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Gesellschaft

Schreckgespenst Legasthenie

1945 1960 1980 2000 2020

Bis zu 20 Prozent der Volksschüler sind davon betroffen: Legasthenie. Die Elternreagieren meist verwirrt und verunsichert.

1945 1960 1980 2000 2020

Bis zu 20 Prozent der Volksschüler sind davon betroffen: Legasthenie. Die Elternreagieren meist verwirrt und verunsichert.

Spätestens dann, wenn in der Rechtschreibung des Kindes scheinbar nichts mehr geht, taucht bei besorgten Eltern ein Begriff wie ein Schreckgespenst auf: Legasthenie. Es ist geradezu unglaublich, welche Verwirrung und Verunsicherung dieser Begriff immer wieder auslöst.

Neulich fand sich folgende Notiz in der Ratgeberecke einer Zeitschrift: "Zwei namentlich nicht genannte amerikanische Fachärzte glauben, dass die weitverbreitete Legasthenie ihre Ursache im Kleinhirn hat, wo sich auch das Bewegungszentrum des menschlichen Organismus befindet (...) Medikamente, die gegen Reisekrankheiten eingenommen werden, können auch Legasthenie kurieren. So ein Kind gehört in jedem Fall in die Verantwortung des Facharztes."

Im Glauben an solche Ratschläge bleibt dem notengeplagten Kind und seinen Eltern nur eine Erkenntnis: Wer nicht rechtschreiben kann, der ist krank. Einem Kranken hilft die ganze Mühe mit der Rechtschreibung nichts, er geht besser zum Arzt und holt sich die richtige Pille.

Und es ist tatsächlich so. Noch immer halten viele Eltern die Rechtschreibschwäche für etwas Krankhaftes und versuchen am Kind selbst "herumzudoktern". In der Meinung, die klugen Köpfe kämen aus Drogerie und Apotheke, wird vom Vitaminsaft über Bach-Blütenextrakte und homöopathische Globuli bis hin zu absurden Körperübungen so ziemlich alles durchprobiert (siehe furche 42/2000 "Heil-Edelsteine gegen Lernblockaden").

Es gibt eine Reihe längst überholter Auffassungen, die zu einem falschen Umgang mit lese-rechtschreibschwierigen Kindern führen. Tief verwurzelt und scheinbar nicht auszumerzen ist beispielweise die von der Wiener Kinderpsychologin Lotte Schenk-Danzinger Anfang der fünfziger Jahren propagierte Ansicht, wonach Legasthenie an ganz bestimmten Fehlern zu erkennen und zu bekämpfen sei: An Verdrehungen und Verkippungen von Buchstaben, wenn das Kind also statt d - b, statt ei - ie, statt p - b und so weiter schreibt. Fehler dieser Art - man nennt sie Reversionsfehler - entstehen durch das Umdrehen der Schreibrichtung. Nahezu jedes Kind neigt anfangs beim Schreibenlernen zu derartigen Verdrehungen. Früher (und leider oft noch heute!) vermeinte man dann ein typisch "legasthenes" Kind vor sich zu haben. Generationen von Lehrern und Eltern haben sich geradezu reflexartig auf diese Fehlerart gestürzt und geglaubt, sie ausmerzen zu müssen.

Die Legasthenikertherapie bestand dann - fälschlicherweise - darin, dem Kind seitenweise Arbeitblätter mit Richtungsübungen vorzusetzen. Man war meist wenig erfolgreich und die Kinder erst recht unsicher. Vor allem aber blieben durch diese einseitige "Therapie" andere Fehlerschwerpunkte des Kindes unberücksichtigt. Fatal wirkt(e) sich auf die Kinder auch die unbewiesene Behauptung aus, wonach Legasthenie auf eine, möglicherweise erblich bedingte Gehirnstörung zurückzuführen sei.

Falscher Umgang Die pädagogischen Konsequenzen für die betroffenen Kinder waren meist verheerend. Sie reichten vom völligen Verzicht auf jede sprachliche Förderung, der Abstempelung als "schlechter Schüler" bis hin zur Einweisung des Kindes in eine Sonderschule - eine Maßnahme, die erfreulicherweise selten geworden ist.

