"Wichtigste Währung ist Vertrauen"

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Wie umgehen mit Verschwörungstheorien, Manipulation, Hasspostings? Der Philosoph Georg Schildhammer über Lügen in (digitalen) Medien.

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Wie umgehen mit Verschwörungstheorien, Manipulation, Hasspostings? Der Philosoph Georg Schildhammer über Lügen in (digitalen) Medien.

Der Mord an einem siebenjährigen Mädchen in Wien hat für Entsetzen gesorgt. Bald blühten (falsche) Spekulationen in sozialen Netzwerken, neben Mitgefühl für die aus Tschetschenien stammende Familie zeigte sich rasch Hetze und Hass. Es ist die dunkle Seite des Internet - neben Verschwörungstheorien und der immer einfacheren Manipulation durch gefakte Bilder oder Videos. Wie kann und soll man damit umgehen? Georg Schildhammer, Philosoph und Lektor für Medienethik an der FH Joanneum Graz, wird am 24. Mai im Rahmen der Reihe "Styria Ethics" mit dem ORF-Journalisten und Buch-Autor Simon Hadler über "Die Lüge im Journalismus" diskutieren (siehe unten und rechts). DIE FURCHE hat vorab mit ihm gesprochen.

Die Furche: Herr Schildhammer, zur Erschütterung um den Mord an einer Siebenjährigen kam die Fassungslosigkeit über zahllose Hasspostings und Falschbehauptungen in sozialen Netzwerken. Wie soll man auf solche Dynamiken reagieren?

Georg Schildhammer: Die juristische Perspektive wäre eine Anzeige, falls es sich tatsächlich um Verhetzung handelt. Wenn es nicht strafrechtlich relevant ist, muss man aber akzeptieren, dass es Menschen gibt, die so etwas machen. Sonst geraten wir in einen rigiden Zensurstaat, was ich als Liberaler ablehne. Auch früher hat es Leute gegeben, die geschrien haben: "Auf den Scheiterhaufen!", nun kommt das eben in neuer Gestalt daher. Man kann nur insofern dagegen halten, als man selbst einen rationalen Diskurs führt und mit echtem Namen und so korrekt wie möglich publiziert. Und man sollte auch Kinder von Anfang an medienkompetent machen, damit sie hinterfragen: Wo kommt eine Nachricht her? Mit welcher Intention ist sie geschrieben? Und wer profitiert -cui bono? Man kann ihnen dadurch auch deutlich machen, dass Boulevardmedien deshalb so undifferenziert berichten und auf der Ressentimentwelle schwimmen, weil sie die Auflage erhöhen wollen.

Die Furche: Die Frage ist, wo "Undifferenziertheit" endet und "Lüge" beginnt. Georgi Schischkoff definiert in seinem philosophischen Wörterbuch Lüge als "auf Täuschung berechnete Aussage, die das verschweigt bzw. entstellt, was der Aussagende über den betreffenden Sachverhalt weiß bzw. anders weiß, als er sagt". Ist also auch das Nicht-Sagen oder Beschönigen eine Lüge?

Schildhammer: Ich würde sagen, wenn ich etwas weiß, es aber -darauf angesprochen - negiere oder anders darstelle, dann ist es eine Lüge. Es geht um das bewusste Entstellen oder Verschweigen von Fakten.

Die Furche: Ein Hauptvorwurf derjenigen, die von "Lügenpresse" sprechen, ist, dass bei Meldungen über Straftaten mitunter der ethnische Hintergrund des Täters nicht genannt wird. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

Schildhammer: Es kommt darauf an, wie man dieses Faktum darstellt und was die Intention dahinter ist. Es wäre etwa rassistisch und logisch unsinnig zu sagen: "Alle Afghanen sind Gewalttäter!" Aber statistisch gesehen sind Afghanen und Tschetschenen die problematischsten Gruppen unter den Flüchtlingen, zumindest in Wien. Diese Information bei einer Meldung aus Gründen der political correctness prinzipiell zu verschweigen, finde ich nicht richtig. Es kommt auch darauf an, was ich aus dieser Information mache. Ein FPÖ-Politiker würde vielleicht sagen: Die gehören alle hinausgeschmissen! Ein sozialdemokratischer oder grüner Politiker würde sagen: Für die müssen wir uns spezielle Schulungsprogramme überlegen und Sozialarbeiter hinschicken. Aber zu lügen, weil ich glaube, damit die Welt besser zu machen, ist nicht okay -auch, weil es paternalistisch ist. Gerade Linke müssten sagen: Wir können offen darüber reden und dann demokratisch entscheiden! Doch dazu muss ich die Leute zuerst einmal informieren und ehrlich zu ihnen sein.

