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Gesellschaft

Die saisonale Kinderverwahrlosung

1945 1960 1980 2000 2020

Der Verkehr staut sich wieder zu langen Kolonnen, die "Saison" hat begonnen. Für die einheimischen Kinder heißt das wie jedes Jahr: alles dreht sich nur um den Gast ...

1945 1960 1980 2000 2020

Der Verkehr staut sich wieder zu langen Kolonnen, die "Saison" hat begonnen. Für die einheimischen Kinder heißt das wie jedes Jahr: alles dreht sich nur um den Gast ...

Längst ist es in den Tourismusregionen unseres Landes selbstverständlich, jedes auch noch so kleine Projekt - ob Lifterneuerung oder Parkplatzvergrößerung - in einem aufwendigen Verfahren penibel auf ökologische Verträglichkeit zu prüfen. Diesen berechtigtermaßen hohen Grad an ökologischer Behutsamkeit vermisst man, wenn es um die menschlich-psychischen Folgekosten des Tourismus geht: Die Ökosysteme des Alltags der "bereisten" Kinder etwa sind ein in der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtetes Thema.

Dabei sind gerade die Kinder von den Folgen eines expansiven Massentourismus in den Ferienregionen unseres Landes in besonderem Maße betroffen. Das touristische Soziotop erzeugt ein spezifisches Reizklima, in welchem die Auswüchse des "modernen" Kinderalltags geradezu potenziert werden.

Gestohlene Eltern Mit der Veränderung der Lebensräume durch den Aufbau einer massentouristischen Infrastruktur in den Alpenregionen wurden und werden die Lebenswelten der Kinder kontinuierlich mitverändert. Landschaftlich-räumliche und athmosphärische Veränderungen, saisonale Brüche und Asymmetrien sind zu Kernaspekten des Kinderalltags geworden: In entlegene, ehemals ruhig-beschauliche inzwischen aber zu künstlichen Mittelstädten gewachsene Orte, bricht zu Saisonbeginn Hektik und Unruhe mit hohen Verkehrs- und Umweltbelastungen ein. Im saisonalen Heiß-Kalt-Rhythmus der Stoßzeiten, der Wochenendankünfte und Abreisen sowie täglicher Belastungsspitzen baut sich eine kindliche Erfahrungswelt größter qualitativer Spannungen auf. Aus gelassenen, ruhigen Eltern wird überbeanspruchtes Personal, welches gerade dann, wenn die Kinder die meiste freie Zeit haben, am wenigsten verfügbar ist. Auch die sozialen Systeme der Kinder (Familie, Gleichaltrigengruppe, Dorfgemeinschaft ...) werden durch das Eindringen oder den indirekten Einfluss von Gästen beziehungsweise Gästekindern kontinuierlich beeinträchtigt, sodass Kinder selten das Gefühl haben, ungestört bzw. "unter sich" zu sein. Wenn sich alles nur noch um den Gast dreht und sich ganze Talschaften dem Tourismus verschrieben haben, ist die Privatsphäre gefährdet, und kindliche Bedürfnisse zumindest saisonal abgewertet.

Auch im Tourismus haben gesellschaftliche Veränderungen vor den familiären Strukturen nicht haltgemacht. Die häufig vorgebrachte Annahme einer "heilen" Familienwelt, weil die Frau bzw. Mutter in Tourismusbetrieben meist nicht außerhäuslich berufstätig ist, scheint nicht berechtigt. Auch die Tourismusfamilie ist den generell feststellbaren Auszehrungsprozessen durch vermehrte Auslagerung grundlegender Ressourcen wie Zeit, Beziehung und Wärme ausgesetzt. Dazu kommen tourismusspezifische Belastungen und Erschwernisse, denn die grundsätzlich positiv zu bewertende Einheit von Wohn- und Arbeitsbereich hat ihre Kehrseite im häufigen Fehlen ungestörter Rückzugsmöglichkeiten. Ständige Verfügbarkeit für den Gast führt zum Phänomen der "gestohlenen Eltern" und bewirkt beim Kind Aversion und unterschwellige Aggression gegenüber den Gästen.

