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Gesellschaft

Wer jetzt die Suppe auslöffeln muß

1945 1960 1980 2000 2020

Was bringt die Rechtschreibreform den Kindern im schulischen Alltag? Statt weniger Fehler neue Beliebigkeit und orthografische Ungenauigkeiten, wie Studien zeigen.

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Was bringt die Rechtschreibreform den Kindern im schulischen Alltag? Statt weniger Fehler neue Beliebigkeit und orthografische Ungenauigkeiten, wie Studien zeigen.

Sein Diktatheft sei immer noch ein "Katastrophen-Heft", erklärte mir neulich ein Volksschüler. Auch nach Einführung der neuen Rechtschreibung erlebt er Woche für Woche sein Rechtschreib-Waterloo; Zu viele Fehler trotz stundenlangen Übens, Enttäuschung und Tränen.

Dabei war doch so viel von Erleichterung die Rede gewesen. Man muss daran erinnern: "Warum soll ich es nicht ein bisschen leichter haben?" fragte 1998 "Jakob", ein offensichtlich zufriedener Volksschüler, in Farbinseraten des Unterrichtsministeriums. Mit Zeitungsanzeigen war versucht worden, positive Stimmung für die Einführung der Reform zu erzeugen. Denn, - so der Text der Einschaltungen - mit der neuen Rechtschreibung würden hunderttausende Kinder um die Hälfte weniger Beistrichfehler machen, auch die übrigen Fehler würden um 13 Prozent zurückgehen. "Bis zu 70 Prozent weniger Schreibfehler durch die neue Rechtschreibung!" So tönte es damals aus Expertenmund. Derartige Prognosen will heute plötzlich niemand mehr getätigt haben.

Auch Ressortchefin Elisabeth Gehrer reagiert auf das Thema einsilbig-trotzig. Anlässlich der kürzlich erfolgten Rückkehr der FAZ zur alten Rechtschreibung meinte sie in einer eilig einberufenen Pressekonferenz, die Zahl der Rechtschreib- und Beistrichfehler sei jedenfalls zurückgegangen, ließ sich aber auf konkrete Zahlen erst gar nicht ein. Österreich werde ohnedies an der Neu-Schreibe "ohne Wenn und Aber" festhalten. Wie zu erwarten, denn auch keinerlei Kritik aus Ministermund am neuen Regelwerk, das von vielen als "Reförmchen" und vom bayrischen Kultusminister längst schon vor der Einführung als "Barbarei an der deutschen Sprache" bezeichnet worden war. Zurück zu den Kernfragen: Was hat die Reform den Schulen, insbesondere unseren Kindern gebracht?

Wer diesen Fragen nachgeht, wird feststellen müssen, dass die Reform bisher überhaupt nicht an dem gemessen wurde, was sie den primären Reformadressaten, nämlich den lernenden Kindern nützt. Kaum fragt jemand nach, ob die deutsche Rechtschreibung vom Ballast überflüssiger, unlogischer und komplizierter Regeln tatsächlich befreit und auch wirklich für Kinder leichter erlernbar wurde. Was ist geblieben vom Bestreben, Ausnahmen auszumisten, Regeln nachvollziehbarer zu machen, der Sprachlogik zu ihrem Recht zu verhelfen? Denn eben dies waren ja die ausdrücklichen Ziele einer Schar von Sprachwissenschaftlern und Ministerialbeamten in nahezu 20jähriger Arbeit! Und weiter: Sind die Rechtschreibleistungen der Schüler gestiegen? Trägt die von manchen Bildungspolitikern voreilig hochgelobte Reform auch nur ansatzweise dazu bei, den hohen Anteil an sogenannten"Legasthenikern" in den Volksschulen zu senken? Hilft sie, die Zahl jener meist begabten, unglücklichen Kinder zu vermindern, die in unzähligen Stunden gewaltige Potentiale an Lernenergie allein in die Rechtschreibung investieren, ohne jemals besonders erfolgreich zu sein? Erleichtert diese "Reform" das Schicksal jener meist begabten Kinder, die - nur weil sie ein paar Fehler mehr als ihre Mitschüler machen - oft vom Besuch höherer Schulen ausgeschlossen werden?

