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Digital In Arbeit

Zynismus und Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Ist der Journalismus nur eine organisierte Lüge? Machtmißbrauch und Zynismus werden ihm vorgeworfen. Demokratie braucht aber einen, guten Journalismus.

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Ist der Journalismus nur eine organisierte Lüge? Machtmißbrauch und Zynismus werden ihm vorgeworfen. Demokratie braucht aber einen, guten Journalismus.

Die französische Sozialistin und jüdische Autorin Simone Weil hat ein Buch geschrieben „Die Einwurzelung“. Es ist zuerst 1949 unter dem französischen Titel „L'Enracinement“ in Paris erschienen. Bereits im Titel enthält es ein geistiges und politisches Programm. Der Untertitel ist ebenso programmatisch: „Einführung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegenüber.“

Zu diesen Pflichten zählt die Schriftstellerin ein vernunftbestimmtes Handeln im Journalismus. Sie verlangt, daß das der Vernunft so wesentliche Bedürfnis nach Freiheit vor der Suggestion, der Propaganda und vor jeder zudringlichen Beeinflussung geschützt wird. Die moderne Technik der Information und Massenkommunikation stelle diesen Formen des Zwanges, der Vergewaltigung und der besonderen Nötigung ihre äußerst wirksamen Werkzeuge zur Verfügung, und die Seelen der Menschen seien deren Opfer.

Wörtlich Simone Weil: „Jeder weiß, daß der Journalismus, wenn er von der organisierten Lüge nicht mehr zu unterscheiden ist, ein Verbrechen darstellt. Dennoch glaubt man, dieses Verbrechen sei.nicht strafbar.“. , Wir haben uns an den täglichen Ärger mit Presse und Fernsehen längst gewöhnt. Der Rechtsweg, also die Moralität der Medien durch Ehren- und Sondergerichtshöfe erzwingen lassen zu wollen, wäre keine taugliche Methode; die Medienfreiheit wäre in ihrem Kernbestand gefährdet und ist nun einmal unteilbar, auch auf ihren groben Mißbrauch hin. Ein begründeter Unmut gegenüber den Massenmedien wächst.

Vom Zorn einer Simone Weil, die von „Verbrechen“ spricht, unterscheidet er sich oft nur noch in Nuancen. Solcher Unmut ist ein Alarmsignal.

Die Demokratie ist auf eine freie und verantwortliche Medienkultur angewiesen. Journalismus bedeutet Macht. Diese Macht bedarf, sofern sie auf ihre Rechtmäßigkeit Wert legt, in jeder Kultur und jeder Gesellschaftsverfassung der Legitimation und Rechenschaftslegung, und hieran hapert es entscheidend beim Journalismus in seiner gegenwärtigen Verfassung. Eine Krise des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit ist die Folge.

In Amerika steht der Journalismus schon seit längerem unter Beschuß, „under fire“, wie das Nachrichtenmagazin „Time“ formuliert. Den Medien wird Arroganz, Selbstgerechtigkeit und Machtanmaßung vorgeworfen. Ein Journalisten- und Reportertyp habe sich durchgesetzt, der ständig nach Opfern jagt. Nichts werde zum Nennwert akzeptiert, überall sei Mißtrauen angebracht und werde Ausschau gehalten, jemandem „eins auszuwischen“. Noch bevor man überhaupt begriffen habe, worum es geht, habe das „öpinion Management“ bereits seine Schrecken und Katastrophen ins Bild gerückt.

Hier denkt man an die derzeitige Diskussion über die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) in unserem Land, und bevor die Information überhaupt erst einmal geprüft und die ersten Argumente sortiert sind, ist schon wieder alles zerredet und in die Angstecke einer blindwütigen Star-Wars-Aufrüstung (natürlieh nur amerikanischer Provenienz) abgedrängt.

Hans Magnus Enzensberger hält die „Katastrophe“ der Pressefreiheit für unvermeidbar. Die Bild-Zeitung hält er für den nacktesten Ausdruck jener Katastrophe, „daß die Pressefreiheit, zu Ende gedacht, mit der Menschenwürde unvereinbar ist“.

Aber er zitiert auch die Hitler-Tagebücher und die seriösen Blätter, die uns „Tag für Tag mit Null-Ereignissen“ konfrontieren. Gemeinsam sei allen journalistischen Medien heute bei allen Unterschieden im Inf ormations- und Gebrauchswert „das Gesetz, nach dem sie antreten: ihr objektiver Zynismus“. Der Journalismus „hat Kategorien wie Information, Verantwortung, Gesittung, Kultur abgeworfen und ist zu sich selbst gekommen“.