Besonders belastend für die familiäre Situation ist der saisonal bedingte Zeitplan beziehungsweise der veränderte Zeitrhythmus, verbunden mit Schwankungen in der Arbeitsbelastung. Weil der saisonal vorgegebene Zeitplan Vorrang hat, können familäre Rituale weniger gepflegt werden. Dies führt beispielsweise zur Verschiebung von Festen (Weihnachtsfeier, Geburtstage). Unterschiedliche tageszeitliche Belastungen haben zur Folge, dass Eltern - insbesondere die Mütter - gerade zu wichtigen, für die Kinder kritischen Tageszeiten, wie den gemeinsamen Essenszeiten, den Schlafengehzeiten für die Kinder nicht verfügbar sind. Stark asymmetrisch ist die familiäre Belastungssituation an Wochenenden, wenn die Eltern wegen der An- und Abreisen von Gästen unter besonderer Belastung stehen, die Kinder aber gleichzeitig ein Maximum an Freizeithaben.

Familien mit touristischen Klein- und Mittelbetrieben sind von den Folgewirkungen am stärksten betroffen, und Frauen beziehungsweise Mütter sind die besonderen Lastenträger in diesen Familien. Ihre Mehrfachbelastung reicht von der alleinigen Zuständigkeit für Kinder, Schule, Erziehung, der Verantwortlichkeit für Küche und eventuell Personal, von Zimmerreinigung, Wäsche, Schriftverkehr bis hin zu Gästeempfang und Betreung.

Zu all dem gesellt sich der Druck in Richtung einer Fassadenfamilie, erzeugt von den Erwartungen der Gäste von einer heilen Ferienwelt mit zufrieden-glücklichen Gastgebern. Die Rollenzwänge betreffen die Eltern, besonders aber die Kinder, dieder "Gastfreundschaftslüge" ungeschützt ausgeliefert sind.

Die von Kindern im Tourismus durchwegs erwartete Rolle ist die des "Vorzeige-Kindes". Wesentliche Elemente dieser, für die Betroffenen meist unbewusst bleibenden Rollenfixierung, sind die Zwänge zu ständiger Freundlichkeit, zum Lächeln sowie die permanenten Grußzwänge auch gegenüber unbekannten Gästen. In dieser Rollenzuweisung der "Tourismuspuppe" bleibt für entwicklungspsychologisch wichtige kindliche Verhaltensweisen, wie das Ausleben von Affekten wie Wut, Ärger, Aggression nur wenig Platz. Auch die Realisierung nicht angepassten Verhaltens ("Lausbuben") ist nicht vorgesehen und wird schärfer sanktioniert als bei Kindern in Nicht-Tourismusfamilien beziehungsweise -regionen. Mädchen sind davon in stärkerem Ausmaße betroffen als Buben, sie werden auch häufiger zur Mitarbeit im Betrieb beziehungsweise zur Betreuung jüngerer Geschwister angehalten und in die Vorbildrolle gedrängt. Die geschlechtsspezifische Sozialisation engt den Entwicklungsspielraum der Mädchen stärker als jenen der Buben ein. Auch die implizite Erwartung der Eltern, wonach ein Sohn den elterlichen Betrieb übernehmen soll, erschwert die Entwicklung autonomer Berufsperspektiven.

Aus kinderpsychologischer Sicht ist bedeutsam, welches Menschenbild Kinder im Tourismus vorwiegend entwickeln, sind sie doch meist von freundlichen, (aus)gelassenen, meist materiell gut situierten Urlaubern umgeben. Dieses Menschenbild steht in krassem Gegensatz zu den Bezugspersonen aus der direkten Umgebung, wodurch Realitätsflucht und -ferne, sowie das Entstehen einseitig überhöhter, unrealistischer Zerrbilder oder überhöhter menschlicher Idealbilder begünstigt werden kann.

