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Rentendynamik ist zuwenig

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20 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind mehr als 60 Jahre alt. Spät, aber doch, wurde dieses Faktum registriert. Erst von der Medizin, dann von der Pharma-Industrie, später von der Konsumgüterwirtschaft, zuletzt von der Politik. Nun bemühen sich alle politischen Lager um die Gunst dieser sozialen Gruppe, handelt es sich dabei doch um nahezu 30 Prozent der österreichischen Wahlberechtigten.

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20 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind mehr als 60 Jahre alt. Spät, aber doch, wurde dieses Faktum registriert. Erst von der Medizin, dann von der Pharma-Industrie, später von der Konsumgüterwirtschaft, zuletzt von der Politik. Nun bemühen sich alle politischen Lager um die Gunst dieser sozialen Gruppe, handelt es sich dabei doch um nahezu 30 Prozent der österreichischen Wahlberechtigten.

Nach langen, aus der Sicht der betroffenen älteren und alten Menschen geradezu demütigenden Ver-handfliungen wurde ein „Seniorenrat“ gegründet, dem zur wünschenswert-fcen Tauglichkeit fredlich ein wesentliches Element fehlt. .Dieser ,,Senio-renrat“ ist keine überparteiliche Einrichtung (wie das seinerzeit Bundeskanzler Kreisky versprochen hat), sondern eine ausschließlich auf Stimmenfang ausgerichtete Zweckorganisation der Sozialistischen Partei. Das bekamen die älteren und alten Menschen gleich bei der konstituierenden Sitzung dieses „Senio-renrates“ zu spüren, als SPÖ-Vorsitzender Kreisky vehement gegen Bauern und Volkspartei zu Felde zog. Und dies nicht einmal in Fragen, die die alten Menschen auch nur am Rande berührt hätten. Er philosophierte vielmehr darüber, ob die letzten Zielsetzungen des Sozialismus mit der pluralistischen Demokratie vereinbar seien (und kam wiederum zu keiner eindeutigen Erklärung).

„Das Leben beginnt mit sechzig'' verkünden mittlerweile optimistische Buchtitel; in Wahrheit ist es aber so, daß mit dem Einstieg in die ,.dritte Lebensphase“ für sehr viele ältere und alte Menschen zugleich

auch der Ausstieg aus unserer Gesellschaft markiert wird. Denn wenn alle Funktionen wegfallen und nur noch das Leben übriggeblieben ist, wird idas überleben selbst zur Leistung. Exkursionen in das Altersheim der Gemeinde Wien in Lainz — vor fünfzig Jahren noch eine weltweit aufsehenerregende Einrichtung — können derlei pessimistische Eindrücke voll bestätigen: Altern als Zeitvertreib, das Leben, als Plage, das Überleben als Kampf mit dem Tod. Daraus resultiert die vielzitierte „Bösartigkeit“ alter Menschen — eine logische Folge eines globalen und gruppenspezifisdhen Unverständnisses für den Sinn des Alterns und des Alters.

Der Bundeskanzler findet „die Differenzierung in ältere und jüngere Menschen bedenklich, denn die Jüngeren vergessen dabei, daß alles, was sie innerhalb der Gesellschaft benützen, von den Älteren finanziert wurde“; zweifellos eine Beurteilung der Altenprobleme, die genau dort ansetzt, wo ältere und alte Menschen besonders empfindlich sind: am finanziellen Aspekt des Problems. Denn die Alten fühlen sieh an den Rand der Gesellschaft gedrängt, oft auch als Abfallprodukt der Gesellschaft, für die sie noch gerne als Leistungsträger fungieren möchten; sicherlich in einem eingeschränkten Maße, teilzeitbeschäftigt gewissermaßen, und vor allem mit ausreichenden Möglichkeiten, über Arbeits- und Freizeit verhältnismäßig frei, dem Alter angepaßt, zu verfügen. Doch derlei scheitert an Steuer-

und Ruhensbestimmungen, die rasohest zu ändern eine besonders wichtige Aufgabe eines „Senioren rates“ wäre. Doch allzu großen Optimismus sollte man in dieser Frage nicht wagen. Die. höchsten Funktionäre des „Seniorenrates“ sind durchwegs Politiker (Robert Uhlif, Edgar Söhranz), die erheblichen Anteil am Bestehen gewisser altersfeindlicher Bestimmungen haben.

