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Der Arzt und die Seele der Jugend

Die Forderung nach der seelischen Gesundheit der Jugend ist heute zum zentralen Problem der Erziehung geworden; der Begriff „seelische Gesundheit“ selbst aber ist seit Freud in der Diskrepanz seiner verschiedenen Deutungsweisen und Auffassungen Spiegelbild des polaren Gegensatzes wissenschaftlicher und weltanschaulicher Richtungen. Der Standpunkt Freuds in dieser Beziehung scheint heute wohl überwunden wie die materialistisch-mechanistische Grundform der Psychologie; unbestritten bleibe sein Wert, der in der Anwendung naturwissenschaftlicher Vorstellungen, Gesetzmäßigkeiten und Modelle auf das Seelenleben lag — sowie er aber auch die Seele selbst seiner analytischen Betrachtungsweise zu unterwerfen suchte, hatte sich seine Psychoanalyse eigentlich ihr Urteil gesprochen. Es war ihr tragischer Irrtum, daß sie biologisdie Form und geistigen Gehalt verwechselte und die Vorherrschaft des Ganzen vor den Teilen nicht erkannte.

Unsere Jugend aber wird hineingestellt in diesen entnervenden Kampf der Umwandlung Von Weltanschauungen und Weltbildern, in eine Auseinandersetzung von Betrachtungsweisen, in eine Epoche, die durch ratloses Umherirren zu einer Disharmonie des gesamten kulturellen Ausdrucks- und Gestaltungswillens, somit auch der Erziehung und mittelbar des seelischen Gesundheitszustandes der Jugend führen mußte.

Wir können es nicht leugnen, daß die Neurose zu einem besonderen Merkmal unserer Zeit geworden ist: wir dürfen aber niemals in den großen Fehler verfallen, die Entschuldigung für die seelische Erschütterung unserer Kinder immer nur in krankhaften Veranlagungen oder kriegsbedingten Schäden und Einflüsssen zu. suchen, sondern wir müssen es einmal zu bekennen wagen„ daß die Ursachen in größeren Zusammenhängen zu finden sind, eben in der D i s- ha’rmonie von Weltanschauung und Wissenschaft. Daß sich diese natürlich auch auf den gestaltenden Wert der Erziehung auswirkt und das eigentliche, Gestalcungsobjekt der Erziehung zum Spielball schwankender Methoden macht, ist traurige Folgerung. Das Ergebnis muß aber dann vor allem jene erschütternde Seelenlage der Kinder sein, die heute schlechthin mit dem Begriff Neurose in ihren verschiedenen symptomatischen Darstellungsformen diagnostiziert wird.

Solange natürlich dieses Ringen um eine harmonische Weltordnung noch im Gange ist, können die Kinder von den verderblichen Einflüssen derartiger Auseinandersetzungen schwerlich so abgeschlossen werden, daß sich deren Niederschlag auf die gestaltende Umwelt und damit vor allem auf die direkten Erziehungsfaktoren Schule und Elternhaus nicht doch irgendwie geltend macht. Aber es wäre ohne weiteres möglich, durch rechtzeitige Belehrung dieser beiden verantwortungsvollen Stellen vorbeugend wenigstens alle jene Gestaltungsmomente günstig zu beeinflussen, die wesentliche Elemente sind für die Persönlichkeitsbildung der Jugend. Hier aber kann sich der Arzt als Mittler einschalten zwischen Erzieher und Erzogenen, vermag durch vorsichtige Hinweise auf verschiedene Mängel schwerere Wunden hintanhalten, die durch ständige Wiederholungen unbedachter Fehlerziehungsweisen in tiefere Schichten dringen könnten und schließlich die an sich bei Kindern möglichst zu verhindernden tiefenpsychologischen „Eingriffe“ unvermeidbar machen würden.

Es sei in diesem Zusammenhang nur auf einige spezielle Möglichkeiten hingewiesen, die ursächlich oft unbedeutend erscheinen, in ihren Auswirkungen aber schließlich zu schweren seelischen Schädigungen führen. So löblich es an sich zum Beispiel ist, wenn die Eltern nicht nur beim Auftreten körperlicher Veränderungen ihrer Kinder den Arzt befragen, sondern auch bei jeder auffälligen psychischen Erscheinung seinen Rat suchen, so mag doch nicht übersehen werden, daß die schärfere, vielfach allzu ängstliche Beobachtung seelisch-geistiger Schwankungen im Verhalten des Kindes zu den mittelbaren und unmittelbaren Folgen der Kriegs- und Nachkriegszeit gehört. Denn selbst noch meist schwer erschüttert und seelisch aus dem Gleichgewicht gebracht, werden die Eltern vielfach zusätzlich durch das beängstigende Oberhandnehmen der Winkelpsychologie im Durchschnittsschrifttum und der psycho- pathologischen Stoffabwandlungen in Film und Theater (auch ein. Ausdruck der Nachkriegszeit!) überempfindlich und überfeinhörig gegenüber allen seelischen Äußerungsformen ihrer Kinder. Kann nun eine gerechte Beurteilung des Kindes- und Jugendalters durch die Eltern und die positive Aufgeschlossenheit einer medizinischen und psychologischen Untersuchung gegenüber sehr wertvoll sein, so gefährdet andererseits die „psydiopathologische Infektion“ und die medizinische Verbildung des Laien durch Fehldeutungen und Fehferziehung die Jugend.

