Österreich - © Foto: picturedesk.com / KURIER / Jeff Mangione

Inseratenkorruption: Der große Medienirrtum

1945 1960 1980 2000 2020

Nationalratspräsident und Ex-Bundeskanzler schürten öffentlich den Glauben, Journalismus sei käuflich. Doch das ist ehrenrührig und demokratiegefährdend. Drei Einordnungen.

1945 1960 1980 2000 2020

Nationalratspräsident und Ex-Bundeskanzler schürten öffentlich den Glauben, Journalismus sei käuflich. Doch das ist ehrenrührig und demokratiegefährdend. Drei Einordnungen.

Erstens: Die Fehleinschätzung

Es war nicht einmal ein Sturm im Wasserglas, bloß ein Lüfterl auf Twitter – dieser Live-TV-Dialog auf oe24: „Sie kennen das Geschäft ja. Fürs Inserat gibt’s ein Gegengeschäft, oder?“ „Ja, natürlich.“ So fragte der Präsident des Nationalrats. Und so antwortete der Eigentümer eines Medienhauses. Was die beiden Wolfgangs (Sobotka und Fellner) am 10. Dezember 2020 offenbarten, hätte in einer funktionierenden Mediendemokratie einen Skandal verursacht. Ihr Missverständnis ist gesellschaftsgefährdend und ehrenrührig. Es untergräbt das Vertrauen in ein korrektes Verhältnis der legitimierten Staatsgewalten zur vierten, nicht festgeschriebenen, die diesen Status meist allzu kokettierend von sich weist.

Politik und Medien haben es verabsäumt, diese beidseitige Entgleisung laut zu verurteilen. Solch Kleinreden verstärkt alle Vorurteile über die Verhaberung von Akteuren und Kontrolleuren. Ohne schreiendes „So sind wir nicht!“ überwiegt die Interpretation eines schamhaften Schweigens. Politik und Medien teilen den Fehler mangelnder Transparenz in eigener Sache. Fellners Blätter sind nicht Mitglied im Verband Österreichischer Zeitungen. Doch der Outlaw macht Krawall und Meinung. Statt nobler Zurückhaltung braucht es eine klare Ausgrenzung, um sich von seinen Methoden abzuheben. Hier den Schlussstrich zu ziehen, kann nicht den Kaufleuten der Medienbranche überlassen werden.

Journalisten sind bei der Offenlegung ihrer legitimen Geldquellen oft zu verschämt und zögerlich. Die mangelnde Erklärung der Finanzierung des eigenen Tuns wiegt das natürliche Gegenüber in falscher Sicherheit und verfestigt seine Fehleinschätzungen. Sebastian Kurz, der in seiner zweiten Periode als Bundeskanzler auch direkt das Medienressort verantwortete, sagte am 6. Oktober 2021 in der „ZiB 2“ des ORF: „Ich hoffe sehr, dass es eine Gegenleistung gab. Nämlich Berichterstattung und ein Inserat. Das ist nämlich der Preis, den man bezahlt.“ Die Sendung hatte ein Millionenpublikum. So viele Leser waren der Erklärung des Vereins der Chefredakteure am nächsten Tag bloß zu wünschen: „Keine redaktionelle Gegenleistung für Inserate: Wir halten Abstand und lassen uns nicht vereinnahmen.“

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