Neuerdings scheint man in der Regierungspartei auch erkannt zu haben, daß die Unfähigkeit einer Gesellschaft, mit den Problemen ihrer alten Mitglieder fertigzuwer-den, ein Produkt ihrer marktwirtschaftlich demokratischen Ausrichtung ist. In einer Schrift von Rudolf Schenda über „Das Elend der alten Leute“ heißt es da etwa: „Das Elend der Alten ist doch nur verstärkter Reflex der Misere der Arbeiter- und Angestelltenklassa... wenn der gesellschaftliche Prozeß nur unter dem Gesichtspunkt der Kapitalvermehrung gesehen wird, sind die Alten überflüssiges Abfallprodukt. Ihre Erhaltung ist folglich pseudohumanitäre Hauchelei.“ Derlei Beurteilung fußt auf dem Prinzip, das die problematische Situation der alten

Menschen aus der Unmenschlichkeit der Praduktions- und Entlohnungsweise im marktwirtschaftlichen System erklärt und daraus den Schluß zieht, man müsse eben die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen und Verhältnisse radikal ändern, um auch die Situation der älteren Menschen zu bessern. Wie irreal und widersinnig solche Behauptungen aber wirklich sind, mag man an der Praxis kommunistischer Staaten messen: dort dürfen in erster Linie nur jene Menschen das Land verlassen, die aus dem Produktionsprozeß ausgeschieden wurden. Drastischer läßt sich die Unmenschlichkeit eines politischen Systems gar nicht belegen.

Längst ist bekannt, daß ein eindeutiger Zusammenhang zwischen sinnvoller Arbeit, Gesundheitszustand und menschlichem Altern besteht. Sinnvolle Arbeit macht tatsächlich frei, läßt nicht fühlen, daß man älter und alt, damit also ein unnützes Glied der Gemeinschaft wind. Längst ist auch bekannt, daß Leistungsfreuidigkeit und Leistungsfähigkeit, aber auch der Anspruch der Umwelt auf seine Leistungen den Menschen bis ins höhe Alter hinein gesund bleiben läßt.

Auch zwischen Beruf und Sterben besteht ein enger Zusammenhang. Eine Untersuchung in der Bundesrepublik Deutschland zeigte an, daß Hilfsarbeiter zwischen 39 und 62 Jahren sterben, Facharbeiter zwischen 63 und 65 Jähren, Angestellte zwischen 68 und 70, freie Berufstätige zwisahen 72 und 74 Jahren.

Altern in “Wunde setzt demnach offenbar ein erfülltes Berufsleben voraus — wenn möglich bis ins hohe Alter. Auch am Beispiel zahlreicher Prominenter läßt sich nachweisen, daß der plötzliche Abtritt von der Bühne des Anbeitslebens automatlisch schwere gesundheitliche Störungen nach sich zieht.

Nach dem Wörterbuch heißt Altsein: schrumpfen, verfallen, welken, kaputt, senil, klapprig, siech sein. An dieser Einstellung hängen nicht zuletzt die großen politischen Lager dieses Landes. Sie dekretieren mit Altersklauseln den Schlußpunkt des politischen Arbeitslebens ihrer Mandatare und Funktionäre. Angesichts dieser Haltung ist es fraglich, ob parteipolitische Einrichtungen tatsächlich in der Lage sind, die Probleme älterer und alter Menschen zu behandeln und vernünftig zu vertreten. Gerade die Gründung des ..Seniorenrates“ hat den fatalen Eindruck entstehen lassen, daß mit dieser und mit ähnlichen Einrichtungen der isolierten Betrachtungsweise der Probleme der Alten dieses Landes nur Vorschub geleistet wird. Noch dazu unter parteipolitischen Vorzeichen.

Es geht heute nicht darum, diverse Probleme älterer Menschen herauszugreifen, sie gruppenspezifisch zu behandeln und gelegentlich auf ältere Menschen zugeschnittene Stellungnahmen zu veröffentlichen; es geht auch nicht darum, mit so banalen Begriffen wie „Lebenshe.rbst“ und „dritte Lebensphase“ die isolierte Situation der alten Menschen zu betonen; es geht vielmehr darum, die in der Vorzeit der industriellen Gesellschaft gegebene organische Einbindung der älteren und alten Menschen behutsam anzustreben. Bei allen politischen Maßnahmen, die im Laufe einer LegisTaturpor:odo gesetzt werden, sind auch die Probleme älterer Menschen zu berücksichtigen. Zur Zeit ist dies weder in der Venkehrspolitik noch im Wohn-und Städtebau der Fall.

Die Wirtschaft hat das interessanterweise verhältnismäßig frühzeitig erkannt. Dafür war nicht Philan-tropie, sondern in erster Linie Zweck mäßigkeitsdenken ausschlaggebend. Wenn jedes fünfte Mitglied einer Gesellschaft über sechzig Jahre alt ist, dann ist es vernünftig diesen großen Markt auch zu bearbeiten.