Wo nun die Eltern mit all ihren Nöten den Weg zum Hausarzt finden, kann dieser auf Grund seiner ausgesprochenen Vertrauensstellung in der Familie durch eine vorbeugende Erziehungsberatung „erste Hilfe“ in diesen quälenden Sorgen bringen, unberechtigten Befürchtungen vorbauein, laienmäßige Irrtümer und die dadurch bedingte Verschlimmerung der seelischen Störung beseitigen und im Ernstfall rechtzeitig Mittel und Wege für eine weitere Behandlung oder Erziehung an einem Spezialinstitut weisen. Oft kann der Arzt bei der guten Suggestibilität des Kindes bei leichteren Neurosenformen persönlich schon heilend wirken und in der Erkenntnis der ungeheuren Gefahr der Fixierung nervöser Symptome (wie etwa des Entwicklungsstotterns, der nervösen Mitbewegungen verschiedener Gesichtspartien usw.) wirksam eingreifen, indem er zum Beispiel die Eltern von einer weiteren überreizenden Erziehung abhält oder die Kinder durch planmäßige Steuerung ihrer Aufmerksamkeitsrichtung vom Ich zur Umwelt vor allzu großer Selbstbeobachtung abhält.

So vermag der Arzt bedeutende Beiträge für die Festigung der seelischen Gesundheit seiner Schützlinge zu liefern, so kann er ihre Selbstsicherheit heben, ihfe charakterliche Position in einer so labilen Zeit wie der heutigen sichern! Aber er wird noch viele Erziehungsmängel feststellen können, wenn er sich nur einmal dessen bewußt wird, daß ihm eben heute -nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Gesundheit der Jugend anverträut wird. So kann er wieder bei anderen Eltern Erziehüngsgleichgültigkeit feststellen oder er wird Fehler richtigstell.en müssen, die oft in der ständige Herabsetzung und Bloßstellung der Kinder-liegen, und er wird ganz besonders auf eine Fehl- erziehu ngsmethode zu achten haben, die gerade in der gegenwärtigen schwankenden Zeit außerordentlich verderblich ist: auf die Erziehungsdiskrepanz.

Um die Jugend gegen die Disharmonie des Zeitgeistes zu sichern, ist die Erziehungsharmonie unter den Eltern selbst, aber vor allem auch zwischen Schule und Elternhaus, und schließlich bei der gesamten Umwelt, die bewußt oder unbewußt — einfach durch ihre Gegebenheit — zum Erziehungsfaktor der Jugend wird, oberstes Postulat. Manche Erscheinungen, die heute bereits wegen ihrer Diskrepanz im Verhalten der Kinder in Schule und Elternhaus auffallen, können auch schon als erste Vorboten für nervöse und psychogene Störungen gelten, die — nicht rechtzeitig erkannt oder gar durch falsche Beurteilungen verstärkt — schwerste seelische Schädigungen hervorrufen. Auch hier muß der Arzt wesentlich Mittler für einen Erziehungsausgleich sein. Die Schule muß sich heute mehr denn je bewußt werden, daß ihr neben der Pflicht einer gründlichen Wissensvermittlung und der Ausstattung des Kindes mit einer guten denkerischen Leistungsfähigkeit vor allem auch die Aufgabe zukommt, seine werdende Persönlichkeit im Zusammenspiel mit ‘dem Elternhaus durch richtige Charakterbildung zum Gemeinschaftsbezug zu erziehen. Die Beachtung der kindlichen Individualität muß jetzt in der Schule wegen der schicksalsbedingten soziologischen und weltanschaulichen Erschütterungen und Zersplitterungen und all ihren schweren Niederschlägen auf die junge Seele ganz besonders gewürdigt werden; der methodisch und pädagogisch geschulte und erfahrene Lehrer weiß heute, daß man in undurchsichtigen und psychisch merkwürdigen Fällen nicht eher abschließende Urteile fällen darf, ehe man nicht jedes auffällige Symptom festgehalten, nötigenfalls mit dem Lehrkörper, den Eltern und vor allem auch mit dem Arzt als Helfer und Mittler besprochen hat.

Es ist ein Gebot des Gewissens, hier nach den Ursachen zu forschen, nach dem Milieu der Kinder zu fragen, sich um deren Krankengeschichten zu kümmern, frühere Erlebnisse’ und Familienschicksale zu erkunden und aus all diesen Quellen unter Anleitung des Arztes jenen gemeinsamen Führungsweg zu bestimmen, der weitere Neurotisierungen ausschließt.

So kann auch die Schule im besten Sinne des Wortes unter richtiger ärztlicher Anweisung heilend wirken, und sie ist wegen ihrer gemeinschaftstherapeutischen Voraussetzungen besonders geeignet dazu. Sie kann in Weiterbildung der bereits daheim angeregten und verbesserten erzieherischen Gestaltungsumstände zu einer Abschirmung des positiven psychischen Verhaltens führen und wird unter vorsichtiger Vermeidung aller wie immer gearteten neurotisierenden Nebenumstände, wie Verängstigung, Bloßstellung, Fehlbeurteilung, Rivalität — und was sonst noch zu nutzloser Überreizung der Kinderseele führen mag — mit Elternhaus und Arzt mitbauen an der Charakterbildung einer Jugend, deren Geist wir die Wiederschaffung einer harmonischen und moralischen Weltordnung anvertrauen dürfen.

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