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Blickwechsel

DISKURS
3 - © Foto: Wolfgang Schwens

Blickwechsel

1945 1960 1980 2000 2020

Migrationsliteratur war gestern. Autorinnen wie Shida Bazyar und Asal Dardan führen den Begriff ad absurdum.

1945 1960 1980 2000 2020

Migrationsliteratur war gestern. Autorinnen wie Shida Bazyar und Asal Dardan führen den Begriff ad absurdum.

Und dann wird es plötzlich ungemütlich beim Lesen. Dabei hatte man sich doch so gut eingerichtet und alles richtig gemacht. Sich moralisch auf der richtigen Seite verortet, Rassismus, ach woher, ich doch nicht. Im Gegenteil. Man weiß ja, dass man in einer rassistischen Gesellschaft lebt. Man weiß, wie diskriminierend es ist, Menschen beständig auf ihren „Migrationshintergrund“ festzulegen. Man setzt das Wort sogar unter Anführungszeichen, um sich davon zu distanzieren und Fragen nach der Herkunft kommen einem sowieso nicht über die Lippen.

Der Erzählerin in Shida Bazyars neuem Roman „Drei Kameradinnen“ ist das einerlei. Sie macht die Leserinnen zu anderen, spricht sie beständig an und schließt sie dabei aus. Diese Vorverurteilung kann ganz schön nerven auf Dauer, immerhin hat man keinen Anlass gegeben, in diese Schublade gesteckt zu werden. Dass man dieses Buch liest, ist das nicht schon Beweis genug? Aber genau darin liegt das Wesen von Vorurteilen, mit denen die drei Protagonistinnen Saya, Hani und Erzählerin Kasih von klein auf konfrontiert sind: „Ich höre jetzt auf, weiterzuschreiben. Das hat keinen Zweck, denn ich versuche mir permanent vorzustellen, wer ihr seid, während ihr euch vorzustellen versucht, wer wir sind. Wir sind nicht so anders als ihr. Das denkt ihr nur, weil ihr uns nicht kennt. Weil ihr keine Kindheit hattet, die so roch wie unsere, und weil ihr keine Freundinnen habt, mit denen ihr diese stinkende Kindheit hättet teilen können. Ihr habt auf jeden Fall gerade verschiedene Gedanken. Ihr findet Hani jetzt schon unsympathisch und ihr stellt euch Saya jetzt schon hübsch vor. Ihr wartet auf den Moment, in dem ich erkläre, wer von uns aus welchem Land kommt. Das nämlich müsst ihr wissen, bevor ihr euch in uns eindenken könnt.“

Und dann wird es plötzlich ungemütlich beim Lesen. Dabei hatte man sich doch so gut eingerichtet und alles richtig gemacht. Sich moralisch auf der richtigen Seite verortet, Rassismus, ach woher, ich doch nicht. Im Gegenteil. Man weiß ja, dass man in einer rassistischen Gesellschaft lebt. Man weiß, wie diskriminierend es ist, Menschen beständig auf ihren „Migrationshintergrund“ festzulegen. Man setzt das Wort sogar unter Anführungszeichen, um sich davon zu distanzieren und Fragen nach der Herkunft kommen einem sowieso nicht über die Lippen.

Der Erzählerin in Shida Bazyars neuem Roman „Drei Kameradinnen“ ist das einerlei. Sie macht die Leserinnen zu anderen, spricht sie beständig an und schließt sie dabei aus. Diese Vorverurteilung kann ganz schön nerven auf Dauer, immerhin hat man keinen Anlass gegeben, in diese Schublade gesteckt zu werden. Dass man dieses Buch liest, ist das nicht schon Beweis genug? Aber genau darin liegt das Wesen von Vorurteilen, mit denen die drei Protagonistinnen Saya, Hani und Erzählerin Kasih von klein auf konfrontiert sind: „Ich höre jetzt auf, weiterzuschreiben. Das hat keinen Zweck, denn ich versuche mir permanent vorzustellen, wer ihr seid, während ihr euch vorzustellen versucht, wer wir sind. Wir sind nicht so anders als ihr. Das denkt ihr nur, weil ihr uns nicht kennt. Weil ihr keine Kindheit hattet, die so roch wie unsere, und weil ihr keine Freundinnen habt, mit denen ihr diese stinkende Kindheit hättet teilen können. Ihr habt auf jeden Fall gerade verschiedene Gedanken. Ihr findet Hani jetzt schon unsympathisch und ihr stellt euch Saya jetzt schon hübsch vor. Ihr wartet auf den Moment, in dem ich erkläre, wer von uns aus welchem Land kommt. Das nämlich müsst ihr wissen, bevor ihr euch in uns eindenken könnt.“

