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Jugend ohne Gesicht?

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Dieser Aufsatz ist — so meint der Autor selbst — weniger ein nach allen Seiten hin belegter kulturhistorischer Test, als vielmehr eine Herausforderung; eine Herausforderung an die heutige Jugend, vielleicht doch einmal ihr geradezu unheimliches Schweigen zu brechen, das sie nicht selten in den Verdacht der geistigen Stumpfheit und öffentlichen Teilnahmslosigkeit bringt. Wie in jeder Herausforderung, so liegt auch in dieser eine bewußte Einseitigkeit. Es hieße beispielsweise unserer christlichen Jugend und ihren Organisationen unrecht tun, wollten wir sie einfach kurzerhand und ohne Einschränkung ins graue Heer der „Problematischen“ einreihen. Aber auch sie leben nicht außerhalb von Raum und Zeit und teilen damit notgedrungen irgendwo und irgendwie das Schicksal aller ihres Alters. So kann dieser Beitrag für weiteste Kreise nützlich sein — nicht zuletzt auch für die Erwachsenen, nach deren Vorbild und Haltung sich zu jeder Zeit das Bild der Jugend — erfreulich oder bestürzend — mitformt. „Die Furche“

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Dieser Aufsatz ist — so meint der Autor selbst — weniger ein nach allen Seiten hin belegter kulturhistorischer Test, als vielmehr eine Herausforderung; eine Herausforderung an die heutige Jugend, vielleicht doch einmal ihr geradezu unheimliches Schweigen zu brechen, das sie nicht selten in den Verdacht der geistigen Stumpfheit und öffentlichen Teilnahmslosigkeit bringt. Wie in jeder Herausforderung, so liegt auch in dieser eine bewußte Einseitigkeit. Es hieße beispielsweise unserer christlichen Jugend und ihren Organisationen unrecht tun, wollten wir sie einfach kurzerhand und ohne Einschränkung ins graue Heer der „Problematischen“ einreihen. Aber auch sie leben nicht außerhalb von Raum und Zeit und teilen damit notgedrungen irgendwo und irgendwie das Schicksal aller ihres Alters. So kann dieser Beitrag für weiteste Kreise nützlich sein — nicht zuletzt auch für die Erwachsenen, nach deren Vorbild und Haltung sich zu jeder Zeit das Bild der Jugend — erfreulich oder bestürzend — mitformt. „Die Furche“

Während all der Jahre der Nachkriegswirren war als beredtes Merkmal jeder Depression viel und programmatisch von der „jungen Generation“ die Rede. Die jungen Leute kamen damals, höchst bedeutsam, aus den Luftschutzkellern und unter den Ruinen hervorgeklettert, sie kehrten von den Schlachtfeldern, aus den Lazaretten, aus den Kriegsgefangenenlagern heim, alle noch mit dem Geruch heißen Eisens behaftet, geblendet von den Trommelfeuern der Verhetzung, vereinsamt durch die geistige Isolation. Sie waren so recht eine aschfahle Generation.

Sie waren Sorgenkinder der Arbeitsämter wie der Wirtschaftspolizei, schwarze Schafe in der sozialen Fürsorge wie in den Bezirken der Kunst. Sie waren aufrechte Pessimisten durcheinandergeratener Weltbilder und desillusionierte Optimisten niedergewalzter bürgerlicher Ideale; alles war ein wenig durcheinander, aber alle waren sie große Romantiker der Depression, die ihre zweite Heimat zu werden schien.

Dann wurde es stiller um sie. Der Arbeitsrhythmus der Baustellen begann ihre Programme zu übertönen, und die neuen Fassaden verdeckten ihr dissidentisches Treiben. Und eines Tages waren sie nicht mehr da. Sie waren auseinandergegangen, jeder war auf seine Weise älter geworden, jeder hatte sich irgendwo eingeschachtelt. Die „junge Generation" war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Heute, nach ein paar Jähren der ’ Konsolidierung. an der die Kriegs- urid erste Nachkriegsgeneration — die, solange sie sich zusammengerottet hatte, in Anlehnung an die Vorläufer aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg als die „verlorene" galt, sich aber dann ungleich geräuschloser, als man es vermutet hatte, auf den Arbeitsstellen der neuetablierten Gesellschaft aus den Augen verlor — ihren gewichtigen Anteil hat, hört man nicht mehr viel von der Jugend. Fast ist es so, als ob man übersehen hätte, daß in der Zwischenzeit neue Jugend herangewachsen ist: eine neue ,,Friedensjugend", Siebzehn-, Neunzehn- und Zwanzigjährige, von denen nur äußerst selten eine Nachricht zu uns dringt. Als ob sie in einer abgeschiedenen Welt lebten, mit der wir bestenfalls durch die Zeitungen korrespondieren, in denen tagtäglich von Uebergriffen junger Leute berichtet wird, die wir „Halbstarke" nennen.

