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Die Jugendkriminalität in Amerika

„Die Möglichkeit, daß Ihr Sohn oder Ihre Tochter irgendeines Verbrechens wegen eines schönen Tages verhaftet werden, vergrößern sich von Tag zu Tag. Aber dazu haben Sie selbst beigetragen. Als Mitglied der Gesellschaft haben Sie mitgeholfen, nahezu 15 Millionen junge Amerikaner im Schießen und Töten einzuüben, denn Sie waren es, die sich als unfähig erwiesen haben, für Frieden in der Welt zu sorgen. In jeder Stunde jeden Tages, in allen Dingen, mit denen Sie sich einverstanden erklären oder die Sie ablehnen, beeinflussen Sie das Verhalten anderer. Wenn Sie gewisse Gesetze verletzen, ermutigen Sie andere, dasselbe zu tun. Wenn Sie übermäßig trinken oder nachgiebig gegenüber Trunkenheit sind, so laden Sie gewissermaßen zu Exzessen ein. Wenn Sie schlüpfrige Bücher und Magazine dulden oder Theaterstücke und Filme dieser Art, dann tragen Sie, als Mitglied der Gesellschaft, zu dem Verbrechertum Jugendlicher bei. Man muß nicht gerade selber Kinder haben, um für die gegenwärtige Ver-brechenswelle unter amerikanischen Jugendlichen verantwortlich zu sein.“

So lauteten die einleitenden Worte des Vorsitzenden einer Versammlung, die von einer der größten amerikanischen Radiostationen veranstaltet wurde. Mit Hilfe eines Netzes von hunderten Unterstationen, die über das ganze Land verteilt sind, nahmen an dieser Versammlung Millionen Zuhörer teil. Diese Art von Radiodiskussionen — wie Diskussionen überhaupt — sind hierzulande sehr volkstümlich. Sie finden jede Woche einmal unter dem Titel „Stadtversammlung“ immer in einer anderen Stadt des Landes statt und sind jeweils aktuellen Themen ohne Rücksicht auf politische Verhältnisse gewidmet.

Es ist nicht der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur, daß die Demokratie^ Probleme, die Diktatur jedoch keine hat, sondern daß die Demokratie ihre Probleme nicht verbirgt, sondern sie öffentlich bekennt und bespricht.

Die Frage, wer verantwortlich ist für die Verbredhenswelle, die gegenwärtig Amerikas Jugend überschwemmt, ist ein solches Problem, und seiner Lösung war diese „Stadt; Versammlung über den Rundfunk“ gewidmet. Vier hervorragende Persönlichkeiten aus Amerikas öffentlichem Leben waren die Redner. Meistens sind zwei von ihnen Proredner, während die anderen beiden eine entgegengesetzte Ansicht vertreten. Auf diese Weise bleibt die Diskussion immer lebendig, dramatisch und belehrend. Ein größerer Teil der Versammlung ist Fragen aus der Zuhörerschaft gewidmet, an denen die Anwesenden — oft viele Tausende in großen Stadthallen — Anteil nehmen.

In der Tat, das Problem der „Juvenil Delirjquency“ verursacht amerikanischen Erziehern — nicht nur Behörden — ebensolche Sorgen, wie jenen europäischer Länder, die sich bereits in der glücklichen Lage befinden, auch mit dem moralischen Schutt der Vergangenheit aufzuräumen. 15 Prozent aller in Amerika begangenen Morde fielen im Jahre 1945 Personen unter 21 Jahren zur Last, ja 21 Prozent sämtlicher Verbrechen fallen in diese Altersklasse. 62 Prozent aller Automobildiebstähle wurden von Jugendlichen begangen, 51 Prozent aller Einbrüche, 36 Prozent aller Raubanfälle, 34 Prozent aller D i e fast ä h 1 e, 26 Prozent aller B r a n d s t i f-t u n g e n, 30 Prozent aller Vergewaltigungen. Die Anzahl der Verhaftungen von Mädchen unter 18 Jahren hat sich von 1939 bis 1945 um 198 Prozent erhöht.

De|r Anteil, von Jugendlichen männlichen Geschlechtes unter 18 Jahren — besser gesagt: von Knaben — an sogenannten „ernsten“ Verbrechen verteilt sich folgendermaßen. Seit 1939 hat sich die Anzahl der Verhaftungen erhöht: um 39 Prozent in Fällen von Raub, um 48 Prozent für Totschlag, um 55 Prozent für Autodieb-stahl, um 70 Prozent für Vergewaltigung, um 72 Prozent für tätlichen Angriff, um 101 Prozent in Fällen von Trunkenheit. Das sind Ziffern, die aus einer Statistik entnommen wurden, die nur 51 Millionen der rund 140 Millionen betragenden amerikanischen Bevölkerung erfaßt. In dieser Stadtversammlung wurden sie von keinem Geringeren als dem amerikanischen Generalstaatsanwalt Tom Clark, der sich selbst als einen Anwalt des Volkes bezeichnet, der Zuhörerschaft zur Kenntnis gebracht.

