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Ideen-Sammlung für eine visionäre Schule

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Schule in Österreich ganz neu zu denken, ist der Anspruch der Initiative "Neustart Schule". DIE FURCHE bat drei Bildungsexperten aus verschiedenen Lagern zur Debatte, wie sich so eine moderne Schule gestalten lässt.

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Schule in Österreich ganz neu zu denken, ist der Anspruch der Initiative "Neustart Schule". DIE FURCHE bat drei Bildungsexperten aus verschiedenen Lagern zur Debatte, wie sich so eine moderne Schule gestalten lässt.

Wie können Pädagogen jedes Kind fördern? Wie ist eine Schule zeitgemäß organisiert? Wie werden die Lehrer eingesetzt? Es diskutieren Christian Friesl, Heidi Schrodt und Günter Schmid.

Die Furche: Bildungsgerechtigkeit ist ein großes und schwer zu erreichendes Ziel. Noch immer wechseln aus bildungsfernen Schichten nur 15 von 100 Kindern nach der Volksschule ins Gymnasium. Bei Kindern von Akademikern sind es 69 von 100. Innerhalb welchen schulischen Rahmens ist das Ziel der gleichen Startchancen für alle am ehesten erreichbar?

Günter Schmid: Bildungsgerechtigkeit ist dann gegeben, wenn alle das gleiche Recht auf freie Wahl haben und niemand zu etwas gezwungen wird. Optimale Bildung ist pädagogisch betrachtet in jeder Organisationsform möglich. In Österreich kann Gott sei Dank jeder kostenlos jede Schulform besuchen. Bei uns landen auch bildungsferne Kinder manchmal im Gymnasium, in England kaum.

Heidi Schrodt: Man wird nie eine Bildungsgerechtigkeit im Sinne eines totalen Ausgleichs erzielen, aber wir müssen uns bemühen, dass jedes Kind gute Startchancen hat. Es wäre zu einfach, die Schuldebatte auf eine Strukturdebatte zu reduzieren und zu sagen: "Wir führen eine Gesamtschule und eine Ganztagsschule ein, und die Pädagogik bleibt gleich." Auch die Neue Mittelschule (NMS) in ganz Österreich in der jetzigen Erscheinungsform zu verordnen, würde der Individualisierung nicht gerecht werden. Wir müssen an vielen Hebeln ansetzen: Von der frühkindlichen Förderung über die Nahtstellen mit zehn und 14 Jahren bis zur Pädagogenbildung.

Die Furche: Haben Sie bei "Neustart Schule" schon konkrete Vorstellungen entwickelt, wie der organisatorische Rahmen einer modernen Schule aussehen soll?

Christian Friesl: Derzeit geht es uns darum, dass verschiedene Menschen für eine Neukonzeption des Bildungssystems eintreten. Zunächst wollen wir hinhören, was Betroffene zu diesem Schulsystem sagen. Mit Reformen ist es nicht getan, auch wenn viele der Reformen in den letzten Jahren in die richtige Richtung gegangen sind, etwa die Investition in Ganztagsschulen. Aber die 8000 bis 10.0000 Schulabbrecher jährlich sind zuviele, aus sozialer und ökonomischer Perspektive. Wir wollen, dass die Politik stärker darüber nachdenkt, wie das Bildungssystem den heutigen Anforderungen eher entsprechen kann.

Die Furche: Eine Forderung von "Leistung und Vielfalt" ist eine Leistungselite, die sich aus allen sozialen Schichten rekrutiert. Wie soll das gelingen?

Schmid: Wir wollen, dass alle Bildungsüberlegungen vom Kind ausgehen. Die Qualität des Unterrichts muss besser werden. Unser internationales Weiterbildungs-Institut "Evocation" arbeitet genau daran. Durch eine gute Schulentwicklung ist sehr viel möglich. Egal, ob Gymnasium oder NMS: Ansetzen kann man nur in der Klasse, in der Arbeit mit den Kindern. Aber man sollte akademisch gebildeten Eltern nicht vorwerfen, dass sie ihre Kinder fördern.

