Schweini - © Foto:Getty Images / Anadolu Agency / Leon Kuegeler
Gesellschaft

Pathos und Aufmerksamkeit: Heul doch!

1945 1960 1980 2000 2020

In Zeiten von permanenten Leidensbekundungen entsteht Pathos im Überfluss. Doch nicht alle werden in ihrem Leiden ernst genommen, schreibt die Journalistin Solmaz Khorsand in ihrem neuen Buch „Pathos“.

1945 1960 1980 2000 2020

In Zeiten von permanenten Leidensbekundungen entsteht Pathos im Überfluss. Doch nicht alle werden in ihrem Leiden ernst genommen, schreibt die Journalistin Solmaz Khorsand in ihrem neuen Buch „Pathos“.

Das Pathos dient in der Rhetorik dazu, beim Publikum ein Gefühl zu erzeugen, damit das Argument fruchten kann. Was aber, wenn es überhandnimmt? Die Journalistin Solmaz Khorsand hat ein Buch über das Pathos im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie geschrieben. Ein Gespräch über Leiden in Würde, „Black Lives Matter“ und Befindlichkeitsjournalismus.

DIE FURCHE: „Wem zugestanden wird, weich zu sein, darf bei der kleinsten Unannehmlichkeit aufheulen“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wem wird denn in unserer Gesellschaft zugestanden, weich zu sein?
Solmaz Khorsand: Die Frage ist, wer erlaubt sich, den Raum zu nehmen, und wem wird er dann auch gegeben. Und hier kommen wir schnell in das Thema, wer welche Machtpositionen hat und welche Privilegien genießt. Grundsätzlich kann jeder sein Pathos ausdrücken, nur wird nicht jeder dabei ernst genommen. „Die Reichen sind anders als wir“, hat der Autor F. Scott Fitzgerald geschrieben, „sie sind weich, wo wir hart sind.“ Er spricht über die unterschiedlichen Levels von Resilienz. Das hat man sehr gut bei dem ersten Corona-Lockdown gesehen. Sobald wir in Österreich, einem friedlichen, stabilen und reichen Land in Europa, mit gewissen Einschränkungen zu leben haben, die unsere Grundrechte beschränken, war das Pathos sehr groß. Der Aufschrei jener, die noch nie einstecken mussten und plötzlich gezwungen wurden, zu Hause zu bleiben, Masken zu tragen, Abstand zu halten, war immens.

DIE FURCHE: Und wer muss stillhalten, wer darf sich nicht beklagen? Khorsand: Marginalisierte Gruppen, wie etwa Menschen mit körperlichen Behinderungen, sind es gewohnt, dass die Gesellschaft ihren Ansprüchen nie gerecht wird. Sie wissen, dass eine Stadt nicht ideal auf sie zugeschnitten ist, aber hören wir sie permanent schreien, obwohl es ihnen vielleicht eher zustehen würde als dem Typen im Supermarkt, der sich weigert, seine Maske zu tragen? Nein. Das zieht sich durch alle Bereiche, egal ob wir über Sexismus oder Rassismus sprechen. Es muss erst richtig schlimm sein, dass wir über gewisse Dinge sprechen. Im Fall von Sexismus am Arbeitsplatz muss die Kollegin schon begrabscht, beschimpft oder vergewaltigt worden sein, dass es ein Thema ist. Dass Frauen aber täglich mit Sexismus zu kämpfen haben, indem sie zum Beispiel in einer Konferenz permanent übergangen und absichtlich überhört werden, reicht nicht.

Das Pathos dient in der Rhetorik dazu, beim Publikum ein Gefühl zu erzeugen, damit das Argument fruchten kann. Was aber, wenn es überhandnimmt? Die Journalistin Solmaz Khorsand hat ein Buch über das Pathos im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie geschrieben. Ein Gespräch über Leiden in Würde, „Black Lives Matter“ und Befindlichkeitsjournalismus.