„Sind dieElternoderdieGesell-schaft verantwortlich? Natürlich sind es beide“, sagte der zweite Redner, Edward

Joseph Flanagan, Monsignore oder, wie er eigentlich ständig genannt wird, „Father Flanagan*“. „Haben Sie schon berücksichtigt^ aus welchen Heimen diese unglücklichen Mädchen und Burschen kommen? Sie kommen aus Heimen, wo Vater und Mutter ihre eigenen Wege gehen, aus Heimen, in denen das Elend herrscht, aus Heimen, wo es nichts wie Kampf und Streit gibt( wo Gott nicht geduldet oder unbekannt ist, mit anderen Worten aus nahezu jedem Heim, ausgenommen aus solchen, auf die jedes Kind Gottes Anspruch hat. Niemand kann annehmen, daß eine Maschine, in welcher wichtige Bestandteile zerbrochen oder durch zu viel Reibung verdorben sind, ein gutes Erzeugnis liefert. Können aus zusammengebrochenen Heimen oder aus einer Vergangenheit, in welcher es die Eltern unterlassen haben, gute Erziehungsarbeit zu leisten, erstklassige Staatsbürger kommen? Es ist meine feste Überzeugung, daß es keine schlechten Jungen gibt. Es gibt nur schlechte Beispiele, schlechte Eltern) eine schlechte Umgebung, in “welcher unsere Jugend aufwächst.“ '

Wer ist „V ater“ Flanagan? Wenn man ihn als einen katholischen Priester bezeichnen würde, so würde man damit noch nicht alles sagen. Er ist auch viel mehr als ein Erziehungstheoretiker, obwohl er der Erfinder eines hier neuen Erziehungssystems ist. Er ist ein praktischer Erzieher, ausgestattet mit außergewöhnlichen Talenten. Er wird nicht nur deswegen „Vater Flanagan“ genannt, weil man hier an Stelle unserer Anrede „Hochwürden“ die Bezeichnung „Vater“ setzt, sondern weil er ein wirkliche^ geistlicher Vater ist. Er ist der Begründer und Direktor des „Vater-Flanagan-Knabenheimes und Knabenstadt“ (Father Flanagan Boys' Home and Boys' Town), nahe von Omaha im Staate Nebraska, eine beispielgebende Institution für Knaben, die irgendwie gestrauchelt sind oder keinen An-1 Schluß an die Gesellschaft gefunden haben. Vater Flanagan ist geborener Irländer, naturalisierter Amerikaner, der an der Innsbrucker Universität studierte und auch in Innsbruck zum Priester geweiht wurde. „Hört auf, die Jugend zur Verantwortung zu ziehen“ — rief dieser priesterliche Apostel dem amerikanischen Volke zu — „und klagt lieber jene an, die wirklich verantwortlich sind — die Elternschaft und die Gesellschaft.“

Der dritte Redner war Dr. Ethel A 1 p e n f e 1 s, eine Anthropologin vom Bureau of Intercultural Relations. Sie zitierte die Antwort eines Hauptschülers, an den die Frage nach der Ursache der Jugendverbrechen gestellt wurde. Der Schüler sagte: „Die Familie ist schuld. Das Familienleben hier in den Vereinigten Staaten ist so schlecht zusammengeleimt, daß die Kinder im Leime steckenbleiben.“ „In der Tat, das ist es“, meinte sie, „so viele Familien sind nur zusammengeleimt.“ Sie schrieb dem Kino keinen übermäßigen Einfluß auf die Frage zu. „Ein Jugendlicher hat sich solche Gangstergeschichten zum Vorbild gemacht“, rief sie, „was haben, aber die anderen 999 Kinder getan, die denselben Film gesehen haben? Es sind zwei Gruppen, die an dieser Verbrechenswelle Jugendlicher Anteil haben“, fuhr sie fort, „erstens die Gruppe derjenigen mit dem niedrigen Einkommen, also die vom Schicksal stiefmütterlich Behandelten, und zweitens die Gruppe der Minoritäten.“ Als Anthropologin widmete sie sich mehr der zweiten Gruppe. Sie behauptete, daß der Anteil der Jugendlichen, deren Eltern noch aus dem Auslande einwanderten und die somit erst in der zweiten Generation Amerikaner sind (die Zahl dieser Zweiten-Generation-Amerikaner ist 26 Millionen), deswegen groß ist,.weil diese Jugendlichen „zwischen zwei Welten“ leben. Sie sind sozusagen das Opfer zweier Weltanschauungen. Die Rednerin behauptete nicht gerade, daß sie die alte, europäische Welt als die schlechtere betrachte — obwohl man diese Anschauung leise durchhören konnte und man ihr hier auch oft begegnet —, sondern, daß aus der Verschiedenheit der beiden Welten ein Konflikt entsteht, der in vielen Fällen zu Katastrophen führt.

