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Randhemerkungen zur woche

Es hat sich erwiesen, daß eine öffentliche und bisweilen sogar recht temperamentvolle Diskussion zwischen Volksmeinung und Fachleuten — wie sie sich anläßlich der Abfassung eines neuen „Amtlichen österreichischen Wörterbuches“ ergab — ein ersprießliches und alle Teile befriedigendes Ergebnis haben kann: das Wörterbuch wird Authenzität besitzen, denn an ihm haben Gelehrte, Laien und das Interesse der Öffentlichkeit mitgearbeitet. Die eigentlichen Bearbeiter haben von allen Neuerungen, die fast einer Rechtschreibereform gleichkommen würden, Abstayid genommen; die lauttreue Schreibung von Fremdwörtern wird keineswegs für gültig erklärt werden, wohl aber in warnenden Klammern und mit dem Hinweis aufs Regelrechte bisweilen vorhanden sein. Daß spezifisch österreichische Ausdrücke, wie Zuckerl, Spengler und Paradeiser, gebracht werden, wird niemand des Protest hervorrufen; daß künftig allerdings neben den Kasten gleichberechtigt die Kästen, neben den Wagen die Wägen stehen sollen, dürfte immerhin noch einige Kritik laut werden lassen — aber es ist anzunehmen, daß auch sie gehört werden wird. Im ganzen ist das neue amtliche Wörterbuch als ein Gemeinschaftswerk im besten Sinne des Wortes anzusehen; es könnte als Beispiel dafür dienen, wie öffentliche Auseinandersetzungen — ettua in Fragen des Wiener Stadtbilds — fruchtbar gemacht werden.

Der Rundfunksender Rot-Weiß-Rot hat eine lobenswerte Einrichtung, das sogenannte Radioparlament. An jedem Montagabend haben zwei oder drei Haupt-'eferenten, die verschiedenen Parteirichtungen angehören, das Wort zu einem aktuellen Thema. Daran schließt sich eine Debatte vor einem breiteren Forum. Ein Richter und zwei Frauen sprachen kürzlich zum Problem: Warum gibt es so viele Ehescheidungen? Der Richter zählte zeitbedingte und allgemein menschliche Ursachen auf,, konkretere Ansichten hörte man von der Frauenseite. Neben solclien ganz vernünftigen Ansichten bekam man leider auch recht Banales und Unzutreffendes zu hören, und das gerade gegen den Schluß zu, den der spürbar bedrängte Ansager, sozusagen mit der Stoppuhr in der Hand, ziemlich un-. vermittelt verkünden mußte. So erhebt sich die berechtigte Frage, ob ein jedes Thema für solche Sendungen von ganzen dreißig Minuten auch geeignet ist. Das oben besprochene wie auch das nächstfolgende Thema (Hintergründe des Antisemitismus) waren es jedenfalls nicht. An Problemen, die so tief liegen, daß sie ganze Bücher und Enqueten nicht ausschöpfen, sollte man nicht in so aphoristischer Kürze vorbeihuschen. Es kommt nichts dabei heraus. Schließlich ist es ja Grundaufgabe eines jeden „Parlaments“, die Basis der Gesellschaft zu festigen, nicht zu problematisieren. Und noch eines. Der überwiegende Teil der österreichischen Bevölkerung ist katholisch. Wie wäre es, wenn zum Beispiel der oder die eine Sprecherin mehr noch als bisher betonen würden, daß für viele der angeschnittenen Fragen das Christentum längst eine klare, standfeste Lösung gebunden hat? Das gäbe einen festeren, reichhaltigeren Ausklang als' das häufig sehr nervöse Resümee des rotweißroten Schiedsrichters: „Meine Damen und Herren, die Zeit ist leider abgelaufen, ich fasse kurz zusammen...“

Das Klagelied über die Abwanderung guter und bester Fachkräfte aus Österreich ist schon so sehr zur gewohnten Alltags-„Musik“ geworden, daß es einer schrillen Dissonanz wie des Abgangs von Prof. Porsche bedurfte, um die steigende Gefahr geistiger Verödung wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit zu rufen. Allmählich erweist sich die Amputation unserer Fachwelt tatsächlich als langsames Harakiri von Staat und Volk. Trotzdem geschieht nichts, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Im Gegenteil, man preist amtlich die Vorzüge der Auswanderung und begnügt sich mit einer allgemeinen Nichtachtung aller geistigen Werte. Alle gutgemeinten Vorschläge zur Änderung dieses Zustands führen besten-falls zu Hilfsaktionen, die so aussehen, als würde man einem einstürzenden Brückenpfeiler mit einer kleinen Pölzung eine Wohltat erweisen wollen und dabei ganz vergessen, daß es um das Schicksal der Brücke geht. Wir neiden dem Ausland keinen einzigen Österreicher, der dorthin geht, um Großes zu leisten, aber solange wir zu unserem eigenen Aufbau jeden Nagel selbst brauchen, sollten wir wenigstens nicht selbst den Hammer herschenken, der zum Einschlagen des Nagels gehört.

