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"Reform heißt ja nicht, dass alles besser wird"

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AHS-Lehrergewerkschafter Herbert Weiß über Ganztagsschulen, die neue Schulautonomie, städtische Gymnasien und das Image, "Blockierer" zu sein. | Das Gespräch führte Doris Helmberger

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AHS-Lehrergewerkschafter Herbert Weiß über Ganztagsschulen, die neue Schulautonomie, städtische Gymnasien und das Image, "Blockierer" zu sein. | Das Gespräch führte Doris Helmberger

Im Oktober ist der Steirer Herbert Weiß dem scharfzüngigen Niederösterreicher Eckehard Quin als Vorsitzender der AHSLehrergewerkschaft nachgefolgt. Ein Gespräch über die heißen Eisen der Bildungspolitik.

Die Furche: Herr Weiß, das Image der AHS-Gewerkschaft changiert zwischen "Blockierer" und "Betonierer". Wollen Sie das ändern?

herbert Weiß: Dieses Image ist einerseits unbegründet, weil wir oft absichtlich als Blockierer hingestellt werden. Andererseits würde die Lage an den Schulen noch viel schlimmer sein, wenn wir uns nicht gegen manches gewehrt hätten. "Reform" muss ja nicht immer heißen, dass alles besser wird, manchmal probiert man nur aus ideologischen Gründen etwas aus. Wenn wir uns etwa nicht gegen die ersten Entwürfe für die neue Reifeprüfung gewehrt hätten, dann hätte es komplettes Chaos gegeben. Die Furche: Und jetzt?

Weiß: Wir würden uns nach wie vor eine teilzentrale Lösung wünschen, nachdem man uns jahrzehntelang die Schulentwicklung aufgedrängt hat, nur ist das politisch nicht machbar. Unser Hauptproblem ist, dass viele Reformentwürfe von Leuten stammen, die wenig Ahnung von der Praxis haben - außer dass sie selbst einmal in die Schule gegangen sind. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich die Situation in den Schulen und in der Gesellschaft stark verändert.

Die Furche: Genau wegen dieser gesellschaftlichen Veränderungen sehen aber viele schulischen Anpassungsbedarf. Ein Beispiel sind Ganztagsschulen, die unter anderem teure Nachhilfe unnötig machen sollen. Die Regierung will jetzt 750 Millionen Euro bis 2025 investieren und erwartet sich davon eine "deutliche Verbesserung der Bildungsqualität". Sie haben das zuletzt bezweifelt - und eine Bevorzugung verschränkter Ganztagsschulen kritisiert. Warum?

Weiß: Weil es bislang keine Studien gibt, die nachweisen, dass dieser verschränkte Unterricht tatsächlich positive Effekte auf den Lernerfolg hat. Und ob sich die Eltern damit wirklich Nachhilfe sparen, hängt davon ab, ob die Kinder an der Schule die nötige Ruhe haben und es Kleingruppen zum Lernen gibt. Wir haben derzeit aber nicht die nötige Infrastruktur dazu, und weil die Regierung es nicht schafft oder schaffen kann, entsprechende Rahmenbedingungen herzustellen, will man Schulen mit Nachmittagsbetreuung nun zwangsumwandeln.

Die Furche: Sie fordern eine "dem Bedarf entsprechende Investition". Kann es nicht sein, dass der Bedarf bzw. die Nachfrage nach verschränkten Ganztagsschulen größer ist als das aktuelle Angebot?

Weiß: Wir kennen viele Standorte, die beides anbieten und bei der traditionellen Nachmittagsbetreuung einen Boom feststellen, während die verschränkte Form kaum angenommen wird. Ein Problem sind sicher die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten. Aber auf die Kinder wird eben gern vergessen.

Die Furche: Und was ist mit dem Argument, dass gerade Kinder aus sozial schwachen Familien an verschränkten Ganztagsschulen besser gefördert werden können?

Weiß: Das stimmt, aber derzeit nehmen gerade die Eltern dieser Kinder die Ganztagsschule nicht an -unter anderem wegen der Kosten für das Essen. Man müsste sie also kostenlos machen, doch das wird sich mit 750 Millionen Euro nicht ausgehen. .

Die Furche: Kommen wir zum - ebenfalls umstrittenen - Schulautonomiepaket. Sie haben die eingeschränkte Mitbestimmung der Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter beklagt. Aber warum soll ein Direktor, der künftig vermehrt Verantwortung trägt, nicht auch autonomer entscheiden können?

Weiß: Das kann man fragen, aber man hat uns die Schulautonomie anfangs als "Ausbau der Schulpartnerschaft" verkauft. Dazu sollen nun noch Schulcluster kommen, da bleibt vor Ort gar keine Entscheidungskompetenz übrig.

