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Im verfahrenen Streit um zusätzliche Unterrichtsstunden für Lehrerinnen und Lehrer wird eines deutlich: Allen Beteiligten wird in irgendeiner Weise Unrecht getan.

Nichtbeteiligte am Streit um die Stundenverpflichtung der Lehrer sind vom Permanentkonflikt bereits "angefressen", so dass man nur empfehlen kann, eine Pause einzulegen, um an den Anfang der Diskussion zurückzukehren. Bildung ist zu wichtig, um daraus politische Beschlüsse abzuleiten, die der Geschichtswahrung oder dem Augenblick dienen. Einiges verdient festgehalten zu werden:

Die Budgetproblematik ist unbestritten, wenngleich sie auch dadurch entstanden ist, dass einige Landesregierungen den "Verlockungen" der "Neuen Mittelschule" erlegen sind, um damit ihr eigenes Budget zu verbessern (zum Beispiel Vorarlberg, Niederösterreich etc.). Es entbehrt jeder politischen Logik, dass dafür die Lehrer "zahlen" müssen.

Die Reaktion der Lehrergewerkschafter war auf Konfrontation aus, wobei natürlich die veröffentlichte Meinung die Sache auch nicht leichter gemacht hat. Lösungen standen überhaupt nie richtig zur Diskussion. Das "Entweder - oder" ist aber in der Politik selten tauglich.

Eine andere Zeiteinteilung ist möglich, wenngleich auch ich mit meinem Vorschlag der Einführung der "45-Minuten-Stunde" schon vor mehr als 14 Jahren Schiffbruch erlitten habe. Gegenwärtig werden daher nur gesichtswahrende Vorschläge diskutiert, die aber kaum dem eigentlichen Problem näherkommen.

Nur gesichtswahrende Vorschläge

Daher: Pause machen und neu anfangen. Wie löst Frau Ministerin Dr. Schmied ihr Budgetproblem? Schlicht und einfach auch bei der "Neuen Mittelschule" Pause machen, dann sollte es sich für 2009 im Ministerium finanziell wenigstens ausgehen!

Wie aber fortsetzen? Meines Erachtens ist die Lehrerargumentation, dass unsere Schulen für einen längeren Aufenthalt des Unterrichtspersonals nicht geeignet sind, größtenteils richtig. Hier könnten die Sehnsüchte nach einem Konjunkturprogramm in der gegenwärtigen Wirtschaftslage mit einem intensiven Ausbauplan unserer Schulen, überhaupt daraus baulich mögliche Ganztagsschulen zu machen, eindeutig helfen. Woher das Geld nehmen? Ein bisschen weniger in die ÖBB, weil dorthin seit Jahren Geld fließt, ohne merkbares Ergebnis. Schulbauten sind direkt konjunkturwirksam, mehr als die jetzt propagierte Wärmedämmung.

Konjunkturbelebung durch Schulbauten

Manche ablehnende Position zu den Ganztagsschulen geht auf ein Familienbild zurück, das schmerzlicherweise aber doch längst nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Es ist auch richtig, dass die Arbeitsräume der Lehrer meistens kaum zu einem längeren Aufenthalt einladen. Bernd Schilcher hat mit Recht den Begriff "Auspufflehrer" geprägt, weil Lehrerinnen und Lehrer auch wegen der mangelnden Wirtlichkeit sehr rasch ihren Arbeitsplatz verlassen.

Es darf allerdings auch gesagt werden, dass nicht alle Lehrer so viel Vorbereitungszeit aufwenden, dass es wirklich einer vollen Beschäftigung im Sinne anderer Berufe entspricht. Ein wenig polemisch sei bemerkt: Die Zahl der Lehrer auf allen politischen Ebenen ist immer noch beträchtlich, also muss es hinreichend Zeit geben.

Der Ministerin wäre zu empfehlen, ein echtes Prioritätenprogramm zu entwickeln, das weniger ideologisch und parteipolitisch geprägt ist, als den wirklichen Notwendigkeiten entspricht. Bedauerlicherweise gibt es keine Diskussion über die Lehrinhalte, die Verbesserung der pädagogischen Qualifikation, aber auch die Durchlässigkeit des Lehrerberufs. "Einmal Lehrer - immer Lehrer" ist in unserem Zeitalter der Mobilität längst keine Lösung mehr. Es müsste möglich sein, aus dem Lehrerberuf in andere Bereiche gehen zu können, aber auch später noch Lehrer zu werden. Es ist das auch eine Möglichkeit, dem "Burn-out-Syndrom" eine Antwort entgegenzusetzen. Ein Leben lang - besonders heute in unserem lärmigen Zeitalter - in einer Klasse zu stehen, ist oft eine Überforderung. Das würde auch den Realitätsbezug unseres Bildungssystems wesentlich erhöhen. Ich weiß, wovon ich rede: 70 Prozent der in der Fachhochschule Salzburg Unterrichtenden kommen aus der Berufspraxis - und das ist kein Fehler.

Alle anderen Vorschläge, wie etwa früherer Pensionseintritt, Verzicht auf Stunden der Älteren zugunsten der Jüngeren etc., sind als generelle Lösung überhaupt nicht brauchbar. Auch der Vorschlag einer Jahresarbeitszeit greift zu kurz. Man müsste da auch die Ferienordnung überdenken, die ja bereits stark den Charakter einer Feiertagsordnung angenommen hat. Ich frage mich, ob nicht weniger Ferien und eine besser verteilte reale Schulzeit unter dem Jahr einiges von dem Druck auf Lehrer und Schüler nehmen könnte. Überhaupt müsste man Abschied nehmen von der punktuellen Diskussion unseres Bildungssystems, wobei ich nicht einer Totalreform das Wort rede, sondern einer besseren Übersicht über die wirkliche Leistungsfähigkeit. Schmerzlich muss angemerkt werden, dass die wissenschaftliche Seite der Pädagogik in Österreich nicht wirklich beeindruckend zur Diskussion beiträgt, wahrscheinlich auch von der Schulwirklichkeit sehr weit entfernt ist.

Die Bewertungsmethode nach PISA infrage zu stellen, macht Sinn. Da können nur Momentaufnahmen gemacht werden. Inwieweit heute Schule noch eine für die Zeit adäquate Allgemeinbildung zustandebringt, gehört noch mehr und besser untersucht. Die Klagen über die Fähigkeit zur Rechtschreibung, des Ausdrucks und die Kenntnisse der kulturellen Zusammenhänge sind häufig und wahrscheinlich berechtigt. Das Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen legt noch eins drauf und die Unsicherheiten in der Werteorientierung machen es auch nicht leichter. Da ist nicht die Ministerin, die Gewerkschaft oder wer immer verantwortlich - da sind wir alle gefragt!

Pisa in Frage zu stellen, macht Sinn

Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Diskussion allen Beteiligten in irgendeiner Weise Unrecht tut. Man verkennt die Verpflichtung der Ministerin, in der gegebenen Situation mit den finanziellen Grundlagen zurechtzukommen, man verkennt die entscheidende Rolle der Lehrer im Bildungssystem und man verkennt generell die prinzipielle Bedeutung dieses Bereichs. Mit Sicherheit ist die Investition in die Zukunft wichtiger als die Verschrottungsprämie, weil wir es uns nicht leisten können, die Zukunft der nächsten Generation zum Altmetall zu geben.

* Der Autor ist u. a. Vorsitzender des Institutes für den Donauraum und Mitteleuropa sowie Präsident des Europäischen Forums Alpach. Der ÖVP-Politiker war Vizekanzler und Unterrichts- sowie Wissenschaftsminister

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