Schrodt: Das tut auch niemand. Ich habe mich für mein Buch "Schule und Migration in Österreich" zwei Jahre mit Kindern mit Migrationshintergrund beschäftigt. Wenn man in Wiener, Grazer oder Linzer Hauptschulen und NMS an sogenannten Brennpunkten näher hinsieht, sind dort zu hundert Prozent solche Kinder. Da stimmt was mit dem System nicht, denn die sind ja nicht per se weniger begabt. Sie können wegen ihrer Herkunft nicht ausreichend Deutsch nach der vierten Volksschule und dürfen schon deshalb nicht das Gymnasium besuchen.

Schmid: Das ist ein unerträglicher Zustand, der behoben werden muss. Nur: Die wenigen Migranten, die Finnland hat, stehen laut Pisa-Studie noch schlechter da in ihrem Land als unsere Migranten.

Schrodt: Das ist für mich irrelevant. Schmid: Aber wenn unser System daran Schuld wäre, müsste ein anderes System wie das finnische eine bessere Situation schaffen.

Friesl: Aber nur dann, wenn das finnische System zu hundert Prozent auf Österreich passen würde, und das glaube ich nicht. Das ist auch der Weg von "Neustart Schule": Zuerst zu schauen, wo es die Missstände gibt. Bildung beginnt quasi am ersten Lebenstag mit den Eltern. Die Pädagogen benötigen genauso die Freiheit, das zu tun, was sie für richtig halten. Unser Ziel ist eine möglichst autonome Schule, die die vorgegebenen Bildungsziele individuell umsetzt. Derzeit gibt es in Österreich eine Art Steuerungsillusion: Man glaubt, von der Bildungsministerin abwärts gäbe es ein klares Bild darüber, was Bildung ist, und die Lehrer sollen das umsetzen. Das trifft heute nicht mehr zu.

Die Furche: Wieweit soll die Schulautonomie gehen, auch in punkto Personalmanagement?

Schmid: Einerseits bin ich ein Verfechter von Autonomie, andererseits kann es entsetzlich in die Hose gehen, wenn die falschen Leute an den Schaltstellen sitzen.

Schrodt: Da braucht es halt ein Controlling. Die Umstellung wäre bei unserer zentralistischen Tradition aber sicher schwierig.

Schmid: Aber wir beide haben es ja als Schuldirektoren autonom gemacht. Ich habe 20 Jahre lang das Wiedner Gymnasium geleitet, ohne je nach oben hin eine Frage gestellt zu haben.

Friesl: Das zeigt, dass es Zeit ist für eine Neukonzeption des Systems. Weil es besonders mutige Leute braucht, die sich am Rande des Erlaubten bewegen - das kenne ich aus der Kirche - damit sich etwas bewegt. Man sollte es diesen Menschen leichter machen. Es gibt inzwischen viele Initiativen, die eine Systemreform fordern.

Schrodt: Ich würde die Grenze dort ziehen, wo die Verantwortung des Staates ausgelagert wird an andere Schulträger und Firmen, wie im angelsächsischen Raum. Ansonsten sollte der Staat die Zielvorgaben und die Qualitätskontrollen leisten, und sämtliche Fragen bis zur Personalauswahl sollte die Schule übernehmen.

Schmid: Wenn man die Lehrer sensibilisiert dafür, wie ein Kind Begabungen entfalten kann, dann kann man Unglaubliches erreichen. Nur viele der Lehrer, die man erreicht, scheitern daran, dass es ihnen in diesem System schwer bis unmöglich gemacht wird.

Die Furche: Individualität ist ein wichtiges Stichwort für "Neustart Schule". Das Fördern von Talenten soll im Mittelpunkt stehen, nicht das Suchen von Fehlern. Wie fördert man Kinder am besten?

Schmid: Indem man sie als Personen ernst nimmt, ihrer selbst Willen, nicht um der Schule und des Funktionierens in einem System willen. Sobald eine Lehrperson diese Botschaft versteht, dreht sich der Unterricht um. Der Sir-Karl-Popper-Schule gelingt das gut, auch manchen Volksschulen.