Der Mord an einem siebenjährigen Mädchen in Wien hat für Entsetzen gesorgt. Bald blühten (falsche) Spekulationen in sozialen Netzwerken, neben Mitgefühl für die aus Tschetschenien stammende Familie zeigte sich rasch Hetze und Hass. Es ist die dunkle Seite des Internet - neben Verschwörungstheorien und der immer einfacheren Manipulation durch gefakte Bilder oder Videos. Wie kann und soll man damit umgehen? Georg Schildhammer, Philosoph und Lektor für Medienethik an der FH Joanneum Graz, wird am 24. Mai im Rahmen der Reihe "Styria Ethics" mit dem ORF-Journalisten und Buch-Autor Simon Hadler über "Die Lüge im Journalismus" diskutieren (siehe unten und rechts). DIE FURCHE hat vorab mit ihm gesprochen.

Die Furche: Herr Schildhammer, zur Erschütterung um den Mord an einer Siebenjährigen kam die Fassungslosigkeit über zahllose Hasspostings und Falschbehauptungen in sozialen Netzwerken. Wie soll man auf solche Dynamiken reagieren?

Georg Schildhammer: Die juristische Perspektive wäre eine Anzeige, falls es sich tatsächlich um Verhetzung handelt. Wenn es nicht strafrechtlich relevant ist, muss man aber akzeptieren, dass es Menschen gibt, die so etwas machen. Sonst geraten wir in einen rigiden Zensurstaat, was ich als Liberaler ablehne. Auch früher hat es Leute gegeben, die geschrien haben: "Auf den Scheiterhaufen!", nun kommt das eben in neuer Gestalt daher. Man kann nur insofern dagegen halten, als man selbst einen rationalen Diskurs führt und mit echtem Namen und so korrekt wie möglich publiziert. Und man sollte auch Kinder von Anfang an medienkompetent machen, damit sie hinterfragen: Wo kommt eine Nachricht her? Mit welcher Intention ist sie geschrieben? Und wer profitiert -cui bono? Man kann ihnen dadurch auch deutlich machen, dass Boulevardmedien deshalb so undifferenziert berichten und auf der Ressentimentwelle schwimmen, weil sie die Auflage erhöhen wollen.

Die Furche: Die Frage ist, wo "Undifferenziertheit" endet und "Lüge" beginnt. Georgi Schischkoff definiert in seinem philosophischen Wörterbuch Lüge als "auf Täuschung berechnete Aussage, die das verschweigt bzw. entstellt, was der Aussagende über den betreffenden Sachverhalt weiß bzw. anders weiß, als er sagt". Ist also auch das Nicht-Sagen oder Beschönigen eine Lüge?

Schildhammer: Ich würde sagen, wenn ich etwas weiß, es aber -darauf angesprochen - negiere oder anders darstelle, dann ist es eine Lüge. Es geht um das bewusste Entstellen oder Verschweigen von Fakten.

Die Furche: Ein Hauptvorwurf derjenigen, die von "Lügenpresse" sprechen, ist, dass bei Meldungen über Straftaten mitunter der ethnische Hintergrund des Täters nicht genannt wird. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

Schildhammer: Es kommt darauf an, wie man dieses Faktum darstellt und was die Intention dahinter ist. Es wäre etwa rassistisch und logisch unsinnig zu sagen: "Alle Afghanen sind Gewalttäter!" Aber statistisch gesehen sind Afghanen und Tschetschenen die problematischsten Gruppen unter den Flüchtlingen, zumindest in Wien. Diese Information bei einer Meldung aus Gründen der political correctness prinzipiell zu verschweigen, finde ich nicht richtig. Es kommt auch darauf an, was ich aus dieser Information mache. Ein FPÖ-Politiker würde vielleicht sagen: Die gehören alle hinausgeschmissen! Ein sozialdemokratischer oder grüner Politiker würde sagen: Für die müssen wir uns spezielle Schulungsprogramme überlegen und Sozialarbeiter hinschicken. Aber zu lügen, weil ich glaube, damit die Welt besser zu machen, ist nicht okay -auch, weil es paternalistisch ist. Gerade Linke müssten sagen: Wir können offen darüber reden und dann demokratisch entscheiden! Doch dazu muss ich die Leute zuerst einmal informieren und ehrlich zu ihnen sein.

