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Digital In Arbeit

Noch ist fast alles zu tun!

Vor mehr als Jahresfrist saß ich im Arbeitszimmer eines Seelsorgers. Unsere Diskussion ging um das Familienproblem. Des Priesters Endurteil lautete: „Ich halte unser Volk für verloren und sehe keine reale Möglichkeit, es zu einer entscheidenden Umkehr zu bewegen.“ Dieser Pessimismus wurde von eindrucksvollen Beispielen belegt. Dennoch teilte ich ihn nicht und verwies auf die geschichtlichen Beispiele einer jüngsten Vergangenheit. Wenn eine beherzte Familienpolitik den Eitern wieder jene Ehre gibt, die ihnen zukommt, und die Kinderbejahung von der ihr jetzt anhaftenden sozialen Deklassierung befreit, ist eine Ueberwindung des Geburtenrückganges doch wahrscheinlich.

Der im Herbst 1952 von einer Großpartei angekündigte Lastenausgleich wurde im Herbst 1953 nicht angegangen, sondern darüber nur ein Wechsel für 1954 ausgestellt, der nun auf keinen Fall mehr prolongiert werden darf. Dafür wurden die Kinderbeihilfen, nach ihrer Entstehung eigentlich nur Teuerungsabgeltungen einer allzu späten Epoche für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, hier plötzlich ohne Begrenzung der Einkommenshöhe, allen gewährt, während der kinderreiche Gebirgsbauer, der kleine Handwerker, immer noch ohne sie auskommen muß. Die leicht erkennbare Unlogik dieser Maßnahme wurde mir erst dieser Tage bestätigt, als mich ein Arzt auf der Landstraße einlud, mit ihm zu fahren. Im Laufe des Gespräches erklärte er mir, nun auch die Verständigung bekommen zu haben, daß er Anspruch auf die Kinderbeihilfe habe. Selbstverständlich werde er sie nicht verfallen lassen, aber eigentlich sei es doch ein Unsinn. Er brauche sie wirklich nicht und anderen müßte kräftiger geholfen werden. So denkt auch das Volk. Solange angeblich die Mittel beschränkt sind, müssen sie zweckmäßig eingesetzt werden.

Der Herbst des vergangenen Jahres brachte das neue Steuergesetz, über das, besonders in diesen Spalten, schon genug Kritisches gesagt worden ist.

Die Familien Oesterreichs sind sich darüber im klaren, daß eine Steuerreform nur ein erster Schritt sein kann. Er ist jedoch die Voraussetzung der vollen Wirksamkeit eines positiven Lastenausgleichs. Darüber hinaus hat das ganze Staatsgetriebe, haben alle Gesetze und Verordnungen bereits in ihrem Entstehen auf die Berücksichtigung der Familie hin überprüft zu werden. Die Lebenserfordernisse der Keimzellen des Staates werden entweder überall berücksichtigt, oder alles bleibt eine halbe Sache. Dies gilt besonders für das Wohnungswesen.

In einer Gewerkschaftsversammlung wurde eingehend über das erfreuliche Siedlungswesen berichtet, über die verschiedenen möglichen Subventionen und deren Zurückzahlung. Da stand ein Vater von vier Kindern auf, gab sein Einkommen bekannt und bat um ehrliche Antwort, ob der Referent den Erwerb eines Siedlungshauses unter den gegebenen Bedingungen in seinem Falle für möglich halte. Es wurde verneint. Auf die Feststellung, daß jedoch gerade eine große Familie noch viel notwendiger ein eigenes Häuschen brauchen würde, kam die seltsame Entgegnung: Eine kinderreiche Familie hätte sich zu keiner Zeit, ein eigenes Häuserl leisten können. Darauf müsse man eben verzichten.