Tourismuskinder erleben primär nur eine Seite der gesellschaftlichen Realität, nämlich jene der unbeschwerten Freizeit- und Überflussgesellschaft. Meist wohlhabende Urlauber führen ihnen in einer Art Modell-Verhalten permanent ein Leben im Überfluss vor. Fehlende Erfahrungen mit den Grundschichten der Bevölkerung begünstigen den Aufbau einseitig materialistisch orientierter Weltbilder.

Nervös & hyperaktiv Dass der moderne Kinderalltag an sich schon einen hohen Anteil verschiedenartiger kindlicher Störungen verursacht, ist kein tourismusspezifisches Phänomen. Kinder in Gebieten mit hohem Tourismusanteil sind darüber hinaus einem ganz spezifischen Störungs-Reizklima ausgesetzt. Beispielsweise intensiviert das - von Kindern manchmal geradezu als traumatisch empfundene - Einsetzen des saisonalen Stoßbetriebes zu Weihnachten latent vorhandene kindliche Dispositionen zu Nervosität und Hyperaktivität oder verstärkt vorhandene Konzentrationsprobleme.

Mit den saisonalen Belastungen verändert sich der elterliche Erziehungsstil nachhaltig: Erhöhte Angespanntheit und Zeitdruck führen naturgemäß zu hektischerem, weniger verständnisvollem Erziehungsverhalten. Der erhöhte psychische Spannungszustand, häufig gekoppelt mit weniger gelassenem elterlichen Gesprächsverhalten löst in der Folge vermehrt psychosomatische Beschwerden bei sensiblen Kindern aus. Die Unterbrechung der Beziehungskontinuität zu den Eltern kann zu traumatischen Reaktionen wie Verstörtheit, sozialem Rückzug, Schulaversion, Leistungsverweigerung bis hin zu sogenannter Saisonsverwahrlosung führen.

Besonders häufig sind Störungen im Essverhalten in Form unkontrollierten Essens, übermäßigen Konsums von Süßigkeiten sowie süßen Säften. Ein Zusammenhang mit den häufig gestörten familiären Essritualen (kein gemeinsames Familienessen), sowie mit dem Mangel an ungestörten Rückzugsmöglichkeiten zum gemeinsamen Essen ist anzunehmen. Der unkontrollierte Zugang bzw. die leichte Verfügbarkeit von alkoholischen Getränken stellt eine spezifische Quelle potentieller Suchtgefährdung für Jugendliche dar. Zudem besteht auf Grund besonderer Zeitbelastung die Tendenz, körperliche oder psychische Beschwerden zu ignorieren beziehungsweise sich keine Zeit für den Besuch von Ärzten oder die Inanspruchnahme von (kinderpsychologischer) Beratung zu nehmen oder bereits begonnene Heilbehandlungen oder Psychotherapien abzubrechen.

Auch wenn die Kinder Freundschaften zu Gästen und Gästekindern durchaus als Bereicherung ihres Alltags erleben, so sind diese Beziehungen immer temporär und durch Brüche geprägt. Im Gegensatz zu Kindern aus nicht-touristisch orientierten Gegenden stehen Tourismuskinder unter einem permanenten Zwang der Regulierung von Nähe und Distanz zu unfreiwillig kontaktierten Gästen beziehungsweise deren Kindern. Störungen im Wir-Gefühl, im Gefühl der Dorfgemeinschaft treten als Folge eines fortwährenden, unfreiwillig aufgenötigten Kommunikationsgebotes auf. Diesem sind Kinder meist ungeschützt ausgeliefert, da implizit die Aufnahme von freundlichem Kontakt sowohl seitens der Eltern als auch seitens des Gastes erwartet wird. Doch der hohe Aufwand an sozialer Energie führt im Regelfall zu (abreisebedingtem) Beziehungsabbruch und Diskontinuität.

