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Zwischen Revolution und Nationalismus

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Die Europäer verstehen meist wenig von Lateinamerika: weder, warum es in Lateinamerika so viele Staaten gibt, insbesondere so viele, die alle die gleiche Sprache sprechen; noch, warum dieser an Raum und Naturschätzen so reiche Kontinent so arm ist; und ebensowenig die permanenten wirtschaftlichen und politischen Krisen in den lateinamerikanischen Ländern. Die Europäer, die durch Lateinamerika reisen oder sogar dort leben, sehen meist nicht viel, weil sie nämlich alles schon vorher wissen, nur das sehen wollen, was ihren Vorurteilen entspricht: daß es viele Kinder, viele Bettler, viele Diebe und viel Schmutz gibt, daß es den Völkern aus „Mestizen“ und „Mulat-tferi“ an Kraft und WüTen fehlt, sie deshalb arm sind und auch „disponiert“, sich von einigen Generälen regieren zu lassen.

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Die Europäer verstehen meist wenig von Lateinamerika: weder, warum es in Lateinamerika so viele Staaten gibt, insbesondere so viele, die alle die gleiche Sprache sprechen; noch, warum dieser an Raum und Naturschätzen so reiche Kontinent so arm ist; und ebensowenig die permanenten wirtschaftlichen und politischen Krisen in den lateinamerikanischen Ländern. Die Europäer, die durch Lateinamerika reisen oder sogar dort leben, sehen meist nicht viel, weil sie nämlich alles schon vorher wissen, nur das sehen wollen, was ihren Vorurteilen entspricht: daß es viele Kinder, viele Bettler, viele Diebe und viel Schmutz gibt, daß es den Völkern aus „Mestizen“ und „Mulat-tferi“ an Kraft und WüTen fehlt, sie deshalb arm sind und auch „disponiert“, sich von einigen Generälen regieren zu lassen.

Sie sind zu jung oder zu vergeßlich, um sich daran zu erinnern, wie es in Österreich, in Jugoslawien, in Italien und vielen anderen Ländern Europas vor dem zweiten Weltkrieg, also vor nicht mehr als 35 Jahren, noch ausgesehen hat: Aus den Augen der Hälfte unserer Kinder sprach der Hunger, und es regierten uns Generäle oder Diktatoren in traditionellen oder neu erfundenen Uniformen, die weit weniger Vernunft hatten als die Generäle Lateinamerikas.

Die Europäer sehen meist nicht die bewundernswerten architektonischen Zeugen vergangener Jahrhunderte, wie unserer Gegenwart. Nicht die Ruinen der Tempel, Pyramiden und Städte der indianischen Kulturen. Nicht die „goldenen Kirchen“ (samt ihren Bildern und Skulpturen) des 16. bis 18. Jahrhunderts: höchster, eigenster Ausdruck menschlicher Leiden und Hoffnungen in Formen, die von denen der erobernden Spanier fast sch^ ebensoweit sich entfernt hatten, wie von denen der nur scheinbar ausgelöschten indianischen Kulturen. Die Europäer „sehen“ meist nicht einmal die gleichzeitig großartigen und doch so gar nicht „prätentiösen“ Bt. 4en unsere- Gegenwart, die — im Gegensatz zu den meisten in Europa — nicht in feindlichem Gegensatz zu denen der Vergangenheit stehen. Nirgendwo auf der Welt hat die moderne Architektur es so verstanden wie in Lateinamerika, Phantasie einerseits, Erfüllung der gegebenen Funktion anderseits mit Stilgefühl, mit der Verbindung zur eigenen Vergangenheit und gleichzeitig der Konzeption eines zukünftigen Lebens des Menschen und der Nation zu vereinen. Dafür sind Museen, Hochhäuser, Wohnviertel, Privathäuser und auch neue Kirchen in Städten aller Länder Lateiname-rikäs Zeugen. Es gibt wohl nirgends in der Welt ein Werk der modernen Architektur, das sich mit der Größe und Schlichtheit des Nationalmuseums in Mexiko vergleichen läßt, würdiger Rahmen der Zeugen seiner Vergangenheit; kein anderes so kühnes Projekt wie Brasilia, junge Hauptstadt Brasiliens, Symbol der Vereinigung einer vielschichtigen und vielrassigen Bevölkerung eines halben Kontinents zur Nation; keinen Luxusbadeort, in dem selbst eine teilweise schon morbide Oberklasse soviel Geschmack beweist, wie in Punta del Este in Uruguay. Die reiche Literatur der lateinamerikanischen Länder wird, verständlicherweise, von den Europäern noch weniger beachtet als ihre Architektur.