DIE FURCHE: „Wem zugestanden wird, weich zu sein, darf bei der kleinsten Unannehmlichkeit aufheulen“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wem wird denn in unserer Gesellschaft zugestanden, weich zu sein?
Solmaz Khorsand: Die Frage ist, wer erlaubt sich, den Raum zu nehmen, und wem wird er dann auch gegeben. Und hier kommen wir schnell in das Thema, wer welche Machtpositionen hat und welche Privilegien genießt. Grundsätzlich kann jeder sein Pathos ausdrücken, nur wird nicht jeder dabei ernst genommen. „Die Reichen sind anders als wir“, hat der Autor F. Scott Fitzgerald geschrieben, „sie sind weich, wo wir hart sind.“ Er spricht über die unterschiedlichen Levels von Resilienz. Das hat man sehr gut bei dem ersten Corona-Lockdown gesehen. Sobald wir in Österreich, einem friedlichen, stabilen und reichen Land in Europa, mit gewissen Einschränkungen zu leben haben, die unsere Grundrechte beschränken, war das Pathos sehr groß. Der Aufschrei jener, die noch nie einstecken mussten und plötzlich gezwungen wurden, zu Hause zu bleiben, Masken zu tragen, Abstand zu halten, war immens.

DIE FURCHE: Und wer muss stillhalten, wer darf sich nicht beklagen? Khorsand: Marginalisierte Gruppen, wie etwa Menschen mit körperlichen Behinderungen, sind es gewohnt, dass die Gesellschaft ihren Ansprüchen nie gerecht wird. Sie wissen, dass eine Stadt nicht ideal auf sie zugeschnitten ist, aber hören wir sie permanent schreien, obwohl es ihnen vielleicht eher zustehen würde als dem Typen im Supermarkt, der sich weigert, seine Maske zu tragen? Nein. Das zieht sich durch alle Bereiche, egal ob wir über Sexismus oder Rassismus sprechen. Es muss erst richtig schlimm sein, dass wir über gewisse Dinge sprechen. Im Fall von Sexismus am Arbeitsplatz muss die Kollegin schon begrabscht, beschimpft oder vergewaltigt worden sein, dass es ein Thema ist. Dass Frauen aber täglich mit Sexismus zu kämpfen haben, indem sie zum Beispiel in einer Konferenz permanent übergangen und absichtlich überhört werden, reicht nicht.

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DIE FURCHE: In Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie hat das Pathos eine wichtige Funktion. Befinden wir uns in einer Pathosmisere?
Khorsand: Ich spreche nicht grundsätzlich von einer Misere, sondern eher von einer Pathos-Fatigue. Es gibt verschiedene Philosophen und Philosophinnen, die den Begriff geprägt haben. Ich habe mich an dem Pathosbegriff in der Rhetorik orientiert, weil es der Journalistik am Nächsten kommt. Und hier spricht Aristoteles davon, dass Pathos eine der drei Säulen der Überzeugung ist, gemeinsam mit Logos, dem Argument einer Rede, und dem Ethos der Glaubwürdigkeit und dem Charakter des Sprechenden. Das Pathos ist das Gefühl, das wir versuchen beim Publikum hervorzurufen, damit der Logos fruchten kann. Man kann schon erkennen, dass dieses übermäßige Verwenden von Pathos dazu dient, die Menschen aufzurütteln, und dass die Laut stärke immer wieder nach oben gedreht werden muss, weil so viele verschiedene Dinge in dieser Aufmerksamkeitsökonomie miteinander konkurrieren.

Grundsätzlich kann jeder sein Pathos ausdrücken, nur wird nicht jeder dabei ernst genommen.

Solmaz Khorsand

DIE FURCHE: Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die Pathoshierarchie. Als Beispiel führen Sie gendermedizinische Aspekte an. Frauen und Männer werden beim Arzt unterschiedlich behandelt. Warum?
Khorsand: Grundsätzlich ging es um die Frage, wer sein Pathos mit der Welt teilen darf und wer dabei gehört wird. Ich habe mir hier auch die Medizin angeschaut. Zahlreiche Studien aus den USA zeigen, dass Männer und Frauen beim Arztbesuch anders behandelt werden. Beispielsweise ist es erwiesen, dass Frauen bei Schmerzen häufiger Beruhigungsmedikamente bekommen als Schmerzmittel. Die Ärzte gehen davon aus, dass die Frau hysterisch ist und dass sie übertreibt. Bei einem Mann schaut man sich das schon genauer an. Er erhält auch schneller die Schmerzmedikamente. Dann kommen noch weitere Faktoren hinzu, zum Beispiel die Hautfarbe. Schwarze Patienten und Patientinnen haben viel schlechtere Chancen auf eine allumfassende Behandlung als Weiße, weil sie mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert sind, etwa dass sie in Wirklichkeit keine Schmerzen haben und nur ihre Drogensucht stillen wollen. Und dann gibt es noch die unglaublich rassistische Annahme, dass Schwarze eher Schmerzen ertragen können. Viele schwarze Frauen, die beim Frauenarzt etwas ruppiger angegangen werden, bekommen den „Kommentar“ zu hören: „Ihr haltet doch Schmerzen ohnehin besser aus.“

