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Ein neuer Masdiinensturm?

Im „Fortune”, der illustrierten Monatsrevue des „big business” in den Vereinigten Staaten, war kürzlich eine ob ihrer Textierung auffallende Anzeige zu finden. In sinngemäßer deutscher Übersetzung hieß es darin:

„Unglücklicherweise bezeugen Col- legestudenten der amerikanischen Geschäftswelt gegenüber nicht einmal ihre Abneigung; sie ignorieren sie vielmehr. Und das ist unser größtes Problem: Denn würden sie uns wenigstens ihre Abneigung fühlen lassen, dann hätten wir eine Chance für ein Gespräch. Aber Gleichgültigkeit schlägt die Türen zu.”

Wenige Wochen später gab ein amerikanischer Student in der „Financial Times” eine interessante Erklärung für die Tatsache, daß immer mehr amerikanische Studenten eine Karriere in der Wirtschaft ablehnen. Er stellte fest, vielen begabten Hochschülem sei die in der Wirtschaft herrschende Mentalität zuwider, sie stünden den Zielen der Wirtschaft gleichgültig gegenüber. Wörtlich schrieb er:

„Nahezu alle amerikanischen Studenten haben an dem nie gekannten Reichtum Amerikas von heute Anteil. Wie John Kenneth Galbraith vor einem Jahrzehnt in seinem Buch ,die Überflußgesellschaft’ vorhergesagt hat, finden viele von ihnen das Geldverdienen nicht sehr wichtig, einfach deswegen, weil es so viel davon gibt.”

Weiter warf er den Unternehmen vor, sie würden soziale Probleme vernachlässigen. Solange aber der soziale Fortschritt nicht zu den Zielen des einzelnen Unternehmens zählt, könne man kaum Studenten als Nachwuchs für Karrieren in der Wirtschaft gewinnen.

Diese Bemerkungen müssen zu denken geben. Nicht etwa, daß man sie kritiklos in der nun gängigen Anpassung an das revolutionäre Aufbegehren- der jungen Generation gegen das „Establishment” hin- nähme. Denn dieses Aufbegehren hat es um so leichter, je mehr es auf eine Gummiwand von Honoratiorenmentalität und feige Selbstbezichtigung trifft.

Das Establishment der Arbeiter

Die moderne Industriegesellschaft ist ein ebenso kompliziertes wie empfindliches Gebilde. Sie gehört darum keineswegs in die Hand primitiver Agitatoren und Radikaler, ebensowenig, wie ihre Geschicke von vergreisten Revolutionären und Wortmagiern vom Stile Herbert Marcuses gelenkt werden sollten.

Und was das vielattackierte „Establishment” betrifft, so hat sich eigentlich bisher noch niemand Gedanken darüber gemacht, daß es ein Establishment gibt, das an der Erhaltung der gegenwärtigen Ordnung — und zwar aus sehr positiven und verständlichen menschlichen Gründen — interessiert sein muß: das ist die Arbeiterschaft, die in den letzten Jahrzehnten in allen Industriestaaten einen politischen, wirtschaftlichen und vor allem gesellschaftlichen Aufstieg ohnegleichen erlebt hat. Sie hat heute nicht wie zur Zeit Karl Marxens nur ihre Ketten, sondern sehr reale Werte zu verlieren: Nicht nur ihren Lebensstandard, sondern nicht minder ihre Aufstiegschancen, die Möglichkeiten, Eigentum zu bilden und die kostbarste Investition zu tätigen, die man sich denken kann, nämlich ihren Kindern eine bessere Bildung und Ausbildung zu geben.