Und ebensowenig Ahnung haben sie von den nationalen Verschiedenheiten, die den Anspruch jeder einzelnen Republik auf eigene nationale Persönlichkeit durchaus begründen. Bestenfalls bemerken sie, daß es „weiße“, „weiß-braune“ und „weiß-schwarze“ Länder gibt. Beginnen wir mit den drei „weißen“: Uruguay, Argentinien und Chile. In Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, glaubt man sich in Südfrankreich (soweit derartige Vergleiche erlaubt sind), in Nimes, Nizza oder Montpellier. Das gilt für das Stadtbild, den Stil der Geschäfte, Restaurants und Cafes. Das gilt aber auch für die „bürgerlich-reservierten“ Lebensgewohnheiten; selbst gute Fre-'nde werden nur ins Restaurant eingeladen, niemand „belästigt“ seine Mitmenschen mit persönlichen oder gar intimen Problemen, den Moden folgt man nur nach, und das in gemäßigter Form, ein wenig zuviel zu trinken ist die größte Schande. „Französisch“ ist in Uruguay aber auch das verbreitete literarische Interesse, das vielseitige Theaterleben, das Niveau der Hochschulen — und der geringe Einfluß der Kirche im persönlichen und gesellschaftlichen Leben; die Kathedrale Montevideos — einer Stadt von eineinhalb Millionen Einwohnern — ist kaum größer als anderswo eine Pfarrkirche, und dennoch kaum jemals von Menschen gefüllt. Politisch befindet sich Uruguay mitten im „republikanischen“ Chaos“ — wie Frankreich vor de Gaulle.

Ganz und gar nichts — außer der Sprache — ist „Spanisch“ in Uruguay. Und ebensowenig in Argentinien. In beiden Ländern ist daher auch der Stierkampf so „unmöglich“ wie überall in Europa außerhalb Spaniens. Buenos Aires: „dreimal“ Mailand — in seiner Größe wie in der Intensität seines Lebens; wie Mailand „amerikanisiertes“ Italien. Buenos Aires ist die größte und reichste Stadt Lateinamerikas und fühlt sich daher als sein „New York“. In Buenos Aires allein gibt es wohl doppelt soviel ständige Bühnen wie in ganz Italien, sicher aber auch doppelt soviel Prostituierte. Die Männer sind noch eitler als anderswo auf ihre wirklichen, eingebildeten oder vorgegebenen Erfolge beim anderen Geschlecht. Sie kopieren die Arroganz der „Yankees“, die Mailands und Roms, auch die von Florenz. Wenn Argentinien von Generälen regiert wird, so erklärt sich das nur daraus, daß seine Bevölkerung allzu individualistisch, allzu „demokratisch“ ist, sich daher nur schwer nach parlamentarischen Regeln regieren läßt — wie die Italiens auch Aber der demokratische Geist der Bevölkerung und der große Einfluß der Kirche mildert die Diktatur, wie seinerzeit im faschistischen Italien. Die Freiheit der Literatur und der Bühnen ist kaum beeinträchtigt.

Chile ist in einer Situation, die der heutigen Italiens sehr ähnlich ist: die regierende „Democracia Cri-stiana“ steht zwischen einer radikalen Rechten, mit der sie nicht zusammenarbeiten kann, und einer Linken, mit der sie, wenigstens teilweise, zusammenarbeiten möchte, die aber unter sich zersplittert ist, in gemäßigtere und radikalere Gruppierungen.

Auch Chile ist nicht „spanisch“, sondern viel eher „italienisch“, aber in einem ganz anderen Sinn als Argentinien. Chile hat nicht die argentinischen Prätentionen, dafür aber um so mehr „Charme“, den besten Wein und die liebenswürdigsten und gleichzeitig gescheitesten Frauen Lateinamerikas.

Wirklich „spanisch“ ist in ganz Lateinamerika nur Peru, obwohl dort der Anteil indianischen Bluts weit größer ist als der des spanischen. Die gesellschaftliche Struktur entspricht der Spaniens im 18. Jahrhundert. Einige tausend spanische Familien beherrschen das Land in jeder Hinsicht und bestimmen seine Sitten und Lebensformen. Das „bürgerliche Zeitalter“ hat Peru nicht erlebt und wird es wohl niemals erleben. Die Offiziere, die das Land regieren, entstammen teils den herrschenden Familien, teils haben sie sich ihnen assimiliert. Und diese Offiziere sind im Begriff, eine „Revolution von oben“ zu verwirklichen, die in der Geschichte der Welt einmalig ist, die allen Theorien widerspricht. Eine Revolution, geboren aus dem Geist des katholischen Ritters Don Quijote: Ohne äußerlich sichtbare Notwendigkeit enteignet eine unangefochten herrschende Oberklasse sich selbst, verteilt ihren Grundbesitz — die Basis ihrer Macht und ihres Reichtums — an die indianischen Bauern. Junge Offiziere — Söhne und Neffen von Großgrundbesitzern, die daher von der Landwirtschaft etwas verstehen — werden den Bauern und Bauernkollektiven zu Hilfe geschickt, damit diese lernen, ihr neues Eigentum für sich und die Nation nutzbar zu machen. Dieselbe Militärregierung, die trotz aller wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten zuerst die ölfelder der amerikanischen Esso-Standard enteignete, hat es dann, unlängst, zustande gebracht, mit einer nordamerikanischen Unternehmung einen sehr vorteilhaften Vertrag über die Aufschließung der peruanischen Kupferlagerstätten durch amerikanisches Kapital zu schließen.

