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Gesellschaft

"Hilfe, mein Kind ist ein Hypie!"

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Die Hektik des modernen Kinderalltages lässt die Zahl sogenannter "hyperaktiver" Kinder ansteigen. Nicht nur die Betroffen selbst leiden unter den Symptomen, sondern auch das gesamte soziale Umfeld.

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Die Hektik des modernen Kinderalltages lässt die Zahl sogenannter "hyperaktiver" Kinder ansteigen. Nicht nur die Betroffen selbst leiden unter den Symptomen, sondern auch das gesamte soziale Umfeld.

Wer ihn nicht leibhaftig zuhause hat, der kennt ihn aus einem der bekanntesten Bilderbücher: Den Zappelphilipp aus dem "Struwwelpeter", gezeichnet vor 153 Jahren vom Frankfurter Irrenarzt Heinrich Hoffmann. Der wollte damals Kindern auf drastische Weise die Folgen ihres Ungehorsams vor Augen führen. Jeder weiß, wie die Geschichten ausgehen Der Zappelphilipp ist bis heute nicht ausgestorben, im Gegenteil. Die Hektik des modernen Kinderalltags lässt die Zahl sogenannter "hyperaktiver" Kinder auf Rekordwerte ansteigen: Im Alter zwischen sechs und zehn Jahren liegt ihr Anteil bei über 30 Prozent. Mehr denn je leiden Familien, Lehrer, soziales Umfeld und nicht zuletzt die Kinder selbst unter den Symptomen. Buben sind drei- bis viermal häufiger davon betroffen als Mädchen.

In der alltäglichen Beobachtung zeigen hyperaktive Kinder eine breite Palette an Verhaltensweisen (siehe Kasten). Wenn mehrere der angeführten Probleme auftreten, werden sie in der Fachsprache unter der Bezeichnung Hyperkinetisches Syndrom (HKS) zusammengefasst. Den ausgeprägten Verhaltensstörungen liegt meist ein Hauptproblem zugrunde: Die - im Vergleich zu Gleichaltrigen - noch unzureichend ausgebildete beziehungsweise erlernte Selbststeuerung. Sie ist Ursache für den Kontrollverlust des Kindes. Bildlich gesprochen geht es diesen Kindern so ähnlich, wie einem aus der Kontrolle geratenen Rennpferd: Es hat in nervös-angespannter Hektik seinen Steuermann (Reiter) abgeworfen, ist zügel- und orientierungslos geworden, wirkt verwirrt und planlos.

Die geringe Selbststeuerung dieser Kinder zeigt sich aber nicht nur im Bereich der Grobmotorik (Bewegungsüberschuss) und Feinmotorik (Schrift). Meist ist auch die Steuerung der Gefühlsebene (Affekte), der Sozialkontakte und des Arbeitsverhaltens betroffen. Hyperaktive Kinder neigen deshalb vermehrt zu Konzentrationsproblemen, Aufmerksamkeitsstörungen und konfliktreichen Sozialbeziehungen. Vom Aufgabenmachen erzählen Mütter nicht selten die reinsten Horrorgeschichten, geprägt von ewiger Dauer, Wutanfällen sowie geringer Effizienz. Auch die Rechtschreibung ist oft chaotisch.

Störung des Gehirns Die überschießende motorische Aktivität lässt diese Kinder wenig zu Ruhe und Entspannung kommen. Sie zeigen das Bild eines getriebenen, seinen momentanen Bedürfnissen und Impulsen ausgelieferten Kindes; eines Kindes, das äußere Kontrolle, Anleitung und Führung massiv abwehrt und heftig dagegen protestiert.

Wie bei fast allen kindlichen Verhaltens- und Lernproblemen sind die Ursachen der beschriebenen Verhaltensweisen nicht in jedem Fall gleich. Es gibt nicht den Grund. Meistens wirken mehrere Komponenten zusammen, es ist fast nie die Erziehung allein. Häufig ist eine organisch-neurologische Komponente mit im Spiel: Unter hyperaktiven Kindern findet sich ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Kindern mit leichten Hirnfunktionsstörungen im Gefolge eines Geburtstraumas. Das sind also Kinder, deren Gehirn bei der Geburt mit Sauerstoff unterversorgt war (sogenannte "Blaue Babies") oder Kinder, die in der frühen Kindheit unter Asthma, häufigen Infektionen mit hohen Fieberschüben, Kopfverletzungen, Gehirnerschütterung und ähnlichem gelitten haben. Selten ist die Intelligenz dieser Kinder beeinträchtigt, wohl aber neigen sie zu verschiedenen Funktionsstörungen.

Ich erlebe in der Beratungsarbeit immer wieder, dass Mütter keine Kenntnis von derartigen Zusammenhängen haben und jegliche Ursache für das schwierige Verhalten ihres Kindes nur bei sich selbst und ihrem eigenen Erziehungsverhalten suchen. Diese Frauen leiden oft unter starken Schuld- und Versagensgefühlen, die noch dazu oft von der Umwelt (Nachbarn, Großeltern) oder uninformierten Vätern verstärkt werden. Nach einer sorgfältigen medizinischen oder kinderpsychologischen Anamnese und Diagnose kann man schließlich unterscheiden, ob das betrefffende Kind "nur" zappelig ist, oder ob es dem hyperkinetischen Syndrom zuzuordnen ist. Nicht jedes unruhige, impulsive, wenig ausdauernde Kind ist ein klassischer Zappelphilipp.

