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RANDBEMERKUNGEN

VOR ZWANZIG JAHREN splitterten die Scheiben, wurden Kultstätten verwüstet und Gräber geschändet. Es wird keinen gläubigen Menschen geben, der nicht Beschämung bei diesen Erinnerungen empfände. Zwanzig Jahre darnach liegt noch immer die Zeremonienhalle beim vierten Tor des Zentralfriedhofes in Trümmern. Die geringe Zahl der in Oesterreich lebenden Juden braucht nur noch einige Kulfstätten. Die moralische Gleichgültigkeit innerhalb einer materiell saturierten Gegenwart jedoch dar) nicht unwidersprochen hingenommen werden. Gerade ein katholischer Staat und seine ehrbewußten Bürger haben deutlich einen Trennungsstrich zu ziehen — um so mehr, als subversive Elemente im Schweigen eine Ermunterung erblicken könnten.

ROTES LICHT AUF DIE „SCHOTTEN“. Die vielbeachteten Feiern zum achthundertjährigen Geburtstag des Wiener Schottenstiffs haben unter anderem auch einen lesens- und beachtenswerten publizistischen Niederschlag in einem großangelegten Autsatz im Zenlralorgan der österreichischen Sozialisten gefunden. Dieser ist innenpolitisch und geistespolitisch hochinteressant: er könnte an sich um 1770 verfaßt worden sein, zur Hochblüte des Josefinismus. Hier wird zunächst einmal in einem bemerkenswert objektiv gehaltenen historischen Rückblick geschildert, wie sehr sich die „Schotten“ und die Benediktiner, die Mönche des Mittelalters um Ackerbau, Handwerk und Viehzucht, um die Zivilisation Europas verdient gemacht haben. Zusammenfassend wird da festgestellt:

„Die Wiener Schotten haben ihre Sendung erfüllt, sie haben Oesterreich dem wirtschaftlichen und geistigen Leben erschlossen.“ Jetzt aber, im Heute, geht es neuen Zielen, neuen Ufern zu: „der Nachhall kirchlicher Größe und kirchlichen Glanzes ist unbestreitbar. Deshalb vernehmen wir ihn auch noch in einer Gegenwart, die die Nabelschnur zum Gewesenen längst abgerissen hat. . . . Vergebens wäre das Bemühen, die Nabelschnur neu zu knüpfen. Aussichtslos wäre irgendein Weg zurück und verderblich der Versuch, ihn vom neuzeitlichen Menschen zu verlangen.“ Der schwarzgelbe Josefinismus des 18. und auch noch 19. Jahrhunderts hat Klöster, die unproduktiv für die neue Zeit geworden waren, aufgelöst, in andere Anstalten verwandelt. Der rote Josefinismus unserer Tage möchte sie nicht ungern als Museen betrachten, und ihre Gemälde und Prunksäle dem Fremdenverkehr offen-“holteh.- Beide verkenneh die Funktion, wett+ie einem lebendigen Mönchfum gerade in unserer Zeit und Gesellschaft zukommt; was nichts mit Reaktion und Flucht in das Mittelalter zu tun hat, wohl aber mit einem Problem, mit dem sich Gewerkschaften und sozialistische Gruppen ebenso wie andere Partner der modernen Gesellschaft heute herumschlagen müssen: wie wird der Mensch innerlich, substanziell der Aufomatisation, der neuen Freizeit im Konsumzeitalter gewachsen sein? Etwas von dieser Funktion gerade benedikfinischer Klöster im Heule scheinen ja auch jene Sozialisten in Frankreich, Holland, Deutschland und Umgebung zu ahnen, die eben deshalb ihre Kinder diesen Anstalten zur Erziehung anvertrauen: nicht, um sie der Vergangenheit zu übergeben, sondern um sie zu Menschen formen zu lassen, die den großen Anforderungen und Versuchungen der Zukunft gewachsen sind . ..