Man sollte auch nicht in die Philippika jener Kultur- und Gesellschaftskritiker einstimmen, die selbst vom sicheren Port des Wohlstandes im Besitz aller Annehmlichkeiten, die ihnen das Establishment für ihre revolutionäre Kritik gewährt, unsere Gesellschaftsordnung verteufeln. Gibt es nicht zu denken, daß ein Cohn-Bendit heute in den Societykreisen des Ruhrgebietes begehrter Abendgast ist, daß er und Rudi Dutschke mittlerweile selbst Kapitalisten geworden sind, die aus dem „Aufstand” ein glänzendes Geschäft gemacht haben?

allem die „bedenkenlose Verfälschung und Zerstörung unserer natürlichen Umwelt und unserer heutigen Lebensweise”. Er schreibt, durch das Vordringen der modernen Zivilisation werde ein großartiger Kontinent (USA) zerstört; die Menschen vernichteten systematisch die Natur, das Wasser, die Luft, sie trieben an den Bodenschätzen Raubbau. Worauf es ihm ankommt, das ist nicht nur die von den Soziologen überschätzte Begegnung des Menschen mit dem Menschen, sondern vor allem die unerläßliche Begegnung des Menschen mit der Natur. Kennan räumt ein, daß die menschliche Gerechtigkeit immer unvollkommen gewesen sei. Er wendet sich gegen den Missionsdrang der „Neuen Linken”, fordert aber die Jungen auf, mit den Älteren zusammen ihre geistigen und moralischen Energien zu bündeln, um jene Gefahren abzuwenden, die die Zukunft der Menschheit bedrohen.

Das Fanal der „Neuen Linken”

Die Probleme der modernen Industriewelt liegen also sehr tief. Aber der Schlüssel zu ihrer Lösung liegt nicht in der anarchischen Zerstörung, ohne zu fragen: „Was geschieht danach?” wie das die Revolutionäre der „Neuen Linken” tun, sondern in der Erkenntnis, daß die Aufgaben der Wirtschaft und der Industriegesellschaft viel zu ernst sind, als daß sie mit einer rein ökonomisch-industriellen Denkweise gelöst werden könnten, um ein bekanntes Wort sinngemäß abzuwandeln. Die Anstöße müssen nicht nur Analysen, Zukunftsprojektionen und Computerdaten kommen, sondern im letzten aus meta-ökonomischen Bereichen.

Wir erleben nämlich heute geradezu einen neuen Chiliasmus, projiziert auf das Jahr 2000, der sich zumeist nur auf die Lektüre oberflächlicher, futurologischer Sachbücher stützt.

Diese unsere Zeit hat — auch in Dingen der Wirtschaft — einen gewaltigen Nachholbedarf an Politik im guten Sinn. Denn Politik muß, entgegen landläufigen Auffassungen in vielen Industriestaaten, mehr sein als nur Wirtschaftspolitik, mehr als nur ökonomisch-rationales Kalkül, mehr als die Zielprojektion computerisierbarer Fakten. Manchmal könnte man die Überbetonung der „Sachlichkeit” in unserer öffentlichen Diskussion verfluchen. Während wir einerseits immer mehr „Sachlichkeit” verlangen, entwickelt sich anderseits ein Vakuum, in das die Emotionen hineinzustoßen vermögen. Insoferne sind die Gedanken und Äußerungen der „Neuen Linken”, in Europa ebenso wie in den Vereinigten Staaten, Fanale. Es ist nicht immer nur in der Pubertät steOkengebliebener Revolutionsdrang, der die Jungen dazu treibt, „alle Macht den Räten” zu verlangen, der sie sogar Revolutionsuniformen anlegen läßt usw., es ist auch das Gefühl der Leere, das diese unsere moderne Industriegesellschaft bei vielen erzeugt.

Hier nun schließt sich der Kreis mit den eingangs zitierten Stimmen aus den Vereinigten Staaten und aus Großbritannien, die beide das gleiche aussagen: Ein Teil der akademischen Jugend interessiert sich nicht mehr für die Wirtschaft, für die Industrie, für das kaufmännische Leben, weil ihr hier offenbar zu wenig lohnende Ziele gesteckt werden. Sie will — gewiß oft in nebulösen Vorstellungen — Ziele gesetzt und Aufgaben gestellt sehen, die ihr sinnvoller erscheinen als das — ihrer Meinung nach — „geistlose” Produzieren von Gütern und Bedürfnissen, sie will Not und Ungerechtigkeit lindern — im eigenen Land wie in der „Dritten Welt”.

Kennans „Rebellen ohne Programm”

Dennoch müssen wir uns eingestehen, daß unsere Industriegesellschaft viele Schwächen hat — wie jede von und für Menschen geschaffene Ordnung. Aber diese Fehler sind korrigierbar, allerdings nur in ernster Arbeit, nicht aber in sinnlosem Protest, in Diskussionen und im „Dialog”.

