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Randbemerkungen ZUR WOCHE

DER ABLAUF DES 1. MAI ist, man möchte sagen, ein Gradmesser des Spannungsverhältnisses geworden, das innerhalb der Sozialordnung eines Landes besteht. Er offenbart manches, das im Verborgenen schlummert, und in dieser Hinsicht sind die blutigen Zwischenfälle in Tokio ein Signal, das zu Bedenken Anlaß gibt. Freilich fehlt den Japanern, die immer nur einer einzigen Besatzungsmacht unterstellt waren, der Vergleich, wie es ihnen ergangen wäre, wenn sie in den östlichen Bannkreis geraten wären. In Österreich ist der 1. Mai in voller Ruhe verlaufen. Und doch bot er zweifach Gelegenheit zu politisch bedeutsamen Beobachtungen. Die Kundgebung der Sozialistischen Partei stand im Zeichen einer entschiedenen Demonstration gegen die siebenjährige Besetzung, und in diesem einen Punkte mag es auch in anderen Lagern manche gegeben haben, die mit zustimmender Heiterkeit die recht pointierten Sprüche der Demonstranten quittiert haben. Daß es da aber auch andere, ernstere Punkte gibt, die dieses Lächeln rasch wieder verschwinden lassen, erwies die Rede des Präsidenten Raab auf einer Maikundgebung der ersten Regierungspartei, der dem Koalitionspartner vorhielt, man könne nicht zur selben Zeit gleichberechtigter und mitgestaltender Regierungsteilhaber sein und vor der Öffentlichkeit die Rechte einer Oppositionspartei in Anspruch nehmen. Angesichts der schweren Entscheidungen, vor denen die österreichische Gesamt regierung in den nächsten Monaten stehen kann, ist es in der Tat unerläßlich, daß der Boden auf seine Festigkeit geprüft wild, auf den der Staatshaushalt nun gestellt werden soll. Sprechen alle Bauleute verschiedene Sprachen, so wird ein Turm von Babel daraus werden, mit überdimensionierten Schąufassaden, währertd andere, wichtigere Teile nicht über das Fundament hinausgelangen. Und ein solches Gebäude wird kein Österreicher, welcher Partei immer er angehören mag, wünschen.

UNTER DEN VERSCHIEDENEN VERSUCHEN, die der Kommunismus in letzter Zeit unternahm, um durch Tarnveranstaltungen an Boden zu gewinnen, steht die „Konferenz zum Schutz des Kindes“ nicht an letzter Stelle. Wenn auch die großen Redeübungen dieser Konferenz auf die Welt keinen besonderen Eindruck machten, so ist doch die Tatsache beachtenswert, daß auch diesmal wieder einige Menschen, die sonst mit dem Kommunismus nichts zu tun haben, zumindest auf der Liste der Proponenten standen oder sogar gutgläubig einen Teil der Veranstaltung mitmachten. Sie einfach als Opportunisten oder Naivlinge zu bezeichnen, ist noch keine befriedigende Erklärung und trifft nicht den ganzen Umfang solcher „Kollaboration“. Man wird vielmehr erkennen müssen, daß der kommunistischen Propagandaveranstaltung mit viel Geschick ein echtes Anliegen als Aushängeschild gegeben wurde, nämlich die Schutzbedürftigkeit des Kindes in einer von den Mächten der Politik und der Wirtschaft völlig beherrschten Zeit. Die schweren Sünden einer pädagogisch rücksichts- und verantwortungslos gewordenen Gesellschaft gefährden das Kind viel mehr als das der erwachsenen Generation von heute gemeinhin bewußt wird! Es ist ja doch so, daß viele Menschen auch für das Kind von heute noch stillschweigend jenen irgendwie behüteten und respektierten Lebensraum voraussetzen, in dem sie selbst aufgewachsen sind. Aber in Wirklichkeit steht der junge Mensch von heute dauernd unter dem Druck massiver Angriffe: schlechte Filme, eine niederträchtige Spekulationsreklame, und endlos geht sie weiter diese Liste bis zu der Kulturschande der „Comic-Bücher“, die immer mehr auch auf unser Land übergreift. So ist es denn wahr: Es gibt eine Gefährdung aktuellster Art für unsere gesamte Jugend, und es geht um ein echtes Anliegen, wenn diese Frage aufgeworfen wird. Natürlich sind aber diejenigen, die den Menschen nur als Objekt ihrer totalitären Systeme ansehen, nicht die berufenen Anwälte für solche Sorgen. Zum Glück aber sind noch andere da: echte Hüter der Jugend; in nimmermüder, unbedankter und oft schlecht entlohnter Arbeit wirken sie für das Wohl unserer jungen Menschen. Sie, die vielen, vielen Eltern, Seelsorger und Lehrer. Aber ihrem Wirken fehlt vielfach die Resonanz in der Allgemeinheit, das Verständnis der breiten Öffentlichkeit. Ja, dieses Wirken wird zur Danaidenarbeit, denn weite Kreise sehen untätig zu bei diesem Kampf um die Jugend, der doch ein Kampf um unser aller Zukunft ist.

