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"Sitzenbleiben nützt niemandem"

Werner Specht, Mitglied der Zukunftskommission und Bildungsforscher am Zentrum für Schulentwicklung in Graz, über die aktuelle Bildungsdebatte, Ganztagsschulen und den (Un-)Sinn des Repetierens.

Die Furche: Statt über die Vorschläge der Zukunftskommission zu diskutieren, wird seit Wochen darüber gestritten, ob das rote Wien oder die schwarz-blaue Regierung Schuld am Lehrerchaos in der Bundeshauptstadt ist. Eine typisch österreichische Schuldebatte?

Werner Specht: Schon ein bisschen. Natürlich müssen solche Probleme diskutiert werden. Der Kommission ging es aber gerade darum, aus diesem kleinlichen Hickhack auszubrechen und sich auf die Kernaufgaben der Schule zu konzentrieren - die Pädagogik und die Qualität des Unterrichtens.

Die Furche: Hätten Sie sich ein größeres mediales und politisches Echo auf Ihre Vorschläge gewünscht?

Specht: Das Echo war für österreichische Verhältnisse erfreulich sachlich und ausgewogen. Aber die Auseinandersetzung könnte natürlich noch etwas lebendiger sein.

Die Furche: Liegt diese Zurückhaltung nicht daran, dass der größte Zankapfel, die Gesamtschule, von Ihnen gar nicht behandelt werden durfte?

Specht: Wir haben in den Strukturfragen nie ein Tabu gesehen, sondern in den drei Monaten unserer Arbeit bewusst mit den wesentlichen pädagogischen Fragen beschäftigt. Eine ideologische Bekenntnisdebatte nützt niemandem. Sie führt unweigerlich in die unfruchtbaren Grabenkämpfe der siebziger Jahre zurück. Aber es ist uns schon bewusst, dass es bestimmte Probleme im Schulwesen gibt, die durch eine gemeinsame Sekundarschule besser lösbar werden.

Die Furche: Etwa die soziale Segregation unter den Schülerinnen und Schülern, die in Österreich laut PISA-Studie besonders groß ist...

Specht: Richtig, und auch die Probleme, die wir in den großen Städten haben. Die Frage der Gesamtschule muss man aber differenzierter sehen: Wir wissen aus vielen Schulversuchen, dass Strukturdiskussionen nur sehr begrenzt zur Qualität des Schulwesens beitragen. Wenn solche Themen im Anschluss an die pädagogischen Fragen behandelt werden, dann soll uns das aber recht sein.

Die Furche: Ein anderes Schulmodell, das vor allem berufstätige Eltern wünschen, ist die Ganztagsschule. Was halten Sie von dieser Schulform?

Specht: Mir wäre es im Sinne einer optimalen Betreuung und Werterziehung der Kinder am liebsten, wenn sie möglichst in der Familie - von Vätern und Müttern - betreut würden. Aber so, wie die Gesellschaft beschaffen ist, erscheint es mir notwendig, die pädagogischen Aufgaben der Schule zu stärken. Insofern ist eine Ausweitung der Ganztagsbetreuung wichtig. Die Mischung von Lernen, Betreuung und Freizeit ist auch pädagogisch sinnvoll - wenn es Lehrer machen, die darin nicht nur ihren Job sehen, sondern auch einen pädagogischen Auftrag.

Die Furche: Geht es nach der Zukunftskommission, dann sollen die Schulen sich ihre Lehrer selbst aussuchen können. Viele sehen hier die Gefahr, dass sich besser situierte Schulen die besseren Pädagogen "reservieren" könnten...

Specht: Damit wird etwas ausgesprochen, was sonst - vor allem von Lehrervertretern - sorgsam vermieden wird: dass es nämlich bessere und schlechtere Lehrer gibt. Es ist aber kein Zweifel, dass das so ist und dass man etwas tun muss, um die Qualifikation der Lehrer - und zwar nach oben hin - einander anzugleichen. Natürlich kann es zu so genannten "Creaming"-Effekten kommen: Die Guten gehen zu den Guten, die Schlechten zu den Schlechten. Daher brauchen wir Mechanismen, die das verhindern - indem man Schulen in sozialen Brennpunkten durch höhere Globalbudgets besser fördert, um attraktiver zu sein.