Als vielfach vernachlässigte Randgruppe können schließlich jene Kinder bezeichnet werden, deren Eltern nicht Besitzer, Inhaber oder Pächter von Betrieben sind. Gemeint sind die Kinder von Angestellten in Tourismusbetrieben, im besonderen Kinder von Saisonarbeitskräften. Für Arbeitnehmer im Tourismus ist es nahezu unmöglich, mit eigenen Kindern "auf Saison" zu gehen, denn die Dienstzeiten sind zu unregelmäßig, die Wohnungsangebote unbefriedigend, und die Infrastruktur institutioneller Kleinkinderbetreuung ist in Tourimusorten meist erst gar nicht vorhanden. Die Folge ist entweder ein hektischer Kinderalltag zwischen Schank und Gaststube und das ständige Herumschieben der Kinder oder aber eine lange zeitliche Trennung von den Kindern, wenn diese im Heimatort der Saisonarbeitskräfte zurückbleiben müssen.

Ökologie ist zu wenig Die Favorisierung rein ökonomischer Gesichtspunkte im Tourismus birgt die Gefahr, die ohnedies kaum geführte Diskussion über die menschlich-sozialen Kosten gänzlich abzuwürgen. Es ist weder menschlich noch auf Dauer wirtschaftlich gewinn- bringend, einen ganzen Wirtschaftszweig mit braven, dem Gast ergebenen "Touristiklämmern" aufzuziehen. Positive Tourismusgesinnung kann nur echt sein, wenn das "Humankapital" richtig eingesetzt ist. Dies setzt voraus, sich zuerst über die Bedürfnisse der "Einheimischen" Klarheit zu verschaffen und die menschlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten sowohl der Erwachsenen wie auch der Kinder abzustecken. Tourismusleitbilder unter dem Deckmantel der Ökologie sind ergänzungsbedürftig: Es geht nicht nur um die Naturverträglichkeit des Massentourismus, sondern auch um dessen Kinderverträglichkeit!

Von besonderer praktischer Bedeutung erscheint die ständige Reflexion der Beziehung Gast-Gastgeber beziehungsweise Gast-Gastgeberkind. Diese Schnittstelle ist von großer psychologischer Relevanz bei der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung von Tourismuskindern. Bewusst konsequente Regelungen entlasten das Einzelindividuum von alltäglichen Beziehungsquerelen und nicht-kindgemäßen Zwängen. In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder auf eine möglichst klar definierte räumliche und zeitliche Abgrenzung zum Gast hinzuweisen. Auch die Familie im Tourismus hat ein Anrecht auf Ungestörtheit und Intimität! Bewusst gesetzte Zeitstrukturen und die Wahrung familiärer Rituale können dabei hilfreich sein.

Es erscheint verwunderlich, dass die allgemeine Diskussion um die Rolle der Frau in der Gegenwart den zentralsten Lastenträgerinnen im heimischen Tourismus, nämlich den gastgebenden Frauen und Müttern bisher nicht mehr öffentlichen Stellenwert eingeräumt hat. Ihre Mehrfachbelastung zwischen Erwerbstätigkeit, Haushalt, Kindererziehung, vielfach ohne ausreichende arbeits-, pensions-, vermögensrechtliche Absicherung sollte längst Thema frauenpolitischer Auseinandersetzung sein. Dazu zählt auch die Schaffung einer Minimal-lnfrastruktur zur Betreuung von Kleinkindern etwa durch dasInitiieren und den Aufbau von Tagesmütterprojekten.

Im gemeindepolitischen Bereich schließlich ginge es darum, die Möglichkeiten einer Kinder- und Jugendlichenpartizipation zu erkunden und zu realisieren. Eines der ersten Projekte in dieser Richtung könnte die Errichtung jugendgerechter Räume für Einheimische ohne Konsumationszwang sein. Ein Umdenken in der Verkehrspolitik müsste vermehrt dazu führen, den Kindern den eigenen Ort als Lebensraum wieder zurückzugeben.