An Stelle der „verlorenen Generation" war inzwischen so etwas wie eine „Generation ohne Gesicht" getreten. Sie ist völlig ohne „Publicity". Sie ist nur mit dem Makel ihres „extremen Flügels" aus den Musikbox-Cafes behaftet. Und damit sind wir mitten drin: diese heutige Jugend hat keinen sehr guten Leumund.

Bleiben wir zunächst bei den „Halbstarken“.

Umfragen haben ergeben, daß unter hundert jungen Industriearbeitern zwischen vierzehn und achtzehn Jahren ungefähr dreißig Jünglinge zu finden sind, deren Gehaben man als „ausgesprochen halbstark“ bezeichnen kann. Die geringe Beschäftigung junger Mädchen im Industriebereich bewirkt, daß die Anzahl der weiblichen „Halbstarken" daselbst verschwindend gering ist. Ihr Gros rekrutiert sich aus berufslosen Mädchen, deren Zahl schwer erfaßbar ist. Erfahrungsgemäß kommt jedoch auf vier „halbstarke“ Jünglinge ein „halbstarkes“ Mädchen.

Auf hundert Angestellte gleicher Jahrgänge in kaufmännischen Betrieben kommen zirka zwanzig halbstark sich gebärdende Halbwüchsige mit annähernd gleicher Verhältniszahl zwischen Jungen und Mädchen.

In den Oberstufen der Mittelschulen entfallen auf hundert Schüler etwa acht bis zehn zum „Halbstarken"wesen neigende Knaben unter den Schülerinnen derselben Jahrgänge annähernd fünf Mädchen.

Zusammengerechnet entfallen daher auf dreihundert junge Leute der Alterskategorien von vierzehn bis achtzehn Jahren exklusive der unerfaßbaren berufslosen Gefährtinnen sechzig als halbstark zu bezeichnende Halbwüchsige davon fünfundzwanzig Mädchen. Das ergibt eine relative Prozentanzahl von zwanzig zu hundert bei Mädchen zwölf von hundert.

Demgegenüber berichtet die Kriminalstatistik 1954 neuere Zahlen liegen nicht vor, daß auf hundert strafmündige männliche Personen der Altersstufen vom begonnenen vierzehnten bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahr 2,7 Prozent abgeurteilter jugendlicher Verbrecher und auf die gleiche Anzahl und gleiche Altersstufe strafmündiger Personen weiblichen Geschlechts 0,45 Prozent jugendlicher Verbrecherinnen entfallen.

Während diese Zahlenkombination einerseits als Nachweis dafür dienen mag, daß die Prozentzahl der jugendlichen Verbrecher unter den Halbstarken bei einer Vergleichsquote von 100 lediglich 13.5 bei Mädchen 3,7 ausmacht — was jedwede summarische Verdächtigung der allgemein als halbstark bezeichneten Gruppe unter der Jugend an und für sich ad absurdum führt, drängt sich dem Betrachter die Frage nach dem geistigen Standort der restlichen 80 Prozent der Vierzehnbis Achtzehnjährigen auf, auf die die Bezeichnung „halbstark“ nicht zutrifft: die überwiegende Mehrheit der jungen G e n er..a t ia n.

