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Algorithmus statt Journalismus

FOKUS
Algorithmus - © Illustration: Rainer Messerklinger

Alexander Filipović: „Menschen wollen den Algorithmus“

1945 1960 1980 2000 2020

Nachrichten werden heute vorwiegend via Smartphone oder Laptop rezipiert. Und immer weniger durch Journalisten sortiert. Ein Gespräch mit dem Medienethiker Alexander Filipović.

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Nachrichten werden heute vorwiegend via Smartphone oder Laptop rezipiert. Und immer weniger durch Journalisten sortiert. Ein Gespräch mit dem Medienethiker Alexander Filipović.

Seit dem Sommersemester 2021 ist Alexander Filipović Professor für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zuvor war er Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München. Er ist unter anderem Mitherausgeber der wissenschaftlichen Medienzeitschrift für Medienethik Communicatio Socialis und betreibt den Blog www.unbeliebigkeitsraum.de.

DIE FURCHE: „Journalismus ist so wichtig wie nie und so bedroht wie selten zuvor“: So hat der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen im Juni 2020 – nach der ersten Coronawelle – die Lage der Medien gegenüber der FURCHE auf den Punkt gebracht. Zehn Monate und mehrere Lockdowns später: Wie stellt sich für Sie diese Lage dar?
Alexander Filipović: Wir haben mit Beginn der Pandemie gesehen, wie wichtig Einordnung und Wissensvermittlung sind. In der Breite der Bevölkerung gibt es die Sehnsucht nach richtiger Information und nach Transferleistungen aus der Wissenschaft in verständliche Sprache. Da ist es richtig, wenn Kollege Pörksen sagt, der Journalismus ist so notwendig wie nie. Wir merken ja auch, dass die Politik im Umgang mit Wissen und Wissenschaft überfordert ist, und wir merken gleichzeitig, dass die Wissenschaft selber die Wissenschaftskommunikation nicht erfunden hat. Deswegen ist die Schnittstelle, die Übertragung von Wissen in die öffentliche Sphäre, ungemein wichtig.

DIE FURCHE: Gilt das aber aktuell immer noch uneingeschränkt?
Filipović: Es stimmt, dass mittlerweile Ernüchterung eingetreten ist. Denn wir sehen ja, dass die getroffenen Entscheidungen nicht nur rein wissensgetrieben, sondern durch Interessen, Machtinteressen geprägt sind, durch kleine Gruppen, die Druck machen. So verfestigt sich etwa der Eindruck, über die Hälfte der Bevölkerung wolle, dass Lockerungen stattfinden, obwohl das – so zumindest eine Studie aus Deutschland – gar nicht stimmt, sondern eine Gruppe ist sehr lautstark. Plötzlich ist nicht mehr Wissensvermittlung notwendig, weil die Orientierung weggeht von der rationalen Lösung. Ich finde es schade, dass wir nicht mehr der Wissenschaft vertrauen, und deswegen sucht auch der Journalismus nach seiner Rolle in einer Situation, wo die Politik und die Interessen wieder das Ruder übernehmen. Da würde ich mir eine noch kritischere Haltung des Journalismus wünschen, der eine Wissenschaftsbasierung anmahnt.

DIE FURCHE: Und dass der Journalismus noch nie so bedroht war, wie Bernhard Pörksen meint …
Filipović: … auch das stimmt, dass die sogenannten Mainstreammedien unter Verdacht stehen, weil die ja mit den Regierenden „unter einer Decke stecken“ oder mit den Leuten, die die Impfungen oder das Virus „erfunden“ haben: Das ist eine große Verleumdungs- und Verblendungskampagne. Man sieht ja, was bei den sogenannten Querdenker-Demonstrationen los ist: Die bedrohen Journalisten, die kognitive, rational denkende Aufklärungsmenschen sind, aber das ist nicht die Kategorie derer, die da protestieren. Aber die Bedrohung aus dieser Ecke ist relativ klein.

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