Die Nürnberger Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung hat' in einer umfassenden „Altenmarkt“-Studie den gesellschaftlichen und marktwirtschaftlichen Hintergrund auageleuchtet. In dieser Studie heißt es: „Für den emotional-motivationalen Appell der Werbung bietet die Situation der Älteren und Alten ganz spezifische Ansatzpunkte. Insbesondere handelt es sich uim den Eindruck, nur noch am Rande einer Gesellschaft geduldet zu sein, die man selbst positiv einschätzt, und zu der man auch seihst ganz gerne gehören möchte,

um Vitalitätseinbuße, Funktionsver-lust und Zukunftsschwund sublimleren zu können. Der Eindruck zur Zugehörigkeit kann dadurch geweckt werden, daß die Werbung den älteren und alten Menschen das Empfinden dafür vermittelt, wie interessant sie für die Wirtschaft als Verbraucher sind. Überdies kann die Werbung den Älteren und Alten zu Bewußtsein bringen, daß Kaufen

•nicht nur Erwerb von Sachen, sondern darüber hinaus aktive Teilnahme am Leben bedeutet. Nicht zuletzt kann die Werbung ältere und alte Menschen dadurch zum Kauf moitovieren, daß sie jeweils Eigenschaften der Produkte gegen die maßgebende Altercharakteristik ausspielt.“ Im Geiste dieser Formulierungen (mit ihrem übrigens schauderhaften Deutsch) fanden in Deutschland und in Österreich Alten-Messen statt, in Wien wird jedes Jahr unter der Devise „Senior aktuell“ eine einschlägige Veranstaltung durchgeführt.

Mag die Idee, die Alten als Verbraucher emstzunehmen, auch aus dem Bedürfnis der Wirtschaft geboren sein, nach der Eroberung der jugendlichen Konsumenten nun auch den Alten-Markt zu gewinnen, so handelt es sich dabei doch auch um die allmähliche Erschließung eines praktisch-theoretischen Experimentierfeldes, die keineswegs nur Bedeutung für neue Angebots-Nachfrage-Relationen hat, sondern eine ethische Aufgabe der Wirtschaft darstellt. Wenn es, wie immer wieder von Medizinern, Sozialogen und Psychologen behauptet wird, ein „Defizitmadell“ älterer Menschen gilbt, dann ist es nur zu richtig, die Dinge des tägiliahen Lebens auf die Bedürfnisse der älteren und alten Menschen abzustellen, um dieses „Defizit“ abzubauen.

Es gibt viele Beispiele dafür, wo das bislang noch nicht in ausreichendem Maße geschehen ist. Ganz allgemein ist das Warenangebot auf die Bedürfnisse von Zwei- bis Vier-personenhaughalten abgestellt. Es gibt noch keine normierten Packun-

gen für alleinstehende Personen, keine Spülmaschinen für ältere Damen; es gibt für Babys eine spezifische Aruibaunahrung, die Frage, ob es nicht auch eine „Seniorennahrung“ geben sollte, ist noch nicht gründlich untersucht worden. Dabei geht es nicht um die technisch-wissenschaftliche Herstellung von optimal auf Senioren abgestellte Nahrung, sondern um Produkte für ältere Menschen, die nicht gleich darüber erschrecken, daß diese Produkte für ältere Menschen gedacht sind.

Mit Ratschlägen allein ist es also bei der Alten-Hilfe nicht getan. Eß-tips, gymnastische Nachhilfe, Leit-

fäden durch Behörden mögen dazu beitragen, da und dort das Los älterer Menschen zu mildern. Insgesamt aber sind derlei Hilfestellungen nicht geeignet, die volle Integration älterer Menschen in die Gesellschaft wieder herzustellen. Es handelt sich nur um kosmetische Operationen am Gesicht einer Gesellschaft, die das eigene Altern nicht zur Kenntnis nehmen will und die unrefllektiert eine Welt der „ewigen Jugend“ darstellt; die die Ideologie des zufriedenen Alterns und zufriedener Alter vertritt — ohne selbst daran zu glauben.

Die Alten-Politik einer,, solchen Gesellschaft befindet sich, daher auch auf der Flucht vor dem Altern. Die Gründung eines „Seniorenrates“ ist Eingeständnis und Fluchtpunkt zugleich. Eine solche Alten-Politik glaubt, mit der dynamischen Renten- und Pensionsanspassung allein auch schon ein zufriedenes Altem zu bescheren.

Tatsächlich aber sollten Fragen und Maßnahmen tiefer zielen, auch die Auseinandersetzung mit Krankheit, Gebrechlichkeit, Sterben und Tod riskieren. Spätestens an diesem Punkte müßte allen, die sich mit Alten-Politik beschäftigen oder vorgeben, .dies zu tun, klar wenden, daß die Beschäftigung mit den Problemen des Alters nicht nur gesellschaftliche, ökonomische» sozialpolitische und gesundheitspolitische Bezüge haben darf und kann, sondern die Frage nach dem Sinn des Lebens berührt. Wer den Sinn des Lebens nicht versteht, muß Schwierigkeiten haben, den Sinn des Altems, des Alters und des Sterbens zu begreifen. Und daran offenbart sich die philosophische und theologische Dimension des Problems.

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