DIE FURCHE: Der Körper, in dem wir leben, bestimmt also auch, ob unser Pathos ernst genommen wird?
Khorsand: Was den Körper angeht, habe ich mich in meinem Buch auf die Schweizer Geschlechterforscherin und Philosophin Patricia Purtschert bezogen. Sie schreibt, dass der nichtweiße Körper Teil einer kolonialen Ausstellungskultur ist, eine Art Spektakel. Als Beispiel hat sie die Corona toten in Italien angeführt. Die Berichterstattung in den Medien war ihnen gegenüber sehr respektvoll, man hat beispielsweise nicht gesehen, wie sie vor sich hinsiechen. Und die Frage ist schon, warum wir das bei Ebola-Infizierten im Kongo nicht schaffen. Es gibt schon eine Hierarchie, welche Körper es verdient haben, in ihrer Krise respektvoll und mit Würde gezeigt zu werden, und welche nicht.

Weiter denken #9: Pathos: Die Krise als Privileg

Journalistin und Autorin Solmaz Khorsand spricht mit FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic über ihr neues Buch "Pathos".

DIE FURCHE: Stichwort Würde: In Ihrem Buch geht es auch um den Tod von George Floyd. Es bedarf sehr viel, dass so eine breite Bewegung wie „Black Lives Matter“ entsteht. Warum ist das so?
Khorsand: Das Pathos marginalisierter Gruppen wird nur im Extrem von einer Mehrheits- oder Dominanzgesellschaft wahrgenommen. Es reicht nicht, dass Betroffene, Wissenschafterinnen, Journalisten und Aktivistinnen permanent über Rassismus auf dem Wohnungsmarkt, bei der Arbeitssuche oder in Konfrontationen mit der Polizei berichten. Es muss schon ein schwarzer Mann vor laufender Kamera nach Luft betteln und sterben, damit die Letzten kapieren, dass es da ein Problem mit Rassismus gibt. Dann stellt man sich natürlich die Frage: Warum müssen schwarze Körper unter weißen Knien ersticken, damit das passiert?

DIE FURCHE: Wann wird Pathos problematisch?
Khorsand: Pathos ist kontext- und kulturabhängig. Was wir als pathetisch empfinden, werden die Deutschen, Franzosen oder die Amerikaner nicht als pathetisch empfinden, und umgekehrt. In Deutschland hat man nach 1945 festgestellt, dass Politiker in Abgrenzung zur NS-Diktatur und ihren brüllenden Vertretern eher versucht haben, einen gedämpften Sprechstil in ihren Reden anzuwenden und so emotionslos wie möglich ihr Publikum zu adressieren. Mit diesem Abgrenzungsgedanken im Hinterkopf hat ein Grönemeyer-Konzert in der Wiener Stadthalle 2019 viele Deutsche irritiert. Dabei hat er sich beim Konzert ganz klar gegen Rechtspopulismus gewendet und gesagt: „Es muss klar sein, auch wenn Politiker schwächeln, und das ist in Österreich nicht anders als in Deutschland, dann liegt es an uns, zu diktieren, wie ʼne Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so ʼne Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel, für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze (...)“. Das, was viele gestört hat, war, wie er es gesagt hat. Er hat es reingebrüllt in einen halbdunklen Saal vor tausenden Menschen, das hat viele an die dunkelsten Zeiten der deutschen und österreichischen Geschichte erinnert.

Es muss schon ein schwarzer Mann vor laufender Kamera nach Luft betteln und sterben, damit die Letzten kapieren, dass es da ein Problem mit Rassismus gibt.

Solmaz Khorsand

DIE FURCHE: Gibt es hier zwischen Deutschland und Österreich unterschiedliche politische Kulturen?
Khorsand: Ich tue mir mit der Wertigkeit schwer. Das Schöne am Pathos ist, dass sich jeder seiner bedienen kann. Ob das eine Klimaaktivistin ist, die mit einem Schild vor dem schwedischen Parlament sitzt, oder Coronaleugner mit Aluhüten. Um wieder auf Aristoteles zurückzukommen, das Pathos ist Mittel zum Zweck, das Hauptanliegen ist ja das Argument. Es gilt immer, Inhalt vor Form. Wenn das Pathos aber überhandnimmt, gibt es eine gewisse Gefahr, dass man nicht mehr mit dem Denken nachkommt, weil das Gefühl ja kein Pro und Kontra kennt.