Eine gesetzliche Besserstellung der Heimtvertriebenen bedeutet der als Regierungsvorlage im Parlament eingebrachte Abänderungsantrag zum Arbeitslosen' Versicherungsgesetz. Während Staatenlose nach dem festgelegten Mindestmaß der Beschäftigungsdauer im Falle der Arbeitslosigkeit bisher zwar in den Genuß der automatischen Unterstützung gelangten, nachher jedoch von der Notstandshilfe ausgeschlossen waren, soll deren Bezug wenigstens jenen ermöglicht werden, die seit 1945 bereits drei Jahre lang in Arbeit gestanden sind. Bei dieser Gelegenheit wäre freilich auch jener Abschnitte des gleichen Gesetzes zu gedenken, die Maßnahmen der produktiven Arbeitslosenfürsorge überhaupt vorsehen. Mit ihrer Hilfe sollten nämlich öffentliche Körperschaften oder gemeinnützige Vereinigungen Arbeiten von volkswirtschaftlichem Nutzen durchführen lassen, die sonst nicht in Angriff genommen werden könnten. Von den etwa 42.000 unterstützten Arbeitslosen Wiens, deren Zahl auch im kommenden Sommer kaum unter 20.000 absinken dürfte, stehen - aber kaum 300 in Verwendung der produktiven Fürsorge. Ob das wirklich alles ist, was da geschehen kann? Der Gedanke der produktiven Fürsorge würde es verdienen, nicht allein papierener Text eines Gesetzblattes zu bleiben.

„Das Unten nach oben ... das Böse... das Unwerte ... Kreaturen, bei denen Unfähigkeit mit Unsauberkeit wetteifert,.. Treibholz, von den Wogen des Niederbruchs hineingespült ... journalistische Wegelagerer...“ Diese Kollektion von Verbalinjurien — es sind lange nicht alle — ist einem Artikel der Tageszeitung des „Verbandes der Unabhängigen“ entnommen, der seine zahlreichen Spitzen und Stacheln gegen die „A uch-Journalisten“ richten will. „Auch-Journalisten“, ein vieldeutiges Wort. Sollten mit ihm jene unerfreulichen Erscheinungen, die überall und zu jeder Zeit im Troß der Journalistik mitziehen, gemeint sein, so könnte man die Entrüstung begrüßen; freilich mit dem Bemerken, daß aufgebrachter Ton und ein Herabsteigen auf das Niveau der be-. fehdeten Asphaltpresse die gerechte Sache noch nie zum Ziele geführt hat. Aber man merkt noch eine andere Absicht, und die verstimmt. 1945: „Aus dem Schutt, aus den Trümmern kamen die Ratten, das Lichtscheue.“ Die Erpresser Journalisten, die Ruf-mörder sagt man, politische Gegner von gestern und heute, Männer, denen der Auf-' bau und die Erhaltung der freien Presse in einem halbfreien Staat zu verdanken ist, schließt man mehr'oder weniger deutlich ein. Jahrelang unterdrückte, schlecht verborgene Ressentiments klingen auf und vermischen sich mit einer ungepflegten Sprache. Sehr zum Schaden der Sache, sehr zum Nachteil jener politischen Gruppe, die in Erklärungen und Resolutionen immer wieder bemüht ist, ihren politischen Ruf als Verleumdung und Unterstellung zurückzuweisen.

An einem Tag der vorigen Woche wurden in Westeuropa zwei Reden gehalten, denen schon allein deshalb besonderes Gewicht zukam, weil die Redner beide im vergangenen Weltkrieg Führer und Symbol ihrer Völker gewesen waren. Im englischen: Unterhaus sprach Chur chill mit der ihm eigenen Offenheit von dem gefährlichen Loch im westlichen Sicherheitssystem, das durch die ungeschickte alliierte Politik in Deutschland geschaffen wurde. In Frankreich aber bekannte sich General de Gaulle zum deutsch-französischen Unionsplan des westdeutschen Bundeskanzlers Adenauer und ließ dabei in temperamentvoller Rhetorik das Bild eines wiedererstandenen Reiches Karls des Großen aufleuchten. Am selben Tag kam die Meldung von der Abberufung des letzten militärischen Hochkommissars in Westdeutschland, des englischen Generals Robertson, und seiner Ersetzung durch einen neuen Mann, den Botschafter Kirckpatrick, der — übrigens überzeugter Katholik — schon durch seine Persönlichkeit eine Wendung in der britischen Deutschlandpolitik erhoffen läßt. Und um das Bild abzurunden, meldete wiederum am gleichen Tag ein amerikanisch lizenziertes Blatt in Berlin, daß der amerikanische Hochkommissar McCloy in Washington den Auftrag zu einer „aktiveren“ Deutschlandpolitik erhalten habe. Es sind also genügend Anzeichen vorhanden, daß man im Westen endlich die in den letzten Jahren in Deutschland gemachten Fehler einzusehen beginnt und, wenn auch unter Zögern, einen neuen Weg beschreiten will. Es ist reichlich spät — aber man kann doch hoffen, daß es noch immer nicht zu spät ist für eine Politik, die Deutschland wirklich Europa eingliedert und damit auch in diesem schwergeprüften Land die Kräfte stärkt und sichert, die sich zu Europa bekennen.

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