Der Autor ist Kinderpsychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.

Längst ist es in den Tourismusregionen unseres Landes selbstverständlich, jedes auch noch so kleine Projekt - ob Lifterneuerung oder Parkplatzvergrößerung - in einem aufwendigen Verfahren penibel auf ökologische Verträglichkeit zu prüfen. Diesen berechtigtermaßen hohen Grad an ökologischer Behutsamkeit vermisst man, wenn es um die menschlich-psychischen Folgekosten des Tourismus geht: Die Ökosysteme des Alltags der "bereisten" Kinder etwa sind ein in der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtetes Thema.

Dabei sind gerade die Kinder von den Folgen eines expansiven Massentourismus in den Ferienregionen unseres Landes in besonderem Maße betroffen. Das touristische Soziotop erzeugt ein spezifisches Reizklima, in welchem die Auswüchse des "modernen" Kinderalltags geradezu potenziert werden.

Gestohlene Eltern Mit der Veränderung der Lebensräume durch den Aufbau einer massentouristischen Infrastruktur in den Alpenregionen wurden und werden die Lebenswelten der Kinder kontinuierlich mitverändert. Landschaftlich-räumliche und athmosphärische Veränderungen, saisonale Brüche und Asymmetrien sind zu Kernaspekten des Kinderalltags geworden: In entlegene, ehemals ruhig-beschauliche inzwischen aber zu künstlichen Mittelstädten gewachsene Orte, bricht zu Saisonbeginn Hektik und Unruhe mit hohen Verkehrs- und Umweltbelastungen ein. Im saisonalen Heiß-Kalt-Rhythmus der Stoßzeiten, der Wochenendankünfte und Abreisen sowie täglicher Belastungsspitzen baut sich eine kindliche Erfahrungswelt größter qualitativer Spannungen auf. Aus gelassenen, ruhigen Eltern wird überbeanspruchtes Personal, welches gerade dann, wenn die Kinder die meiste freie Zeit haben, am wenigsten verfügbar ist. Auch die sozialen Systeme der Kinder (Familie, Gleichaltrigengruppe, Dorfgemeinschaft ...) werden durch das Eindringen oder den indirekten Einfluss von Gästen beziehungsweise Gästekindern kontinuierlich beeinträchtigt, sodass Kinder selten das Gefühl haben, ungestört bzw. "unter sich" zu sein. Wenn sich alles nur noch um den Gast dreht und sich ganze Talschaften dem Tourismus verschrieben haben, ist die Privatsphäre gefährdet, und kindliche Bedürfnisse zumindest saisonal abgewertet.

Auch im Tourismus haben gesellschaftliche Veränderungen vor den familiären Strukturen nicht haltgemacht. Die häufig vorgebrachte Annahme einer "heilen" Familienwelt, weil die Frau bzw. Mutter in Tourismusbetrieben meist nicht außerhäuslich berufstätig ist, scheint nicht berechtigt. Auch die Tourismusfamilie ist den generell feststellbaren Auszehrungsprozessen durch vermehrte Auslagerung grundlegender Ressourcen wie Zeit, Beziehung und Wärme ausgesetzt. Dazu kommen tourismusspezifische Belastungen und Erschwernisse, denn die grundsätzlich positiv zu bewertende Einheit von Wohn- und Arbeitsbereich hat ihre Kehrseite im häufigen Fehlen ungestörter Rückzugsmöglichkeiten. Ständige Verfügbarkeit für den Gast führt zum Phänomen der "gestohlenen Eltern" und bewirkt beim Kind Aversion und unterschwellige Aggression gegenüber den Gästen.