Mitnichten tut sie all das! Hart formuliert: Die Behauptung von der großen Erleichterung ist glatter Etikettenschwindel. Die neue Rechtschreibung ist im Wesentlichen die alte. Kinder, die Schwierigkeiten hatten, werden diese auch künftig haben. Die Rechtschreibreform ist eine Mogelpackung. Man sollte nicht versuchen, sie den Kindern als große Erleichterung anzudrehen. Bedauerlicherweise hatten die befassten Ministerien vor Einführung der Neuschreibregeln keinerlei Interesse daran, Reformwirkungen auf Schulkinder wissenschaftlich zu untersuchen. Umso mehr machen die jetzt vorliegenden wissenschaftlichen Daten das Dilemma sichtbar: Ein Vergleich der Rechtschreibleistungen der Schüler vor und nach der Rechtschreibreforn kann die Reformerwartungen in keiner Weise bestätigen.

Um die vermutlich völlig leere oder einseitig gefütterte Datenbank der Reformbefürworter mit konkreten Daten zu versorgen, sei deshalb auf zwei, inDeutschland durchgeführte Untersuchungen hingewiesen. Der Pädagoge Harald Marx von der Universität Bielefeld hat mittels Rechtschreibtests die Leistungen von über 300 Grundschülern verglichen. Sein Resümee: Nach anderthalb Jahren Unterricht hat sich die Schreibung nicht erleichtert. Weniger noch, Marx rechnet laut FAZ damit, dass sich die Rechtschreibleistungen der Schüler auf lange Sicht eher verschlechtern.

Nicht viel besser sind die Ergebnisse einer schulpraxisnahen Untersuchung des Rechtschreibexperten Arnd Stein. Zur Beurteilung der durch die Reform beabsichtigten Verbesserung künftiger Rechtschreibleistungen hat dieser die Fehler rechtschreibschwacher Kinder in 390 Schuldiktaten der Klassen drei bis fünf überprüft. Die Auswertung der Fehler lieferte ein denkwürdiges Ergebnis: Von den 29.000 Wörtern waren 3.400 falsch geschrieben - und nur 25 dieser fehlerhaften Schreibungen würden nach der Neuregelung als richtig gelten. Das entspricht einer Leistungsverbesserung um lediglich 0,7 (!) Prozent.

Die genannten Ergebnisse sind allerdings wenig verwunderlich. Schließlich war schon vor der Umsetzung der Reform bekannt, dass von den 12.000 Wörtern des schulischen Grundwortschatzes bescheidene 185 zwar geändert, aber noch längst nicht vereinfacht werden. Und dass man kaum von Erleichterung des Lernprozesses sprechen kann, wenn durch die neue Rechtschreibung weniger als ein halbes Prozent des Textbildes verändert wird. Der Gipfel an Halbherzigkeiten - auch das war bekannt - ist die "Reform" des "ß". Die Ersetzung des "ß" nach kurzen Vokalen durch "ss" wird von den Reformern ja als besondere Erleichterung gepriesen. Aber die Freude über die Neuregelung ist stark gedämpft. Anstatt sich wie in der Schweiz internationalen Schreibgepflogenheiten anzuschließen und das "ß" zu streichen, ist, wie der Germanist Robert Saxer meint, eine "verwirrende Inkohärenz" entstanden. In einer wissenschaftlichen Publikation gibt er offen zu, dass ihn (nota bene: er ist Universitäts-Germanist!) die Reform "verwirrt", weil man an manchen Stellen "in den Zustand der Verzweiflung gerät". Denn es gibt es nicht weniger als acht Gruppen von Ausnahmen, bei denen nach kurzem Vokal dennoch kein "ss" steht, sowie vier Gruppen von Ausnahmen, bei denen trotz Unbetontheit des Vokals ein nachfolgender Konsonant verdoppelt wird. Da überrascht wenig, wenn Harald Marx in der oben zitierten Untersuchung feststellt, dass s-Laut-Wörter von den Schülern nach der Reform nicht seltener, sondern öfter falsch geschrieben werden!

