Welttag des Buches: Nachdenken über das Lesen

1945 1960 1980 2000 2020

Der Suhrkamp-Verlag feierte die 70 Jahre seines Bestehens. Der Band „Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe“ versammelt lesenswerte Essays von renommierten Autorinnen und Autoren.

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Der Suhrkamp-Verlag feierte die 70 Jahre seines Bestehens. Der Band „Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe“ versammelt lesenswerte Essays von renommierten Autorinnen und Autoren.

Immer mehr Bücher werden gedruckt, aber sie werden immer weniger gelesen. Und die Fähigkeit zum konzentrierten Lesen lässt nach. So und ähnlich lauten die Befunde und Klagen vonseiten jener, die Lesen aus unterschiedlichen Gründen hoch schätzen. Gelesen wird aber durchaus viel, nur eben anders, meint der Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Beitrag „Lesen in der regressiven Moderne“ im Band „Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe“. Für dieses Buch haben renommierte Suhrkamp-Autoren wie Clemens Setz, Friederike Mayröcker, Annie Ernaux, Rachel Cusk, Maria Stepanova und Sibylle Lewitscharoff ebenso Texte beigetragen wie Philosophen und Soziologinnen wie Eva Illouz, Andreas Reckwitz, Jürgen Habermas und Hans Joas.

Gegen die kulturpessimistische Klage wendet Nachtwey ein, dass zugleich auch eine Demokratisierung einziehe, die früher undenkbar gewesen wäre: etwa dass Leserinnen und Leser im Internet Geschichten und Romane weiterschreiben und damit selbst zu Autorinnen und Autoren mit einer enormen Reichweite werden. Doch auch die Auffassung, Lesen wäre gleichbedeutend mit emanzipatorischer Aufklärung, bezweifelt der Soziologe. Der Blick in die Geschichte gibt diesem Zweifel recht: Fanden sich doch unter überzeugten Nationalsozialisten kulturbeflissene und sehr belesene Menschen – es brachte sie nicht davon ab, sich am Massenmord zu beteiligen bzw. ihn zu planen.

Versuche, die Welt zu verstehen

Dass Menschen, die lesen, anderen mit mehr Empathie begegnen würden, ist wohl eher ein Wunsch denn Wirklichkeit. Durch Lesen wird man leider nicht automatisch ein besserer Mensch. Zudem kommt es ja auch noch auf die Literatur an, die gelesen wird. Literatur kann der Emanzipation ebenso dienlich sein wie der Gegenaufklärung.

Wie die Soziologie versucht auch so manche Literatur, die soziale Welt zu verstehen. Viele Soziologinnen wie etwa auch Eva Illouz griffen und greifen daher auf die Werke von Literaten zurück, weil sich darin einiges zur jeweiligen Gesellschaft finden lässt. Auch wenn Literatur nie ein Abbild von Welt ist, so entwirft und gestaltet sie doch Bilder von Welt und wird dadurch „zu einem zentralen Reflexionsmedium der Moderne“, so Nachtwey. „Literatur ist der Ort der hypothetischen Reflexion über besondere Einzelne und ihre Verstrickung in gesellschaftliche Prozesse, Verunsicherungen und Dilemmata.“ Romane haben oft „zeitgenössische Verhältnisse im Lichte der Globalisierung, durch Ökonomisierung und Gentrifizierung veränderter Lebenswelten und sich wandelnder Familien- und Geschlechterarrangements in den Blick genommen“. Dabei können auch gesellschaftliche Schräglagen sichtbar werden und Kehrseiten von Erfolgsgeschichten.

„Lesen ist immer ein langes, ununterbrochenes Gespräch mit mir selbst gewesen“, schreibt die Soziologin Eva Illouz, „ein Gespräch, das manchmal durch Klischees unterbrochen wird, das sich manchmal in jenem langsamen Prozess entfaltet, in dem man lernt, seine Erfahrungen zu benennen, und manchmal in meinem Versuch, den Nebel um eine Welt zu lichten, die ich nicht ganz verstehe.“

Tipp: Aktuellen Lesestoff, der unter anderem gesellschaftliche Verhältnisse in den Blick nimmt, bietet das „booklet“, die Literaturbeilage der FURCHE, die anlässlich des Welttages des Buches am 23. April dieser FURCHE beiliegt.

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