Besonders belastend für die familiäre Situation ist der saisonal bedingte Zeitplan beziehungsweise der veränderte Zeitrhythmus, verbunden mit Schwankungen in der Arbeitsbelastung. Weil der saisonal vorgegebene Zeitplan Vorrang hat, können familäre Rituale weniger gepflegt werden. Dies führt beispielsweise zur Verschiebung von Festen (Weihnachtsfeier, Geburtstage). Unterschiedliche tageszeitliche Belastungen haben zur Folge, dass Eltern - insbesondere die Mütter - gerade zu wichtigen, für die Kinder kritischen Tageszeiten, wie den gemeinsamen Essenszeiten, den Schlafengehzeiten für die Kinder nicht verfügbar sind. Stark asymmetrisch ist die familiäre Belastungssituation an Wochenenden, wenn die Eltern wegen der An- und Abreisen von Gästen unter besonderer Belastung stehen, die Kinder aber gleichzeitig ein Maximum an Freizeithaben.

Familien mit touristischen Klein- und Mittelbetrieben sind von den Folgewirkungen am stärksten betroffen, und Frauen beziehungsweise Mütter sind die besonderen Lastenträger in diesen Familien. Ihre Mehrfachbelastung reicht von der alleinigen Zuständigkeit für Kinder, Schule, Erziehung, der Verantwortlichkeit für Küche und eventuell Personal, von Zimmerreinigung, Wäsche, Schriftverkehr bis hin zu Gästeempfang und Betreung.

Zu all dem gesellt sich der Druck in Richtung einer Fassadenfamilie, erzeugt von den Erwartungen der Gäste von einer heilen Ferienwelt mit zufrieden-glücklichen Gastgebern. Die Rollenzwänge betreffen die Eltern, besonders aber die Kinder, dieder "Gastfreundschaftslüge" ungeschützt ausgeliefert sind.

Die von Kindern im Tourismus durchwegs erwartete Rolle ist die des "Vorzeige-Kindes". Wesentliche Elemente dieser, für die Betroffenen meist unbewusst bleibenden Rollenfixierung, sind die Zwänge zu ständiger Freundlichkeit, zum Lächeln sowie die permanenten Grußzwänge auch gegenüber unbekannten Gästen. In dieser Rollenzuweisung der "Tourismuspuppe" bleibt für entwicklungspsychologisch wichtige kindliche Verhaltensweisen, wie das Ausleben von Affekten wie Wut, Ärger, Aggression nur wenig Platz. Auch die Realisierung nicht angepassten Verhaltens ("Lausbuben") ist nicht vorgesehen und wird schärfer sanktioniert als bei Kindern in Nicht-Tourismusfamilien beziehungsweise -regionen. Mädchen sind davon in stärkerem Ausmaße betroffen als Buben, sie werden auch häufiger zur Mitarbeit im Betrieb beziehungsweise zur Betreuung jüngerer Geschwister angehalten und in die Vorbildrolle gedrängt. Die geschlechtsspezifische Sozialisation engt den Entwicklungsspielraum der Mädchen stärker als jenen der Buben ein. Auch die implizite Erwartung der Eltern, wonach ein Sohn den elterlichen Betrieb übernehmen soll, erschwert die Entwicklung autonomer Berufsperspektiven.

Aus kinderpsychologischer Sicht ist bedeutsam, welches Menschenbild Kinder im Tourismus vorwiegend entwickeln, sind sie doch meist von freundlichen, (aus)gelassenen, meist materiell gut situierten Urlaubern umgeben. Dieses Menschenbild steht in krassem Gegensatz zu den Bezugspersonen aus der direkten Umgebung, wodurch Realitätsflucht und -ferne, sowie das Entstehen einseitig überhöhter, unrealistischer Zerrbilder oder überhöhter menschlicher Idealbilder begünstigt werden kann.