Auch das auf den ersten Blick liberale Zulassen mehrerer Varianten im Bereich der Fremdwörter und der Groß- und Kleinschreibung sowie der Getrennt- und Zusammenschreibung erweist sich als Schülerfalle. Vieles ist, wie der bekannte Erlanger Linguist Theodor Ickler feststellt, geradezu angetan, den Lernstoff der Schüler zu vervielfachen.

Die bisher wahrnehmbaren Auswirkungen der "Reforrn" auf die Kinder sind enttäuschend. Was Einschulenden vielleicht eine Spur von Vereinfachung bringt, das verwirrt in der gegenwärtigen Übergangsphase viele Schüler zusätzlich. Die peripheren Neuerungen bedeuten für viele ein zusätzliches Moment der Verunsicherung. Eine ganze Schülergeneration flucht über unnötige zusätzliche Fehlerquellen. Sie muss schließlich zwischen richtigen, falschen, nur noch bis 2005 richtigen und danach falschen, alternativen und auszuprobierenden Schreibweisen unterscheiden. Außerdem sollen Schüler jetzt für etwas lernen, was außerhalb der Schule (noch) nicht oder anders praktiziert wird.

Im Gefolge der allgemeinen Verunsicherung ist eine neue Entwicklung zu beobachten, deren Reichweite noch gar nicht abzusehen ist: Der orthographische Neo-Liberalismus blüht auf. Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Kraus, beobachtet, wie sich das Prinzip der Beliebigkeit in der Rechtschreibung ausbreitet: "Es schleicht sich das diffuse Gefühl ein, auf orthographische Genauigkeit komme es nicht an." Viele Lehrer haben es zudem aufgegeben, Zusammen- und Getrenntschreibungen sowie Groß- und Kleinschreibung überhaupt zu korrigieren, weil sie die Regeln selbst nicht durchschauen. Bei seinen Schülern beobachtet der bekannte Reformgegner Denk, dass sie mehr Fehler machten als früher. Die größeren Freiheiten bei der Kommasetzung führen dazu, dass Schüler nun überhaupt keine Kommata mehr setzten.

Beim Studium der mehr als 20jährigen Reformgeschichte der deutschen Rechtschreibung könnten Schüler bald erkennen, wie nebensächlich sie als deklarierte Hauptadressaten der Reform tatsächlich waren bzw. welche marginale Rolle ihre Lernprozesse spielten. Bei jedem kleinen Redewettbewerb finden sich kinderpsychologisch besser ausgebildete Juroren als in der Rechtschreibkommission, jenem Gremium, welches die Zukunft der deutschen Sprache mitzuverantworten hat(te). Für Österreich beispielsweise in der Kommission: Ministerialbeamte, Funktionäre der Kammern, Vertreter der politischen Parteien, die greisen Verfasser des Österreichischen Wörterbuches, Verlagsfunktionäre.

Nicht vertreten waren dort jene, die um das Dilemma mühseliger Lernprozesse vieler Kinder und um die Schockwirkung der roten Tinte in Diktat und Aufsatz wissen müssten. Geradezu beschämend ist auch das schweigend-apathische Verhalten ganzer Berufsgruppen rund ums Kind. Weder von Schulpsychologen noch von Vertretern der zahlreichen professionellen Kinderbeauftragten waren Wortmeldungen zu vernehmen. Obwohl an Schulen drastisch gespart wird, regte sich niemand ernstlich darüber auf, dass eine Sprachregelung, die weniger als 0,5 Prozent der Sprache tangiert, mit enormen Druck-, Anschaffungs-, und Umschulungskosten verbunden ist. Im Glauben an die große Erleichterung ist vielen der Blick verstellt auf eine der gigantischsten Aktionen zur Vergeudung pädagogischer Potentiale der letzten Zeit. Manch unglückseligen Schuljahrgängen ist ein Präzedenzfall ähnlicher Art, nämlich die Einführung der Mengenlehre in den Schulen noch in leidvoller Erinnerung. Heute wie damals fragt niemand: Wer hat das gebraucht, gewollt, wer danach gerufen?

Der Autor ist Kinderpsychologe und Psychotherapeut sowie Lehrbeauftragter für Legasthenie an der Päd. Akademie in Innsbruck.