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Sorge um die Kinder

1945 1960 1980 2000 2020

Selbstverwirklichung, Emanzipation: Heute gängige Konzepte, aber für Erwachsene. Und die Kinder? Die Sorge um sie kommt vielfach unter die Räder.

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Selbstverwirklichung, Emanzipation: Heute gängige Konzepte, aber für Erwachsene. Und die Kinder? Die Sorge um sie kommt vielfach unter die Räder.

Was das Kind an Urvertrauen— Selbstvertrauen - Vertrauen in die Umwelt erwirbt, bestimmt sein ganzes Leben; was davon gestört bzw. zerstört wird, fehlt ein ganzes Leben lang. Voraussetzung dafür ist: Eingebundenheit in ein verläßliches, in Freiheit gestaltetes Beziehungsgeflecht, wie es die Familie entwickeln und bieten kann und soll.

Entwicklungsbedingungen sind für ein Kind dort am besten, wo eine vollzählige Familie (Vater, Mutter, Geschwister) ihren Einfluß mit Verständnis, Einfühlung und Toleranz geltend macht.

Können Kinder — aus den verschiedensten Gründen - nicht in ihrer biologischen Familie bleiben, brauchen sie Ersatzfamilien, d. h. Pflege- und Adoptivf amilien. Auch bestorganisierte Heime und idealistische Erzieher können keine dauerhaften, stabilen Beziehungen ermöglichen (Schichtdienst, Personalwechsel...).

Man weiß heute, daß die Eltern-Kind-Bindung im täglichen Zusammenleben aufgebaut wird, in die kindlichen Bedürfnisse nach Nahrung, Pflege, körperlichem und psychischem Kontakt befriedigt werden (psychologische Elternschaft).

Allgemein wird eine besondere Trennungsempfindlichkeit für Kinder bis zu sieben Jahren angenommen, mit einer gesteigerten Sensibilität zwischen drei Monaten und drei Jahren. Als Trennungsfolgen wurden vor allem psychosomatische Erkrankungen, Verzögerungen in der Sprachentwicklung, übermäßige Angstentwicklung, Einnässen... beobachtet. Vor allem aber können nachhaltige Schädigungen des Selbstvertrauens und der Fähigkeit, Bindungen zu anderen Menschen einzugehen, die Folge sein.

Im Sinne des Kindeswohles ist es notwendig, Dauerlösungen oder - wie Anna Freud es nennt — die am wenigsten schädliche Alternative zu suchen. Hilfe muß immer schnell und gezielt einsetzen. Dabei ist vor allem der kindliche Zeitbegriff zu beachten.

Der Verbleib eines Kindes in seiner Herkunftsfamilie kann oft durch rasche, unbürokratische materielle Unterstützung oder durch begleitende Beratung und Betreuung der gesamten Familie gesichert werden.

Ist dies nicht möglich, ist bei der Unterbringung dem Bedürfnis des Kindes nach langdauernden Bindungen Rechnung zu tragen. Abbruche sind nach Möglichkeit zu vermeiden; ebenso Rückführungen, die dem Kindeswohl, nicht entsprechen.

HEIDI WOLFRAM Die Autorin ist Sozialarbeiterin

Nur gut informierte Eltern können ihren Kindern helfen, eine Krankheit, einen Spitalsaufenthalt gut zu verarbeiten. Nicht unbedingt erforderliche Spitalsaufenthalte sollen durch richtige Planung vermieden werden. Individuelle Planung (Wer versorgt mein Kind, wenn es krank wird?) und kommunale Vorsorge (mobile Schwestern, Hilfen für häusliche Pflege, ärztliche Versorgung) sind anzuregen.

Verhaltensstörungen in der Folge von Krankenhausaufenthalten kann bei Kleinkindern nur durch die weitgehende Anwesenheit der Mutter (einer vertrauten Person) vorgebeugt werden.

Beim Bau und bei der Renovierung von Krankenhäusern ist auf die ausreichende räumliche Ausstattung der Kinderstationen Bedacht zu nehmen: Mutter-Kind-Zimmer, Spiel- und Bewegungsräume ...