AUF UND ZU, ZU UND AUF... Unser Sozialprodukt wächst nicht mehr so rasch wie in den letzten Jahren. Alle, die für die Führung der öffentlichen Finanzen Verantwortung tragen, sind daher der Meinung, daß man sparen müsse, und zwar da, wo es möglich ist, steigt doch der Zwangsaufwand der öffentlichen Hand und läßt den Gebietskörperschaften nur wenige Chancen, den Haushalt in Ordnung zu führen. Insbesondere kann man noch beim Sachaufwand einiges tun. Und man tut es auch: Sehe man sich doch das innere unserer Schulen an. Anderseits ist man aber nicht überall so sparsam. Jedenfalls scheint den mit der Ueberwachung der Wirtschaftlichkeit bei der Durchführung von öffentlichen Bauten betrauten Beamten in Wien kaum sonderlich aufgefallen zu sein, wie man mit Steuergeldern umgeht und sich bemüht, die Sleuerquellen nicht nur abzuzapfen (was eben unvermeidbar ist), sondern einfach trockenzulegen. So berichtet jüngst „Die Wirtschaft“ von einer Eingabe von 34 Unternehmungen. Besagter Eingabe kann man entnehmen, dafj in Wien, in der Favorifenstralje, innerhalb von sechs Monaten nicht weniger als viermal aufgegraben wurde. Vier Monate hindurch waren Barrikaden aufgeworfen gewesen, die es unmöglich machten, von der einen Strafjenseite auf die andere hinüberzuwechseln. Zuerst rifj man die Kabel aus der Erde. Dann wurde pietätvoll wieder die Erde über das Ganze gelegt. Höffe man das nicht getan, wäre es unmöglich gewesen, wegen einer neuen Lichtleitung wieder aufzugraben. Als das mit dem Licht vorbei war, rifj man die Erde wieder auf, diesmal wegen der Gasrohre. Und schließlich wurden noch, entsprechend dem gemoindeamllichen Zeremoniell, die Wasserrohre verlegt. Jedermann wird Verständnis für Unvermeidbares haben, das schließlich den Bürgern unserer Stadl Wien dient. Was aber nicht verstanden wird, ist das geradezu sorgsame „Verschließen“ der Straßen, wenn die befaßte Dienststelle ohnedies weih, darj die ganze Prozedur zwecklos war,

DER ESEL HAT DEN ELEFANTEN GESCHLAGEN.

Amerikas „grofje, alte Partei“, die Republikaner, deren Wappentier bekanntlich der Elefant ist, haben eine schwere Wahlniederlige erlitten. Im neuen Repräsentantenhaus sitzen jetzt 273 (bisher 232) Demokraten und 153 (bisher 196) Republikaner. Im Senat stehen 34 Republikanern 62 Demokraten gegenüber. Der Wahlsieg des auf republikanischer Liste kandidierenden Rocke-feller in New York über den Demokraten Harri-man hat wohl Bedeutung für die Präsidentenwahl in zwei Jahren, nicht ober für „seine“ Partei: Rockefeller steht dem Gros der demokratischen Mitte weit näher als Harriman, der im Schatten seines Debakels als Botschafter in Moskau eher den intransigenten Republikanern nahesteht, die überall schwer geschlagen wurden. Wobei für die Welt die Niederlage des Senators Knowland und jener Männer, die für eine harte und miti-fante Politik gegen Rotchina sind, bedeutsam ist. Die Wallstreet, das hochbeachlliche Barometer amerikanischer Stimmungen, hat sofort mit steigenden Kursen auf den Sieg der Demokraten reagiert. Man ei hofft sich in jeder Weise eins dynamischere, aktive Politik, zunächst ein großzügiges Bauprogramm und neue Gesetze zur Förderung der- Wirtschaft. Die Demokratische Partei arbeitet bereits ein konkretes Gesetzgebungsprogramm in dieser Hinsicht aus. Eisen-hower, der als Zögerer in die Geschichte eingeht, kann hier praktisch wohl hinhaltenden Widerstand leisten, sich jedoch der Forderung nach Mitsprache und Mitarbeit nicht verwehren. Am stärksten dürfte sein Widerstand im Sektor der Aufjenpolitik sein: nachdem ihm die demokratische Kampagne bereits den Leiter seiner Innenpolitik abgeschossen hat, den als „Korrup-fionisten“ verklagten Adams, hält Eisenhower mit aller persönlicher Energie an seinem letzten persönlichen Vertrauensmann erster Klasse, an John Fostsr Dulles, fest. Hier sind also am wenigsten Aenderungen des amerikanischen Regierungskurses zu erwarten. Vielleicht entspricht es auch einem geheimen Wunsch der demokratischen Leader, John Foster Dulles noch möglichst lange die Suppe auslöffeln zu lassen: in der verfahrenen Situation, die zumindest mif-verschuldet worden ist durch die amerikanische Inaktivität in Asien, Afrika, Europa.

