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Familie und Staat müssen kooperieren

1945 1960 1980 2000 2020

Die Lebensgestaltung wird immer weniger einheitlich. Was wann im Leben geschieht, ist weniger vorgezeichnet: Das Alter bei Verheiratung, Berufsbeginn, Ausscheiden aus dem Beruf ist heute viel breiter gestreut als in den fünfziger Jahren. Man lebt in größerer Freiheit, aber auch mit erhöhten, vor allem psychischen Risken.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Lebensgestaltung wird immer weniger einheitlich. Was wann im Leben geschieht, ist weniger vorgezeichnet: Das Alter bei Verheiratung, Berufsbeginn, Ausscheiden aus dem Beruf ist heute viel breiter gestreut als in den fünfziger Jahren. Man lebt in größerer Freiheit, aber auch mit erhöhten, vor allem psychischen Risken.

Wo „Selbstverwirklichung" in den Vordergrund tritt, kann man auch nicht mehr vorausssetzen, daß die Familie als Gruppe eine Gesamtsolidarität entwickelt, innerhalb derer sich die längerfristige Verteilung von Hilfsund Pflegeaufgaben für die Alten an einzelne Mitglieder der Familien konfliktarm herausformt. Die Integration in Familien beginnt sich zunehmend auf innerfamiliäre Teilbeziehungen und weniger auf die Gesamtsolidarität der Familie zu stützen. Die Gesamtsolidarität ist weniger gewiß geworden. Auch die Beziehungsprobleme älterer Partner werden stärker bewußt.

Die Familie wird in Hinkunft ihren älteren Mitgliedern nur helfen können, wenn ihr sowohl Entlastungen geboten als auch Hilfen zuteil werden. Weniger Kinder, mehr geschiedene Ehen, höher qualifizierte Frauenberufstätigkeit werden die Chancen für die Hilfen durch Familienangehörige in Hinkunft reduzieren.

Will man emsthaft Vorsorgen, muß man die domizilorientierte, öffentliche Altenhilfe und Altenpolitik stärken, auffächern und mit Hilfen für die Familie kombinierbar machen. Dabei muß man jedoch die Familien gesellschaftspolitisch nicht nur stützen, sondern ihre Leistungen durch verschiedene Hilfsdienste und -aktionen auch ergänzen.

Es gibt eine Reihe von Gründen, die erwarten lassen, daß die Fähigkeit, den alten Familienmitgliedern Stützung und Betreuung zu gewähren, in Zukunft abnehmen wird. Aufgrund der niedrigen Geburtenrate und der steigenden Lebenserwartung über 60jähriger sowie aufgrund verschiedener Veränderungen von Werthaltungen und Lebensstilen ergeben sich folgende Prognosen:

- Die Anzahl und der Anteil abhängiger, das heißt vor allem hochaltri-ger, behinderter und chronisch kranker Personen in der Bevölkerung wird weiter zunehmen. Auch der Anteil schwerwiegender Behinderungen wird mit der Zunahme Hochbetagter steigen.

- Das Reservoir an möglichen familiären Betreuem wird deutlich kleiner. Durch die zunehmende Hochal-trigkeit kommt es zu einer Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des gleichzeitigen Auftretens mehrerer stützungsbedürftiger Generationen innerhalb einer Verwandtschaft, der

Großeltern und Urgroßeltern. Der Anteil der Urgroßeltern nimmt deutlich zu.

- Scheidungshäufigkeiten und „unvollständige Familienformen" nehmen weiter zu, samt den daraus resultierenden Komplikationen für die Alten. So wird zum Beispiel die alte Dame unsicher sein, ob und wie sie die Beziehung zu dem ihr sympathischen Ex-Schwiegersohn fortsetzen soll, von dem sich die Tochter längst getrennt hat. Für solche Beziehungen gibt es kaum soziale Verhaltensnormen.

- „Betreuung durch die Familie" ist eine wohlklingende Umschreibung für die in Österreich noch immer vorwiegend frauengetragene Arbeit. Es ist nicht unrealistisch, auf diesem Gebiet ungleicher Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau früher oder später einen Wandel zu erwarten. In England zeichnet er sich bereits ab. Insbesondere werden Frauen weiterhin auf dem Arbeitsmarkt auftreten und selbst während der Jahre der Kindererziehung dort verbleiben wollen.

Demnach ist es höchst zweifelhaft, ob die Töchter von morgen bereit und in der Lage sein werden, dem heutigen Muster im Betreuungsgeschehen bei Älteren weiter zu entsprechen. Es gibt nicht nur keine Reserve an potentiellen familialen Betreuem, sondern sogar einen gegenläufigen sozialen Wandel.

Die rapide Ausdehnung und Vermehrung der organisierten sozialen Dienstleistungen für Altenhilfe ist ein Symptom für diesen sozialen Wandel. Die Entwicklung zur vermehrten Inanspruchnahme von Betreuungsquellen bedeutet allerdings nicht, daß Familie und Verwandtschaft überflüssig würden. Aber die Entwicklung zur stärkeren Inanspruchnahme öffentlich organisierter Hilfen ist eine Warnung davor, Familiennetzwerke mit unerfüllbaren Erwartungen zu überfordern.