Allen politischen Interessen sei empfohlen, eine dünne, aber um so gehaltvollere Schrift zu studieren, die einen der nobelsten Intellektuellen Amerikas zum Verfasser hat: Es ist der Rußlandkenner und langjährige Botschafter in Moskau und Belgrad, George F. Kennan, seines Zeichens Historiker in Princeton. Kennan stellt sich in seiner Schrift (deutscher Titel: „Rebellen ohne Programm”) einer gnadenlosen Auseinandersetzung mit dem Wortgeklingel der studentischen Opposition. Er, der im Dienst für sein Vaterland weise geworden ist und auf einem reichen Bildungsfundus aufbaut, hält den Studenten vor, daß sie, wie er schreibt, das „Opfer des ungesunden Säkularismus” dieser Gesellschaft geworden seien. Er verurteilt das „gehaltlose Kauderwelsch” der Soziologensprache, den Jargon scheinbarer wissenschaftlicher Objektivität.

Der Mensch und die Natur

Großartig zu lesen seine Verteidigung des bestehenden Gesellschaftssystems, die ihn nicht daran hindert, auch dessen Schwächen aufzuzeigen. Vor allem ist man Kennan dankbar dafür, daß er die großen, wirklichen Probleme dieser Industriegesellschaft aufzeigt. So beklagt er vor

Der betriebliche Bereich

Also eine Maschinenstürmerei mit neuen Vorzeichen? Die Antwort muß auf zwei Ebenen gegeben werden. Die eine liegt im betrieblichen Bereich. Amerika wäre nicht Amerika — also rational-effizient und idealistisch zugleich —, würde es nicht auch schon in dieser Richtung initiativ sein. Das bereits genannte „Fortune” berichtet, daß sich Spitzen der amerikanischen Geschäftswelt sehr ernsthaft mit Problemen von öffentlichem Interesse befassen, mit der Verbesserung des Lebens in den Städten und Gemeinden, mit pädagogischen Aufgaben, solchen der Volksgesundheit, auch mit dem Negerproblem. Der praktische Sinn der Amerikaner bringt sie dazu, die Managementerfahrung großer Unternehmen, ja selbst die zur Weltraumforschung notwendigen Systemanalysen etwa in den Dienst der Beseitigung von Elendsvierteln, der Verbesserung der Verkehrsverhält- nisse und ähnlichem zu stellen.

Mit anderen Worten, das unternehmerische Wirken wird auf eine höhere gesellschaftliche Stufe gehoben, das ökonomische Zweckdenken Zielen und Aufgaben untergeordnet, die der Gemeinschaft dienen. Den Sozialutopien der modernen „Gesellschaftsingenieure” werden hier praktischer, kommerzieller Sinn, gepaart mit Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Öffentlichkeit, entgegengesetzt. Denn die Verbesserung der Gesellschaft setzt eines voraus: eine wachsende, sinnvoll geordnete und geführte Wirt-’ schäft.

Politik — Technik der Versprechungen

Die zweite Ebene ist die der Politik. Ihr ist die Aufgabe gestellt, die Ökonomisierung zugunsten der Humanisierung zurückzudrängen, so wie auch George Kennan es fordert. Zwangsläufig sind die modernen Massen- und Gefälligkeitsdemokratien immer mehr in den Sog rein wirtschaftlicher Zielvorstellungen geraten, sie haben sich zu Apparaten zur Verteilung von Geschenken entwickelt, Politik ist damit zu einer Technik der Versprechungen degradiert worden. Von „Herausforderungen” wird zwar häufig gesprochen, aber wer wagt es schon, den Wähler, vor allem den jungen, wirklich herauszufordern? An die Stelle der Führung mit Autorität tritt der Weg des geringsten Widerstandes, die Anpassung an den — vermeintlichen! — Wählerwillen bis zur feigen Kapitulation. Dazu gehört auch die maßlose Überschätzung des politischen Faktors Jugend, die Angst, Leistungen und Opfer der Älteren auch gebührend herauszustreichen, vom Beispiel, das die Älteren geben, ausgehend, die Jüngeren zur Bewährung, nicht aber bloß zur Diskussion aufzufordern.