Neue kinderpsychologische Erkenntnisse zeigen die Chancen und Fördermöglichkeiten auch bei leichten hirnorganischen Defiziten. Die sprachlichen Leistungen eines Kindes (einschließlich seiner Rechtschreibkenntnisse) sind sehr stark vom sprachlichen Anregungsgrad der Umgebung (zum Beispiel der Familie), von der Qualität des Unterrichts und von der allgemeinen Entwicklung und Förderung der Persönlichkeit des Kindes abhängig.

Zur allgemeinen Verwirrung von Eltern und Pädagogen trägt mitunter auch die Ratgeber-Ecke am Büchermarkt bei. Allein während der letzten fünf Jahre sind mehr als 20 Titel zum Thema Legasthenie erscheinen! Vielfach werden alte Hüte und längst überholte Konzepte in neuem Gewand marktschreierisch präsentiert. Als Beispiel kann das Buch "Legasthenie als Talentsignal" des Amerikaners Ronald D. Davis gelten. Es ist momentan ein Verkaufsschlager. Der Erfolg des Buches gründet in seinem Titel und der irreführenden Suggestion, ein kindliches Lernproblem als Talent hinzustellen. Der Autor gibt vor, zu wissen, wie man trotz Rechtschreibschwäche zum Genie werden kann. Zuvor muss sich der Leser aber durch eine Vielzahl völlig praxisferner Übungen kämpfen. Ähnlich wie nach der Absolvierung eines Trockenskikurses in Buchform ist die Verwirrung anschließend perfekt und die Fehleranzahl des Kindes im Diktat mit Sicherheit unverändert hoch! Wenigstens bleibt Eltern der Trost, ein Kind mit Talent zu haben. Es gibt keine schnelle Therapie. Der Begriff "Legasthenie" ist längst zum Mythos geworden, um den herum sich ein verwirrendes Labyrinth an zum Teil widersprüchlichen Meinungen, Ansichten, Konzepten und Theorien aufgebaut hat. Gemeinsam ist den meisten, dass sie höchst punktuell und einseitig an nur einer Stelle des kindlichen Lernproblems ansetzen und überhöhten vom einfachen, schnellen und mühelosen Lernen wecken. "Alles spielerisch und easy!" so lauten die Lockangebote im Marketing des auch in Österreich wachsenden Angebots an Legasthenie-Instituten.

Wie kaum ein anderer ist der Begriff der Legasthenie in der Kinderpsychologie mit Gerüchten und überkommenen Vorurteilen besetzt. Viele neuere Expertisen (etwa von Renate Valtin) raten von seiner Verwendung gänzlich ab. Was nützt schließlich ein Begriff, dessen unterschiedliche, sich zum Teil sogar widersprechende Definitionen und Auffassungen mehrere Buchseiten zu füllen imstande sind?

Wie auch immer - ob wir sie nun als Legastheniker bezeichnen oder nicht, was bleibt, das sind Schüler mit großen Rechtschreibschwierigkeiten und die Frage des pädagogischen Umgangs mit ihrem Problem. Deshalb ist beispielsweise darüber zu reden, welch unverhältnismäßig hohen Stellenwert die Rechtschreibleistung in vielen Volksschulen hat. Wer ein Kind in den Eingangsklassen sitzen hat, der weiß, was die Deutschnote fälschlicherweise noch immer ausmacht: Nicht die sprachliche Gewandtheit, der gute Ausdruck - also kommunikative Fähigkeiten - machen die Note. Das wöchentliche Diktat ist primär entscheidend. Somit ist es allein die Fehlerzahl, die die Selbstsicherheit vieler Volksschüler Woche für Woche stabilisiert oder regelmäßig demoliert. Motto: Rechtschreibung = Deutschnote!

Genau hinhorchen Die zählbaren Fehlerchen werden mancherorts noch immer zum zentralen Indikator der Bewertung, also zu dem, was dem heranwachsenden Kind Wert oder Unwert gibt. Als zählbare "objektive" Daten bekommen Rechtschreibfehler zu früh einen viel zu hohen Stellenwert und zu viel Bedeutung für die weitere schulische Laufbahn des Kindes.