DIE FURCHE: Pathos kann ja auch jemandem zugeschrieben werden. Können sich Menschen, denen ein Pathos zugeschrieben wird, in dem ein rassistisches Vorurteil enthalten ist, überhaupt davon befreien?
Khorsand: Ich habe in diesem Zusammenhang die deutsche Journalistin Kübra Gümüşay zitiert. Sie ist Muslima und trägt ein Kopftuch. Sie wurde häufig in deutsche Talksendungen eingeladen, um den Deutschen den Islam zu erklären. Sie selbst schreibt in ihrem Buch „Sprache und Sein“, dass sie immer bemüht war, diesen Diskurs zu versachlichen. Irgendwann hat sie gemerkt, dass sie mit ihrer Teilnahme indirekt ein Narrativ befeuert, das sie ablehnt. Man hat sie eingeladen, um die Fragen zu beantworten, die die anderen interessiert haben, und nicht die Fragen, die sie sich selbst gestellt hat. Sie war die Benannte, die man inspiziert hat. Dadurch ist ihr eigenes Interesse an ihrer Religion in den Hintergrund gerückt. Sie musste sich
plötzlich über Dinge informieren, die völlig uninteressant für sie waren. Und daran sieht man schon, dass Menschen durch diese Schubladisierungen gezwungen sind, zu Dingen Stellung zu nehmen, die nicht nur für sie völlig irrelevant sind, sondern dass ihre einzige Rolle und Wortspende der Perpetuierung der Schubladisierung dient.

Solmaz Khorsand - © Foto: Luiza Puiu

Solmaz Khorsand

Solmaz Khorsand ist Journalistin beim Schweizer Magazin „Republik“. Ihr Buch „Pathos“ ist 2021 erschienen.

Solmaz Khorsand ist Journalistin beim Schweizer Magazin „Republik“. Ihr Buch „Pathos“ ist 2021 erschienen.

DIE FURCHE: Sie bezeichnen das in Ihrem Buch als „Stockholm-Pathos“.
Khorsand: Genau. Was passiert mit jemandem, wenn das Pathos der anderen ins eigene Zentrum gerückt wird? Wenn man permanent das fremde Pathos mehr beachten muss als das eigene? Wenn ich einen schwarzen Sohn habe, der in einer amerikanischen Vorstadt abends laufen gehen will, dann werde ich sagen, „Mach das bitte nicht! Und schon gar nicht in einem Kapuzenpulli“, weil ich weiß, dass genug Menschen seinen schwarzen Körper als Bedrohung sehen, und zwar so sehr als Bedrohung sehen, dass sie ihn vielleicht erschießen. Das ist kein Schauermärchen, sondern Realität. Deswegen gibt es nicht umsonst in vielen marginalisierten Gruppen den „Talk“, den Eltern mit ihren Kindern führen, wie sie sich gegenüber der Polizei verhalten sollen, um möglichst unbeschadet aus diesem Zusammentreffen herauszukommen. Das bedeutet: Es ist für einige Menschen kein intellektueller Luxus, das Pathos anderer und ihre Befindlichkeiten zu berücksichtigen. Es ist eine Frage des eigenen Überlebens.

DIE FURCHE: Pathos wird über die Öffentlichkeit transportiert: Sprechen wir also über den Journalismus. Es gab eine Untersuchung von Journalistenschulen in Deutschland: Was ist dabei herausgekommen?
Khorsand: Die Soziologin Klarissa Lueg hat 2012 in ihrer Doktorarbeit „Habitus, Herkunft und Positionierung: Die Logik des journalistischen Feldes“ drei deutsche Journalistenschulen genauer untersucht. Das Ergebnis war, dass 68 Prozent aus einem „hohen“ Herkunftsmilieu stammen. Ihre Eltern sind meistens Akademiker und Akademikerinnen, die Väter überdurchschnittlich oft promoviert oder habilitiert. Die Folge dessen ist, dass die Redaktionen aus diesem Pool von Professorenkindern ihre Redakteure und ihr Personal schöpfen. Und so sind immer die gleichen Themen am Start, die gleichen Protagonisten und Perspektiven, ein ähnlicher Schreibstil. Wenn Sie sich anschauen, welche Texte für große Reportagepreise nominiert sind, bekommt man den Eindruck, dass alle von ein und derselben Person geschrieben wurden. Das ist nicht nur langweilig, sondern auch problematisch. Glücklicherweise wird die Debatte „Diversität im Journalismus“ seit einigen Jahren nun in Deutschland geführt. Ob es in Österreich irgendwann der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.