Die junge Generation verhält sich vor allen Dingen passiv. Sie nimmt wenig Anteil. Sie ist infolgedessen gar nicht „revolutionär". Sie ist so ruhig, so lethargisch, daß man es, von der recht problematischen Freude über ihre überraschend geringe Opposition gegenüber der älteren Generation abgesehen, mit der Angst zu tun kriegen könnte. Denn aus der in gewisser Art erfreulichen und vor allem bequemen Befriedung, die dem offenbar der Vergangenheit angehörenden „Konflikt der Generationen" Platz gemacht hat, sollte nicht geschlossen werden, daß die Mißverständnisse, daß der Konfliktstoff beseitigt worden ist. Vor vierzig und vor zwölf Jahren war die junge Generation mit einem Programm der Anklage hervorgetreten, weil sie der Ansicht war, daß die Elterngeneration etwas falsch gemacht hatte. Die heutige Jugend verhält sich still, weil sie davon überzeugt ist, daß man mit den Eltern ohnehin nicht reden kann. Und weil die Jungen in den Gesichtern der Erwachsenen, die ihrer Konjunktur nacheilen, als ob nichts geschehen wäre, den Ausdruck blinder Selbstzufriedenheit lesen, geben sie sich mit den gegebenen Umständen der wirtschaftlichen Konsolidierung zufrieden, ohne danach zu fragen, ob dieser äußerliche Aufschwung auch sein ethisches Fundament besitze. Das unbewältigte Atomproblem läßt sie kalt, für das Dilemma des abendländischen Konzepts in Hautfarbenfragen haben sie nur ein halbes, für die Problematik der Automatisation und Vermassung haben sie gar kein Organ. Sie verhalten sich da eben wie die Mehrzahl der Erwachsenen, könnte man sagen — und wo bleibt der Dampf der Jugend? könnte man fragen. Diese Frage wiegt schwerer als die nach den „Halbstarke n".

Wären sie wirklich überzeugt, daß alles um sie herum „in Ordnung ist“ — man könnte es hinnehmen. Indes: sie zweifeln an allem. Und sie schweigen. Und es ist nicht einmal passive Resistenz. Es ist Gleichgültigkeit. Wenn man mit jungen Leuten spricht, muß man, um halbwegs konkrete Stellungnahmen zu provozieren, ein sehr gewiegter „Testfrager" sein. Es ist gar nicht so leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie haben ganz einfach nichts zu sagen. Wenn man nach vielen Fehlschlägen an einen „aufgeweckten“ jungen Menschen gerät, ist die Unterhaltung nicht gerade erhebend.

Man hat das Gefühl, mit abgebrühten sechzigjährigen Skeptikern zu reden, die zu ungeschult sind, um das volle Ausmaß ihrer Skepsis zu begreifen. Deshalb wohl bestreiten sie entschieden, Zyniker zu sein, und erklären im selben Atemzug, daß es doch eine lächerliche Vorstellung sei. für irgendeine Ideologie zu kämpfen. „Ich würde nur dann kämpfen, wenn ich merkte, daß es mir an den Kragen geht“, erklärten die einen, „Ich würde wahrscheinlich ,aus Wut' kämpfen, wenn meinen Angehörigen etwas zustieße“, meinte ein anderer. Ziemlich einig ist man sich aber in der Ansicht, daß man es sich, wenn man klug ist und „nicht auffällt“, überall und mit jedermann und auch mit jedem Regime richten kann. Das sind Antworten, die mit dem ethischen Gedankengut des Pazifismus nichts gemein haben.

Die Desillusionierung, die vor zehn Jahren unter der Jugend herrschte, ist einer Art Taubheit gewichen. Die heutigen Jungen sind keine Rebellen mehr, weil sie keinen Verlust an Idealen zu beklagen haben. Und sie sind keine Rebellen, weil es für sie keine neuen Ideale gibt. Sie verkörpern eine „Generation ohne Programm". Dagegen ist die explosive Rebellion ihrer weniger gesitteten Kollegenschaft, die sich entfesselt und stampfend und unter ekstatischen Kraftausbrüchen bei einem Rock’n’Roll-Meeting kundtat, bei aller ihrer Stupidität eine nahezu lobenswerte Aeußerung vitaler Abreaktion großen Ausmaßes.

Daß die Jungen an Politik absolut nicht interessiert sind, ist offensichtlich. Von zehn befragten Mittelschülern der Oberstufe wußten nur drei, wie der Innenminister heißt, nur einer annähernd, wer Nationalrat Prof. Gschnitzer ist. Von den parlamentarischen Einrichtungen eines demokratischen Gemeindewesens hatten nur vier Schüler eine annähernd exakte Kenntnis. Sechs Schüler hingegen verwiesen mit aller Entschiedenheit darauf, daß Dr. Karnitz ein „guter“ Finanzminister ist. Das Finanzministerium vermittelt einen konkreten Begriff: Geld.