Wenn man dem Kind nicht Chancen verbauen will, wird man gezwungen, auch zuhause Druck zu machen. Viele Eltern tun dies unter Einsatz zusätzlicher Fördermaterialien und Therapien, die den Leistungs- und Zeitdruck meist noch mehr erhöhen. Das ist aber sicher nicht der richtige Weg.

Will man einem Kind mit Rechtschreibschwierigkeiten helfen, dann nützen die unzähligen, schön vorfabrizierten Legastheniekonzepte nur selten. Vielmehr muss man in jedem Einzelfall davon ausgehen, dass bei jedem Kind individuelle Ursachen und Zusammenhänge vorliegen. Jedes Kind hat seine eigenen Rechtschreibschwierigkeiten. Nichts schadet mehr, als möglichst schnell ein Therapieprogramm (im Handel gibt es Dutzende) über das Problem zu stülpen. Viel wichtiger ist es, als Eltern oder auch Lehrer(in) zuerst zu schauen, hinzuhorchen, sich zu fragen: Etwa danach, wie das Problem beim jeweiligen Kind - vom ersten Schultag an - entstanden ist, wie es mit den ersten Schwierigkeiten umgegangen ist, wie darauf reagiert wurde. Oder etwa, wie versucht wurde, Lösungen zu finden, und wie die Betroffenen jetzt mit dem Problem umgehen. Die erste Frage kann nicht lauten: Was sollen wir tun? sondern: Was geht im Kind vor und wie hat sich die Schwierigkeit entwickelt? Erst dann ist es sinnvoll, sich zu überlegen, was zu tun ist. Denn sehr oft ist "nur" ein Zuviel oder ein zu rasches Vorgehen mit zu viel Druck die nicht erkannte Wurzel des Problems. Rasch stellen sich dann Schuldzuweisung, Enttäuschung, Entmutigung und Überforderung und Angst ein.

Der Autor ist Kinderpsychologe und Lehrbeauftragter für Lern- und Verhaltensstörungen an der pädagogischen AkademieInnsbruck.

Stichwort: Verwirrende Tipps und Ratgeber Vorsicht vor einem vorschneller Kauf und Einsatzvon angebotenen Materialien: * Effekte sind oft wissenschaftlich nicht nachweisbar, * fehlende individuelle Passung, * mangelnder Übungstransfer, * geringer Motivationswert, * fragwürdiger Wortschatz, * schädliche Übungen, * Überbewertung von Aufmachung und Grafik.

Spätestens dann, wenn in der Rechtschreibung des Kindes scheinbar nichts mehr geht, taucht bei besorgten Eltern ein Begriff wie ein Schreckgespenst auf: Legasthenie. Es ist geradezu unglaublich, welche Verwirrung und Verunsicherung dieser Begriff immer wieder auslöst.

Neulich fand sich folgende Notiz in der Ratgeberecke einer Zeitschrift: "Zwei namentlich nicht genannte amerikanische Fachärzte glauben, dass die weitverbreitete Legasthenie ihre Ursache im Kleinhirn hat, wo sich auch das Bewegungszentrum des menschlichen Organismus befindet (...) Medikamente, die gegen Reisekrankheiten eingenommen werden, können auch Legasthenie kurieren. So ein Kind gehört in jedem Fall in die Verantwortung des Facharztes."

Im Glauben an solche Ratschläge bleibt dem notengeplagten Kind und seinen Eltern nur eine Erkenntnis: Wer nicht rechtschreiben kann, der ist krank. Einem Kranken hilft die ganze Mühe mit der Rechtschreibung nichts, er geht besser zum Arzt und holt sich die richtige Pille.

Und es ist tatsächlich so. Noch immer halten viele Eltern die Rechtschreibschwäche für etwas Krankhaftes und versuchen am Kind selbst "herumzudoktern". In der Meinung, die klugen Köpfe kämen aus Drogerie und Apotheke, wird vom Vitaminsaft über Bach-Blütenextrakte und homöopathische Globuli bis hin zu absurden Körperübungen so ziemlich alles durchprobiert (siehe furche 42/2000 "Heil-Edelsteine gegen Lernblockaden").