Die Furche: Vor Ort soll es einen pädagogischen Direktor geben...

Weiß: Wobei nicht klar ist, ob der nicht zu einem besseren Administrator degradiert wird. Außerdem stellt sich die Frage, ob die Clusterleiter angesichts des vorliegenden Spardrucks wirklich so frei entscheiden können. Am Schluss bleibt von der Autonomie nur die autonome Mangelverwaltung.

Die Furche: Die Schulleiter sollen bei der Lehrerauswahl mehr Mitsprache bekommen. Freut Sie das?

Weiß: Dieses Mitspracherecht sehe ich positiv, aber nur, wenn es nach nachvollziehbaren Kriterien geschieht und es trotzdem eine Schulbehörde gibt, die lenkend eingreift. Sonst werden alle begehrten Lehrer in Schulen landen, die begehrt sind, und die anderen werden die übrigen nehmen müssen, wenn sie ihnen nichts Zusätzliches anbieten können

Die Furche: zum Beispiel finanzielle Zuckerln. Was halten Sie von einer Schulfinanzierung auf Basis eines "Sozialindex"?

Weiß: Ich habe nichts dagegen, wenn dadurch sozial benachteiligte Standorte zusätzlich gefördert werden. Aber wenn es bedeutet, dass es genauso viel Geld wie bisher gibt und jene Standorte, die entweder gut gewirtschaftet haben oder von weniger Kindern mit Migrationshintergrund besucht werden, andere querfinanzieren müssen, dann würden relativ schnell die Wogen hochgehen. Das würde ich keiner Regierung wünschen.

Die Furche: Die Wogen gehen auch bei der "Gemeinsamen Schule" hoch. Die AHS-Lehrervertreter gelten als ihre schärfsten Gegner. Aber sind die Gymnasien -zumindest in Städten -nicht längst Gesamtschulen ohne Binnendifferenzierung geworden?

Weiß: Natürlich ist das Gymnasium in den Großstädten zu breit, aber das ist halt der Wille vieler Eltern, weil sie ihr Kind nicht in eine Neue Mittelschule schicken wollen. Ich möchte den Begriff "Restschule" nicht verwenden, aber dort kommen die Kollegen oft gar nicht zum Unterrichten, weil sie mit sozialen Problemen eingedeckt sind.

Die Furche: Am Ende gehen dann in Wiener Nobelbezirken 80 Prozent der Kinder ins Gymnasium. Ist das die Leistungselite - oder nicht einfach die soziale Elite?

Weiß: Ein Faktor, den man hier bewusst gern vergisst, ist, dass der Einfluss aus dem Elternhaus von vornherein die Einstellung zur Schule prägt - vom Vorlesen bis zum Lernen. Es ist klar, dass Kinder bildungsaffiner Eltern eine andere Basis haben und eher ins Gymnasium kommen, auch wenn sie nicht intelligenter sind als andere. Wenn diese Eltern die Chance nicht mehr im öffentlichen Gymnasium sehen, schicken sie ihre Kinder eben in teure Privatschulen.

Die Furche: Und was ist mit jenen intelligenten Kindern, die das Pech hatten, in der "falschen" Familie aufzuwachsen?

Weiß: Da sind wir beim Kernproblem. Ich hätte gar nichts dagegen, wenn man ein gutes Modell entwickeln würde, bei dem man unter einem Dach nach Leistung differenziert. Aber differenzieren muss man. Und je mehr ich differenziere, desto größer werden die Unterschiede. Dazu müsste man auch einmal stehen und sagen: Es sind nicht alle Kinder gleich! Ob innere oder äußere Differenzierung besser ist, dazu gibt es übrigens laut dem Bildungsforscher Stefan Hopmann keine Daten. Man muss nur diejenigen, die es brauchen, gezielt fördern, aber das kostet etwas.

Die Furche: Einsparpotenzial orten viele in der Schulverwaltung

Weiß: Ich glaube nicht, dass hier so viel Geld einzusparen ist. Herr Androsch und andere "Experten" glauben ja, dass hier Milliarden zu holen sind - aber so viel Geld gibt es in der ganzen Schulverwaltung nicht. Oft werden unter diesem Posten auch Kosten für die Landeslehrer hineingerechnet.

Die Furche: Mehr Transparenz braucht es also in jedem Fall. Sollen künftig die Länder oder der Bund für Lehrer zuständig sein?

Weiß: Ich als Bundeslehrer möchte, dass der Bund für mich zuständig bleibt, aber die Landeslehrer werden das anders sehen. Eine Zwitterbehörde wie die geplante Bildungsdirektion wird es jedenfalls nur komplizierter machen. Ich finde, Bildung ist eine Aufgabe des Staates, aber das wird schon wegen der Landeshauptleute nicht gehen. Also will ich das gar nicht fordern.

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