Die Ökonomisierung der Politik ist, wie gesagt, kein österreichisches Unikum. Bei uns ist die Situation dadurch gekennzeichnet, daß in unserem Land ein großer Nachholbedarf an wirtschaftlichem Denken und wirtschaftlicher Information besteht. Darum ist es zu begrüßen, daß in den letzten Jahren wirtschaftliche Gemeinschaftsfragen breiter erörtert werden. Koren-Plan und sozialistisches Wirtschaftsprogramm sind darum notwendige und verdienstvolle Initiativen, aber die Politik darf sich nicht darin erschöpfen. Ziel einer Politik muß es sein, einen Staat zu schaffen, in dem sich zu leben lohnt, nicht nur materiell, sondern vor allem gefühlsmäßig. Ein starkes wirtschaftliches Fundament, darauf aufbauend, steigender Lebensstandard und Entwicklungschancen für jeden sind ebenso wichtig wie Ansehen des Staates nach innen und nach außen und eine lebendig funktionierende Demokratie.

Der österreichische Weg

Ein Staat, der sich solche Ziele setzt, braucht sich dessen durchaus nicht zu schämen. Er braucht vor allem nicht die Kritik jener intellektuellen Pointenproduzenten zu scheuen, die für politische Leerformeln agitieren. Politik muß auch Visionen geben, wird eingewendet. Ja, aber diese Visionen müssen einigermaßen in Kongruenz mit dem Denken und Fühlen des Volkes stehen! Wachstum, Investitionen, Strukturverbesserung — das alles ist notwendig, aber nicht minder wichtig sind Raumordnung, Volksgesundheit (auch seelisch gesehen!), Erhaltung der Natur, Bildung (und zwar nicht ausschließlich als Produktionsfaktor!) und Aktivierung des demokratischen Lebens. Es muß nicht an alles der Maßstab der ökonomischen Ratio gelegt werden. Daher auch ein Plädoyer nicht nur für „makropolitisches”, sondern auch für „mikropolitisches” Denken. Das „kleine Leben” ist auch politisch ein eminent wichtiges, zutiefst menschliches Faktum.

Eine Staatsführung, die so an die Dinge herangeht, wird sich auch nicht scheuen, das Emotionale in den Staatsbürgern anzuspr { a .-!,Gįlūęk- lich jede Führung, die sich auf ein Volk stützen kann wie das österreichische, dem gesunder Sinn für die Proportionen, Bescheidenheit und politischer Instinkt eignen. Wer mit dem Volk Kontakt hält und nicht nur auf die periodisch veröffentlichten Resultate von Meinungsforschungen angewiesen ist, wird das bestätigen. Aber es scheint, als habe man hier eine Chance vorübergehen lassen, nämlich die Vorgänge in unserem nördlichen Nachbarland zu einer solchen Mobilisierung von Heimatgefühl, Staats- und Geschichtsbewußtsein zu nützen. Der einzige, der dies mit dem Instinkt des Volksmannes erkannt hat, war der Landeshauptmann der Steiermark. Denn: Eine Gemeinschaft, in der sich zu leben lohnt — und Österreich ist eine solche —, will auch verteidigt werden, so wie jeder Familienvater Angriffe auf Haus und Angehörige abwehren wird.

Österreich ist nicht Amerika, in diesem Fall kann man sagen „Gott sei Dank!” Wir sind daher auch noch nicht mit den Problemen der Industriegesellschaft in aller Schärfe konfrontiert, wir können noch rechtzeitig den Weg bestimmen. Es soll ein sehr österreichischer Weg sein: die Rationalität des modernen Industriestaates verbunden mit der aus der Geschichte erwachsenen Lebenskunst. Wir werden diesen Weg nicht gehen können, wenn sich die Forderung nach „Vorrang für die Wirtschaft” durchsetzt. Die Wirtschaft ist ein wichtiger, ja lebensnotwendiger Teilaspekt des Gemeinschaftslebens. Aber aller in den letzten Jahren geradezu mit System betriebenen Herabsetzung und Abwertung der Politik zum Trotz: Vorrang für die Politik!

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