Die Furche: Wie viel Mitsprache sollen die Schüler haben, wenn es um die Beurteilung ihrer Lehrer geht?

Specht: Wir finden es wichtig, dass die Stimmen der Schülerinnen und Schüler besser gehört werden. Ob es aber sinnvoll ist, sie in die Lehrfächerverteilung und Auswahl von Lehrinhalten einzubeziehen, ist zu bezweifeln. Was wir vorschlagen ist, dass sich Lehrer regelmäßig von Eltern und Schülern Feedback holen müssen. Wenn man das verantwortlich handhabt, ist das ein wichtiges Instrument für Schüler, ihre Interessen einzubringen.

Die Furche: Ganz im Interesse der Schüler ist Ihr Vorschlag, das Sitzenbleiben einzuschränken: Schüler sollen nur dann repetieren müssen, wenn sie mehr als zwei Nicht genügend haben oder die Eltern dies ausdrücklich wünschen. Demgegenüber hat sich Bildungsministerin Elisabeth Gehrer klar für das Sitzenbleiben ausgesprochen...

Specht: In der Diskussion wird oft verschwiegen, dass wir nicht den Freifahrschein zur Matura befürworten. Unser Gesamtansatz lautet: Verantwortung jedes Lehrers für jeden einzelnen Schüler. Wenn Schüler scheitern, dann muss sich zuerst die Schule darum kümmern und sich fragen, wie man ihn oder sie besser fördern kann. Tatsache ist, dass Sitzenbleiben eine Verschleuderung von Ressourcen und eine Zerstörung von Motivation, Selbstvertrauen und sozialem Rückhalt ist. Das ist die alte "Shock and Awe"-Pädagogik, die niemandem nützt - außer dem Lehrer, der einen unliebsamen Schüler los wird und ihn zu einem anderen Kollegen weiterreicht. Hier müssen wir an alternativen Lösungen arbeiten.

Die Furche: Um welche Schüler sich die Schule bislang nur beschränkt - nämlich nur bis zum Polytechnikum - kümmern darf, sind jene mit geistigen Behinderungen. Bis zu welchem Alter halten Sie Integration für sinnvoll?

Specht: Hier ist Flexibilität nötig: Generell zu sagen, wir müssen alle Schulformen bis zum 20. Lebensjahr öffnen, halte ich nicht für sinnvoll. Wenn es sich aber um ein behindertes Kind handelt, das in gewissen Bereichen eine Spezialbegabung hat, dann sollte ihm auch der Besuch einer BHS möglich sein. Das sollte man nicht rechtlich verbieten, wie es derzeit der Fall ist.

Die Furche: Auch die Lösung für das größte Problem der Schule steht noch aus: dass sie insgesamt negativ besetzt ist. Laut Ihrer Kommissionskollegin Christiane Spiel nimmt die Lust der Schüler am Lernen mit dem Alter stetig ab...

Specht: Hier haben wir es mit zwei Faktoren zu tun: Der eine ist die Schule, der andere ist die altersmäßige Entwicklung der Schüler, die sie auch kritikfähiger macht. Das wissen auch wir Kommissionsmitglieder, die wir alle vier Eltern sind. Was wir sehen, ist, dass Schule noch immer zu sehr als bürokratische Organisation funktioniert und zu wenig als Ort menschlichen Miteinanders. Deshalb gibt es auch kein einfaches Rezept dafür, wie man Schule attraktiver gestalten kann. Die Grundanforderung an die Lehrkräfte ist, nicht einen Alltagsjob zu tun, sondern ihre Aufgabe als Erzieher ernst zu nehmen. Das heißt auch, die Lebenswelten der Kinder zu respektieren.

Die Furche: Ein hoher Anspruch...

Specht: Natürlich, aber auch wir Eltern müssen den Kindern dort begegnen, wo sie gerade stehen.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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