Wenn ich nur Dreck lese und mich nur durch ein Medium informiere, habe ich meine Eigenverantwortung als Rezipient nicht erfüllt.

Die Furche: Aber was ist Wahrheit überhaupt? Der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen kritisiert in seinem bemerkenswerten Buch "Die große Gereiztheit" (vgl. FURCHE Nr. 8/2018) die Rede von der "postfaktischen Gesellschaft": Es sei immer gelogen worden, Wahrheit sei immer konstruiert und beim Schreiben mische man Recherchiertes, Erfahrenes und teils Erfundenes zusammen, fokussiere, lasse weg.

Schildhammer: Natürlich kann man in einer Zeitung nicht die gesamte Welt beschreiben, dieser Anspruch ist nicht realisierbar. Wenn also eine Regierung nur jene Zeitungen fördert oder auch nur ermöglicht, die regierungsgenehme Berichterstattung machen, wird es problematisch. Man braucht eine Komplexität an Perspektiven -auch an politischen -, deshalb ist es auch so wichtig, mehrere Medien zu konsumieren. Und als Journalist muss man zumindest den Anspruch haben, möglichst viele Perspektiven zu bieten. Wenn man hier einseitig ist, wird man ohnehin nicht mehr ernst genommen.

Die Furche: Apropos: Nach einem Fehler des ORF Tirol hat Vizekanzler Strache ein Bild mit Armin Wolf und folgendem Text gepostet: "Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden: den ORF." Was sagen Sie zu dieser Attacke?

Schildhammer: Grundsätzlich finde ich es legitim, dass auch ein öffentlich-rechtliches Medium in der Kritik stehen kann. Und natürlich gibt es auch beim ORF Journalisten, wo subjektive Verzerrungen stattfinden. Aber gerade Armin Wolf scheint mir relativ ausgewogen alle zu kritisieren. Und auch insgesamt halte ich einen öffentlich-rechtlichen Sender, in dem sich alle gesellschaftlich relevanten Gruppen -auch Minderheiten -präsentieren können, für wichtig. Und das, obwohl ich ein Liberaler bin.

Die Furche: Ob ORF oder anderswo: Journalistinnen und Journalisten haben jedenfalls als "Gatekeeper" enorm an Macht und Autorität verloren: Jeder kann heute publizieren, gleichzeitig werden Informationen durch (intransparente) Algorithmen gewichtet. Wie bewerten Sie das?

Schildhammer: Es hat hier natürlich eine Machtverschiebung gegeben. Ich hüte mich aber davor, jemandem die Rolle des legitimen Gatekeepers zuzuschreiben. Vor einigen Jahren gab es einen Skandal bei den New York Times, bei dem aufgedeckt wurde, dass ein Journalist mehrere Storys frei erfunden hatte. Er wurde fristlos entlassen, und zu Recht: Denn auf Wahrheit basierendes Vertrauen ist die wichtigste Währung im Journalismus. Dieser Fall zeigt aber, dass die Frage "Wer überwacht die Wächter?" legitim ist. Die Tatsache, dass man heute durch Social Media eine Live-Berichterstattung von überall her bekommen kann, während man früher darauf vertrauen musste, dass das Korrespondentennetz des Spiegel seriös genug arbeitet, ist schon spannend.

Die Furche: Aber was bedeutet es für die Mediennutzung, wenn seriös recherchierte Artikel gleichwertig neben krudesten Verschwörungstheorien oder persönlich aufgeblasenen Geschichten stehen können?