Diese Unterscheidung ist äußerst wichtig. Denn im Alltag ist die Gefahr groß, dass die wirklich betroffenen Kinder vorschnell als "unerzogen, frech, verhaltensgestört" abgestempelt werden. Wenn das Problem nicht richtig erkannt wird, kommt sehr schnell ein Teufelskkreis der Aufschaukelung in Gang.

Von grundlegender Bedeutung ist es, um die Getriebenheit dieser Kinder zu wissen. Der Hyperaktive ist kein aktiver Bösewicht, sondern ein, seinen Impulsen ungebremst ausgeliefertes Kind! Ohne Grundeinsicht in den "Bauplan" seiner kindlichen Persönlichkeit und die Ursachen und Zusammenhänge seines Verhaltens entstehen bei Eltern schnell Verzweiflung, Hilflosigkeit, Überforderung und permanente Schuld- und Schamgefühle. Aus der Ablehnung des Kindes treten mitunter schwer zu steuernde Hassgefühle auf.

Ausgangspunkt jeder Behandlung des Kindes muss - so schwer dies im Einzelfall auch sein mag - die positive Annahme des Kindes sein. Der pädagogische Drahtseilakt besteht darin, dem Kind einerseits emotionale Zuwendung zu geben, andrerseits aber nur ja nicht darauf zu verzichten, ihm Regeln, Klarheit, Konsequenz zu vermitteln und Grenzen aufzuzeigen (siehe Kasten). Diese liebevoll-konsequente Grundhaltung bedeutet nicht, dass man zurückschrecken sollte, sich gelegentlich beim Kind vorübergehend unbeliebt machen zu müssen.

Leiden der Eltern Im Umgang mit kindlichen Verhaltensweisen wie übergroßer Unruhe, geringer Impulskontrolle und gravierenden Konzentrationsmängeln ist es für Eltern ungeheuer schwer, Geduld zu bewahren. Es ist auch nicht leicht, ohne Gefühle der Kränkung und Resignation oder Gegenaggression zu reagieren. Für viele Eltern ist es meist nur ein kleiner Trost zu wissen, dass sich vieles in der Pubertät ohnedies "auswächst", weil die Selbststeuerung dann zunimmt.

"Also sprach in ernstem Ton ..." - kommen wir zurück zur Szene im Struwwelpeter-Buch: Sie ist das absolute Negativbeispiel für den Umgang mit dem Zappelphilipp! Denn sie zeigt auf, wie man es nicht machen soll. Wenn sich nämlich beim gemeinsamen Essen alles nur um das kindliche (Fehl-)Verhalten dreht, dann ist der Eklat quasi vorprogrammiert. Denn je mehr Eltern (vor allem autoritär aufgeplusterte Väter in "ernstem Ton") in einer Art Wortschwall-Methode reden, desto mehr gerät das Kind in Spannung.

Ähnlich ist es, wenn an der oftmals katastrophalen Handschrift der Kinder permanent herumgenörgelt wird. Verbesserungen sind für das Kind äußerst mühsam aber auch nicht besonders wichtig. Die elterlichen Bemühungen sollten sich auf wenige, dafür aber für das späteres Leben wichtige Bereiche konzentrieren: Statt auf die Schrift also beispielsweise auf die Rechtschreibung und statt aufs Auswendiglernen auf Arbeitstechniken zur Bearbeitung von Aufgaben.

Der Autor ist Psychologe und Psychotherapeutin Innsbruck.

Richtiger Umgang: Was Sie für IhrKind tun können * Das Kind darf nicht als aktiver Bösewicht gesehen werden * höheres Maß an Führung * Grenzsetzung, Konsequenz * elterliche Anweisungen: ruhig, kurz und klar * nur tatsächlich erbringbare Leistungen verlangen, * wenige klare Regeln vereinbaren * Grenzen präzise und früh genug setzen, * häufiger Einsatz von positivem Körperkontakt (Festhalten, Beruhigen) * Anforderungen gut strukturieren (zum Beispiel die Hausübung) * bewusste Ernährung, wenig Süßigkeiten * vermeiden von Hektik und Reizüberflutung, * immer mit Rückfällen rechnen!

Die Symptome: Rastlos und unberechenbar * Das Kind ist rastlos, dauernd in Bewegung * reizbar, impulsiv, kann sich schwer steuern * stört andere Kinder * zeigt nur kurze Aufmerksamkeit, beginnt vieles und führt wenig zu Ende * zappelt dauernd * ist leicht abzulenken * kann schwer abwarten und ist rasch enttäuscht * weint schnell * Stimmung wechselt schnell und drastisch * unberechenbar, explosiv, neigt zu Wutausbrüchen * hat besondere Probleme bei Hausübungen und mit der Konzentration H.Z.