DAS DILEMMA, IN DEM SICH DER MARXISTISCHE ATHEISMUS heute befindet, wurde wieder in einer Tagung der Sowjetischen Gesellschaft fü/.Massener'ziehung offenbar deren Vorträge nunmehr publiziert vorliegen Da das Religiöse für den Kommunismus lediglich eine Widerspiegelung vor allem ökonomischer Tatbestände ist, murj auch das Bestehen der Religion in Ruhland nach vierzig Jahren sowjetischer Herrschaft mit wirtschaftlichen Argumenten erklärt werden: Früher war es die Not, welche die Menschen Trost im Religiösen suchen lieh. Nun ist aber noch immer und scheinbar unausrottbar so etwas wie ein religiöses Leben in Ruhland merkbar Not darf es jedoch nicht geben. Was dann als Ursache? Vor allem der Vortragende, Dr. Gubanow, lieh es sich angelegen sein, den Gründen für das Bestehen von religiösen Vorstellungen trotz Güterfülle nachzuspüren. Im allgemeinen gibt Dr. Gubanow die Ansichten des Philosophischen Institutes der Sowjetischen Akademie wieder: Erstens isf es die „kapitalistische Welt“, welche den Russen mif der Entfesselung eines neuen Weltkrieges drohte und es so einfach über die Angst zum Beten anhielt. So hat es angeblich gerade während der Suezkrise eine religiöse Wiedergeburl in Ruhland gegeben. Dann sind zweitens Naturkatastrophen nicht unbeteiligt, Viehseuchen etwa, welche die Menschen die Hände falten lernen. Schließlich sieht Dr. Gubanow auch in der Vernachlässigung der antireligiösen Propaganda, der auf der anderen Seite eine erhöhte Aktivität der kirchlichen Organisafionen entspricht, eine der Ursachen für den Weiterbestand eines kirchlichen Lebens. Gab es 1954 noch 120.000 „Atheislenvorlesungen“ (abgeholfen von der obengenannten Gesellschaft für Massenerziehung), waren es 1955 nur noch 100.000 und 1956 gar 84.000. Das Bemühen, das Religiöse vor allem als Reflex von wirtschaftlichen Entwicklungen zu erklären, fufjt zwar auf einer sehr einfachen Methode der Erklärung, hat aber mif der Wirklichkeit des Entstehens von Glaube und religiösen Gefühlen so gut wie nichts zu tun und verleitet den Kommunismus dazu, die natürlichen Entstehungs- und Bestimmungsgründe für das Religiöse an einem falschen Ort zu suchen. Hätte der Kommunismus mit seiner Marxschen These vom Absterben des Religiösen einfach als Folge des Anstieges der Wohlfahrt recht, wäre jede antireligiöse Kampagne sinnlos. Wozu atheistische Propaganda, wenn ohnedies die Errichtung des marxistischen Wohlfahrfstaates die Not und damit die naturgesetzliche Basis eines religiösen Erlebens aufhebt? Wozu atheistische Erziehung in den Schulen, wenn die gesellschaftliche Entwicklung derart ist, dafj dem Religiösen jeder Boden, um zu wachsen oder nachzuwachsen, entzogen ist oder wird? Anderseits sollte nicht übersehen werden, dah tatsächlich „Not beten lehrt“, aber wohl nur den, der glaubt.

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