DIE NACHRICHT VOM AUSSCHEIDEN P. ALIGHIERO TONDI’S AUS DER GESELLSCHAFT JESU wird von Kreisen, die der Generalskurie des Ordens nahestehen, bestätigt. P. Tondi, Sekretär des Instituts für religiöse Laienkultur an der Päpstlichen Gregorianischen Universität, teilte am įl. April unvermittelt seinem Vorgesetzten, dem Rektor der Universität, P. Abelian, sein Ausscheiden aus dem Orden mit. Seither gelang es kirchlichen Kreisen nicht mehr, mit ihm in Verbindung zu treten; es war also nicht möglich, ihn über sein in der kommunistischen Zeitschrift „II Paese“ erschienenes Interview selbst zu befragen. P. Tondi war ein junger Architekt, als er mit 28 Jahren in den Orden eihtrat; er galt hier immer als ein „außerordentlich unruhiger Geist“, als „eine tief unruhige Seele,“, die häufig spiritualen Krisen unterworfen war. Hiebei sollen auch Beziehungen zu einer Frau eine gewisse Rolle gespielt haben. Mit der Kommunistischen Partei Italiens soll er bereits ein Jahr lang in Fühlung gestanden sein; die Partei soll ihm auch den Zeitpunkt des ostentativen Ausscheidens aus dem Orden — kurz vor den italienischen Kommunalwahlen — befohlen haben. P. Tondi ist als „ipso facto“ exkommuniziert zu betrachten, wobei Cod. jur. can. 644, 646 und 2385 mit als Ausscheid ungsgründe zu gelten haben.