Die regierenden peruanischen Offiziere „gefallen“ niemandem: nicht ihren Brüdern und Vettern, die sie enteignet haben; nicht der „Mittelklasse“ von Geschäftsleuten, Intellektuellen und Journalisten, deren Bewegungsfreiheit sie mit harter Hand beschränken; nicht den linken Politikern, denen sie „die Revolution gestohlen“ haben. Und mit den Massen der Armen fehlt ahnen die innere und organisatorische Verbindung. Wie lange die peruanischen Don Quijotes regieren werden, läßt sich daher kaum voraussagen. Aber ihre Revolution läßt sich gewiß nicht mehr rückgängig machen. *

Im Rahmen eines Artikels ist. es nicht möglich, jede Nation zu ihrem Recht kommen zu lassen, obwohl sie alle ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Geschichte und . eigene Zukunft haben. Beispiele müßten genügen. Die beiden hinsichtlich ihrer Zahl größten Nationen Lateinamerikas — Brasilien und Mexiko, mit 70 Millionen und 50 Millionen Einwohnern — erlauben keine Vergleiche mit europäischen Ländern. Beide sind eine Welt für sich.

Brasilien — der Fläche nach so groß wie ganz Europa — ist heute das Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Ahes ist „fabelhaft“, unwahrscheinlich, durch die Vernunft kaum zu erklären: der Reichtum wie die Armut; die absolute Macht von Großgrundbesitzern in ihrem Reich, von Generälen im Bereich der Politik; die Macht „schwarzer“ (in beiden Bedeutungen des Wortes) „Zauberer“ über die Herren von Provinzen und sogar über solche, die das Schicksal der Nation mitbestimmen. Die Kirche steht zu drei Vierteln schon in offener Opposition gegen das Regime. In anderen Teilen der Welt verteidigt sie den Glauben gegen eine allzu seichte Vernunft. In Brasilien predigt sie Vernunft gegen übermächtigen Aberglauben. Die große Tugend der Brasilianer — die sie von Portugiesen und Negern geerbt haben — ist, daß sie es verstehen, dem Leben seine Schönheit, seinen Glanz zu geben. Härte und Grausamkeit sind ihnen fremd. Ohne Revolution, als „Geschenk“ des portugiesischen Königshauses erhielten sie ihre Unabhängigkeit. Ohne Revolution oder Bürgerkrieg wurden die Sklaven befreit, zu denen schon vorher ihre Herren eine menschlichere Beziehung hatten als anderswo. Ohne Revolution wurde das Land Republik, weil der zweite brasilianische Kaiser in seinem Herzen selbst Republ' mer war. Heute aber sind die politischen und sozialen Gegensätze so unüberbrückbar geworden, daß gerade in Brasilien grausam Politik gemacht wird. *

Mexiko — Mutter- und „Kaiser“-stadt Lateinamerikas. Das einzige Land, das sich ebenso wie zu seiner spanischen auch zu seiner indianischen Herkunft bekennt. Wer in Mexiko rein spanischer Herkunft ist, erfindet wenigstens eine indianische Großmutter, der Indio sucht seine spanische. Denn der eine ist so stolz wie der andere, Mexikaner zu sein, und käme er nicht aus beiden Rassen, so wäre er ja kein wirklicher. Cortes hat 1521 nicht nur Mexiko erobert; er wurde zum Vater einer neuen, großen Nation. Er gab seinen Offizieren Befehl, sich mit Indianerinnen zu verheiraten. Er selbst war mit 18 Jahren schon einige Monate lang verheiratet gewesen. Seine getreue Gefährtin konnte er daher nicht mehr zu seiner Frau machen. Wohl aber zur spanischen Herzogin, die Söhne, die er mit ihr hatte, zu Herzogen, und anderen, die der mexikanisch-indianischen Nobildtät entstammten, den Rang spanischer Adeliger geben.

Nach einem Jahrhundert des Chaos, der Bürgerkriege, der nordamerikanischen Interventionen hat in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren ein geradezu fanatischer Patriotismus es zustande gebracht, . dde Nation zu einen und zu schnellem, auch wirtschaftlichem, Aufstieg zu führen. Das ausländische Kapital aller Welt hat Vertrauen — und begnügt sich mit Minderheitsbeteili-gungen an mexikanischen Unternehmungen. Die Grundlagen der Wirtschaft — insbesondere auch das öl — sind in mexikanischer Hand. Das Einkommen pro Kopf der Bevölkerung hat das Argentiniens und Uruguays noch nicht erreicht. Aber in der absoluten Ziffer ist Mexiko die reichste, wirtschaftlich mächtigste Nation Lateinamerikas, wird wohl bald auch die reichste, gemessen nach dem Pro-Kopf-Einkommen, sein und damit wenigstens südeuropäischen Standard erreichen. Mexiko hat das Beispiel gegeben, daß auch in Lateinamerika „Wirtschaftswunder“ möglich sind.

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