Es gibt eine Reihe längst überholter Auffassungen, die zu einem falschen Umgang mit lese-rechtschreibschwierigen Kindern führen. Tief verwurzelt und scheinbar nicht auszumerzen ist beispielweise die von der Wiener Kinderpsychologin Lotte Schenk-Danzinger Anfang der fünfziger Jahren propagierte Ansicht, wonach Legasthenie an ganz bestimmten Fehlern zu erkennen und zu bekämpfen sei: An Verdrehungen und Verkippungen von Buchstaben, wenn das Kind also statt d - b, statt ei - ie, statt p - b und so weiter schreibt. Fehler dieser Art - man nennt sie Reversionsfehler - entstehen durch das Umdrehen der Schreibrichtung. Nahezu jedes Kind neigt anfangs beim Schreibenlernen zu derartigen Verdrehungen. Früher (und leider oft noch heute!) vermeinte man dann ein typisch "legasthenes" Kind vor sich zu haben. Generationen von Lehrern und Eltern haben sich geradezu reflexartig auf diese Fehlerart gestürzt und geglaubt, sie ausmerzen zu müssen.

Die Legasthenikertherapie bestand dann - fälschlicherweise - darin, dem Kind seitenweise Arbeitblätter mit Richtungsübungen vorzusetzen. Man war meist wenig erfolgreich und die Kinder erst recht unsicher. Vor allem aber blieben durch diese einseitige "Therapie" andere Fehlerschwerpunkte des Kindes unberücksichtigt. Fatal wirkt(e) sich auf die Kinder auch die unbewiesene Behauptung aus, wonach Legasthenie auf eine, möglicherweise erblich bedingte Gehirnstörung zurückzuführen sei.

Falscher Umgang Die pädagogischen Konsequenzen für die betroffenen Kinder waren meist verheerend. Sie reichten vom völligen Verzicht auf jede sprachliche Förderung, der Abstempelung als "schlechter Schüler" bis hin zur Einweisung des Kindes in eine Sonderschule - eine Maßnahme, die erfreulicherweise selten geworden ist.

Neue kinderpsychologische Erkenntnisse zeigen die Chancen und Fördermöglichkeiten auch bei leichten hirnorganischen Defiziten. Die sprachlichen Leistungen eines Kindes (einschließlich seiner Rechtschreibkenntnisse) sind sehr stark vom sprachlichen Anregungsgrad der Umgebung (zum Beispiel der Familie), von der Qualität des Unterrichts und von der allgemeinen Entwicklung und Förderung der Persönlichkeit des Kindes abhängig.

Zur allgemeinen Verwirrung von Eltern und Pädagogen trägt mitunter auch die Ratgeber-Ecke am Büchermarkt bei. Allein während der letzten fünf Jahre sind mehr als 20 Titel zum Thema Legasthenie erscheinen! Vielfach werden alte Hüte und längst überholte Konzepte in neuem Gewand marktschreierisch präsentiert. Als Beispiel kann das Buch "Legasthenie als Talentsignal" des Amerikaners Ronald D. Davis gelten. Es ist momentan ein Verkaufsschlager. Der Erfolg des Buches gründet in seinem Titel und der irreführenden Suggestion, ein kindliches Lernproblem als Talent hinzustellen. Der Autor gibt vor, zu wissen, wie man trotz Rechtschreibschwäche zum Genie werden kann. Zuvor muss sich der Leser aber durch eine Vielzahl völlig praxisferner Übungen kämpfen. Ähnlich wie nach der Absolvierung eines Trockenskikurses in Buchform ist die Verwirrung anschließend perfekt und die Fehleranzahl des Kindes im Diktat mit Sicherheit unverändert hoch! Wenigstens bleibt Eltern der Trost, ein Kind mit Talent zu haben. Es gibt keine schnelle Therapie. Der Begriff "Legasthenie" ist längst zum Mythos geworden, um den herum sich ein verwirrendes Labyrinth an zum Teil widersprüchlichen Meinungen, Ansichten, Konzepten und Theorien aufgebaut hat. Gemeinsam ist den meisten, dass sie höchst punktuell und einseitig an nur einer Stelle des kindlichen Lernproblems ansetzen und überhöhten vom einfachen, schnellen und mühelosen Lernen wecken. "Alles spielerisch und easy!" so lauten die Lockangebote im Marketing des auch in Österreich wachsenden Angebots an Legasthenie-Instituten.