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Bazyar dreht den mit Vorverurteilungen und Stereotypen gespickten Spieß um, ein wirkungsvoller literarischer Trick, den sie gnadenlos umsetzt. „Ich mache ohne Reihenfolge weiter, ihr Deutschlehrer und Deutschlehrerkinder.“ Widerspruch zwecklos, jetzt wird zugehört. Bazyar, so scheint es, macht sich keine Illusionen über ihr Publikum, das wohl tatsächlich größtenteils aus einem linken, aufgeklärten, weiblichen Bildungsbürgertum besteht. Auf den ersten Blick sind auch ihre drei Kameradinnen integriert, sie sind gut ausgebildet, haben studiert, sie kennen die Gesellschaft, in der sie leben, von klein auf. Zu Fremden werden sie nur durch den Blick einer Gesellschaft, die sich selbst als autochthon deutsch versteht, statt die eigene Diversität zu erkennen, was einer Realitätsverweigerung gleichkommt.

Identitäten sind so vielfältig wie Gefühle der Fremdheit und der Zugehörigkeit. Fragen der Teilhabe sind nicht nur Fragen der Identität, es sind Fragen der Macht.

Zu Beginn des Buches erfahren wir, dass Saya verhaftet wurde, ein Zeitungsartikel brandmarkt sie als islamistische Terroristin. Vom Wiedersehen anlässlich einer Hochzeit ausgehend, wird von den vielen kleinen Nadelstichen und großen Verletzungen erzählt, die aus den drei Frauen Kameradinnen und nicht nur Freundinnen macht. Von scheinbaren Kleinigkeiten wie dem ständig falsch ausgesprochenen Namen, davon, dass das Bier plötzlich einen Euro mehr kostet als für alle anderen, bis hin zur Ohnmacht, die der NSU-Prozess auslöst. Zwar stehen Saya, Hani und Kasih für unterschiedliche Wege, mit der kontinuierlichen Diskriminierung umzugehen. Während Hani alles Negative ausblendet und Kasih zur Chronistin der Ungerechtigkeit wird, staut sich in Saya eine unglaubliche Wut an, die man beim Lesen nur teilen kann, während man sich fragt, ob einem das zusteht, angesichts der eigenen Privilegien, und gleichzeitig weiß man, dass viel mehr Menschen wütend werden sollten über Unrecht, das sie eben nicht am eigenen Leib erfahren.

Asal Dardan verhandelt ähnliche Themen wie Shida Bazyar, aber sie stimmt ihre Instrumente anders. Dabei könnte der Titel durchaus Gegenteiliges vermuten lassen. „Betrachtungen einer Barbarin“ klingt zynisch, als wolle Dardan ihren Lesern einen Spiegel vorhalten, wie es Bazyars Erzählerin tut, aber es ist kein zynisches Buch. Ihre autobiografischen Essays verhandeln Themen wie Heimat, Fremdheit, Sprache und Rassismus. Dardan plädiert für eine Erweiterung des Wir-Begriffs, der Marginalisierte und Minderheiten miteinschließt, mit allen Rechten und Pflichten, die damit verbunden sind. Und so ist es nur konsequent, dass sie sich mit den Spuren des Nationalsozialismus auseinandersetzt, weil es die Geschichte einer Gesellschaft ist, deren Teil sie ist, auch wenn andere ihr diese Zugehörigkeit streitig machen wollen.

Drei Kameradinnen Cover - © Witsch 2021
© Witsch 2021
Literatur

Drei Kameradinnen

Roman von Shida Bazyar
Kiepenheuer & Witsch 2021
352 S., geb., € 22,95

Beide, Dardan und Bazyar, greifen auf die Morde des NSU zurück, um die Perversion des Blicks auf die eigenen „migrantischen“ Mitbürger und ihre Effekte aufzuzeigen. Über Jahre hatte die Polizei die Opfer ohne irgendeinen Hinweis darauf in einem kriminellen Umfeld verortet, allein aufgrund von Vorurteilen bezüglich ihrer Herkunft. Auch als der rechtsradikale Kontext unübersehbar geworden war, wurden die Opfer und ihre Familien wie Täter behandelt. Dardan formuliert die schockierende Einsicht: „Vor allem der Verfassungsschutz hatte keinen Grund, etwas anderes als die Suche nach rechtsradikalen Täter*innen zu priorisieren. Aber die schreckliche Wahrheit ist, dass die Ermittler*innen mit demselben Blick auf die Opfer und ihre Hinterbliebenen schauten wie die Mörder – was sie sahen, waren Andere.“

Das nimmt Dardan zum Anlass, sich mit Opfern zu beschäftigen, ihre Namen zu nennen, ihre Geschichten zu erzählen. Und angesichts brennender Flüchtlingsheime in Deutschland und dem Ertrinken überlassenen Menschen im Mittelmeer, kann man nicht anders als sich zu fragen, wer hier die Barbaren sind.