Hier aber liegt des Pudels Kern. Die moderne Alternative lautet: Größere Wohnung, Siedlungshaus oder mehrere Kinder, Roller oder Kinder, gute Kleidung, Reisen, Kulturgenuß, „etwas vom Leben haben“ oder um der Kinder willen auf das meiste verzichten. Es ist höchste Zeit, daß die Regierung unseres Landes im Interesse des Fortbestandes der Bevölkerung und der Sicherheit ihrer sozialen Einrichtungen dafür sorgt, daß die — auch dem Einfältigsten sichtbare — Schärfe dieser Gegenüberstellung Schritt um Schritt gemildert wird.

Wie stellen sich nun die großen Parteien dazu?

Die Volkspartei hätte allen Grund, ausgehend von der anerkennenswert oft betonten Heimatliebe und dem Bekenntnis zum Christentum, die Anliegen der Familien zu ihrer eigenen zu machen und die Lösung der sozialen Frage unserer Tage auf ihr Banner zu schreiben. In der Kleinarbeit „draußen“ wird jedoch ein Aktivismus m diesem Sinne nicht allzu gerne gesehen. Auch die wenigen Abgeordneten, die sich voll für die Familie einsetzen, klagen über Schwierigkeiten. Teile der besitzenden Bauernschaft scheinen noch gleichgültig zu sein, obwohl auch die ländliche Substanz arg bedroht ist. Erhalten doch allein in Niederösterreich bereits 443 Gemeinden ihre Bevölkerungszahl nicht mehr aus eigenem. Auch der Hof blieb von der Kinderarmut nicht verschont. Nicht interessiert sind ferner die maßgebenden Vertreter der Wirtschaft. Sie wittern neue Abgaben und Belastungen für die verschiedenen Familienzulagen und bedenken nicht, daß die ganze Stabilität des wirtschaftlichen Gefüges auf einem normalen Bevölkerungsaufbau ruht. Eine blühende Wirtschaft hat blühende Familien zur Voraussetzung. Anderseits darf nicht übersehen werden, daß es leider auch Wirtschaftszweige gibt, deren Konjunktur auf der bevorzugten Wirtschaftsstellung der Kinderlosen aufgebaut ist. Sie fürchten, bei einer besonderen Verteilung des Sozialproduktes zugunsten der Kinderwilligen um den heute überdimensionierten Absatz der nicht lebensnotwendigen Güter.

Auch die S P O e hätte allen Grund, ausgehend von der sozialen Gerechtigkeit, deren Anwalt sie sein will, das Familienproblem bevorzugt anzupacken. Demgegenüber steht eine Tradition, die immer schon das Individuum in den Brennpunkt der Sozialpolitik stellte und die Familie mit mehreren Kindern eher als Hemmschuh einer „fortschrittlichen“ Entwicklung betrachtete. Es kann hier nicht stark genug betont werden, daß die beliebte lineare Erhöhung des Einkommens der in Arbeit Stehenden, auf die unsere Gewerkschaftsarbeit fast ausschließlich gerichtet ist, den bitteren Unterschied im Lebensstandard zwischen Kinderlosen und Kindcrwilligen immer mehr verschärft und darum nicht geeignet ist, den Geburtenrückgang aufzuhalten. Besonders hemmend wirkt sich jedoch aus, daß die maßgebenden neuen sozialistischen Kernschichten in den Städten zumeist kein, höchstens ein Kind haben und aus der engen Schau ihres persönlichen Lebens kein Verständnis für eine großzügige Familienpolitik aufbringen. Dies um so mehr, als viele falsche oder mißverstandene Dinge (Uebervölkerung, Nahrungsnot usw.) in den Köpfen sich festgesetzt haben und die Pflege einer gewissen, der Familie nicht förderlichen sittlich-geistigen Einstellung noch immer betrieben wird.

Beide Parteien scheinen offenkundig den Wähler zu fürchten, der heute in seiner Mehrheit dem Kinde gegenüber gleichgültig oder feindselig eingestellt ist und nur die Politik bejaht, die seinem engen Standeswohl augenblicklich zuträglich ist und dem Tagesnutzen Mehrung verspricht.