Sie bejahen sehr entschlossen die demokratische Lebensform, machen indes kein Hehl daraus, daß ihre mehr äußerlichen Annehmlichkeiten die stärkste Anziehungskraft ausüben: etwa das beruhigende Wissen, daß man nicht allen Anordnungen blind gehorchen muß. oder die Chance, an dem im Westen üblichen Wohlstand teilzunehmen. Das Terrorregime im Osten lehnen sie mit der gleichen kategorischen Inbrunst ab wie den dort herrschenden niedrigen Lebensstandard, lieber die Theorien des Marxismus sind sie kaum informiert. — lieber das, was vor zwölf Jahren in Europa zusammenbrach, wissen sie so gut wie nichts. Sie haben zwar ein feines Gehör, um herauszufinden, daß dieser oder jener Lehrer in seiner privaten Ansicht mit der offiziellen Meinung nicht übereinstimmt, in gewissen Fällen bemerken sie auch zu Hause abweichende Tendenzen, doch das berührt sie nicht. „Wir waren nicht dabei", erklären sie, „wir wissen nicht, wie es wirklich war. Uns sagt man ohnehin nicht die Wahrheit."

In den Mittelschulen interessieren sich ungefähr dreißig Prozent der Schüler für technische Bastelarbeiten, zwanzig Prozent haben sportliche, zehn kulturelle Interessen. Zwei Drittel der befragten Schüler der Oberstufen fühlen sich durch den Lehrplan nicht überfordert, neun Zehntel meinten, daß „die Eltern sicherlich weder bessere noch schlechtere Schüler waren als sie“. Die überwiegende Mehrzahl aller Schüler findet das Verhalten des Lehrkörpers „befriedigend kollegial". Viele Schüler erklärten, daß die Heranführung der Jugend zur Anteilnahme an gesellschaftlichen Problemen, zu kulturellem Interesse und vor allem zum Verständnis des künstlerischen Schaffens der Gegenwart ungenügend sei. Das hört sich recht schön an, doch fehlt eingestandenermaßen jedwede Eigeninitiative. Infolgedessen verfügen sie über nur unzureichende Kenntnisse der wesentlichen ideologischen, soziologischen und wirtschaftlichen Erscheinungsformen, nehmen am kulturellen Geschehen wenig Anteil und besitzen keinerlei Sachkenntnis über die geistigen Richtlinien der Literatur, Musik und Malerei. Selbst die kulturell interessierten Schüler, die noch am ehesten auf musikalischem Gebiet versiert und konservativ sind und etwa an der Organisation des „Theaters der Jugend“ scharfe und es scheint berechtigte Kritik üben, kennen meistenteils Thomas Mann oder Ernst Wiechert oder Henry Matisse oder Egon Schiele nur vom Hörensagen, haben was besonders wundernimmt noch nie die Namen Jacques Prevert, Thomas Wolfe oder Samuel Beckett gehört und wissen kaum etwas über das Schaffen der jüngeren künstlerischen Generation Oesterreichs. Goethe akzeptieren sie als Symbol einer geistigen Hochblüte, über deren Verfall sie sich instinktiv im klaren sind.

Philosophen werden keine gelesen, daß die Menschheit irgendwann einmal humaner gewesen wäre, bezweifeln sie, daß sich eine Schabionisierung der Begriffe ausbreite, stellen sie sachlich fest, daß die Gesellschaft einer Mechanisierung und Verflachung entgegentreibe, halten sie für unausbleiblich. Die Besten unter ihnen verwahren sich vor Kitsch und Klischee, und distanzieren sich von den allgemeinen Tendenzen der Mehrzahl ihrer Alterskollegen, betrachten indes jeden Versuch, aufklärend zu wirken, als zwecklos. Ihre Intelligenz und Tatkraft gedenken sie für sich, für ihr berufliches und materielles Fortkommen einzusetzen, für alles übrige seien sie nicht zuständig. Das Bundesheer erklären sie für ziemlich überflüssig, wiewohl sie konstatieren, daß der Gedanke an den Militärdienst für eine große Anzahl ihrer Mitschüler einen gewissen Reiz ausübe.

Von einer Verwahrlosung ist in Schülerkreisen nichts zu bemerken, von ihrem durchaus kameradschaftlichen Umgang mit gleichaltrigen Mädchen vermelden sie „keinerlei besondere Vorkommnisse", zu heiraten gedenken sie in ihrer Mehrzahl erst mit etwa dreißig Jahren. Denn „mit der Ehe höre sich so manches auf“.