Tourismuskinder erleben primär nur eine Seite der gesellschaftlichen Realität, nämlich jene der unbeschwerten Freizeit- und Überflussgesellschaft. Meist wohlhabende Urlauber führen ihnen in einer Art Modell-Verhalten permanent ein Leben im Überfluss vor. Fehlende Erfahrungen mit den Grundschichten der Bevölkerung begünstigen den Aufbau einseitig materialistisch orientierter Weltbilder.

Nervös & hyperaktiv Dass der moderne Kinderalltag an sich schon einen hohen Anteil verschiedenartiger kindlicher Störungen verursacht, ist kein tourismusspezifisches Phänomen. Kinder in Gebieten mit hohem Tourismusanteil sind darüber hinaus einem ganz spezifischen Störungs-Reizklima ausgesetzt. Beispielsweise intensiviert das - von Kindern manchmal geradezu als traumatisch empfundene - Einsetzen des saisonalen Stoßbetriebes zu Weihnachten latent vorhandene kindliche Dispositionen zu Nervosität und Hyperaktivität oder verstärkt vorhandene Konzentrationsprobleme.

Mit den saisonalen Belastungen verändert sich der elterliche Erziehungsstil nachhaltig: Erhöhte Angespanntheit und Zeitdruck führen naturgemäß zu hektischerem, weniger verständnisvollem Erziehungsverhalten. Der erhöhte psychische Spannungszustand, häufig gekoppelt mit weniger gelassenem elterlichen Gesprächsverhalten löst in der Folge vermehrt psychosomatische Beschwerden bei sensiblen Kindern aus. Die Unterbrechung der Beziehungskontinuität zu den Eltern kann zu traumatischen Reaktionen wie Verstörtheit, sozialem Rückzug, Schulaversion, Leistungsverweigerung bis hin zu sogenannter Saisonsverwahrlosung führen.

Besonders häufig sind Störungen im Essverhalten in Form unkontrollierten Essens, übermäßigen Konsums von Süßigkeiten sowie süßen Säften. Ein Zusammenhang mit den häufig gestörten familiären Essritualen (kein gemeinsames Familienessen), sowie mit dem Mangel an ungestörten Rückzugsmöglichkeiten zum gemeinsamen Essen ist anzunehmen. Der unkontrollierte Zugang bzw. die leichte Verfügbarkeit von alkoholischen Getränken stellt eine spezifische Quelle potentieller Suchtgefährdung für Jugendliche dar. Zudem besteht auf Grund besonderer Zeitbelastung die Tendenz, körperliche oder psychische Beschwerden zu ignorieren beziehungsweise sich keine Zeit für den Besuch von Ärzten oder die Inanspruchnahme von (kinderpsychologischer) Beratung zu nehmen oder bereits begonnene Heilbehandlungen oder Psychotherapien abzubrechen.

Auch wenn die Kinder Freundschaften zu Gästen und Gästekindern durchaus als Bereicherung ihres Alltags erleben, so sind diese Beziehungen immer temporär und durch Brüche geprägt. Im Gegensatz zu Kindern aus nicht-touristisch orientierten Gegenden stehen Tourismuskinder unter einem permanenten Zwang der Regulierung von Nähe und Distanz zu unfreiwillig kontaktierten Gästen beziehungsweise deren Kindern. Störungen im Wir-Gefühl, im Gefühl der Dorfgemeinschaft treten als Folge eines fortwährenden, unfreiwillig aufgenötigten Kommunikationsgebotes auf. Diesem sind Kinder meist ungeschützt ausgeliefert, da implizit die Aufnahme von freundlichem Kontakt sowohl seitens der Eltern als auch seitens des Gastes erwartet wird. Doch der hohe Aufwand an sozialer Energie führt im Regelfall zu (abreisebedingtem) Beziehungsabbruch und Diskontinuität.