Es läge nahe, zwischen Dardan und Bazyar eine Verbindung über ihre iranischen Wurzeln zu ziehen. Dardan, 1978 in Teheran geboren, kam schon als Kleinkind auf der Flucht mit ihren Eltern zunächst nach Deutschland, später nach Aberdeen. Auch Bazyars Eltern flüchteten in den 1980er Jahren vor der islamischen Revolution im Iran nach Deutschland, sie wurde wenig später geboren. Doch scheint es weniger die konkrete Herkunft, die verbindend wirkt, sondern die darauf aufbauenden Erfahrungen. Nicht alle davon sind negativ und haben mit Diskriminierung zu tun. Das fehlende nationalistische Heimatgefühl verleiht Dardan etwa eine Offenheit für neue Orte, das Dazwischenstehen schafft Distanz und schärft den Blick. Dardans Essays verknüpfen das Politische mit dem Persönlichen, und das stilistisch elegant und sehr entschieden. „Anton-Siegfried-Anton-Ludwig, ich buchstabiere meinen Namen sehr oft auf diese Weise. Das bewahrt mich nicht davor, dass er gelegentlich als exotisch bezeichnet wird. Viele würden mir erklären, dass dem keine rassistische Intention zugrunde liege. Aber es ist ein Symptom mangelnder Akzeptanz und Auseinandersetzung mit der Pluralität der deutschen Gesellschaft.“

Betrachtungen-einer-Barbarin-Cover - © Campe 2021
© Campe 2021
Literatur

Betrachtungen einer Barbarin

Von Asal Dardan
Hoffmann und Campe 2021
192 S., geb., € 23,90

Es hat sich viel getan. Aus der „Gastarbeiter“- wurde die „Migrantenliteratur“, und jetzt, so kann man nur hoffen, findet endlich ein längst überfälliger Integrationsprozess statt, der solchen beschränkenden Zuschreibungen den Nährboden entzieht. Dardan und Bazyar tun nicht so, als spiele es keine Rolle, wo sie selbst oder ihre Eltern herkommen. Das tut Herkunft nie, egal ob geografisch, kulturell oder sozial. Wer wir sind, ergibt sich aus einem dichten Netz sozialer und kommunikativer Anknüpfungspunkte. Identitäten sind so vielfältig wie Gefühle der Fremdheit und der Zugehörigkeit. Fragen der Teilhabe sind nicht nur Fragen der Identität, es sind Fragen der Macht. Dardan und Bazyar ergreifen das Wort und lassen sich nicht von anderen einen Ort zuweisen.

Seit Maxim Biller 2014 die deutsche Literatur als langweilig abtat und migrantische Schriftsteller als angepasste, preisverwöhnte Wohlfühlautoren abqualifizierte, während er ihnen die Aufgabe aufbürdete, origineller, ja stilistisch überbordender sein zu müssen - ein seltsamer, seinerseits diskriminierender Exotismus - hat sich ein Quantensprung ereignet. Die deutschsprachige Literaturlandschaft ist diverser geworden, was mit demografischen Entwicklungen, aber auch mit einem zunehmenden gesellschaftlichen Druck zu tun hat. Das Frühjahr 2021 bietet viele großartige Texte unterschiedlichster Autorinnen und Autoren. Man könnte an dieser Stelle einige Namen nennen, doch das würde suggerieren, dass es sich dabei um Einzelbeispiele handelt. Das ist keineswegs der Fall, auch wenn man die literaturkritische und anderweitige mediale Aufmerksamkeit nicht mit dem tatsächlichem Anteil am Markt verwechseln darf. Noch sind wir in der Phase der Thematisierung des Fremden und in der Annäherung. Ein schmerzhaft langsamer Prozess, denkt man daran, dass Autorinnen wie Emine Sevgi Özdamar, Yoko Tawada und viele andere schon vor Jahrzehnten mit ihren Texten eine Blickumkehr herbeiführten, und das mit ästhetisch verwegenen, kraftvollen, ja avantgardistischen Werken. Neu ist der Perspektivwechsel also keineswegs, doch jetzt erobern sich neue Generationen ihren Raum und man kann nur hoffen, dass sich ein historisches Momentum ergibt.

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