Selbsthilfegruppen von Eltern chronisch kranker Kinder haben sich in den letzten Jahren gebildet: Informationen über solche Gruppen sollen zusammengetragen und verbreitet werden.

HELGA KAUER Die Autorin ist Psychologin an der Internen Kinderabteüung im Wiener Wilhelminenspi-tal.

Die Auffassung, wonach die Auflösung der Ehe das Ende familiärer Beziehungen bedeutet, ist zurückzuweisen. Die Schlußstrichstrategie | und die Theorie, der Elterntrümmer bieten keinen für Scheidungsfamilien geeigneten Erklärungsansatz an. Scheidung löst familiäre Beziehungen nicht auf. Diese bestehen in der Nachscheidungssituation, wenn auch in reorganisierter Form, fort

Eine Scheidung beendet die geschlossene Ehe, nicht jedoch die Familie. Es muß demnach dem Grundsatz Elternschaft für immer aus familiärer, wie aus staatlicher und kirchlicher Sicht Rechnung getragen werden.

Das Familienrecht hat dem verfassungsmäßig garantierten Elternrecht größtmöglichen Entfaltungsspielraum bereitzustellen. Die Belassung der gemeinsamen elterlichen Sorge als der Regelfall ist gesetzlich zu verankern.

WASSILIOS FTHENAKIS

Der Autor ist Leiter des Instituts für Frühpädagogik in München.

Trotz aller Mängel und Unzulänglichkeiten des Systems Familie ist keine andere Einrichtung oder Institution in Sicht, in der die Voraussetzungen für eine gedeihliche Entwicklung des Kindes auch nur ähnlich optimal gegeben sind. Bei Kritik an der Familie geht es nicht darum, diese in Frage zu stellen, sondern darum, ihre Qualität zu verbessern.

Häufig ist ein Defizit beim Pflegeverhalten festzustellen. Junge Mütter (und Väter) sind keine Naturtalente, und bei einem Großteil von ihnen ist die Familie als „Pflegeschule“ weitgehend ausgefallen.

Pflegeverhalten wurde häufig nicht mehr von klein auf geübt und muß daher zur Vorbereitung auf das Kind neu gelernt werden. Es ergeben sich zwei Notwendigkeiten:

• verstärkte Angebote zur Vorbereitung und Begleitung junger Eltern in der Pflegephase;

• die Möglichkeit zum Rückgriff auf Lebensweisen und Lebenser“ fahrung der älteren Generation.

Anders als früher (!) bestimmt in vielen Fällen nicht mehr das Kind den Lebensplan der Paare, es wird ihm eingefügt. Und viele Eltern leben in dem Widerspruch zwischen dem, was die Realisierung ihrer Lebenspläne von ihnen erwartet, und dem, was sie glauben, dem Kind schuldig zu sein.

Kinder brauchen Beständigkeit und Verläßlichkeit in einem konstanten sozialen Beziehungsrahmen. Immer häufiger erleben Kinder, daß diese Geborgenheit zerbricht. Im Zusammenhang mit der Aufwertung der Ehe und der Tendenz zur Privatisierung sozialer Beziehungen ist das Bewußtsein, daß Familie eine Lebensund Schicksalsgemeinschaft ist, immer mehr geschwunden.

Kinder brauchen ein ausreichend großes soziales Ubungs-feld... Die meisten heutigen Familien sind personell zu klein, um ein ausreichendes soziales Ubungsfeld zu sein. Hier taucht die Frage auf, wo Kinder soziale Trainingsstätten finden und was Familien selbst tun können, sie zu organisieren.

Es muß überlegt werden, wie Familien motiviert und instand gesetzt werden können, gemeinsam mit anderen das Umfeld, in dem sie leben, schrittweise so zu verändern, daß sich die Bedingungen für ihre Kinder verbessern. BARTHOLD STRÄTLING

Der Autor ist Dozent an der Diözesan-Aka-demie für Erwachsenenbildung (Domschule Würzburg).

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