Es entsteht der Eindruck, dass freie Autoren nur dann eine Chance haben, veröffentlicht zu werden, wenn sie über ihr eigenes Trauma schreiben und das fast schon pornografisch mit der Welt teilen.

Solmaz Khorsand

DIE FURCHE: Kommen wir zum Befindlichkeitsjournalismus, der meist aus der Ich-Perspektive geschrieben wird. Dieser lebt ja auch vom Pathos. Wann wird dieser problematisch?
Khorsand: Mir ging es vor allem um den Magazinjournalismus. Was ich feststellen muss, ist, dass oft der Autor oder die Autorin im Zentrum stehen müssen, dass sie über ihre eigene Vergewaltigung berichten, über die eigene Überfahrt mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer, die eigene Schwester mit Behinderung porträtieren. Ich glaube, man gewinnt hier sehr viele spannende Einblicke, und ich bin auch dankbar, dass viele Schreibende diese teilen. Aber man merkt, dass Redaktionen gezielt solche Texte suchen. Es entsteht der Eindruck, dass freie Autoren nur dann eine Chance haben, veröffentlicht zu werden, wenn sie über ihr eigenes Trauma schreiben und das fast schon pornografisch mit der Welt teilen. Analytische Berichte oder rechercheintensive Geschichten werden intern vergeben. Hier müssen die Redaktionen ihrer Verantwortung nachkommen, dass sie nicht junge, oft auch etwas unerfahrene freie Journalistinnen und Journalisten so konditionieren, dass sie ihnen sagen, „wenn du aufs Cover willst mit deiner Story, dann brauchen wir schon dein persönliches Trauma. Ob du analytisch zu einem Thema denken kannst oder recherchierst, interessiert uns herzlich wenig. Erzähl uns bitte von deiner eigenen Tragödie. Das ist etwas, womit wir unser Heft verkaufen können.“

DIE FURCHE: Sie appellieren dafür, sich ab und zu vom eigenen Pathos eine Pause zu gönnen. Ist Pathos, den man öffentlich vorträgt, nicht auch schon etwas für eine gewisse Kommunikationselite? An wen also richtet sich dieser Appell?
Khorsand: Wir alle haben Pathos, und wir wollen es teilen. Die Frage ist, tun wir das mit unseren Freunden, Familie und Kollegen oder suchen wir die Reichweite, die Öffentlichkeit. Im letzteren Fall beginne ich zu fragen, warum wir die Öffentlichkeit suchen. Journalisten und Journalistinnen oder Politikerinnen haben natürlich eine andere Reichweite als Privatpersonen. Und hier spielt es schon eine Rolle, welche Themen sie mit Pathos aufladen. Mit einem Account mit abertausenden Followern kann ich mich darüber aufregen, dass es einen Zwei­-Meter­-Abstand gibt, oder ich kann thematisieren, dass in China Uiguren in Lagern gehalten werden und systematisch verfolgt werden. Es liegt schon in unserer Hand. Es ist ein Appell an die eigene Blase, auch an uns Journalistinnen und Journalisten, zu sagen, wo richten wir den Schweinwerfer hin. Klar richten wir den Scheinwerfer auf Dinge, die uns selbst nahestehen. Aber genau das ist ein Problem. Es kann nicht sein, dass nur jene Sachen einen Raum bekommen, mit denen ich mich identifiziere, und alles andere ausgeklammert wird.

DIE FURCHE: Viele richten ja auch die Aufmerksamkeit auf Flüchtlingslager auf Lesbos zum Beispiel...
Khorsand: Auch jene, die sich für eine gute Sache einsetzen, sollten ihr eigenes Pathos drosseln, anstatt sich damit zu berauschen, dass sie mit dem Leid eines Dritten mitleiden. Es ist wichtig, dass sie sich selbst aus dem Zentrum ziehen und diesen Dritten ins Zentrum holen. Das bedeutet für mich auch eine Form der Solidarität, dass man den Scheinwerfer nicht auf sich selbst richtet, sondern auf andere.

Pathos  - © Foto: Kremayr & Scheriau
© Foto: Kremayr & Scheriau
Buch

Pathos

Von Solmaz Khorsand
Kremayr & Scheriau 2021
128 S., geb., € 18,–

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