Schrodt: Es braucht auch organisatorische Rahmenbedingungen wie flexible Lehrgruppen. Wenn man als Lehrkraft 25 Kinder betreuen muss, ist das ein starres System. Dann halt noch eine zweite Person reinzustellen und sonst alles beim Alten zu belassen, ermöglicht keine Einzelförderung. Mir gefallen jahrgangsübergreifende Modelle in Volksschulen sehr gut. So kann ein Drittklässler im Lesen noch mit der zweiten oder schon mit der vierten Klasse mitmachen.

Schmidt: Alle starren Barrieren müssen abgebaut werden. Auch Stunden-und Fächer-Grenzen.

Die Furche: Wie kann man verhindern, dass diese Nahtstelle mit zehn Jahren den weiteren Bildungsweg festlegt?

Schrodt: Das ist eine beliebige Schnittstelle, die in Österreich halt gewachsen ist, aber entwicklungspsychologisch nicht sinnvoll ist. Hinter der Gymnasiumsdebatte steckt ja eine ganz andere Wertdebatte. Man sollte das Bildungssystem jahrgangsübergreifend gestalten: Gruppen von drei bis sechs, sechs bis neun, neun bis zwölf, etc. Die Oberstufen-Formen, die zum Studium führen, müssten dann schon anders organisiert sein.

Schmid: Wenn man utopisch denkt, sollte die Schule von sechs bis 18 barrierefrei übergreifend sein. Das wäre wohl nicht finanzierbar, aber theoretisch wäre es ideal.

Friesl: Ich bin positiv überrascht von Ihrer Einigkeit beim Thema Individualisierung. Da geht international der Trend hin, dafür müssen wir den Rahmen schaffen. Derzeit schaffen wir es nicht mal, uns auf ein Öffnen der 50-Minuten-Grenze zu einigen.

Die Furche: Interessant ist die Forderung "Bildungspflicht statt Schulpflicht" von "Neustart Schule": Demnach sollen Schüler nicht neun Jahre absitzen, sondern die Bildungspflicht endet mit dem Erreichen von Bildungszielen.

Friesl: Wir müssen uns darauf einigen, was Schüler in Österreich mit 14 oder 18 können sollten. Wenn sie ein Jahr früher dran sind, ist das toll, wenn sie ein Jahr länger brauchen, sollen sie nicht irgendwo abgestellt werden. Stattdessen soll alles versucht werden, das angestrebte Level zu erreichen.

Die Furche: Sie einigen sich also auf das modulare System, wo nicht mehr alle jedes Fach absolvieren müssen?

Schrodt: Aber nicht so, wie es jetzt in der Oberstufe gehandhabt wird. Die Grenzen sind nach wie vor viel zu eng. Nicht einmal die Schultypen Realgymnasium und Gymnasium darf man auflösen. Es gibt Kinder, die in beiden Bereichen begabt sind. Ich fände es gut, wenn man sich nach Ende der Schulpflicht noch weiterbilden oder Abschlüsse nachholen kann bis zum Alter von 18 Jahren.

Friesl: Denen, die nicht so gute Startchancen hatten, soll nicht die Chance genommen werden, zu einem guten Abschluss zu kommen.

Die Furche: Sie einigen sich auf das Modulsystem, wo nicht mehr alle jedes Fach absolvieren müssen?

Schmid: In der Popper-Schule ist genau das der Fall: Ein Modul, das man nicht positiv abschließt, kann man wahlweise durch ein anderes, gleichwertiges ersetzen oder nachholen. Der Zeitverlust ist so relativ reduziert. Ein vernünftiges Modulsystem umfasst im Gegensatz zum gegenwärtigen starren Modulsystem alle Bereiche.

Die Furche: Stichwort Standardisierung: Steht der internationale Trend in Richtung Bildungsstandards, Zentralmatura, Pisa-Tests nicht in Widerspruch zur viel geforderten Individualisierung?

Schmid: Die Sorge habe ich auch. Eine standardisierte Deutsch-Matura ist das Ende eines guten Deutsch-Unterrichtes. Die gute Deutsch-Lehrerin arbeitet flexibel, nicht standardisiert.

Schrodt: Bei den Bildungsstandards der achten Schulstufe in Deutsch sollten 52 Teilkompetenzen abgeprüft werden - absurd! Dieser Ranking-Wahn ist problematisch, aber generell macht der internationale Vergleich Sinn, um Verbesserungsbedarf zu orten.