Auf dem Hintergrund der angezeigten Vertrauenskrise, die noch als eine Legitimationskrise zu kennzeichnen sein wird, lautet jetzt meine These hierzu: Der gegenwärtige Journalismus muß sich angesichts seiner Krisenerscheinungen und einer weitgehenden Selbstentpflichtung der Handelnden in stärkerem Maß der Anstrengung des ethischen Begriffs unterziehen und seine eigene Moralität reflektieren. Sonst könnten seine Wirkungen ins Destruktive oder, was ebenso schädlich wäre, ins Belanglose abglei-

Die Uneinsichtigen ten. Die Demokratie ist aus „Uberlebensgründen“ auf einen guten Journalismus angewiesen.

Kein seriöser Journalist wünscht sich einen unmoralischen Journalismus; dennoch hat die ethische Begrifflichkeit eine geringe Tiefenschärfe und oft nur Fassadencharakter. Die Vertreibung der ethischen Pflichtenlehre aus dem praktischen Journalismus korrespondiert auch auffallenderweise mit einer ethischen Abstinenz der entsprechenden Wissenschaften, die sich mit dem Journalismus und den Phänomenen der Massenkommunikation auseinandersetzen; Moral- und Ethikfragen sind weitgehend ausgeblendet. Das Prinzip der eigenen Wissenschaftlichkeit wird geradezu im Absehen von den möglichen Folgen des Handelns gesehen. Dazu drei Thesen:

1. Negativismus, ja Nihilismus kennzeichnen weite Bereiche der journalistischen Szene und Praxis. Selbstkontrolle und Selbstkritik gelten weitgehend als ver-. pönt. Wie rasch Journalisten über eigenes Fehlverhalten zur Tagesordnung übergehen, ist immer wieder überraschend.

2. Auf dem Hintergrund einer jahrelangen und frustrierend „deutsch“ geführten Grundsatzdebatte um die Einführung der Neuen Medien stellt sich die Frage: Darf der Journalismus, was er kann? Die unref lektierte Antwort lautet: nein. Aber mit welchen Begründungen und auf welche Ziele hin sind die neuen Kommunikationstechnologien zu steuern? Woher kommen die Steuerungskräfte in der heranbrechenden Kommunikationsgesellschaft?

Irrationale Ängste und eine zunehmende Technikfeindlichkeit haben sich in die Debatte eingemischt; sie verweigern die Antwort, die eine ethische sein muß und das Selbstvertrauen voraussetzt, daß die Techniken auch menschendienlichen Zwecken nutzbar gemacht werden können. Mit Recht verweist der Kommunikationswissenschaftler Harry Poss darauf, daß die Medienzukunft keine bloße technische Frage ist, „sondern eine ethische“, und ihr muß sich die ganze Aufmerksamkeit zuwenden. Die Neuen Medien müssen an den Freiheitsgedanken angebunden werden.

3. In der Fachliteratur, in Tagungen und öffentlichen Diskussionen wird die Frage gestellt: Haben die Medien eine zu große Macht? Wie legitimiert sich Me-

(Karikatur Ivan Steiger, F. A. Z.)

dienmacht als „Macht von Medien — Macht durch Medien“? Wer kontrolliert die Journalisten und deren Kontrolleure?

Die Verdinglichung . der Lebenswelten durch eine künstliche, formalisierte Computer- und Medienwelt hat, vor dem Journalismus nicht haltgemacht. Die Entbindung in die instrumenteile Welt einer hochtechnisierten Informationsgesellschaft bedarf auch im Journalismus einer ethisch-humanen Neuinterpretation, sonst nehmen die Entfremdungsprozesse weiter zu.

Der .systemtheoretische Ansatz, den Journalismus ausschließlich aus der Funktionalität seiner Regelungszusammenhänge erklären zu wollen, überspielt und verdrängt die ethischen Probleme, indem Personwürde, Freiheit und Moralität zu Kategorien hyposta-siert werden, die letzten Endes nicht „wissenschaftsfähig“ sind.

Der Autor war Vorsitzender der Gesellschaft katholischer Publizisten Deutschlands und lebt heute als freier Publizist. Der Beitrag ist ein Auszug aus der Zeitschrift „Communio“ (2/86).

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