über einige Obstkörbe stieg, von den Leuten mit Stöcken bedroht wurde. Zwar hatte sie schon gehört, daß Dorfbewohner bisweilen gegen Weiße sehr aggressiv sein können, doch war ihr der Anlaß für diese Ablehnung nicht deutlich. Erst später erfuhr sie, daß die Vorstellung der Indios von „Obst" männlich ist und sie als Frau daher nicht „über dem Mann" stehen darf. Solche Geschichten und Eindrücke lassen erahnen, welches Geflecht von Abhängigkeiten den einzelnen Menschen in seiner gewohnten Sozietät umgibt.

Das Projekt in der Albertgasse machte den Jugendlichen klar, daß die Entdeckung der außereuropäischen Welt für die Nichteuropäer nicht selten eine Tragödie war. Politische Rechtlosigkeit verbunden mit der Zerstörung des Lebensraums und der Auflösung der eigenen Kultur waren zumeist die Ergebnisse. Jene Strukturen, die in der Kolonialzeit entstanden sind, haben sich häufig bis in die Gegenwart in irgendeiner Form erhalten. Zeugnisse eines anderen, postkolonialen Selbstverständnisses haben häufig die Musiker, Schriftsteller und Maler gefunden. Zu den bedeutenden Äußerungen lateinamerikanischer Dichter gehört zweifellos „El canto general" des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Das die Vernichtung der indianischen Kulturen beklagende Werk wurde von Mikis Theodora-kis vertont. Auszüge aus dem Gemüt und Verstand packenden Werk wurde während der Schluß veranstaltung vom Band gespielt. Dazu wurden Dias von Schülerzeichnungen gezeigt, die sich auf sehr persönliche Art mit dem literarischen Werk auseinandersetzten. Da wurde jedem klar, Kunst vermag eine innere Wirklichkeit zu vermitteln, die der Wissenschaft und der journalistischen Berichterstattung verschlossen bleiben muß.

Diese gelungene Veranstaltung verlangte Respekt des Besuchers: Die unwahrscheinliche Mühe einer Fachprofessorin, die Schüler und Kollegen sowie Kolleginnen mitzureißen imstande war. Ein Direktor, der sich getraut, die ausgetrampelten Pfade der Wissensvermittlung zu verlassen, Helmuth Hickel. Und nicht zuletzt das Engagement der Jugendlichen selbst, die nicht nur in Arbeitskreisen aktiv waren, ein Bühnenprogramm erstellten, sondern auch ein beachtliches Buffett mit lateinamerikanischen Spezialitäten unter der Leitung von Rosa Mistelbauer aufbauten. Solche Aktivitäten sollten keine Einzelerscheinung bleiben.

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