Die gesellschaftlichen Wandlungen schaffen für das einzelne Familienmitglied spezifische Dilemmata, die von dem erfahrenen Alterssoziologen Gordon Streib folgendermaßen zusammengefaßt werden:

Einerseits will man, in Übereinstimmung mit den traditionellen Familiennormen und sozialen Erwartungen, den Alten beistehen. In unserer modernen Gesellschaft gibt es jedoch das Angebot an organisierten Diensten. Wenn die Angehörigen sich dieser bedienen, mögen sie sich unter

Menschen zu gewährleisten

Umständen der Vernachlässigung von Familienpflichten schuldig fühlen. Es besteht das Dilemma, ob man sich denn um den Bezug solcher Dienste bemühen solle und dürfe, wenn man die Bedürfnisse des alten Familienmitglieds auch selbst erfüllen könnte, sei es auch um den Preis heroischer Anstrengung und finanzieller Einbuße. Das Dilemma wird noch verschärft, wenn die Familie wahrnimmt, daß Nachbarn und andere sehr wohl Hilfe für ihre alten Eltern in Anspruch nehmen."

Zu einem völligen Rückzug der Angehörigen aus der Betreuungsposition kommt es bei Einsetzen von Sozialdiensten nur in Ausnahmefällen, wohl aber überwiegend zu einem Abbau von Hilfetätigkeit und Besuchshäufigkeit. Die Angehörigen äußern auch deutliche Entlastungsgefühle. Die Entlastung durch den Sozialdienst führt im allgemeinen nicht zu einer vermehrten seelischen Zuwendung im Gespräch durch die Familienmitglieder.

Der Wunsch nach kooperativen Vereinbarungen zwischen Angehörigen und Helferinnen aus Organisationen wie Heimhilfe ist auf beiden Seiten sehr gering. Die Helferinnen schätzen femer die bisherige Belastung der helfenden Angehörigen niedriger ein als letztere selbst. Die Tätigkeit der Helferinnen wiederum wird von den Angehörigen negativer beurteilt als von den alten Menschen selbst. Hiebei dürften die Ängste der Alten, die Hilfe zu verlieren, eine Rolle spielen.

Den Begriff der „Intimität auf Abstand" haben wir als Form sozialer Problemlösung vielfach bestätigt gefunden, vor allem als bevorzugten Typus des Verhältnisses der Generationen in der Familie. Bei gegenseitiger Sympathie und Stützung zeigte sich nicht der gemeinsame, sondern ein nahe gelegener, aber getrennter Haushalt als Wunschziel.

Das Konzept „Intimität auf Abstand", der inneren Nähe bei äußerer Distanz, bewährt sich auch auf sozialpsychiatrischer Ebene. Ambivalenz - die nie ganz vermeidbare, aber immer spannungsreichere Gleichzeitigkeit von Anziehung und Ablehnung - wird in Familienbeziehungen durch räumlichen Abstand und die bewußte rücksichtsvolle Rücknahme des eigenen Aktivitätshorizonts unter Berücksichtigung des Fremden reduziert.

Erst wenn die tägliche Reibung in der räumlichen Nähe durch Distanz herabgesetzt wird, gibt es mehr Chancen zur Besserung der Verhältnisse. Die Erkenntnis und Verarbeitung von Ambivalenz fördert beziehungsweise ermöglicht wechselseitige Hilfe...

Eine offene, das heißt Hilfe von außen und Hilfe von anderen miteinbeziehende Solidarität berücksichtigt und bewertet sorgfältig die individuellen Grenzen, innerhalb derer die einzelnen Familienmitglieder ihre

Hilfe anbieten können. Dieses Muster der offenen Solidarität kann bei klarer Abschätzung des eigenen Potentials dann seinerseits die innere Kommunikation zwischen den Generationen weiter verstärken.

So läßt sich auch eine andere zentrale Aufgabe der erwachsenen „Kinder"-Gene-rationen angesichts ihrer alternden Eltern oder Großeltern in Überwindung von (neurotischen) Abhängigkeiten durch eine Art „l iebevoller Emanzipation" lösen.

Die in vieler Hinsicht unsichere Gesellschaft, in der wir leben, ist auf zeitlich begrenzte Verträge eingestellt. Die unbegrenzte Leistungserbringung durch Familienangehörige warein integraler Bestandteil der historischen europäischen Familientradition.

Heute stellt sich zum Beispiel beim Problem der Langzeitpflege die Situation komplizierter dar. Verantwortungsgefühl allein ist nicht ausreichend, schreibt der Gerontologe Brubaker, um die Dauerpflege eines alten Menschen zu gewährleisten. In den modernen Familien wird zunehmend abgeschätzt, zu wieviel Leistung man sich verpflichtet glaubt.

Schließlich können die Beziehungen zwischen den Alten und ihren Familien in den Industrieländern heute nur verstanden und adäquat untersucht werden, wenn die in den letzten drei Jahrzehnten erfolgte massive Expansion der Dienstleistungen des Gesundheits- und Sozialwesens des Wohlfahrtsstaates berücksichtigt wird.

Familie und Staat (letzterer repräsentiert nicht nur durch das Pensionsund Gesundheitssystem, sondern auch durch Sozialbürokratien) sind in ihrem Fortbestand aufeinander angewiesen, wenn auch ihre Ziele divergieren. Wenn daher ein alter Mensch entwedernur auf Dienstleistungen der Organisationen von außen oder nur auf die Hilfe durch die Familien angewiesen ist beziehungsweise wenn die beiden Strukturen einanderentgegen-arbeiten, dann werden, so schreibt der Gerontologe Horowitz, bestimmte Bedürfnisse des alten Menschen unerfüllt bleiben müssen.

Leopold Rosenmayr ist Professor für Soziologie an der Universität Wien, sein Beitrag ein Auszug aus seinem Buch: ALTENHILFE. Edition Atelier, Wien 1991,55 Seiten öS 98,-

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