In manchen Kreisen, hauptsächlich finanziell sehr gut gestellten Schichten, hat die Restauration einer Art „Jeunesse doree“ stattgefunden, woselbst traditionelle Anklänge an die gesellschaftliche Routine feudalen Europäertums mit äußerst durchschlagskräftigen amerikanischen Einflüssen wetteifern. In dieser jugendlichen „high society" herrscht eine Atmosphäre gehobener Dumpfheit, die größtenteils bei Parties, Jazz. Flirt und Tritschtratsch über Autotypen und Aventürchen ihr Auslangen findet. Die hier angetroffene, einzig und allein von Fragen des Gelderwerbs bereicherte Ahnungslosigkeit ist oft haarsträubend. Fundiertes Wissen um menschliche, soziale, ideologische Zusammenhänge wird — falls vorhanden — mit ignorierendem Geschick auf die leichte Schulter abgeschoben. Eine spezifische Lebensform zivilisatorischer Amerikanismen äußert sich in „fashionablen" Gewohnheiten einer Gesellschaft kleiner Snobs, um da einen Wirrwarr romantischer Vorstellungen von „gutem Leben“ und frivolen Freizügigkeiten zu erzeugen, die unter Einhalt puritanischer Spielregeln in bezug auf das, was erlaubt und was nicht erlaubt ist, mit dem Begriff des „petting“ abgegrenzt werden. Grenzfälle gelten als „chic“.

Die Frucht solchen der Filmleinwand abgeluchsten Treibens sind herausgeputzte, versierte kleine Jüngferchen, milchtrinkende Baby- Vamps und zwischen Coca-Cola-Flaschen und Whiskygläsern vazierende junge Elegants: verwöhnte Kinder der Wirtschaftswunderzeit, nachgerade rührende, biologisch gut funktionierende, junge, in einem geistigen Vakuum subalterner, in Technika und Merkantilismen beschlagener Interessensphären sich tummelnde Standardgeschöpfe ohne jedwedes ideologisches Rüstzeug.

Weniger „rührend“, absolut unerfreulich ist eine wesensverwandte Gruppe ungebärdiger, präpotenter wie primitiver Nobelhalbstarker in Nachtlokalen und am Steuer rücksichtslos gelenkter Sportkabrioletts: eine inferiore Rowdy- Clique bevorzugter „Söhne“, auf die die Bezeichnung „Generation ohne Autorität“ zweifellos zutrifft. Sie nehmen es mit jedem Vorstadtkneipenschläger auf. Nicht an Kraft vielleicht, aber mit dem gleichen Ausmaß von Verwahrlosung. Hier ist ein Kontakt geschlossen, zwischen zwei Polen jugendlicher Unbotmäßigkeit.

Dazwischen, eingekeilt in den materialistischen Aberglauben unseres Jahrhunderts, lebt eine sich selbst überlassene, gefährdete, unerschlossene Generation. Sie ist noch zu haben.

nicht mit Unrecht darauf, daß die Gefangenen innerhalb der Haft sich der religiösen Betätigung zuwenden und nachher dies wieder abstreifen. Msgr. August Schaurhofer, Seelsorger im Jugendgefängnis, hat gesagt, die kriminellen Jugendlichen seien die aufrichtigsten Beichtkinder.

Wenn nun die Reformer und die Justizärztetagung mit ihren weltlichen Mitteln bewußt einen Weg gehen, zu dem schon das päpstliche Rom im 17. Jahrhundert den „ersten Schritt“ getan hat, so ist nicht einzusehen, warum ihnen eine „letzte Flucht vor Gott“ vorgeworfen wird.

Vielleicht wird — und dies nicht zu Unrecht — gefürchtet, daß durch positivistisch beeinflußte Lehrmeinungen, insbesondere einseitige Richtungen der Psychologie, in das Gebiet der Judikatur und des Strafvollzuges atomistische und deterministische Tendenzen hineingetragen werden könnten. Durch vermeintlich psychotherapeutische Versuche solcher Art würde den Delinquenten indirekt die Aussichtslosigkeit einer Besserung ins Gehirn eingehämmert, statt der Aufrichtung durch den Erlösungsgedanken wäre das Ergebnis für sie Verzweiflung oder

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