DER GEGENWÄRTIGE STAND DES SAARKONFLIKTS zeigt an, was Europa heute ist, immer noch ist, und was es morgen werden (wieder werden und neu werden) kann. Erinnern wir uns kurz: die Saarabstimmung für Deutschland vom 13. Jänner 1935, in einer Stimmung von Terror, Gewitterhochdruck und nationalistischer Begeisterung vorgenommen, begann in Deutschland jener verhängnisvollen Überzeugung zum Durchbruch zu verhelfen, die sich kurz gefaßt so darstellt: „Nur immer mehr verlangen, der faule, dekadente Westen kann noch ganz andere Dinge hergeben!“ Der Saarstimmung im „Reich“ von damals muß eingedenk bleiben, wer die Schwierigkeiten Adenauers heute in Deutschland und Schumans in Frankreich würdigen und verstehen will. Die beiden Staatsmänner hatten sich in persönlichen Gesprächen, in langen, sachlichen Auseinandersetzungen im Laufe des letzten Halbjahres bereits weitgehend geeinigt. Da aber zeigte sich nun sehr schnell und sehr deutlich, was Europa leider auch noch, immer noch ist: eine Gemeinschaft von Gegensätzen, von Partnern, die nicht vergessen können, nicht vergeben wollen, die allzuoft noch zu schwach sind, konstruktiv zu bauen, weil die Haß- und Haftpsychosen der Vergangenheit jedes Planen mit unerträglichen Hypotheken belasten. In Frankreich erhob sich also eingedenk des als nationale Niederlage erlebten und vorgestellten Saarplebiszits von 1935 (das in der Erinnerung durch den Mehrheits- entscheid von 1947 für eine wirtschaftliche Vereinigung mit Frankreich nicht ausgemerzt wird) ein Sturm der Unruhe und des Widerstands, der Schuman zwang, in die alten, überalterten nationalistischen Geleise einzulenken. In Deutschland drängte die nationale Opposition, als deren Sprecher sich mit gefährlichem Geschick die Sozialdemokratie pr. Schumachers etabliert hat, den Kanzler, eine Erklärung abzugeben, die zunächst das Ende der zweiseitigen deutsch- französischen Verhartdlungen offen eingestand. Adenauer ließ aber keinen Zweifel offen, daß er nicht gesonnen sei, der Saarfrage zuliebe sein großes deutsches und weltpolitisches Konzept aufzugeben. Im Rahmen dieses Konzepts wird die Zusammenarbeit auch mit Frankreich weitergehen, mag „die Saar“ eine Frage, eine Forderung, ja auch eine Wunde bleiben. Bleibt also nur zu hoffen, daß die stillen zähen Arbeiter am Aufbau Europas in Frankreich wie in Deutschland die Geduld, die Kraft, die Zähigkeit wider die Mächte von gestern nicht verlieren; wenn sie diese Tugenden besitzen,- kann ihnen der Enderfolg nicht genommen werden: auf ihrer Seite ist alles Positive, Bauende, Zukunfttragende. Gewiß, der Baustein Saar wiegt schwer und ist nicht leicht zu hantieren. Er verlangt, daß viele Hände Hand an ihn legen. Wenn er aber an die rechte Stelle kommt, wird mehr stehen als die „Lösung“ einer regionalen und nationalen Frage: es geht hier um das Fundament Europas. Das aber zu fundieren, ist noch vieler Arbeit und des Schweißes der Besten, klügsten wert. Wie alle geschichtlich großen Werke ist sie zunächst primär gegen die „eigenen“ Leute, gegen das . eigene „Volk“, als Parte i, durchzukämpfen. Dieser Tatsache mögen die Männer in Paris und Bonn eingedenk sein, wenn sie, nach den Exzessen der Öffentlichkeit, heimkehren an die stillen Stätten der Arbeit. Europa wächst an der Saar… mit preispolitischen Zielsetzungen besteht seit 1930; die Webereien sind seit 1933 kartelliert. Weiter existiert ein Preiskartell der Färbereien und Appreturbetriebe. Für Zellwolle besitzt die Zellwolle Lenzing AG ein faktisches Monopol. Kartellähnliche Vereinbarungen weisen schließlich noch die Branchen der Flanf- und Juteerzeuger, der Seidenverarbeiter und der Vigognespinner auf.

Soviel über die Entwicklung der Kartellbildung in Österreich im einzelnen. In Anlehnung an das einleitend Gesagte sei nochmals darauf verwiesen, daß eine pauschale Verurteilung der Kartellbildung ein blanker Unsinn wäre. Gerade die jetzt angelaufene, nur wenige Monate umfassende Spruchpraxis der Kartellkommissionen läßt mit aller Deutlichkeit manche Lichtseiten der Kartellpraxis hervortreten, so Qualitätssicherungen in der Produktion, Zurückdrängung ungerechtfertigter Handelsrabatte, Fundierung der Exportindustrien, Sicherung der Arbeitsplätze und in nicht wenigen Fällen auch Senkungen der Preise. Allerdings wäre eine — um mit Außenminister Dr. Gruber zu sprechen — von „Rentomanie“ angekränkelte Wirtschaft nicht zu begrüßen.

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