Schildhammer: Es macht die Mediennutzung sicher schwieriger, aber ich denke, wir wachsen an der Herausforderung. Genau diese Möglichkeit, dass auch der vielzitierte "kleine Mann" über diverse Onlineforen am Diskurs teilnehmen kann und zugleich Journalisten und Intellektuelle tiefer ins Volk hineinhören können, ist auch positiv. Insgesamt glaube ich an die Kraft der Dialektik und daran, dass wir durch das permanente Interagieren die Technologie verbessern und uns selbst weiterentwickeln können.

Die Furche: Aber ist es nicht ein Grundproblem, dass in digitalen Medien oft nicht klar ist, wer überhaupt hinter einem Text steckt? Bernhard Pörksen zitiert dazu einen Cartoon von 1993 aus dem "New Yorker", wo ein Hund vor dem Computer sitzt und sagt: "In the internet, nobody knows you're a dog".

Schildhammer: Das stimmt, aber nur weil ich einen Journalisten namentlich kenne, kann ich noch nicht sicher sein, ob ich ihm vertrauen kann. Plausibler scheint mir, sich auf die kohärentistische Wahrheitstheorie zu berufen, die da lautet: Die Dinge müssen zusammenpassen. Wenn mir ein renommierter Journalist sagt, dass die Hauptstadt von Österreich Berlin ist, werde ich ihm trotzdem in Zukunft mit Skepsis begegnen. Aber solange er mich nicht enttäuscht, werde ich ihm mehr oder weniger vertrauen.

Die Furche: Pörksen hat die Utopie einer "redaktionellen Gesellschaft" vor Augen. Dazu gehört Erziehung zur Medienmündigkeit, ein dialogischer Journalismus, der autoritäres Gatekeeping durch "Gatereporting" ersetzt -und Transparenzpflichten für Plattformmonopolisten. Was sind Ihre Wünsche für mehr mediale Wahrheit?

Schildhammer: Ich sehe hier drei Ebenen. Auf der politischen Makroebene braucht es Rahmenbedingungen in Form von Medienrecht, adäquater Journalistenausbildung und Presseförderung, um ein vielfältiges mediales Angebot zu bewahren. Auch die Gestaltung des Bildungssystems gehört dazu, bei dem der Umgang mit Medien vermittelt werden soll: Was kann ich glauben? Wie skeptisch muss ich gegenüber Algorithmen sein? Dann gibt es die Mesoebene der Unternehmen. Hier wären Ethik-Kodizes hilfreich, in denen sich Medienunternehmen etwa freiwillig verpflichten, seriös zu recherchieren und so an der Top-Währung Vertrauen zu arbeiten. Und auf der individuellen Mikroebene geht es darum, dass konkrete Personen -Journalisten, Herausgeber, etc. - Verantwortung übernehmen. Aber auch die Medienrezipienten sind hier gefordert. Ich kann nicht sagen: Die müssen mir die Wahrheit geben, und wenn sie es nicht tun, ist die Welt böse. Ich muss auch selbst herauszufinden versuchen, was seriöse Nachrichten sind und was nicht -von der Politik bis zum Mord. Wenn ich nur Dreck lese und mich nur durch ein Medium informiere, habe ich diese Eigenverantwortung nicht erfüllt.

#Netztipp

Die Lüge im Journalismus

"Die einen glauben, mit ihren Zahlen, Daten, Fakten die Wahrheit automatisch für sich gepachtet zu haben; die anderen halten sich mit dem Datenmaterial der 'Lügenpresse' gleich gar nicht auf", schreibt der ORF-Journalist Simon Hadler in seinem Buch "Wirklich wahr!"(siehe rechts). Doch wo beginnt die Lüge, wo hört die Wahrheit auf? Und wie gehen wir mit Inszenierungen oder Verzerrungen um? Über diese zentralen medienethischen Fragen diskutieren Simon Hadler und der Philosoph Georg Schildhammer im Rahmen eines "Styria Ethics Abends" am Donnerstag, den 24. Mai, von 17 bis 18 Uhr 30 im Grazer "Styria Media Center". Moderation: Doris Helmberger (DIE FURCHE). Die Veranstaltung - eine Kooperation von FH Joanneum Graz und Styria Media Group -richtet sich an FH-Studierende und Styria-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter; Interessierte können die Diskussion aber via Livestream verfolgen (siehe www.facebook.com/diefurche).

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