Der letzte der Redner war eine der ersten amerikanischen Frauen, die Schriftstellerin und Journalistin DorothyThompson, Tochter eines Methodistenpredigers, studierte sie an einer amerikanischen -und auch an der Wiener Universität. Sie besitzt mehrere Ehrendoktorate und ist die meistgelesenste Kornmentatorin über Weltpolitik. Ihre Artikel erscheinen in mehr als 125 Zeitungen Amerikas. Sie ist eine glühende Verteidigerin demokratischer Ideale. Aus ihrer Ehe mit dem amerikanischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Sinclair Lewis besitzt sie mehrere halberwachsene Kinder, deren intelligente Aussprüche sie in ihrem Vortrag wiederholt zitierte. Sie befaßte sich nicht so sehr mit den spezifisch amerikanischen Verhältnissen, sondern sprach von einer übernationalen Warte aus von den seelischen Voraussetzungen, die ^maßgebend auf dem Gebiet der Jugendkriminalität sind. „Die Ursachen der jugendlichen Kriminalität“ — erklärt sie — „liegen auf psychologischem Gebiet. Im Heim beginnen die Traumas, denen sich das Kind hur schwer entziehen kann, und die von unserer Gesellschaft später mehr gefördert als verbessert werden. Das Heim“, so sagt sie, „hat zweifellos die größte Macht über das Kind, da es dem Kinde die erste Verbindung mit dem wirklichen Leben herstellt. Die Einflüsse, welche Vater und Muster auf das Kind ausüben, sind wahrscheinlich die entscheidendsten. Von ihnen empfängt das Kind das Gefühl der Sicherheit oder Unsicherheit, Vertrauen oder Furcht, Achtung oder ein Gefühl von Minderwertigkeit.“ Frau Thompson sprach auch über die psychologischen Voraussetzungen, weldie zu Respektlosigkeiten gegenüber den Eltern führen: „Unsicherheit auf dem Gebiete des Gefühllebens ist bei weitem eine größere Ursache für die gegenwärtige Kriminalität der Jugend als Unsicherheit auf materiellen Gebieten.“ Sie zitiert eine Äußerung des Psychologen eines großen amerikanischen Gefangenenhauses und führt die Äußerung ihres fünzehnjährigen Sohnes an, der, als sie ihn befragte, warum er denn der Gesellschaft die größere Schuld zuschreibe, antwortete: „Das eigene Heim und die eigene Schule allein machen es nicht aus. Alles andere rundherum gehört dazu, das Kino, das Radio, die Dinge, die andere Burschen tun und die sie ihre Eltern tun lassen, die Dinge, die Mädeln tun und Erlaubnis haben zu tun. Was ist es eigentlich, was man immer nur hört und sieht“, ruft

'der Junge aus, „Verbrechen und Sex, Sex und Verbrechen, Krieg, schießen, töten, Haß.“ — Frau Thompson ergänzte: „Die vielen Verlockungen zu sexueller Frühreife und aufreizende Darbietungen, aber auch das Verhalten Erwachsener untereinander, das die Jugendlichen mitansehen müssen, beeinflussen sogar jene, die unter strengen Prinzipien erzogen werden und das Glück haben, einsichtige und verantwortungsbewußte Eltern zu besitzen. Um wieviel tiefer ist erst der Einfluß all dieser Dinge auf Kinder, die vernachlässigt wurden, die schon frühzeitig mit dem Leben in Verbindung gebracht wurden, einem Leben, das roh und gemein ist und häßlich, und dessen Bewertung nicht nach einem feststehenden Maßstab erfolgt.“ v

Der europäische Beobachter solch wichtiger sozialer Fragen wird in seinen Entscheidungen über seine Stellungnahme zu dem Problem freilich feststellen müssen, daß er dem Problem hierzulande mit amerikanischer Mentalität zu Leibe rücken muß.

Die europäische Mentalität, der Maßstab, den wir an solche Fragen anzulegen gewöhnt sind, die Voraussetzungen, die für das Problem der Jugendkriminalität in Europa maßgebend sind, die Schlußfolgerungen die S in europäischen Kulturländern gezogen werden, sind so verschieden von amerikanischen, daß man sich nur mit einer Beobachterstelle begnügen kann.

Wenn man darangehen würde, dieses Problem in Amerika mit europäischen Grundsätzen zu lösen, so müßte man ganz unten, ganz von vorne anfangen. Man müßte aus dem amerikanischen Menschen einen europäischen Menschen machen, seine Lebensweise, seine Denkungsart, sein Heim, seine Schule, sein Geschäft, alles das, was der Amerikaner als „The American Way of Life“ bezeichnet, grundlegend verändern, mit anderen Worten — Amerika eine andere Lebensphilosophie lehren. Dagegen wehrt er sich naturgemäß, und da Europas Befinden seit vielen Jahrzehnten einen nicht gerade ermutigenden Eindruck macht, so bekämpft er jeden Versuch, Amerika zu europäisieren, der angeblich immer wieder gemacht wird, mit Leidenschaft.

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