Friesl: Wir sollten uns darauf einigen, was Schüler mit einem bestimmten Alter an Leistungen erbringen sollen. Viele positive Diskussionen sind auch durch den internationalen Vergleich entstanden. Die Durchführung ist aber wieder typisch österreichisch, bürokratisch überpräzise.

Die Furche: Wie kann man die besten Pädagogen finden und den Beruf aufwerten?

Friesl: Das Lehrerbashing muss ein Ende haben. Das ist eines unserer formulierten Ziele.

Schrodt: Ich bin für Auswahlverfahren zu Beginn des Studiums. Die jetzigen Auswahlverfahren, wo fast 100 Prozent aufgenommen werden, weil man sonst nicht genug Lehrer findet, sind eine Augenauswischerei. Der Aufnahmetest sollte stärker auf die Persönlichkeit der Bewerber achten.

Friesl: Ich denke, dass die "PädagogInnenbildung neu" in die richtige Richtung geht, dass man weniger Unterschiede macht zwischen Volksschullehrern, NMSund Gymnasiallehrern. Und dass man erkennt, dass die besten Pädagogen dort eingesetzt gehören, wo die Kinder noch klein sind, weil dort am meisten Potenzial liegt.

Schmid: Ich wünsche mir eine allgemeine Ausbildung in Richtung Kinderorientierung, aber auch eine gezieltere Ausbildung. Ein Lehrer für Behindertenpädagogik braucht eine andere Ausbildung als ein Lehrer für Hochbegabte.

Schrodt: Ein großes Problem ist, dass die Elementarpädagogik im Kindergarten nicht berücksichtigt wird und die Sonderschul-Pädagogik auf Module reduziert wird, die alle absolvieren.

Schmid: Eine Abschaffung der Sonderschulen ist inhuman.

Die Furche: Wie schätzen Sie das Nebeneinander von privaten und öffentlichen Schulen ein??

Friesl: Es sollte fähigen Leuten leichter gemacht werden, eine Schule zu gründen. Da gibt es sicher noch Spielraum für mehr Privatschulen. Aber generell sollten öffentliche Schulen dieselben Erfolge bringen können.

Schrodt: Derzeit gibt es eine eklatante Schlechterstellung von konfessionellen Privatschulen, weil die Lehrergehälter dort vom Staat bezahlt werden. Da sollte man sich dringend etwas überlegen. Wo es prekär werden könnte, ist in der NMS im städtischen Bereich. Aus meinem Freundeskreis geben zwar manche ihre Kinder in die NMS, aber in eine private.

Schmid: Gott sei Dank sind Privatschulen bei uns gerade noch leistbar. Es gibt eine tolle Privatschule in Wels, die alle Altersgrenzen aufgehoben hat, von drei bis fünfzehn Jahren. Zwei Schwestern haben diese Initiative ins Leben gerufen. Die Eltern sind begeistert, zahlen aber eine Menge Geld, die Lehrpersonen dort kriegen nicht viel Geld. Die Furche: Ihr kleinster gemeinsamer Nenner hat sich als größer herausgestellt als erwartet.

Das Gespräch führte Sylvia Einöder

Die Diskutanten

Heidi Schrodt

Die AHS-Lehrerin war langjährige Direktorin des Gymnasiums Rahlgasse in Wien und arbeitete in der Lehreraus- und -fortbildung. Die Vorsitzende der Initiative "Bildung Grenzenlos" war Proponentin der Initiative "Bildungsvolksbegehren".

Christian Friesl

Der Religionspädagoge ist Bereichsleiter für Bildung und Gesellschaft der Industriellenvereinigung. Friesl war Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung und Präsident der Katholischen Aktion. Nun arbeitet er an der Initiative "Neustart Schule".

Günter Schmid

Der einstige Direktor des Wiedner Gymnasiums und Gründungsdirektor der Sir-Karl-Popper-Schule arbeitet heute als Experte für Begabtenförderung. Schmid lehrt an der Donau-Universität Krems und leitet Schulentwicklungs-Projekte im In- und Ausland.

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