Unser Staatsvolk muß leider vor allem nach Interessengruppen begriffen und verstanden werden. Das Gemeinwohl und seine Postulate finden nur geringes Echo, die Zukunft ist gegenüber den Tagessorgen und Tages- geniissen belanglos; auch nur geringe Opfer für einen Erfolg auf weite Sicht zu bringen, gilt als unpopulär, der Begriff des Vaterlandes ist kaum mehr Herzenssache. Erst unlängst versicherte mir ein Mann in aufgeregtem Tone: „Ihm sei es gleichgültig, wer einmal in Oesterreich wohnen werde, seinetwegen können es auch die Hottentotten sein.“ Die Gefahr des Volkstodes beeindruckt nur wenige.

So wurde wohl von Familienpolitik schon viel gesprochen, der beherzte Schritt vom Deklamatorischen zur beginnenden Tat aber ist noch immer nicht vollzogen.

Mit Recht wehren sich die Familien gegen alles nebelhafte Zerreden ihrer brennenden Anliegen.

Gerade in der Bevöikerungspolitik ist sachliche Klarheit und vollständige Wahrheit vonnöten. Leider ist weder in unserer Verfassung auch nur mit einem Wort von der Familie die Rede noch in der Verwaltung eine Stelle vorgesehen, die ihre Interessen wahrnimmt. Der Ernährer und Erzieher einer zehnköpfigen Familie hat in unserer Demokratie dasselbe Stimmrecht wie der Jüngling, dessen Interessen sich zwischen Fußball, Motorrad und Tanzunterhaltungen erschöpfen. Es würde sich lohnen, darüber nachzudenken, wie man die Stimme der den Staat vorzugsweise erhaltenden Familie verstärken könnte. Ob man eine Kammer für die Familie einrichtet oder den leider so bedeutungslosen Bundesrat in der Richtung betraut, ob man, wie in Deutschland, ein Dreizimmerministerium konstituiert oder, wie in Frankreich, Familienräte festlegt, ist im letzten gleichgültig. Jedenfalls muß die Familie eine Gelegenheit bekommen, ihre Stimme hörbar zu machen. Ihre Organisationen haben genau wie der Gewerkschaftsbund das Recht, gehört zu werden.

Zweifellos muß die Familie ihre Sache vorerst selbst in die Hand nehmen, soll etwas erreicht werden. Wir haben dies in einem kleinen niederösterreichischen Bezirk auch versucht. Es war eine Freude, Männer von Rang und Wissen, Professoren und Ingenieure, Aerzte und Lehrer neben Arbeitern und Bauern auf überparteilicher Grundlage für das Familienproblem erwärmt zu sehen. In Versammlungen, die laufend weitergehen, w'ird die Bevölkerung aufgeklärt. Ständige Kurzveröffentlichungen in der Provinzpresse dienen demselben Zweck. Eine große Menge Druckschriften wurden zweckmäßig verteilt. Hunderte neue Mitglieder gaben einer Zentralstelle in der Hauptstadt Wien den nötigen moralischen und finanziellen Rückhalt. Eingaben und Resolutionen nahmen ihren Weg. Es kamen Antworten, vieles blieb unbeachtet. Wenn eines Tages hunderte solcher Schriftstücke auf den Tisch der Verantwortlichen flattern, wird man nicht mehr zur Tagesordnung übergehen können. So sagte denn ein Kenner dieser Arbeit: „Macht es in jedem Bezirk so, dann muß der Sieg unser werden!“

Die Familie ist im Aufbruch. Sie kann nicht mehr übersehen werden. In ihrem Schoß liegt das Schicksal der kommenden Zeit. Oesterreichs Weg darf nicht in den Volkstod führen. Schreibt es auf alle Wände, überzeugt alle Hirne, senkt es in alle Herzen: Nur ein Kinderland bleibt ein Vaterland!

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