Wie kaum ein anderer ist der Begriff der Legasthenie in der Kinderpsychologie mit Gerüchten und überkommenen Vorurteilen besetzt. Viele neuere Expertisen (etwa von Renate Valtin) raten von seiner Verwendung gänzlich ab. Was nützt schließlich ein Begriff, dessen unterschiedliche, sich zum Teil sogar widersprechende Definitionen und Auffassungen mehrere Buchseiten zu füllen imstande sind?

Wie auch immer - ob wir sie nun als Legastheniker bezeichnen oder nicht, was bleibt, das sind Schüler mit großen Rechtschreibschwierigkeiten und die Frage des pädagogischen Umgangs mit ihrem Problem. Deshalb ist beispielsweise darüber zu reden, welch unverhältnismäßig hohen Stellenwert die Rechtschreibleistung in vielen Volksschulen hat. Wer ein Kind in den Eingangsklassen sitzen hat, der weiß, was die Deutschnote fälschlicherweise noch immer ausmacht: Nicht die sprachliche Gewandtheit, der gute Ausdruck - also kommunikative Fähigkeiten - machen die Note. Das wöchentliche Diktat ist primär entscheidend. Somit ist es allein die Fehlerzahl, die die Selbstsicherheit vieler Volksschüler Woche für Woche stabilisiert oder regelmäßig demoliert. Motto: Rechtschreibung = Deutschnote!

Genau hinhorchen Die zählbaren Fehlerchen werden mancherorts noch immer zum zentralen Indikator der Bewertung, also zu dem, was dem heranwachsenden Kind Wert oder Unwert gibt. Als zählbare "objektive" Daten bekommen Rechtschreibfehler zu früh einen viel zu hohen Stellenwert und zu viel Bedeutung für die weitere schulische Laufbahn des Kindes.

Wenn man dem Kind nicht Chancen verbauen will, wird man gezwungen, auch zuhause Druck zu machen. Viele Eltern tun dies unter Einsatz zusätzlicher Fördermaterialien und Therapien, die den Leistungs- und Zeitdruck meist noch mehr erhöhen. Das ist aber sicher nicht der richtige Weg.

Will man einem Kind mit Rechtschreibschwierigkeiten helfen, dann nützen die unzähligen, schön vorfabrizierten Legastheniekonzepte nur selten. Vielmehr muss man in jedem Einzelfall davon ausgehen, dass bei jedem Kind individuelle Ursachen und Zusammenhänge vorliegen. Jedes Kind hat seine eigenen Rechtschreibschwierigkeiten. Nichts schadet mehr, als möglichst schnell ein Therapieprogramm (im Handel gibt es Dutzende) über das Problem zu stülpen. Viel wichtiger ist es, als Eltern oder auch Lehrer(in) zuerst zu schauen, hinzuhorchen, sich zu fragen: Etwa danach, wie das Problem beim jeweiligen Kind - vom ersten Schultag an - entstanden ist, wie es mit den ersten Schwierigkeiten umgegangen ist, wie darauf reagiert wurde. Oder etwa, wie versucht wurde, Lösungen zu finden, und wie die Betroffenen jetzt mit dem Problem umgehen. Die erste Frage kann nicht lauten: Was sollen wir tun? sondern: Was geht im Kind vor und wie hat sich die Schwierigkeit entwickelt? Erst dann ist es sinnvoll, sich zu überlegen, was zu tun ist. Denn sehr oft ist "nur" ein Zuviel oder ein zu rasches Vorgehen mit zu viel Druck die nicht erkannte Wurzel des Problems. Rasch stellen sich dann Schuldzuweisung, Enttäuschung, Entmutigung und Überforderung und Angst ein.

Der Autor ist Kinderpsychologe und Lehrbeauftragter für Lern- und Verhaltensstörungen an der pädagogischen AkademieInnsbruck.

Stichwort: Verwirrende Tipps und Ratgeber Vorsicht vor einem vorschneller Kauf und Einsatzvon angebotenen Materialien: * Effekte sind oft wissenschaftlich nicht nachweisbar, * fehlende individuelle Passung, * mangelnder Übungstransfer, * geringer Motivationswert, * fragwürdiger Wortschatz, * schädliche Übungen, * Überbewertung von Aufmachung und Grafik.