Als vielfach vernachlässigte Randgruppe können schließlich jene Kinder bezeichnet werden, deren Eltern nicht Besitzer, Inhaber oder Pächter von Betrieben sind. Gemeint sind die Kinder von Angestellten in Tourismusbetrieben, im besonderen Kinder von Saisonarbeitskräften. Für Arbeitnehmer im Tourismus ist es nahezu unmöglich, mit eigenen Kindern "auf Saison" zu gehen, denn die Dienstzeiten sind zu unregelmäßig, die Wohnungsangebote unbefriedigend, und die Infrastruktur institutioneller Kleinkinderbetreuung ist in Tourimusorten meist erst gar nicht vorhanden. Die Folge ist entweder ein hektischer Kinderalltag zwischen Schank und Gaststube und das ständige Herumschieben der Kinder oder aber eine lange zeitliche Trennung von den Kindern, wenn diese im Heimatort der Saisonarbeitskräfte zurückbleiben müssen.

Ökologie ist zu wenig Die Favorisierung rein ökonomischer Gesichtspunkte im Tourismus birgt die Gefahr, die ohnedies kaum geführte Diskussion über die menschlich-sozialen Kosten gänzlich abzuwürgen. Es ist weder menschlich noch auf Dauer wirtschaftlich gewinn- bringend, einen ganzen Wirtschaftszweig mit braven, dem Gast ergebenen "Touristiklämmern" aufzuziehen. Positive Tourismusgesinnung kann nur echt sein, wenn das "Humankapital" richtig eingesetzt ist. Dies setzt voraus, sich zuerst über die Bedürfnisse der "Einheimischen" Klarheit zu verschaffen und die menschlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten sowohl der Erwachsenen wie auch der Kinder abzustecken. Tourismusleitbilder unter dem Deckmantel der Ökologie sind ergänzungsbedürftig: Es geht nicht nur um die Naturverträglichkeit des Massentourismus, sondern auch um dessen Kinderverträglichkeit!

Von besonderer praktischer Bedeutung erscheint die ständige Reflexion der Beziehung Gast-Gastgeber beziehungsweise Gast-Gastgeberkind. Diese Schnittstelle ist von großer psychologischer Relevanz bei der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung von Tourismuskindern. Bewusst konsequente Regelungen entlasten das Einzelindividuum von alltäglichen Beziehungsquerelen und nicht-kindgemäßen Zwängen. In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder auf eine möglichst klar definierte räumliche und zeitliche Abgrenzung zum Gast hinzuweisen. Auch die Familie im Tourismus hat ein Anrecht auf Ungestörtheit und Intimität! Bewusst gesetzte Zeitstrukturen und die Wahrung familiärer Rituale können dabei hilfreich sein.

Es erscheint verwunderlich, dass die allgemeine Diskussion um die Rolle der Frau in der Gegenwart den zentralsten Lastenträgerinnen im heimischen Tourismus, nämlich den gastgebenden Frauen und Müttern bisher nicht mehr öffentlichen Stellenwert eingeräumt hat. Ihre Mehrfachbelastung zwischen Erwerbstätigkeit, Haushalt, Kindererziehung, vielfach ohne ausreichende arbeits-, pensions-, vermögensrechtliche Absicherung sollte längst Thema frauenpolitischer Auseinandersetzung sein. Dazu zählt auch die Schaffung einer Minimal-lnfrastruktur zur Betreuung von Kleinkindern etwa durch dasInitiieren und den Aufbau von Tagesmütterprojekten.

Im gemeindepolitischen Bereich schließlich ginge es darum, die Möglichkeiten einer Kinder- und Jugendlichenpartizipation zu erkunden und zu realisieren. Eines der ersten Projekte in dieser Richtung könnte die Errichtung jugendgerechter Räume für Einheimische ohne Konsumationszwang sein. Ein Umdenken in der Verkehrspolitik müsste vermehrt dazu führen, den Kindern den eigenen Ort als Lebensraum wieder zurückzugeben.

Der Autor ist Kinderpsychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.